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Im Regen tanzen

Autorin
Kinder mit Lärmschutz-Kopfhörern beim „A Summer's Tale“-Festival in der Lüneburger Heide

(Foto: Chris­toph Eisen­menger)

Offen­le­gung
Dieser Bei­trag ent­stand nach einer Ein­la­dung zum Fes­tival. Eigen­fi­nan­zierte Anreise, keine Vor­gaben durch den Ver­an­stalter.

Aus­ge­rechnet im (gefühlt) schlech­testen und ver­reg­netsten Sommer aller Zeiten bin ich zu einem Fes­tival in der Lüne­burger Heide auf­ge­bro­chen. Beim „A Summer’s Tale“ war­teten bit­ter­kalte Nächte auf mich. Aber auch: Abwechs­lung, leckeres Essen, tolle Kon­zerte und eine Erkenntnis.


Ich kann meinen Atem sehen. Mit der linken Hand umklam­mere ich mein Bier im Plas­tik­be­cher, die andere habe ich tief in meiner Jacken­ta­sche ver­graben. Rechts von mir steigt Dampf von den Essen­ständen in die Nacht. Regen nie­selt mir ins Gesicht, ich ziehe die Kapuze in die Stirn. Dies könnte ein Dezem­ber­abend auf dem Weih­nachts­markt sein.

Ist aber ein Fes­tival in der Lüne­burger Heide. Und zwar Mitte August. „A Summer’s Tale“ heißt die vier­tä­gige Ver­an­stal­tung – nur dass Dau­er­regen und absurde Tem­pe­ra­turen sie in ein Win­ter­mär­chen ver­wan­deln.

Pappaufsteller beim „A Summer's Tale“-Festival in der Lüneburger Heide

Ist das normal, dass es hier so kalt ist?“ ruft Shirley Manson, Sän­gerin der Band Gar­bage, bei ihrem groß­ar­tigen Kon­zert später ungläubig von der Haupt­bühne ins Publikum. Und erin­nert mich daran, dass mir mitten im Hoch­sommer eine wei­tere furcht­bare Nacht im Zelt bei sechs Grad bevor­steht. Die klamme Kälte ist mir schon ges­tern erbar­mungslos in die Kno­chen gekro­chen und stun­den­lang nicht aus meinem Körper gewi­chen. Gar­bage spielen „Only happy when it rains“, aus­nahms­weise regnet es bei ihrem Gig nicht.

Shirley Manson von Garbage beim „A Summer's Tale“-Festival in der Lüneburger Heide

Shirley Manson von Gar­bage beim „A Summer’s Tale“ 2016. (Credit: Chris­toph Eisen­menger / www.facebook.com/basslordpictures)

Am nächsten Tag dafür fast unun­ter­bro­chen – Gift für meine Laune, die im Übermaß vom Wetter abhängt. Ich bin quasi ein anderer Mensch unter blauem Himmel.

Das Fes­tival in der Lüne­burger Heide ist anders als die anderen

Da kommt mir sehr gelegen, dass „A Summer’s Tale“ kein reines Musik-, son­dern ein Kunst- und Frei­zeit­fes­tival mit Work­shops, Lesungen und Filmen ist, das Gäste jeden Alters und gezielt auch Fami­lien anspre­chen will. Man kann hier tags­über unter anderem vegane Süßig­keiten her­stellen, mit Holz arbeiten, mit den Fin­gern stri­cken, Swing­tanz lernen, Sport treiben, Som­mer­cock­tails kre­ieren. Vom Klein­kind bis zur Oma finden alle hier Zer­streuung, zumal der Groß­teil der Work­shops über­dacht statt­findet.

Timetable beim „A Summer's Tale“-Festival in der Lüneburger Heide

So ver­bringen wir die ver­reg­neten Stunden „Ho, ho, ha, ha, ha“-rufend beim Lach­yoga, mit den Füßen des Vor­der­manns fast im Gesicht im über­füllten Yoga-Flow-Work­shop, schlechte Ener­gien mit den Händen weg­schie­bend beim Qi Gong und durch den Raum hüp­fend, rol­lend und Rad schla­gend beim Modern Dance. Wir bekommen Ein­blicke, bleiben so bei Laune – und freuen uns, außerdem jeden Tag etwas Neues zu essen aus­pro­bieren zu können.

Modern Dance Workshop beim „A Summer's Tale“-Festival in der Lüneburger Heide

Hoch das Bein beim „Modern Dance“ im Luhe­deck (Credit: www.ilovephotography.de)

Denn das Fes­tival in der Lüne­burger Heide ist viel­leicht das leckerste in ganz Deutsch­land: 35 Essens­stände gibt es hier, sie alle ver­wenden Nah­rungs­mittel in Bio-Qua­lität, die meisten beziehen ihre Pro­dukte von regio­nalen Händ­lern. Es gibt veganes Fast Food, es gibt Lachs­döner, Hand­brot, ara­bi­sche Küche, Waf­feln und Quark. Ganz viel Essen für die Seele. Im Schutze eines Schirms fallen wir über einen gut gefüllten Teller „Teu­fels­pfanne“ von der „Nudelei“ her – unfassbar leckere, pikante Pasta mit Pesto und Knob­lauch. Das hat etwas Tröst­li­ches inmitten des hart­nä­ckigen Regens.

Lachsdöner beim „A Summer's Tale“-Festival in der Lüneburger Heide

Zwi­schen­durch erbarmt sich der Wet­ter­gott. Dann ist die Luft ganz frisch mit leichter Kuh­note, dann reißt der Himmel für ein Stünd­chen auf und das Leben kehrt zurück auf die Flä­chen zwi­schen den Bühnen. Dann haben Fes­ti­val­ge­lände und Cam­ping­plätze ihre Farben wieder: blauer Himmel, satt­grüne Wiesen und Wälder, gelb-rot-gestreifte Zelte. Und links und rechts an den Wegen zur Haupt­bühne blüht zag­haft-vio­lett die Heide. Wie wun­der­voll dieses Fes­tival erst im Sommer sein muss, denke ich, im rich­tigen Sommer bei bestän­digen 28 Grad und Son­nen­schein.

Die Heide blüht beim „A Summer's Tale“-Festival in der Lüneburger Heide

Die Kinder – es sind viele hier – stört das Wetter nicht. Wenn die Kon­zerte beginnen, tragen sie stolz neon­grüne, -blaue oder -pinke Lärm­schutz-Kopf­hörer. Kleine Farb­tupfer im Grau.

Zum ersten Mal ver­söhnt mit Kälte und Regen bin ich am Mitt­woch­abend, beim Kon­zert von Michael Kiwa­nuka. Das mag an dem warmen, roten Licht liegen, in das die Bühne, auf dem der eng­li­sche Soul­sänger mit seiner Band spielt, getaucht ist. Und an seiner ein­zig­ar­tigen Stimme, der ich ein­fach zuhören muss. Sicher auch daran, dass er im über­dachten Zel­t­raum spielt, in dem es so schön warm ist, wenn so viele Menschen drin stehen. Ganz egal, ich kann mich darauf ein­lassen und beschließe, mir zu Hause seine Musik zu besorgen.

Das gelingt mir im Laufe des Fes­ti­vals zum Glück noch häu­figer. Eines Spät­nach­mit­tags kann ich sogar dem Regen etwas abge­winnen, wäh­rend ich ihm im Inneren unseres Zeltes lau­sche. Man kann aus allem das Beste machen, wird mir klar – nur machen muss man etwas: Ablen­kung suchen, Kopf und Sinne beschäf­tigen mit neuen Ein­drü­cken. Und sei es nur auf­merksam hin­schauen und zuhören.

Kurz mal blauer Himmel beim „A Summer's Tale“-Festival in der Lüeburger Heide

Am Frei­tag­abend kurz vor unserer Abreise, tritt Noel Gal­lagher mit seinen High Flying Birds auf. Sie spielen „Cham­pagne Super­nova“, sie spielen „Won­der­wall“ und zum Schluss „Don’t look back in anger“. Am Ende gefällt mir dieses Kon­zert am besten. Übri­gens von allen das ver­reg­netste.

 

Deko beim „A Summer's Tale“-Festvial in der Lüneburger Heide

***


Herz­li­chen Dank an FKP SCORPIO für die Ein­la­dung zum „A Summer’s Tale“-Fes­tival in der Lüne­burger Heide.


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Wirk­lich schade, dass das Wetter nicht so mit­ge­spielt hat. Der Beschrei­bung nach hätte es dieses Fes­tival mehr als ver­dient. :(

Oh! Das sieht aber toll aus! (Ausser das Wetter)
Ich wusste vorher gar nicht, dass es bei uns in der Gegend ein Fes­tival gibt :)

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Hi, ich bin Susanne, Journalistin und Reisende. Ich liebe Geschichten vom Reisen und Auswandern (auch allein!). Mehr über mich erfährst Du hier. (Foto: © André Schade)

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