Geschichten

Wo das Wend­land am schönsten ist

25. Oktober 2016
Das Wendland liegt so nah! Erholung im Kenners Landlust

Zuletzt aktua­li­siert am 5. Mai 2020 um 16:58

Zu viel Lärm, zu viele Menschen, zu viel Hektik: Wenn die Groß­stadt nervt, muss man raus aufs Land. Mich führte ein Zufall dorthin: eine Ein­la­dung in ein Hotel im Wend­land. Ich bin ihr gefolgt, ohne zu wissen, wo das Wend­land über­haupt genau liegt – und in Bul­lerbü gelandet. (Auf Ein­la­dung*)


Ein Wochen­ende im Wend­land

Sommer 2016. In Ham­burg wird gebaut. Überall gleich­zeitig, seit Monaten schon. In Altona ent­steht ein neues Viertel, in Eims­büttel ist die Oster­straße Groß­bau­stelle, in der Innen­stadt reißen sie den Gän­se­markt auf. Überall häm­mern Press­luft­hammer, krei­schen Kreis­sägen, zwängen sich Menschen genervt an Absper­rungen vorbei.

Ham­burg nervt. (Sym­bol­bild)

Ich bin groß­stadt­müde geworden. Zum ersten Mal in sechs Jahren habe ich Ham­burg satt. Mit den Bau­stellen fängt es an. Dann gehen mir – noch mehr als sowieso schon immer – die grö­lenden Menschen in den S- und U‑Bahnen auf den Geist. Auf die ist Ver­lass bei jedem Event und jeden Freitag- und Sams­tag­abend Rich­tung Ree­per­bahn. Irgend­wann ist es mir ein­fach überall zu voll. In den Geschäften. Auf den Straßen. In den Beach Clubs, in denen man vor lauter Gästen den auf­ge­schüt­teten Strand­sand nicht mehr sieht.

In dieser Zeit bekomme ich eine E‑Mail: Es gebe da ein Hotel im Wend­land, das gern mit Blog­gern zusam­men­ar­beite. Ein Bio-Hotel, am Rand des Göhrde-Waldes gelegen, mit öko­lo­gisch durch­dachtem Kon­zept und krea­tiver Küche. Ideal für eine kurze Aus­zeit. Ob ich nicht Lust hätte? Habe ich! Zumal ich dort noch nie gewesen bin. Ich könnte nicht einmal sagen, wo genau es liegt, das Wend­land. Google Maps und Wiki geben mir die Ant­wort.

Blick auf die Karte: Wo liegt das Wend­land eigent­lich?

Das Wend­land befindet sich im Osten Nie­der­sach­sens und ent­spricht heute weit­ge­hend dem Land­kreis Lüchow-Dan­nen­berg. In seinem Norden liegt die Talaue der Elbe. Und: Die Region grenzt gleich an drei Bun­des­länder an, näm­lich Meck­len­burg-Vor­pom­mern, Sachsen-Anhalt und Bran­den­burg. Sie war damit Grenz­land zur DDR, ein Dreieck des Wend­lands ragte bis 1989 in die dama­lige DDR hinein. Das Grenz­land­mu­seum in dem kleinen Ört­chen Schnacken­berg erzählt heute mit einer Dau­er­aus­stel­lung Geschichten von beiden Seiten der Grenze.

Jeden­falls ist das Wend­land von Ham­burg nicht weit: Keine andert­halb Stunden bin ich mit meiner Freundin Maja am letzten August­wo­chen­ende zum Hotel „Ken­ners Land­lust“ unter­wegs. Ein schönes, gelbes Fach­werk­haus mit gemüt­li­cher Wohn- und Tee­küche, mit einem Kamin­zimmer und vollen Bücher­re­galen.

Hin­term Haus erstreckt sich eine Wiese. Einen Hoch­sitz gibt es hier, einen Spiel­platz mit Schau­keln, noch dazu eine Hän­ge­matte und Lie­ge­stühle unter Apfel­bäumen. Gleich dahinter beginnt der Göhrde-Wald.

Die Göhrde im Wendland

Grün, so weit das Auge reicht. Wir früh­stü­cken gut gelaunt draußen und machen uns dann auf den Weg in den Wald.

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Stille und Schmet­ter­linge im Göhrde-Wald

Die Göhrde, lese ich später, ist das größte zusam­men­hän­gende Misch­wald­ge­biet Nord­deutsch­lands. Dra­ma­tisch schöne Lich­tungen warten hier auf uns. Felder mit wild wach­sende Son­nen­blumen, von Bäumen ein­ge­rahmt. Vor allem aber: abso­lute Stille. Vogel­stimmen und Wip­fel­rauschen aus­ge­nommen.

Zwei Stunden lang begegnet uns, außer einem Paar, kein Mensch. Dafür umso mehr Schmet­ter­linge. So viele habe ich noch nir­gendwo zuvor gesehen.

Wald im Wendland

So ent­span­nend die Natur, so ent­spannt sind hier die Menschen. Ihr Ver­trauen bekommt man ohne Vor­leis­tung. Zum Bei­spiel in unserem Hotel: Im „Ken­ners Land­lust“ schreibt man Extra-Getränke selbst an und zahlt später. Gäste dürfen das kleine, gepflegte Schwimmbad ein paar Meter die Straße hinauf benutzen. Tags­über stehen seine Türen offen. Sie müssen sich nir­gendwo melden, sie treten ein­fach ein. Im Wend­land wohnt der Arg­wohn nicht, scheint uns.

Der schönste Ort im Wend­land heißt für uns Nie­per­fitz

Und dann ist da noch Nie­per­fitz.

Andert­halb Kilo­meter ent­fernt liegt dieser Orts­teil der Gemeinde Nah­ren­dorf – und wird wenig später unser Inbe­griff für Idylle, für heile Welt und Bul­lerbü. In Nie­per­fitz ist Stra­ßen­fest, steht auf dem Flyer am schwarzen Brett im „Ken­ners Land­lust“.

Wendland Straßenfest Nieperfitz

Buchhaltestelle

Wir fühlen uns sofort will­kommen. Jeder, wirk­lich jeder, lächelt uns im Vor­bei­gehen an. Haben die sich abge­spro­chen? Ein­hei­mi­sche klönen und ver­kaufen nebenbei Kuchen und Limo, Spiel­sa­chen und Klei­dung. „Wie viel kostet der Sei­den­rock?“, frage ich eine junge Frau. „Och“, winkt sie ab und lächelt, „bloß ’ne kleine Spende.“ Maja und ich spielen ein paar Runden an einem Tisch­ki­cker am Weges­rand. Später setzen wir uns mit einem Stück Kuchen in die Sonne und lassen den Frieden auf uns wirken.

Frei­luft­kino, Dorfstyle

Das High­light hier ist das Frei­luft­kino: Auf einem Feld kurz vorm Orts­aus­gang steht eine statt­liche Lein­wand auf einem Heu­wagen, davor ein paar Stuhl­reihen und Bänke. Gut fünfzig Leute können hier sitzen. Heute Abend zeigen sie „Bekas“.

Freiluftkino im Wendland

Freiluftkino

Die Sonne ist gerade unter­ge­gangen, als wir in der zweiten Reihe Platz nehmen. Wir kommen uns vor wie in einem kiti­schigen ZDF-Film, so per­fekt ist die Kulisse, so lie­be­voll alles hier her­ge­richtet. An der Seite steht ein Wagen mit Getränken. Bier, Cola, alles da. Ver­langt wird auch hierfür nur eine kleine Spende. Eine Blech­büchse hängt für die Münzen bereit.

All­mäh­lich macht uns die nie endende Herz­lich­keit schwach. Wir werfen uns kopf­schüt­telnd Blicke zu. „Jetzt zünden sie auch noch Wind­lichter an!“, sagt Maja. „Jetzt ver­teilen sie auch noch kos­tenlos Pop­corn!“, füge ich hinzu.

Lieblingsort im Wendland: Nieperfitz, wo das Gute liegt so nah

Wäh­rend der Heim­fahrt am nächsten Tag hören wir Radio. An einer Ampel kommen die Nach­richten aus der Stadt. Irgendwo ist kilo­me­ter­lang Stau. Irgendwo haben Unbe­kannte einen Super­markt über­fallen. Maja hält sich auf dem Fah­rer­sitz die Ohren zu und schließt die Augen. „Nie­per­fitz! Nie­per­fitz! Nie­per­fitz!“, ruft sie gegen den Spre­cher an.

Wir beschließen, irgend­wann mal wieder ins Wend­land zu fahren. Viel­leicht zum nächsten Stra­ßen­fest in Nie­per­fitz.

***


Wo ist das Wend­land am schönsten? Noch mehr Rei­se­tipps

Das Wend­land ist unbe­dingt eine Reise wert – und auch ich möchte noch einmal zurück­kommen, um mir mehr der Sehens­wür­dig­keiten und Ver­an­stal­tungen vor Ort anzu­sehen. Hier schon mal ein Über­blick, was das Wend­land zwischen Elbe und Heide noch so zu bieten hat.

Sehens­wert und ein­malig: die Rund­lings­dörfer

Sie sind die Attrak­tion im Wend­land: soge­nannte Rund­linge oder Rund­lings­dörfer, die selbst His­to­ri­kern bis heute Rätsel auf­geben. Bis heute ist man sich nicht einig, wel­chen Zweck ihr Grund­riss genau hatte. Wie ihr Name schon sagt, sind sie „rund“ ange­ordnet, das heißt, alle Häuser (oft sind es kaum mehr als ein Dut­zend pro Ort) stehen um einen zen­tralen Dorf­platz herum und die Gie­bel­seiten aller Häuser zeigen zur Orts­mitte hin. Fast hun­dert Rund­lings­dörfer gibt es im Wend­land und statt umge­baut und erwei­tert worden zu sein, haben sie ihre  Form bis heute erhalten. Die Sied­lings­form ist nahezu ein­malig in der Welt. Viele der Dörfer stehen im Ganzen unter Denk­mal­schutz, zu ihnen gehören Saaße und Jabel.

An vier der Rund­lings­dörfer im Wend­land, näm­lich Jabel, Satemin, Meu­che­fitz und Gühlitz, führt ein 7 Kilo­meter langer Rund­lingsweg ent­lang. Es gibt auch andere ver­schieden lange Rad- und Wan­der­wege, die an wei­teren Dör­fern wie Belitz, Bussau oder Lübeln vor­bei­führen. Mehr Infos zu mög­li­chen Routen gibt es hier. In Lübeln steht außerdem das Rund­lings­mu­seum im Wend­landhof, ein Frei­licht­mu­seum mit Erleb­nis­sta­tionen. In vielen der Rund­lingen im Wend­land kann man übri­gens auch eine Feri­en­woh­nung mieten.

Hüb­sches Hitzacker

Ein Abste­cher in das 5000-Ein­wohner-Städt­chen Hitzacker lohnt. In der male­risch an Elbe und Jeetzel gele­genen Klein­stadt gibt es an jeder Ecke schöne Fach­werk­bauten zu bestaunen, noch dazu findet man überall nied­liche Cafés und viele Geschäfte, in denen Kunst­ge­werbe ange­fer­tigt und ver­kauft wird.

Wendland schoenste Orte Hitzacker

Kunstgewerbe Hitzacker Wendland

Wer Zeit hat, sollte auch auf den alten Hitzacker Wein­berg mit seinen 99 Wein­stö­cken steigen. Von dort oben hat man einen tollen Blick auf die Alt­stadt.

Nicht ver­passen im Wend­land: Kul­tu­relle Land­partie

Als ich Bekannten von meiner kurzen Reise ins Wend­land erzählte, kam von allen Seiten vor allem ein Hin­weis: Dass ich unbe­dingt einmal die „Kul­tu­rellen Land­partie“ erleben muss. Die „Kul­tu­relle Land­partie“ ist eine 12-tägige Ver­an­stal­tungs­reihe im Wend­land, die ihren Ursprung im Wider­stand gegen das Atom­mül­lager in Gor­leben hat und seit 1989 immer zwischen Christi Him­mel­fahrt und Pfingsten statt­findet. Mehr als 90 Dörfer  sind betei­ligt,  Gäste können in (ehe­ma­ligen) Scheunen und Ställen die Werke und Skulp­turen der teil­neh­menden Künstler:innen anschauen, dazu gibt es ein breites Kul­tur­pro­gramm mit meh­reren Hun­dert Ver­an­stal­tungen von Musik über Theater bis hin zu Work­shops zu gesund­heit­li­chen oder öko­lo­gi­schen Themen. Auf der Web­site der Ver­an­stal­tungs­reihe kann man sich über Ter­mine und Pro­gramm der dies­jäh­rigen „Kul­tu­rellen Land­partie“ infor­mieren. Im Jahr 2020 steigt sie von 21. Mai bis 1. Juni. Kurz nach Ostern werden die genauen Daten und Ver­an­stal­tungen dieses Jahres dort ver­öf­fent­licht.

Zu guter Letzt noch ein Lese­tipp: Anke und Thorsten von moosearoundtheworld.de waren auch im Wend­land. Sie haben tolle Fotos und Tipps für Wan­de­rungen und Cafés mit­ge­bracht.

Kürbisse im Wendland

***


*Offen­le­gung: Ich wurde vom Bio-Hotel „Ken­ners Land­lust“ ein­ge­laden.


Nach­trag: Mich hat Kritik zu diesem Text erreicht. Er gebe ein ver­klärtes Bild des Wend­lands wieder, der Bul­lerbü-Ver­gleich sei unan­ge­messen. Ich nehme die Kritik gern an. Ich habe auf­richtig und ehr­lich den Ein­druck fest­ge­halten, den ich bei meinem Besuch in ledig­lich zwei Tagen an ledig­lich zwei Orten gewonnen habe. Der Ver­gleich bezog sich nur auf Nie­per­fitz wäh­rend eines Stra­ßen­festes. Mein Bei­trag erhebt nicht den Anspruch, die gesamte Region poli­tisch und struk­tu­rell zu erfassen – das könnte ich nicht, denn mehr habe ich vom Wend­land nicht kennen gelernt. „Bul­lerbü“ gilt so vie­ler­orts nicht, das nehme ich zur Kenntnis. Es hat sich mir aber ein kleiner Teil der Region in kurzer Zeit so dar­ge­stellt.


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16 Comments
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25. Oktober 2016 7:38

Wow! Das hört sich echt nach meiner Kind­heit an. Wir hatten zwar kein Frei­luft­kino, aber dafür ein pro­vi­so­ri­sches Kino in der Dorf­gast­stätte, und das bran­den­bur­gi­sche Grün ist ebenso über­wäl­ti­gend. Nur die Menschen sind etwas brum­miger und Ver­trauen muss man sich erst ver­dienen.

Wenn es von Süd­ita­lien nicht ein biss­chen weit wäre, würde ich nach diesem Bericht sofort ins Wend­land fahren.

Sonja Bluhm
27. Oktober 2016 19:37
Reply to  Susanne

Hallo liebe Susanne!!! Mit großem Inter­esse habe ich Deinen Bericht gelesen. Warum? Ich bin hier im Wend­land Zuhause, war aber auch über 12 Jahre in Ham­burg. Seit 12 Jahren bin ich wieder zurück in meiner Heimat. Und ich muss sagen: Ich habe alles richtig gemacht. Immer genau zur rich­tigen Zeit in der rich­tigen Loca­tion. Ham­burg finde ich auch ganz toll und es gibt dort viele Ecken, die ich innig­lich liebe. Aber hier: Jeder Tag wie im Urlaub. Ich glaube, Du wirst begeis­tert sein, wenn ich Dir jetzt erzähle, dass in Ham­burg-Altona, direkt am Bahnhof auf der Rück­seite des Mer­cado sogar… Read more »

25. Oktober 2016 17:30

Liebe Susanne,
das freut mich aber sehr, danke für diesem ent­zü­ckenden Bericht! Ich erin­nere mich gut an das Wochen­ende, an dem ich mit Ohren­schmerzen im Bett lag und mein schlechtes Gewissen pflegte, dass ich Blogger ein­ge­laden habe und nun nicht da sein konnte. Aber unsere wun­der­bare Region hat mich offen­sicht­lich bes­tens ver­treten. Und das ist genau der Grund, warum ich gerne hier lebe. Die Uhren ticken ein wenig anders. Und wenn Ihr davon etwas mit­genimmen habt, freut mich das sehr!
Liebe Grüße bar­bara

Heike Höhne
27. Oktober 2016 18:48

Ja, meine Heimat…das Wend­land. Es hat mich zwar vor 16 Jahren nach Hessen ver­schlagen, aber meine Kinder und ich sind in den Ferien fast immer im Wend­land bei meinem Vater und meiner Schwester und genießen vor allem die Ruhe. Wer weiß, viel­leicht kehren wir irgedn­wann zurück…vorstellen könnte ich es mir. :)

2. April 2017 11:18

Hey Susanne,

natür­lich kann nie­mand in 2 Tagen eine ganze Region erfassen und in all ihrer Viel­falt wider­spie­geln. Ich finde, das ver­steht sich eigent­lich von selbst.

Dein toll geschrie­bener Artikel beschreibt sehr unter­haltsam deine ersten Ein­drücke der Region, vielen Dank dafür!

Ich habe es leider bis­lang auch noch nie geschafft, aber Freunde von mir fahren seit Jahren jedes Jahr zur Kul­tu­rellen Land­partie ins Wend­land und schwärmen stets von neuem über das Erlebte. Viel­leicht ja eine Gele­gen­heit, das Wend­land weiter ken­nen­zu­lernen?! ;-)

Viele Grüße
Thomas

13. April 2018 7:44

Schöner Artikel! Ich liebe das Wend­land! Schade, dass du kein Foto zeigst, dass den Bul­lerbü-Charakter des Dorfes illus­triert.

13. April 2018 11:02
Reply to  Susanne

Also das Foto vom Frei­luft­kino zeigt aber auch so gar nichts, was ich mit Bul­lerbü in Ver­bin­dung bringen würde. Ehr­lich gesagt, wirkt es auf mich eher unat­traktiv.

Boris
2. Juni 2018 18:35

Schön ein­fach nur gut und erzeug kopf­kino! Danke!