Geschichten

Mai­land, Ita­lien: Kaffee, Lust und Laune

1. Mai 2016
Städtereise Mailand Italien Fassaden

Zuletzt aktua­li­siert am 17. Februar 2020 um 14:23

Szenen aus Mai­land: Erfri­schend unver­stellt sind die Menschen in der Groß­stadt im Norden von Ita­lien. Jeden­falls halten sie mit ihren Stim­mungen nicht groß hin­tern Berg, weder draußen auf der Straße noch beim Kaffee in einer ihrer unzäh­ligen Bars. Ein­drücke aus der Stadt, in der der Espresso erfunden wurde. Dazu: Wis­sens­wertes über ita­lie­ni­sche Kaf­fee­kultur sowie die besten Cafés in Mai­land, von Insi­de­rinnen emp­fohlen.


Mai­land, Ita­lien: Eine Geschichte

 Die Sonne scheint auf die Corso Buenos Aires. Ein Samstag im März, die Luft ist mild in Mai­land, wenn auch nicht ohne-Jacke-raus-mild, wie wir gehofft hatten. Seit zwei Tagen erkunden wir die zweit­größte Stadt Ita­liens.

Städtereise Mailand Italien

Diese Straße, hat die Freundin mor­gens im Hotel vor­ge­lesen, ist die längste Ein­kaufs­meile Ita­liens und nir­gends in Europa ist die Dichte an Geschäften höher. Meine Begeis­te­rung hielt sich in Grenzen – ich hab’s nicht so mit stun­den­langem Shop­ping. Statt der Laden­ein­gänge nehme ich des­halb die Haus­fas­saden ins Visier: Brü­chiger Putz, ver­ein­zelt gelb oder orange, meist aber grau­braun und stel­len­weise so ver­färbt, als hätten einmal meter­hohe Flammen gegen die Wände geschlagen.

Trotzdem wirken die Jugend­stil-Gebäude nicht dre­ckig, son­dern cha­rak­ter­voll mit ihren Orna­menten und geschwun­genen Bal­konen, auf denen sich Pflanzen ums Geländer schlingen. Und zwi­schen­drin steht immer mal ein Haus mit Fens­ter­läden aus Holz, die ich so liebe.

Mailand Jugendstil

Gegen Mittag wird es wuselig. Immer mehr Menschen mit immer mehr Tüten kommen uns ent­gegen, in den Sei­ten­straßen bim­meln die gelben Mai­länder Trams jetzt öfter.

Straßenbahn Mailand

Wir machen eine Pause in einem der vielen Cafés, die hier Bars heißen. Ein schmaler Raum mit langem Tresen, an dem dicht an dicht Gäste neben­ein­ander stehen, vor ihnen je eine Mini­tasse Espresso und ein Mini­teller mit Gebäck. Es duftet so intensiv nach frisch auf­ge­brühtem Kaffee wie zu Hause höchs­tens bei Tchibo. Ein Mann faltet seine Zei­tung aus­ein­ander, viel Platz hat er dafür nicht. Gegen­über machen sich Baristas an rie­sigen Kaf­fee­au­to­maten zu schaffen. Geschirr klap­pert, Maschinen zischen, die Stimmen der Mit­ar­beiter kämpfen gegen den Lärm an, sobald eine Bestel­lung fertig ist. Erst glauben wir, wir bekommen hier keinen Kaffee, so sehr wim­melt es am Tresen, so viele Menschen schieben sich nach uns in die Bar. Doch dann geht alles ganz schnell: Zwei Anzug­männer stürzen sich ihren letzten Schluck Espresso fast gleich­zeitig hin­unter und ver­lassen zackig das Lokal.

In Mai­land darf man nicht so zim­per­lich sein, denke ich, als jemand sich unsanft an mir vor­bei­drän­gelt und meinen ver­ständ­nis­losen Blick mit einem knappen Nicken quit­tiert. Hier reißt man sich nicht ständig vor­ein­ander zusammen. Man ist man selbst und tut, wonach einem der Sinn steht, egal, was die anderen denken.

Bar in Mailand Italien

Haben wir öfter beob­achtet. Ein Paar, gar nicht mal so jung, knutschte mit­tags am Haupt­bahnhof wild und film­reif an eine Wand gepresst. Ein anderes Paar zoffte sich auf der Via Dante – Rie­sen­szene, Schubsen (sie ihn) und Nach­laufen (er ihr) inklu­sive –, nur um sich zwei Stra­ßen­ecken später wieder in den Armen zu liegen.

Via Dante

Ges­tern haben wir uns den Mai­länder Dom ange­schaut, eine der größten Kir­chen der Welt. Ist Mai­land sehens­wert oder nicht? Diese Frage stellt sich aller­spä­tes­tens dann nicht mehr, wenn man vor dem Wahr­zei­chen der Stadt steht und viel­leicht sogar auf sein Dach hin­auf­steigt.

Über den Dom­platz schwebten Frauen in gut sit­zenden Schur­woll­män­teln und glän­zenden Stie­feln so auf­recht und anmutig, dass ich öfter an mir her­un­tersah, meinen Zwie­bel­look mit Strick­jacke für keine gute Idee mehr hielt und wünschte, ich hätte meine Schuhe mal geputzt.

Mailänder Dom

Domplatz Mailand

Und dann war da noch die Frau am Kas­sen­schalter im U‑Bahn-Schacht, die uns die voll­kommen unnütze „Milano Card“ ver­kaufte: Sie feu­erte unser Wech­sel­geld in die Durch­reiche, schloss ihre Sprech­klappe mit einem Knall, stand auf und ging, ohne uns ein ein­ziges Mal ange­sehen zu haben.

Frech und unver­foren. Und echt und pur und unver­stellt.

 Mai­land: Lässig in der Bar

Wie die kleine, alte Dame, die gerade die Bar betreten hat. Sorg­fältig geschminkt ist sie und auf­wändig fri­siert, ihrem Mantel sieht man an, dass er nicht billig war. In ihrem Gesicht regt sich nichts, als sie das Gedränge vor der Theke sieht. Und dann fackelt sie nicht lange. Ziel­strebig geht sie auf die Vitrine mit dem Gebäck zu, greift hinein und fischt ein läng­li­ches Teil­chen heraus, streckt den Arm hoch über die Köpfe der War­tenden am Tresen und wedelt damit kurz in Rich­tung der Baristas.

Dieses Bild werde ich vor Augen haben, wann immer ich an Mai­land denke: die alte Dame, die jetzt herz­haft in ihr Pud­ding­ge­bäck beißt. Und sich dann lässig den Puder­zu­cker von der Schulter klopft.

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Mai­land, Ita­lien und die Geschichte des Kaf­fees

Für seine Kaf­fee­kultur ist Ita­lien welt­weit berühmt. Auf einen caffè in eine Bar zu gehen, ist für viele Italiener:innen so selbst­ver­ständ­lich und all­täg­lich wie das Zäh­ne­putzen. Als Kaffee-Städte schlechthin gelten Triest und Venedig. Geht es aber um die Geschichte des Getränks, kommt Mai­land eine ganz beson­dere Rolle zu. In der Mode­me­tro­pole wurde näm­lich der Espresso erfunden. Er ist bis heute die belieb­teste Art der Kaf­fee­zu­be­rei­tung der Ita­liener.

 Der Espresso kommt aus Mai­land

Kaf­fee­kultur hat eine lange Tra­di­tion in Ita­lien. Schon im 16. Jahr­hun­dert impor­tierte die Hafen­stadt Venedig als eine der ersten Städte in Europa über­haupt Kaf­fee­bohnen aus Übersee. Um 1900 kam in Mai­land erst­mals der Espresso als Zube­rei­tungsart in Mode. Diesen brühte man zunächst von Hand mit Was­ser­dampf auf – ein lang­wie­riges Pro­ze­dere, das schon wenig später wieder aus­ge­dient hatte. Zur selben Zeit näm­lich tat sich der Mai­länder Inge­nieur Luigi Bez­zera mit einem Kauf­mann aus Neapel zusammen, um ein Gerät zu ent­wi­ckeln und zu ver­markten, das die Her­stel­lung des Getränks ent­schei­dend beschleu­nigte. Her­um­ge­tüf­telt hatte Luigi Bez­zera seit Jahr­zehnten. Bei der Welt­aus­stel­lung in Paris 1855 hatte der Erfinder sogar schon einen Pro­totyp einer Espres­so­ma­schine vor­ge­stellt. Doch erst 1901 konnte er sein Hoch­druck­ver­fahren und seine Maschine für „caffè espresso“ paten­tieren lassen. 1906 wurde seine Espres­so­ma­schine 19006 auf der Mai­länder Inter­na­tio­nalen Messe aus­ge­stellt. im Anschluss hielt sie von Mai­land aus Einzug in den Bars in ganz Ita­lien.

Espressomaschine in Italien

(Foto: Karo­lina Grabowska/ Pixabay)

Mai­land ist die Geburts­stätte des Espressos . Es ent­behrt nicht einer gewissen Ironie, dass die erste Star­bucks-Filiale in ganz Ita­lien ( übri­gens auch die größte in Europa 2018) aus­ge­rechnet hier, kaum fünf Geh­mi­nuten vom Mai­länder Dom ent­fernt, eröffnet wurde. In der gigan­ti­schen ehe­ma­ligen Haupt­post an der Piazza Cor­dusi röstet nun  die US-Kette Bohnen aus aller Welt und schenkt Kaf­fee­spe­zia­li­täten aus. Die Ein­hei­mi­schen sind aber sicher, dass Star­bucks haupt­säch­lich Tou­risten anzieht, wäh­rend Italiener:innen wei­terhin in die tra­di­tio­nelle Bar ihres Ver­trauens gehen – zumal der „caffè“ (also „Espresso“) dort stan­dard­mäßig nur einen Euro und nicht wie bei Star­bucks 1,80 Euro kostet.

Kaffee in Ita­lien: Was Touris wissen sollten

  • Ein „Caffè“ ist ein Espresso

Bestellt man in Ita­lien einen „Caffè“, bekommt man das, was bei uns „Espresso“ heißt. Und wer in einer ita­lie­ni­schen Bar einen „espresso“ bestellt, outet sich vor allem im Süden als Tou­rist. Ist einem „Caffè“ zu stark und möchte man lieber etwas trinken, was dem Fil­ter­kaffee, wie wir ihn in Deutsch­land trinken, am nächsten kommt, bestellt man am besten einen „Caffè ame­ri­cano“ – das ist Espresso, der mit Wasser gestreckt ist. Milch gibt es dazu in der Regel nicht. Wer Kaffee ohne Milch nicht mag, fragt am besten gleich nach einem „Caffè latte“.

  • Kaffee mit Milch? Nur bis zum späten Vor­mittag

Wäh­rend Italiener:innen ihren „caffè“ rund um die Uhr trinken, gilt Kaffee mit Milch oder Milch­schaum als reines Früh­stücks­ge­tränk. Wer sich am Nach­mittag zum Bei­spiel einen Cap­pu­cino bestellt, ent­larvt sich daher eben­falls als Tou­rist.

Café am Naviglio Grande Mailand Italien

Café am Naviglio Grande in Mai­land, Ita­lien: Zum ita­lie­ni­schen Früh­stück gehört etwas Süßes

  • Im Sitzen trinken kostet extra

In einer Kaf­feebar ver­bringt man in der Regel nicht allzu viel Zeit und trinkt seinen Kaffee im Stehen direkt an der Theke. Wer sich an einen der Tische setzt, zahlt eine Gebühr für die Bedie­nung. Auf der Rech­nung ist diese als „coperto“ aus­ge­wiesen. In der Regel beträgt sie etwa einen Euro pro Person.

Viel Wis­sens­wertes über die ita­lie­ni­sche Kaf­fee­kultur und ver­ständ­liche Erklä­rungen zu allen mög­li­chen Zube­rei­tungs­arten hat Julia von „italienundich.com“, die in Ita­lien lebt.

Die besten Cafés in Mai­land

Wäh­rend einer Städ­te­reise nach Mai­land ist der Besuch einer ita­lie­ni­schen Kaf­feebar natür­lich ein Muss. Höchste Zeit für ein paar  Emp­feh­lungen! Sie kommen von Karin und Yanne, zwei echten Mai­land-Insi­de­rinnen.

Yanne und Karin von appsolutelymilano.com

Yanne und Karin vom Mai­land-Blog appsolutelymilano.com

Seit mehr als zwanzig Jahren leben die beiden Däninnen schon in der nord­ita­lie­ni­schen Metro­pole und geben auf ihrer Web­site appsolutelymilano.com regel­mäßig Tipps für Unter­neh­mungen und anste­hende Ereig­nisse in Mai­land. Ihren Ver­an­stal­tungs­ka­lender aktua­li­sieren sie jede Woche.

Und was sind ihrer Ansicht nach die besten Cafés in Mai­land? Hier kommen Karins und Yannes Favo­riten:

  • Mar­chesi: In der Via Santa Maria alla Porta 11/a befindet sich das Ori­ginal, es gibt aber auch Filialen in der Via Monte Napo­leone 9 und in der Corso Vit­torio Ema­nuele II, über dem Prada-Geschäft. Das Mar­chesi ist eines der his­to­ri­schen Cafés der Stadt mit fan­tas­ti­schem Kaffee und einer inter­es­santen Kund­schaft.
  • Cova: Es gibt eine Filiale in der Via Monte Napo­leone 8 und eine in der Via Cusani 10. Auch das Cova ist ein Café-Klas­siker, eben­falls beson­ders beliebt bei einer leicht exzen­tri­schen Kli­entel.
  • Lavazza Café: Es befindet sich in der Piazza San Fedele 2 und hat sowohl klas­si­sche Kaf­fee­spe­zia­li­täten als auch moderne Vari­anten im Angebot.
  • Illy Caffè: (Via Monte Napo­leone 19 und an der Piazza Gae Aulenti): Illy ist tra­di­tio­nell eine der besten Kaf­fee­marken Ita­liens. Mit einem Kaffee bei ihnen macht man nie etwas falsch.
  • Iginio Mas­sari (Via Giu­glielmo Mar­coni 4) Der Mann ist eine der his­to­ri­schen Figuren, wenn es um ita­lie­ni­sche Fein­back­kunst geht. Auch der Kaffee ist in seinem Café aus­ge­zeichnet.
  • Caffè Pas­cucci (Corso Europa 22)  Jung, hip und aus­ge­stattet mit einer sehr guten eigenen Fair-Trade-Kaf­fee­marke.

  Shop­ping und Sehens­wür­dig­keiten in Mai­land: Link­tipps

Naviglio Grande Mailand Italien

Hier lässt sich auch nett Kaffee trinken: Naviglio Grande. Die Kanäle zählen zu den belieb­testen Sehens­wür­dig­keiten in Mai­land

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Tina P.

Schön,das moti­viert mich ja gleich richtig,da mal selber hin­zu­fahren.….