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Nichts als Hoff­nung

Autorin
Flüchtlinge auf Kos: Angespültes Schlauchboot am Hafen

 

Offen­le­gung
Dieser Bei­trag ent­stand nach einer kos­ten­losen Pres­se­reise ohne Vor­gaben durch den Ver­an­stalter.

August 2015: Jeden Tag stranden mehr als 500 Flücht­linge auf Kos. Die grie­chi­sche Insel ist heillos über­for­dert, die Menschen sind sich weit­ge­hend selbst über­lassen. Vor Ort konnte ich mit einigen über ihre Erleb­nisse und Hoff­nungen spre­chen.


Gleich neben dem Steg liegt ein kaputtes Schlauch­boot. Ich habe mich fest­ge­guckt daran. Es glänzt in der Sonne, in der Mitte ist es ein­ge­dellt und merk­würdig ver­dreht. Unauf­hör­lich schieben die Wellen es auf den Grund und ziehen es wieder zurück ins Meer. Dahinter, am Ufer, stehen Zelte.

Montag, 24. August 2015, 16 Uhr. Ich befinde mich auf Kos – eine der grie­chi­schen Inseln, auf denen seit März jeden Tag im Mor­gen­grauen Flücht­linge stranden. Vom fünf Kilo­meter ent­fernten tür­ki­schen Bodrum machen sie sich in Booten wie diesem auf die lebens­ge­fähr­liche Reise. Täg­lich kommen bis zu 500 Menschen vor allem aus Syrien, Paki­stan, Afgha­ni­stan, dem Irak und den Kri­sen­län­dern Afrikas. Ich bin hier, um über sie zu berichten. Ein Rei­se­ver­an­stalter hat die Zeit­schrift, für die ich arbeite, dazu ein­ge­laden.*

Mit der Kame­ra­ta­sche über der Schulter laufe ich an der Hafen­pro­me­nade ent­lang. Junge Männer sitzen am Kai und starren mit müden Gesich­tern aufs Meer. An der Stadt­mauer steht ein Mann nur in Boxer­shorts vor einer Was­ser­stelle, in der Hand eine Packung Ein­weg­ra­sierer. Wasch­räume gibt es für die etwa 3000 Flücht­linge auf der Insel nicht.

Flüchtlinge auf der Hafenmauer in Kos, GriechenlandZelte von Flüchtlingen in Kos Stadt, Griechenland

Der Wind zerrt an den Zelten. Davor sitzen Grüpp­chen von Menschen auf Pappen. Drei junge Männer schauen auf, als ich vor­über­gehe. Ob sie Eng­lisch spre­chen? Sie bejahen und winken mich zu sich. Ich setze mich zu Emad, Amr und Mohammed, drei Cou­sins aus Syrien, und krame nach meinem Stift. „Darf ich?“ sagt Mohammed und deutet auf die halb­leere Was­ser­fla­sche, die ich neben mir abge­stellt habe. Beschämt reiche ich sie ihm und beschließe, später noch einmal mit Getränken und Lebens­mit­teln zurück­zu­kommen. Erst seit Kurzem wird eine Fähre für die Regis­trie­rung und Ver­sor­gung von Flücht­lingen ein­ge­setzt. Sie ist Syrern vor­be­halten. Und sie ist längst voll. Ansonsten gibt es für die Flücht­linge auf Kos keine Anlauf­stelle. Keine Essens­aus­gabe. Kein Trink­wasser. Das Not­wen­digste bringen Tou­risten und Ein­hei­mi­sche vorbei.

Zelte von Flüchtlingen an der Hafenpromenade von Kos Stadt, Griechenland

Vor drei Tagen sind sie ange­kommen, erzählt Emad, der Ruhigste der drei, mit mehr als vierzig wei­teren Flücht­lingen an Bord. 1250 Dollar haben sie Schlep­pern gezahlt. Die drei Syrer sind schon regis­triert. Nun harren sie hier draußen aus, bis sie einen Platz auf der Fähre nach Athen bekommen. „Nachts ist es ein biss­chen kalt. Aber das ist schon ok. Gegen Syrien ist das alles hier die reinste Ent­span­nung“, sagt Mohammed. Die anderen beiden nicken stumm.

Was habt Ihr erlebt? Im Krieg?“, frage ich und komme mir auf der Stelle plump und unsen­sibel vor. Amr bricht das Schweigen. Zögernd erzählt er von Bomben, die direkt vor seinem Haus ein­schlugen. Und von dem Tag, an dem seine Familie 15 Cou­sins und 20 Freunde verlor. Er heftet den Blick auf das unru­hige Meer. Und dann auf Emad. „Sein Vater ist ver­schwunden. Vor drei Jahren schon. Da kamen sie und nahmen ihn fest. Wir wissen nicht, ob er noch lebt.“ Die Cou­sins sehen sich an. „Ich bin damals in den Jemen geflüchtet, um mein Stu­dium fort­zu­setzen. Aber da ist jetzt auch Krieg“, sagt Emad. Er hofft, in Deutsch­land wei­ter­stu­dieren zu können.

23, denke ich nachts im Hotel­bett. Emad ist 23 und schon zum zweiten Mal in seinem Leben auf der Flucht. Vor Bomben und vor angst­durch­wachten Nächten. Vor Dingen, von denen ich nicht einmal eine Vor­stel­lung habe. Mit 23 habe ich auch stu­diert. In Eng­land. In Sicher­heit. Ich schalte die Kli­ma­an­lage aus.

Das Fünf-Sterne-Resort, in dem die Teil­nehmer der Pres­se­reise zwei Nächte schlafen, liegt zwanzig Auto­mi­nuten außer­halb von Kos Stadt. Gäste bekommen hier von den Flücht­lingen nichts mit. Am nächsten Morgen bringt ein Bus uns in ihre Welt zurück. Wir fahren zum „Cap­tain Elias“, einer her­un­ter­ge­kom­menen Hotel­ruine, in der pha­sen­weise bis zu ein­tau­send Flücht­linge Unter­schlupf suchen. Sie kommen aus Paki­stan, Afgha­ni­stan, Kamerun, Nigeria und dem Kongo. Als das Hotel noch in Betrieb war, ver­brachten hier bis zu 200 Urlauber ihre Ferien am Pool und im Pal­men­garten. Heute brö­ckelt der Putz von den Wänden, um das Gebäude herum stehen Zelte und Ver­schläge aus Pappen, Stoff­fetzen und Ästen. Auf dem Boden liegt überall Müll.

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Den leeren Pool, an dessen Grund dicke Gras­bü­schel wachsen, nutzen die Bewohner jetzt als Feu­er­stelle. Dahinter steht ein Zelt von den „Ärzten ohne Grenzen“. Einmal pro Woche kommt ein kleines Team vorbei, um nach den Flücht­lingen zu sehen. Bei einem ihrer letzten Besuche haben die Ärzte Aus­hänge neben die Ein­gangstür geklebt: eine Anlei­tung zum rich­tigen Hän­de­wa­schen. Im „Cap­tain Elias“ ist die Krätze aus­ge­bro­chen.

Der leere Pool des „Captain Elias“ dient den Flüchtlingen als Feuerstelle

In der Lobby sitzen junge Männer dicht an dicht auf dre­ckigen Matratzen. Einige ver­su­chen zu schlafen, sie haben sich dünne Laken über den Kopf gezogen. Andere spielen Karten oder reden. Alle hier warten. Anders als Syrer, die wegen des Bür­ger­kriegs sofort als Flücht­linge aner­kannt werden und ihre Papiere inner­halb von zwei bis fünf Tagen bekommen, dauert die Regis­trie­rung für Menschen aus anderen Län­dern bis zu einem Monat.

Im heruntergekommenen Hotel "Captain Elias", wo Ende August 2015 bis zu eintausend Flüchtlinge hausenIm heruntergekommenen Hotel "Captain Elias", wo Ende August 2015 bis zu eintausend Flüchtlinge hausen

Ali ist schon seit 22 Tagen hier. Der junge Paki­staner hat sich ganz allein nach Kos durch­ge­schlagen, Kind und Frau musste er zurück­lassen. „Das hätten wir nie bezahlen können. Außerdem ist das alles hier viel zu gefähr­lich für sie.“ Er hat schon wochen­lang nicht mehr mit ihnen spre­chen können. „Kein Strom. Kein W-LAN. Und Geld, um mein Handy auf­zu­laden, habe ich auch nicht.“

Flüchtlinge im „Captain Elias" auf Kos

Ali aus Paki­stan (Mitte hinten) im „Cap­tain Elias“ auf Kos. Als das Foto ent­stand, hatte er schon 22 Tage in der maroden Zufluchts­stätte ver­bracht

Aber Hoff­nung hat der 23-Jäh­rige. „Ich will arbeiten in Europa. Dann kann ich meine Familie unter­stützen.“ Ali will nach Deutsch­land, wie die meisten hier. Wäh­rend seine Miene sich auf­hellt, boxt mir der Gedanke an Deutsch­land in den Magen. Plötz­lich habe ich die Bilder aus Freital und Hei­denau vor Augen. Und die Nach­richten von ges­tern: Wieder hat eine geplante Unter­kunft in Deutsch­land gebrannt.

Ich habe den Kopf voll mit Gedanken, das Herz voll mit Wün­schen, als wir das „Cap­tain Elias“ ver­lassen. Auf der Rück­fahrt, nachts im Hotel, am nächsten Tag im Flug­zeug. Dass Ali seine Familie bald wie­der­sieht. Dass Emads Vater lebt. Dass er stu­dieren kann in Deutsch­land. Dass Flücht­lingen hier und anderswo kein Hass ent­ge­gen­schlägt. Und dass es  auf­hört, das Leid dieser Menschen, die alles zurück­ge­lassen haben, die nichts mehr haben als Hoff­nung.

* Im Anschluss an diese Pres­se­reise erschien zunächst ein Bei­trag in der Zeit­schrift LEA (Heft 38 vom 9.9.2015). Herz­li­chen Dank an all­tours für die Ein­la­dung.

ISBN 978-3-944543-28-4

Jetzt im Handel: Das E-Book „Will­kommen! Blogger schreiben für Flücht­linge“ ver­sam­melt ins­ge­samt 54 Online-Bei­träge zum Thema Flücht­linge, dar­unter Texte von Sarah Connor, Max Bud­den­bohm, Michael See­mann, Ilse Mohr sowie den obigen. Alle Ein­nahmen werden der Flücht­lings­hilfe gespendet.


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Ich würde Dich gerne drü­cken für diesen Artikel, Du zeigst so viel damit: Dass man als Blogger an einen “Urlaubsort” fahren kann, ohne die Augen zu ver­schließen, das finde ich sehr wichtig (und zu beschreiben, dass manche Rei­se­ver­an­stalter das eben sogar for­dern und för­dern und gar nicht unter­drü­cken wollen!). Dass man diese Erleb­nisse ohne viel Tamtam beschreiben kann; ohne sich selbst in den Mit­tel­punkt zu stellen, ohne Deutsch­land in den Mit­tel­punkt zu stellen. Viel­leicht weißt Du, was ich meine. Unauf­ge­regt, trotz der Dra­matik. Das ist gerade wichtig, finde ich, und hast Du her­vor­ra­gend hin­be­kommen. Ich ver­such mir mal ein Scheib­chen… Read more »

Liebe Susanne,

ein wun­der­schöner und berüh­render Text. Danke, dass du diese Seite auf­zeigst. Ich kenne einige, die der ganzen Flücht­lings­the­matik bloß mit Hass und Igno­ranz begegnen, diese Seite sehen sie dabei nicht…

Das Ende ist dir sehr gut gelungen — Gän­se­haut!

Liebe Grüße,
Mad

Gut, dass man auch mal die Geschichten der Flücht­linge hört. Ich wün­sche mir, dass einige Poli­tiker, die die Ängste und Ver­un­si­che­rungen der deut­schen Bevöl­ke­rung ver­su­chen zu schüren, sich öfter solche Berichte durch­lesen würden.
Dann würden sie sich für ihre Worte schämen.

Ein ganz wun­der­barer Bei­trag! Ich finde es wichtig, dass man die flüch­tenden Menschen mit ihren Ein­zel­schick­salen kennen lernt. Dadurch wächst das Ver­ständnis und außerdem ist es der beste Weg, gegen Vor­ur­teile vor­zu­gehen. Menschen sind eben im Detail nicht alle gleich — son­dern alle anders.

Über­ra­schend fand ich, dass gerade ein Rei­se­ver­an­stalter dazu ein­ge­laden hat.

Will­kommen auf Flügge!

Hi, ich bin Susanne, Journalistin und Reisende. Ich liebe Geschichten vom Reisen und Auswandern (auch allein!). Mehr über mich erfährst Du hier. (Foto: © André Schade)

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