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Costa Rica und die Hoffnung

Autorin
Auswandern nach Costa Rica: Marc in Cartageno

Auswandern nach Costa Rica? Marc (35) aus der Schweiz hat’s vor zwei Jahren getan. Der Liebe wegen – aber auch weil das Land es ihm leicht gemacht hat, sich sofort zu Hause zu fühlen. Und dann wäre da noch diese sagenhafte Natur.


Die Art von Fernweh, die mich 2009 packte, hatte ich bis dahin nicht gekannt: Plötzlich war da der unbändige Wunsch zu reisen, so weit weg wie möglich. Damals war ich 28 Jahre alt, ich lebte in St. Gallen und arbeitete bei der RAV, der Regionalen Arbeitsvermittlung, wie das bei uns in der Schweiz heißt. Jeden Tag pendelte ich zwanzig Minuten zur Arbeit in Oberuzwil. Mein Leben war so ruhig wie die Gegend, in der ich wohnte und arbeitete.

Zu ruhig.

Über Facebook kam ich mit einer Costa-Ricanerin namens Paola ins Gespräch. Was sie von ihrer Heimat erzählte, reizte mich – zumal sie, als wir uns länger geschrieben hatten, anbot, vor Ort meinen persönlichen Guide zu spielen. So fiel meine Wahl auf Costa Rica. Dreieinhalb Wochen konnte ich freinehmen. Im November brach ich auf.

Die meisten Touristen kommen von Dezember bis März nach Costa Rica, in der Trockenzeit. Dabei regnet es auch in den restlichen Monaten nicht allzu viel. Es schüttet normalerweise ein, zweimal am Nachmittag kurz und heftig, aber ansonsten ist es den ganzen Tag trocken. Und die Landschaft ist nie schöner als im Herbst, wenn die Regenzeit endet: noch grüner als ohnehin schon. Grün ist die Farbe Costa Ricas. Grün war immer schon meine Lieblingsfarbe.

Auswandern nach Costa Rica: auf einer Bananenplantage in Limón

Marc auf einer Bananenplantage in der Nähe von Limón an der Karibikküste. Das Foto stammt von seinem Blog „Tropenwanderer“, auf dem er Tipps zum Reisen und Auswandern nach Costa Rica gibt

Dass Paola mich begleitete, war das Beste, was mir passieren konnte. Ich hatte zwar ein bisschen Spanisch gelernt, weit wäre ich damit allerdings nicht gekommen.

Von Santa Ana, einem schnieken Vorort der Hauptstadt San José, wo sie wohnte, brachen wir mit ihrem Auto auf. Zuerst nach La Fortuna im Norden. Dort befindet sich der Arenal, einer der aktivsten Vulkane der Welt. Wir fuhren die Pazifikküste entlang, hielten an einem kleinen Ort namens Jacó mit fantastischen, von Regenwald eingerahmten Surfstränden. Wir besuchten den Marino Ballena, einen Meeres-Nationalpark im Süden, in dem man Buckelwale und Delfine beobachten kann und dessen Strand wie eine Walflosse geformt ist. Auch auf der Karibikseite waren wir, in Puerto Viejo, einem sehr relaxten Küstenort, in dem viele Einwanderer leben.

Auswandern nach Costa Rica: Marc im Marino Ballena Nationalpark

Im Marino Ballena Nationalpark

Das Highlight meiner Reise war am Ende aber kein Küstenstädtchen, kein Nationalpark und kein Traumstrand, sondern eine Begegnung. Paola war auf eine Privatparty eingeladen und nahm mich einfach mit. Die Gastgeberin, Cynthia, feierte ihren 25. Geburtstag. Ihre fröhliche Art und ihr Lächeln gefielen mir sofort. Bei mir hat es gleich gefunkt. Bei ihr nicht. Für sie war ich erst einmal der arrogante Schweizer von der Party. Nach ihrem Geburtstag unternahmen wir zusammen Ausflüge. Da fand sie mich zum Glück nicht mehr arrogant und verliebte sich auch in mich. Zum Abschied umarmten wir uns lange, das gab mir endgültig den Rest.

Wir skypten so oft wie möglich. Durch die Zeitverschiebung von sieben, acht Stunden war das nicht immer leicht. Das Gute am Skypen ist: Solche Gespräche verbinden. Man muss wirklich intensiv miteinander sprechen, wenn man eine Beziehung aufbauen will. Auf diese Weise offenbart man sich oft mehr, als wenn man zusammen ist.

Auswandern nach Costa Rica? Erst einmal noch kein Thema

Ende 2010 wollte ich wieder nach Costa Rica fliegen. Eigentlich. Doch einige Monate zuvor ereilte meine Familie ein Schicksalsschlag, der mich völlig aus der Bahn warf. In dieser Zeit begann ich zu zweifeln und zu hadern. Was Cynthia betraf, wusste ich plötzlich nicht mehr, wie das alles eigentlich funktionieren soll. Es lagen 9000 Kilometer zwischen uns und wir hatten uns monatelang nicht gesehen. Auswandern nach Costa Rica? Das konnte ich mir damals überhaupt nicht vorstellen. Ein paar Wochen vor der geplanten Reise sagte ich Cynthia ab. Das war auch für sie sehr hässlich und sollte mir später noch Leid tun.

2011 war ein schwieriges Jahr für mich. Ich war unzufrieden mit meinem Leben, unzufrieden mit meiner Entscheidung. Cynthia war mir die ganze Zeit nicht aus dem Kopf gegangen. Seit meiner Absage herrschte Funkstille zwischen uns, aber jetzt wurde mir klar, dass ich sie unbedingt wiedersehen musste. Ganz langsam nahmen wir den Kontakt wieder auf. Ich plante, Ende des Jahres zu ihr zu reisen. Sie besuchte über den Jahreswechsel jemanden in New York, also folgte ich ihr dorthin. Am Flughafen umarmten wir uns genau so innig, wie wir uns zwei Jahre zuvor verabschiedet hatten, und die nächsten Tage verbrachten wir damit, uns auszusprechen.

Wir wollten zusammen sein, so viel war klar. Doch erst einmal mussten wir uns wieder mit Skype begnügen. Das zerrte an unseren Nerven. Erst im April konnten wir eine Woche zusammen in Costa Rica verbringen. Im Mai flog ich gleich wieder hin. Für zwei Tage. Mit einem Heiratsantrag. Meine Freunde fanden das verrückt, nach so kurzer Zeit. Aber ich war mir diesmal eben sicher.

Kurz vor meinem Abflug ließ ich Cynthia ein Video zukommen. Ich dachte, ich hätte darin klar genug angedeutet, dass ich längst auf dem Weg zu ihr bin, wenn sie es angesehen hat. Das ging schief. In Atlanta, wo ich zwischenlandete, schaltete ich mein Handy ein und sah die vielen Nachrichten von Cynthia. Sie war stinksauer, weil ich seit Stunden nicht erreichbar gewesen war. Nach mehreren SMS, die sie in ihrer Wut gar nicht richtig las, rief ich sie kurzerhand an und machte ihr begreiflich, dass ich bald bei ihr sein würde. Das Telefonat hat mich 300 Schweizer Franken Roaming-Gebühren gekostet. Aber das war mir damals alles egal. Als wir bei ihr zu Hause waren, fragte ich sie, ob sie meine Frau werden will. Cynthia sagte Ja.

Wir heirateten im September in der Schweiz und blieben auch erst einmal dort. Der Plan war, ein paar Jahre zu arbeiten, Geld zu sparen und dann nach Costa Rica zu gehen. Cynthias Muttersprache ist Spanisch, sie ist außerdem Englischlehrerin. Wir dachten, damit würde sie leicht eine Anstellung finden. Dem war aber nicht so.

Kulturschock in der Schweiz, Verkehrschaos in Costa Rica

Noch dazu prallten die Kulturen aufeinander. Einmal fasste Cynthia im Supermarkt Tomaten an, um zu prüfen, wie reif sie sind. Da fuhr eine Frau sie an, das gehöre sich nicht. Cynthia verstand damals noch kein Deutsch, lächelte nur verlegen. Als ich ihr die Situation später erklärte, fragte sie, warum ich sie nicht verteidigt hatte. Die Antwort ist: Weil ich so etwas in der Schweiz leider häufig erlebt hatte und solche Unfreundlichkeiten lieber ignorierte.

Im Dezember 2014 gingen wir schlussendlich nach Costa Rica. Von der Schweiz aus hatten wir ein Grundstück in Cartago gekauft. Hier wohnen wir bis heute. Cartago hat 150.000 Einwohner und gehört zur „Gran Área Metropolitana“, auch „GAM“ genannt. Das sind vier Städte einschließlich der Hauptstadt San José, in denen etwa die Hälfte aller Costa-Ricaner leben. Wir sind hier 1400 Meter über dem Meeresspiegel und das Klima ist ideal: Vormittags scheint fast immer die Sonne, tagsüber ist es mild bis sehr warm, nachts kühlt es angenehm ab.

Auswandern nach CostaRica: Marc bei den Ruinas in Cartago

Marc vor den Ruinas in seinem Wohnort Cartago

Cynthia fand innerhalb von zwei Monaten eine Stelle an einer Schule. Ich musste erst einmal den Migrationsprozess hinter mich bringen. Das hatte auch etwas Gutes: So lange ich noch nicht arbeiten konnte, hatte ich genügend Zeit, gemeinsam mit einem Schweizer Freund, der ebenfalls hier lebt, den Blog „Tropenwanderer“ zu gründen. Auf dieser Seite geben wir Tipps rund ums Reisen und Auswandern nach Costa Rica.

Seit September 2015 arbeite ich in einer Tourismusagentur in San José, im Viertel La Sabana Sur, in der Nähe des größten Parks der Stadt. Jeden Tag muss ich aus Cartago 30 Kilometer pendeln. Für die brauche ich manchmal anderthalb Stunden, denn die Avenidas Richtung Zentrum sind immer vollgestopft. Um das extreme Verkehrsaufkommen zu senken, gibt es hier sogar ein System, das einem, je nach Wochentag und Kennzeichen, das Autofahren im Innenstadtbereich zu den Kernzeiten verbietet. Bei mir ist das montags der Fall, da nehme ich den Bus – und brauche mehr als zwei Stunden zur Arbeit, denn ich muss in einen innerstädtischen Bus umsteigen, der überall Halt macht.

Die Infrastruktur in San José ist bis heute nicht an die gestiegene Einwohnerzahl angepasst. Wenn man die guten Verkehrsverhältnisse von daheim gewöhnt ist, muss man sich an dieses Chaos erst einmal gewöhnen. Damit habe ich bis heute meine Mühe. Was mich außerdem nervt? Behördengänge. In der Schweiz schickt man einfach ein Formular per Mail und gut. Hier muss man überall persönlich antreten und stundenlang warten.

Es überwiegen aber ganz klar die positiven Dinge. Ich bin ausgesprochen gern in Costa Rica und fühle mich hier zu Hause. Das Lebensgefühl ist hier ein anderes. Arbeit und Geld stehen nicht so sehr im Vordergrund und sind auch nicht so häufig Gesprächsthema. Viel wichtiger ist stattdessen der enge Kontakt zu Freunden und Familie und gemeinsam eine gute Zeit zu verbringen, sei es beim gemütlichen Grillfest oder einer rauschenden Party.

Die Menschen hier sind freundlich – und zwar von Natur aus und nicht, weil es vielleicht ihr Job ist. Als Ausländer bin ich überall herzlich aufgenommen worden. Das ist ein deutlicher Unterschied gegenüber Cynthias Erfahrungen in der Schweiz, wo leider viele glauben, ihr Land sei eine Insel. Man kommt leicht mit Leuten ins Gespräch und schließt schnell Freundschaften. Verabredungen sind allerdings nur mäßig verbindlich. Es gibt immer eine 50-50-Chance, dass es auch wirklich klappt. Besser, man fragt vorher noch mal nach.

Je länger ich hier lebe, umso mehr kann ich mich für dieses Land begeistern. Nicht zuletzt, weil die Natur einmalig ist. Costa Rica vereint fünf Prozent der Weltbiodiversität auf 0,03 Prozent der Erdoberfläche! Mein Wissen möchte ich mit Menschen teilen, die noch nie hier gewesen sind. Auch deshalb habe ich vor Kurzem www.tropenbooking.com ins Leben gerufen. Über diese Seite können Interessierte individuelle Reisen nach Costa Rica buchen. Ich helfe ihnen bei der Zusammenstellung und stehe auch sonst mit Rat und Tat zur Seite. Auf diese Weise möchte ich so viele Menschen wie möglich ermutigen, nach Costa Rica zu reisen. Diese sattgrünen Landschaften zum Beispiel, die muss schließlich jeder mal gesehen haben.

Auswandern nach Costa Rica: Marc beim Wasserfall in La Fortuna


Auswandern nach Costa Rica – oder anderswohin: Auf flügge erzählen regelmäßig Menschen von ihrem Leben anderswo. Hast auch Du eine Reise gemacht, die Dich verändert hat? Warst auch Du eine Weile im Ausland oder bist es noch immer? Erzähle mir Deine Geschichte! Schreib mir eine E-Mail an susanne (at) fluegge-blog (punkt) de oder nutze das Kontaktformular.


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