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Wo das Wendland am schönsten ist

25. Oktober 2016
Das Wendland liegt so nah! Erholung im Kenners Landlust

Zuletzt aktualisiert am 1. September 2022 um 6:05

Zu viel Lärm, zu viele Menschen, zu viel Hektik: Wenn die Großstadt nervt, muss man raus aufs Land. Mich führte ein Zufall dorthin: eine Einladung in ein Hotel im Wendland. Ich bin ihr gefolgt, ohne zu wissen, wo das Wendland überhaupt genau liegt – und in Bullerbü gelandet. (Auf Einladung*)


Ein Wochenende im Wendland

Sommer 2016. In Hamburg wird gebaut. Überall gleichzeitig, seit Monaten schon. In Altona entsteht ein neues Viertel, in Eimsbüttel ist die Osterstraße Großbaustelle, in der Innenstadt reißen sie den Gänsemarkt auf. Überall hämmern Presslufthammer, kreischen Kreissägen, zwängen sich Menschen genervt an Absperrungen vorbei.

Hamburg nervt. (Symbolbild)

Ich bin großstadtmüde geworden. Zum ersten Mal in sechs Jahren habe ich Hamburg satt. Mit den Baustellen fängt es an. Dann gehen mir – noch mehr als sowieso schon immer – die grölenden Menschen in den S- und U-Bahnen auf den Geist. Auf die ist Verlass bei jedem Event und jeden Freitag- und Samstagabend Richtung Reeperbahn. Irgendwann ist es mir einfach überall zu voll. In den Geschäften. Auf den Straßen. In den Beach Clubs, in denen man vor lauter Gästen den aufgeschütteten Strandsand nicht mehr sieht.

In dieser Zeit bekomme ich eine E-Mail: Es gebe da ein Hotel im Wendland, das gern mit Bloggern zusammenarbeite. Ein Bio-Hotel, am Rand des Göhrde-Waldes gelegen, mit ökologisch durchdachtem Konzept und kreativer Küche. Ideal für eine kurze Auszeit. Ob ich nicht Lust hätte? Habe ich! Zumal ich dort noch nie gewesen bin. Ich könnte nicht einmal sagen, wo genau es liegt, das Wendland. Google Maps und Wiki geben mir die Antwort.

Blick auf die Karte: Wo liegt das Wendland eigentlich?

Das Wendland befindet sich im Osten Niedersachsens und entspricht heute weitgehend dem Landkreis Lüchow-Dannenberg. In seinem Norden liegt die Talaue der Elbe. Und: Die Region grenzt gleich an drei Bundesländer an, nämlich Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Sie war damit Grenzland zur DDR, ein Dreieck des Wendlands ragte bis 1989 in die damalige DDR hinein. Das Grenzlandmuseum in dem kleinen Örtchen Schnackenberg erzählt heute mit einer Dauerausstellung Geschichten von beiden Seiten der Grenze.

Jedenfalls ist das Wendland von Hamburg nicht weit: Keine anderthalb Stunden bin ich mit meiner Freundin Maja am letzten Augustwochenende zum Hotel „Kenners Landlust“ unterwegs. Ein schönes, gelbes Fachwerkhaus mit gemütlicher Wohn- und Teeküche, mit einem Kaminzimmer und vollen Bücherregalen.

Hinterm Haus erstreckt sich eine Wiese. Einen Hochsitz gibt es hier, einen Spielplatz mit Schaukeln, noch dazu eine Hängematte und Liegestühle unter Apfelbäumen. Gleich dahinter beginnt der Göhrde-Wald.

Die Göhrde im Wendland

Grün, so weit das Auge reicht. Wir frühstücken gut gelaunt draußen und machen uns dann auf den Weg in den Wald.

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Stille und Schmetterlinge im Göhrde-Wald

Die Göhrde, lese ich später, ist das größte zusammenhängende Mischwaldgebiet Norddeutschlands. Dramatisch schöne Lichtungen warten hier auf uns. Felder mit wild wachsende Sonnenblumen, von Bäumen eingerahmt. Vor allem aber: absolute Stille. Vogelstimmen und Wipfelrauschen ausgenommen.

Zwei Stunden lang begegnet uns, außer einem Paar, kein Mensch. Dafür umso mehr Schmetterlinge. So viele habe ich noch nirgendwo zuvor gesehen.

Wald im Wendland

So entspannend die Natur, so entspannt sind hier die Menschen. Ihr Vertrauen bekommt man ohne Vorleistung. Zum Beispiel in unserem Hotel: Im „Kenners Landlust“ schreibt man Extra-Getränke selbst an und zahlt später. Gäste dürfen das kleine, gepflegte Schwimmbad ein paar Meter die Straße hinauf benutzen. Tagsüber stehen seine Türen offen. Sie müssen sich nirgendwo melden, sie treten einfach ein. Im Wendland wohnt der Argwohn nicht, scheint uns.

Der schönste Ort im Wendland heißt für uns Nieperfitz

Und dann ist da noch Nieperfitz.

Anderthalb Kilometer entfernt liegt dieser Ortsteil der Gemeinde Nahrendorf – und wird wenig später unser Inbegriff für Idylle, für heile Welt und Bullerbü. In Nieperfitz ist Straßenfest, steht auf dem Flyer am schwarzen Brett im „Kenners Landlust“.

Wendland Straßenfest Nieperfitz

Buchhaltestelle

Wir fühlen uns sofort willkommen. Jeder, wirklich jeder, lächelt uns im Vorbeigehen an. Haben die sich abgesprochen? Einheimische klönen und verkaufen nebenbei Kuchen und Limo, Spielsachen und Kleidung. „Wie viel kostet der Seidenrock?“, frage ich eine junge Frau. „Och“, winkt sie ab und lächelt, „bloß ’ne kleine Spende.“ Maja und ich spielen ein paar Runden an einem Tischkicker am Wegesrand. Später setzen wir uns mit einem Stück Kuchen in die Sonne und lassen den Frieden auf uns wirken.

Freiluftkino, Dorfstyle

Das Highlight hier ist das Freiluftkino: Auf einem Feld kurz vorm Ortsausgang steht eine stattliche Leinwand auf einem Heuwagen, davor ein paar Stuhlreihen und Bänke. Gut fünfzig Leute können hier sitzen. Heute Abend zeigen sie „Bekas“.

Freiluftkino im Wendland

Freiluftkino

Die Sonne ist gerade untergegangen, als wir in der zweiten Reihe Platz nehmen. Wir kommen uns vor wie in einem kitischigen ZDF-Film, so perfekt ist die Kulisse, so liebevoll alles hier hergerichtet. An der Seite steht ein Wagen mit Getränken. Bier, Cola, alles da. Verlangt wird auch hierfür nur eine kleine Spende. Eine Blechbüchse hängt für die Münzen bereit.

Allmählich macht uns die nie endende Herzlichkeit schwach. Wir werfen uns kopfschüttelnd Blicke zu. „Jetzt zünden sie auch noch Windlichter an!“, sagt Maja. „Jetzt verteilen sie auch noch kostenlos Popcorn!“, füge ich hinzu.

Lieblingsort im Wendland: Nieperfitz, wo das Gute liegt so nah

Während der Heimfahrt am nächsten Tag hören wir Radio. An einer Ampel kommen die Nachrichten aus der Stadt. Irgendwo ist kilometerlang Stau. Irgendwo haben Unbekannte einen Supermarkt überfallen. Maja hält sich auf dem Fahrersitz die Ohren zu und schließt die Augen. „Nieperfitz! Nieperfitz! Nieperfitz!“, ruft sie gegen den Sprecher an.

Wir beschließen, irgendwann mal wieder ins Wendland zu fahren. Vielleicht zum nächsten Straßenfest in Nieperfitz.

***


Wo ist das Wendland am schönsten? Noch mehr Reisetipps

Das Wendland ist unbedingt eine Reise wert – und auch ich möchte noch einmal zurückkommen, um mir mehr der Sehenswürdigkeiten und Veranstaltungen vor Ort anzusehen. Hier schon mal ein Überblick, was das Wendland zwischen Elbe und Heide noch so zu bieten hat.

Sehenswert und einmalig: die Rundlingsdörfer

Sie sind die Attraktion im Wendland: sogenannte Rundlinge oder Rundlingsdörfer, die selbst Historikern bis heute Rätsel aufgeben. Bis heute ist man sich nicht einig, welchen Zweck ihr Grundriss genau hatte. Wie ihr Name schon sagt, sind sie „rund“ angeordnet, das heißt, alle Häuser (oft sind es kaum mehr als ein Dutzend pro Ort) stehen um einen zentralen Dorfplatz herum und die Giebelseiten aller Häuser zeigen zur Ortsmitte hin. Fast hundert Rundlingsdörfer gibt es im Wendland und statt umgebaut und erweitert worden zu sein, haben sie ihre  Form bis heute erhalten. Die Siedlingsform ist nahezu einmalig in der Welt. Viele der Dörfer stehen im Ganzen unter Denkmalschutz, zu ihnen gehören Saaße und Jabel.

An vier der Rundlingsdörfer im Wendland, nämlich Jabel, Satemin, Meuchefitz und Gühlitz, führt ein 7 Kilometer langer Rundlingsweg entlang. Es gibt auch andere verschieden lange Rad- und Wanderwege, die an weiteren Dörfern wie Belitz, Bussau oder Lübeln vorbeiführen. Mehr Infos zu möglichen Routen gibt es hier. In Lübeln steht außerdem das Rundlingsmuseum im Wendlandhof, ein Freilichtmuseum mit Erlebnisstationen. In vielen der Rundlingen im Wendland kann man übrigens auch eine Ferienwohnung mieten.

Hübsches Hitzacker

Ein Abstecher in das 5000-Einwohner-Städtchen Hitzacker lohnt. In der malerisch an Elbe und Jeetzel gelegenen Kleinstadt gibt es an jeder Ecke schöne Fachwerkbauten zu bestaunen, noch dazu findet man überall niedliche Cafés und viele Geschäfte, in denen Kunstgewerbe angefertigt und verkauft wird.

Wendland schoenste Orte Hitzacker

Kunstgewerbe Hitzacker Wendland

Wer Zeit hat, sollte auch auf den alten Hitzacker Weinberg mit seinen 99 Weinstöcken steigen. Von dort oben hat man einen tollen Blick auf die Altstadt.

Nicht verpassen im Wendland: Kulturelle Landpartie

Als ich Bekannten von meiner kurzen Reise ins Wendland erzählte, kam von allen Seiten vor allem ein Hinweis: Dass ich unbedingt einmal die „Kulturellen Landpartie“ erleben muss. Die „Kulturelle Landpartie“ ist eine 12-tägige Veranstaltungsreihe im Wendland, die ihren Ursprung im Widerstand gegen das Atommüllager in Gorleben hat und seit 1989 immer zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten stattfindet. Mehr als 90 Dörfer  sind beteiligt,  Gäste können in (ehemaligen) Scheunen und Ställen die Werke und Skulpturen der teilnehmenden Künstler:innen anschauen, dazu gibt es ein breites Kulturprogramm mit mehreren Hundert Veranstaltungen von Musik über Theater bis hin zu Workshops zu gesundheitlichen oder ökologischen Themen. Auf der Website der Veranstaltungsreihe kann man sich über Termine und Programm der diesjährigen „Kulturellen Landpartie“ informieren. Im Jahr 2020 steigt sie von 21. Mai bis 1. Juni. Kurz nach Ostern werden die genauen Daten und Veranstaltungen dieses Jahres dort veröffentlicht.

Zu guter Letzt noch ein Lesetipp: Anke und Thorsten von moosearoundtheworld.de waren auch im Wendland. Sie haben tolle Fotos und Tipps für Wanderungen und Cafés mitgebracht.

Kürbisse im Wendland

***


*Offenlegung: Ich wurde vom Bio-Hotel „Kenners Landlust“ eingeladen.


Nachtrag: Mich hat Kritik zu diesem Text erreicht. Er gebe ein verklärtes Bild des Wendlands wieder, der Bullerbü-Vergleich sei unangemessen. Ich nehme die Kritik gern an. Ich habe aufrichtig und ehrlich den Eindruck festgehalten, den ich bei meinem Besuch in lediglich zwei Tagen an lediglich zwei Orten gewonnen habe. Der Vergleich bezog sich nur auf Nieperfitz während eines Straßenfestes. Mein Beitrag erhebt nicht den Anspruch, die gesamte Region politisch und strukturell zu erfassen – das könnte ich nicht, denn mehr habe ich vom Wendland nicht kennen gelernt. „Bullerbü“ gilt so vielerorts nicht, das nehme ich zur Kenntnis. Es hat sich mir aber ein kleiner Teil der Region in kurzer Zeit so dargestellt.


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18 Comments
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25. Oktober 2016 7:38

Wow! Das hört sich echt nach meiner Kindheit an. Wir hatten zwar kein Freiluftkino, aber dafür ein provisorisches Kino in der Dorfgaststätte, und das brandenburgische Grün ist ebenso überwältigend. Nur die Menschen sind etwas brummiger und Vertrauen muss man sich erst verdienen.

Wenn es von Süditalien nicht ein bisschen weit wäre, würde ich nach diesem Bericht sofort ins Wendland fahren.

Sonja Bluhm
27. Oktober 2016 19:37
Reply to  Susanne

Hallo liebe Susanne!!! Mit großem Interesse habe ich Deinen Bericht gelesen. Warum? Ich bin hier im Wendland Zuhause, war aber auch über 12 Jahre in Hamburg. Seit 12 Jahren bin ich wieder zurück in meiner Heimat. Und ich muss sagen: Ich habe alles richtig gemacht. Immer genau zur richtigen Zeit in der richtigen Location. Hamburg finde ich auch ganz toll und es gibt dort viele Ecken, die ich inniglich liebe. Aber hier: Jeder Tag wie im Urlaub. Ich glaube, Du wirst begeistert sein, wenn ich Dir jetzt erzähle, dass in Hamburg-Altona, direkt am Bahnhof auf der Rückseite des Mercado sogar… Read more »

25. Oktober 2016 17:30

Liebe Susanne,
das freut mich aber sehr, danke für diesem entzückenden Bericht! Ich erinnere mich gut an das Wochenende, an dem ich mit Ohrenschmerzen im Bett lag und mein schlechtes Gewissen pflegte, dass ich Blogger eingeladen habe und nun nicht da sein konnte. Aber unsere wunderbare Region hat mich offensichtlich bestens vertreten. Und das ist genau der Grund, warum ich gerne hier lebe. Die Uhren ticken ein wenig anders. Und wenn Ihr davon etwas mitgenimmen habt, freut mich das sehr!
Liebe Grüße barbara

Heike Höhne
27. Oktober 2016 18:48

Ja, meine Heimat…das Wendland. Es hat mich zwar vor 16 Jahren nach Hessen verschlagen, aber meine Kinder und ich sind in den Ferien fast immer im Wendland bei meinem Vater und meiner Schwester und genießen vor allem die Ruhe. Wer weiß, vielleicht kehren wir irgednwann zurück…vorstellen könnte ich es mir. :)

2. April 2017 11:18

Hey Susanne,

natürlich kann niemand in 2 Tagen eine ganze Region erfassen und in all ihrer Vielfalt widerspiegeln. Ich finde, das versteht sich eigentlich von selbst. 

Dein toll geschriebener Artikel beschreibt sehr unterhaltsam deine ersten Eindrücke der Region, vielen Dank dafür! 

Ich habe es leider bislang auch noch nie geschafft, aber Freunde von mir fahren seit Jahren jedes Jahr zur Kulturellen Landpartie ins Wendland und schwärmen stets von neuem über das Erlebte. Vielleicht ja eine Gelegenheit, das Wendland weiter kennenzulernen?! ;-)

Viele Grüße
Thomas

13. April 2018 7:44

Schöner Artikel! Ich liebe das Wendland! Schade, dass du kein Foto zeigst, dass den Bullerbü-Charakter des Dorfes illustriert.

13. April 2018 11:02
Reply to  Susanne

Also das Foto vom Freiluftkino zeigt aber auch so gar nichts, was ich mit Bullerbü in Verbindung bringen würde. Ehrlich gesagt, wirkt es auf mich eher unattraktiv.

Boris
2. Juni 2018 18:35

Schön einfach nur gut und erzeug kopfkino! Danke!

Gabriele Ferber
6. Oktober 2020 8:53

Einfach nur wunderschön