Auswanderer Inspiration

Aus­wan­dern aus Deutsch­land: Was muss man beachten?

4. September 2016
Auswandern aus Deutschland Christiane Sternberg

Zuletzt aktua­li­siert am 7. März 2020 um 10:05

Aus­wan­dern aus Deutsch­land: „Das ist kein Hippie-Traum“, sagt die Jour­na­listin Chris­tiane Stern­berg (51) im Inter­view mit „Flügge“. Sie  selbst hat Deutsch­land vor zehn Jahren ver­lassen und ist nach Zypern umge­zogen. Nun hat sie einen Rat­geber geschrieben, in dem sie erklärt, was man vor dem Aus­wan­dern aus Deutsch­land beachten muss und wie der Neu­start gelingt.


(Bei­trags­foto: © CIPS / Marcos Gittis)

Aus­wan­dern aus Deutsch­land: Keine Sel­ten­heit

Aus­wan­dern aus Deutsch­land und an seinem Sehn­suchtsort ganz von vorn anfangen. Dort leben, wo andere Urlaub machen. Für viele Menschen bleibt das zeit­le­bens ein Traum. Doch pro Jahr kehren immerhin laut Sta­tistik rund 25.000 Staats­bürger ihrer deut­schen Heimat lang­fristig den Rücken – dann aller­dings nicht, um ein ent­spann­teres Leben zu haben, son­dern in vielen Fällen, um ihre Kar­riere vor­an­zu­treiben. Diesem Bei­trag von Spiegel Online zufolge sind 70 Pro­zent der Menschen, die aus Deutsch­land aus­wan­dern, Akademiker:innen und die Mehr­heit von ihnen zwi­schen 20 und 40 Jahre alt. Und: Seit den Acht­ziger Jahren steigt die Zahl derer, die diesen Schritt wagen, kon­ti­nu­ier­lich an.

Ziel­länder: Wohin zieht es die meisten Deut­schen?

In den ver­ga­nenen zehn Jahren (ab 2009) war die Schweiz das wich­tigste Ziel­land bei Aus­wan­de­rung aus Deutsch­land. Auf den fol­genden Rängen kommen die USA und Öster­reich. Groß­bri­tan­nien liegt schließ­lich auf Platz vier der belieb­testen Ziel­länder. Und wer folgt dann? Eine Über­sicht über die Top 50 der Ziel­länder (zumin­dest im Jahr 2018) hat auswandern-info.com. Unter anderem sind auch Spa­nien, Aus­tra­lien, Thai­land, Por­tugal, Ita­lien und Kanada in den Top 20.

Inter­view: Was muss man beim Aus­wan­dern aus Deutsch­land beachten?

Auch die Jour­na­listin und Rei­se­führer-Autorin Chris­tiane Stern­berg hat den Schritt gewagt: Mehr­fach war sie meh­rere Wochen beruf­lich auf Zypern gewesen und hatte über das Leben auf der geteilten Insel und den EU-Bei­tritt der Repu­blik Zypern 2004 berichtet. Vor zehn Jahren zog sie schließ­lich gemeinsam mit ihrem Mann, einem Foto­grafen, in die Insel­haupt­stadt Nikosia. Mit ihrem Buch „Die Fibel für Aus­wan­derer: Ihre Check­liste für den Neu­an­fang“ geht sie das Gedan­ken­ex­pe­ri­ment „Aus­wan­dern aus Deutsch­land“ zunächst Schritt für Schritt mit ihren Leser:innen durch und bietet auch eine ganz kon­krete Check­liste zum Abhaken an, wenn es dann ernst wird. Im Inter­view erklärt sie, welche Fragen Menschen, die ihre Heimat eben­falls ver­lassen wollen, sich stellen und was sie beachten sollten.

Flügge: Warum haben Sie beschlossen, einen Rat­geber für Aus­wan­derer zu schreiben?

Chris­tiane Stern­berg: Zypern ist eine Urlaubs­insel. Wenn man hier lebt, kommt man mit vielen Tou­risten ins Gespräch. Das läuft oft auf die Frage „Und in wel­chem Hotel sind Sie unter­ge­bracht?“ hinaus. Wenn ich dann ant­worte „Nein, nein, ich lebe hier!“, ähneln sich die Reak­tionen in den meisten Fällen. Die Leute finden das inter­es­sant und toll. Sie fragen aber immer auch, ob es nicht auf­wändig ist, aus­zu­wan­dern und ob ich kein Heimweh habe. Am häu­figsten höre ich: „Und was macht man dann?“ Es scheint grund­sätz­lich die Annahme zu gelten, dass jemand, der aus­wan­dert – ins­be­son­dere in ein Urlaubs­ge­biet – ein Aus­steiger ist. Dabei ist Aus­wan­dern kein Hippie-Traum und auch nicht die Ver­län­ge­rung des Urlaubs, son­dern die Ver­la­ge­rung des All­tags in andere Umstände. Das möchte ich mit meinem Rat­geber ver­deut­li­chen. Außerdem gebe ich Hil­fe­stel­lung bei diesem Schritt und nenne Fak­toren, die man sich im Vor­feld über­legen und die man beachten sollte, wenn man aus­wan­dern möchte.

Auswandern aus Deutschland: Cover Buch Christiane Sternberg

Cover von Chris­tiane Stern­bergs Buch „Die Fibel für Aus­wan­derer: Ihre Check­liste für den Neu­an­fang“

Flügge: Was bewegt Menschen dazu, ihre Heimat für immer ver­lassen zu wollen?

Chris­tiane Stern­berg: Wenn es nicht die Liebe ist, sind es oft die Lebens­um­stände, in denen jemand zu Hause steckt. Häufig gibt es zuvor irgend­einen Lebens­ein­schnitt, zum Bei­spiel eine Tren­nung oder den Ver­lust des Jobs. Viele wün­schen sich einen Neu­an­fang, sie möchten anderswo von vorn beginnen und etwas Neues pro­bieren.

Flügge: Unter wel­chen Bedin­gungen kann das gelingen?

Chris­tiane Stern­berg: Wenn man nicht der Illu­sion erliegt, dass der Orts­wechsel alles ver­än­dert. Man sitzt ja nicht plötz­lich nur noch Kaffee trin­kend unter einer Palme. Um viele der all­täg­li­chen Pro­bleme, die man zu Hause hat, muss man sich genau so im Aus­land küm­mern. Da hilft gute Vor­be­rei­tung, aber häufig beschäf­tigen sich Menschen, die aus­wan­dern, mit ganz ein­fa­chen Dingen nicht.

Flügge: Welche zum Bei­spiel?

Chris­tiane Stern­berg: Viele, die bei Ren­ten­ein­tritt ins Aus­land gehen, bedenken nicht, dass sie dann noch viel Lebens­zeit haben. Wenn der Tag dann nur aus Kaf­fee­trinken und Besu­chen bei Freunden besteht, ist das wenig erfül­lend. Man muss sich vorher klar machen: Womit möchte ich dort meine Zeit füllen? Möchte ich dort arbeiten? Wenn ja, welche Mög­lich­keiten gibt es? Noch ein Bei­spiel: Eltern, die aus Deutsch­land aus­wan­dern, müssen sich vorher gut infor­mieren, auf welche Schule sie ihre Kinder schi­cken können. Oft kommen ja nur Pri­vat­schulen infrage, an denen auf deutsch oder eng­lisch unter­richtet wird. Diese sind aber sehr teuer. Auf einige Umstände kommt man von allein aber auch nicht. Hier auf Zypern ist zum Bei­spiel der Per­so­nen­nah­ver­kehr mise­rabel. Für Eltern bedeutet das, dass sie ihre Kinder täg­lich mit dem Auto zur Schule bringen und wieder ein­sam­meln und sie am Wochen­ende auch mal nachts von einer Party abholen müssen. Des­halb ist es so wichtig, solche Details zu beachten und sich so genau wie mög­lich mit den Gege­ben­heiten im Ziel­land aus­ein­an­der­zu­setzen.

Flügge: Wie bereitet man sich am besten auf das Leben im anderen Land vor?

Chris­tiane Stern­berg: Man sollte mehr Zeit dort ver­bracht haben als einen ein­zigen zwei­wö­chigen Urlaub und das Land auch mal in anderen Jah­res­zeiten erlebt haben. Am besten spricht man viel mit Menschen, die dort leben. Wenn man vor Ort noch keine tiefer gehenden Kon­takte geknüpft hat, kann man zum Bei­spiel bei Facebook diversen Gruppen bei­treten, „Deut­sche in .…..“ heißen die meist. Mit­glieder, die dort schon wohnen, beant­worten mit Engels­ge­duld alle Fragen. Einem Land kann man sich auch gut nähern, indem man sich mit seinem Jahres‑, Wochen- und Tages­rhythmus beschäf­tigt: Welche Fei­er­tage gibt es dort und werden die noch ernst genommen? Welche Sen­dungen im Fern­sehen sind beson­ders beliebt und was mögen die Menschen so sehr daran? Letzt­lich wird es aber selbst dann Momente geben, in denen einem die Men­ta­li­täts­un­ter­schiede zu schaffen machen können.

Flügge: Und was tut man, wenn man erst vor Ort fest­stellt, wie groß diese Unter­schiede sind?

Chris­tiane Stern­berg: Zunächst mal ist das völlig normal. Das ist übri­gens auch der Grund, warum Bezie­hungen, in denen einer von beiden aus einem anderen Land kommt, viel Arbeit bedeuten. Oft stellt ein Partner fest, dass der andere in seinem Land ganz anders tickt als im eigenen. Jeder fällt zu Hause wieder in seinen alten Rhythmus zurück. Die Frage ist dann aber: Wie gehe ich damit um? Man kann das Ganze als Aben­teuer sehen und als per­sön­liche Berei­che­rung. Das ist die Chance, seinen eigenen Kom­pass neu zu jus­tieren und sich selbst von einer anderen Seite kennen zu lernen. Wenn die Sicht­weisen, die man zu Hause für gut und richtig hielt, kom­plett über den Haufen geworfen werden, kann man sich fragen: Stellt das, was mich auf­regt, in diesem Land viel­leicht eine viel sinn­vol­lere Hal­tung dar als die, die ich von zu Hause gewöhnt bin? Ich bin auf Zypern zum Bei­spiel ruhiger geworden. Mein Bedürfnis nach Pünkt­lich­keit habe ich dem Leben hier ange­passt. Wenn ich auf eine Behörde gehe, weiß ich, dass das hier eben etwas länger dauern kann. Und wenn jemand bei rot über die Ampel fährt und ich sage „Das darf der doch nicht!“, müssen mein Mann und ich laut lachen.

Flügge: Was emp­finden Sie am Aus­wan­dern aus Deutsch­land als beson­ders berei­chernd?

Chris­tiane Stern­berg: Wenn man sich die Frei­heit genommen und den Mut auf­ge­bracht hat, diesen Schritt zu gehen, dann stärkt das die eigene Per­sön­lich­keit enorm.

***


Aus­wan­dern aus Deutsch­land: Hilf­reiche Link­tipps

Wer den Ent­schluss, aus Deutsch­land aus­zu­wan­dern, schon gefasst hat, braucht kon­krete Tipps und Check­listen zum Abhaken. Was muss man beachten, was ist wann zu erle­digen, welche Doku­mente, Anträge, An- und Abmel­dungen darf man nicht ver­gessen? Eine gute Über­sicht habe ich auf auslandsgedanken.de gefunden, aber auch workwide.de bietet hier eine kom­pakte Check­liste. Außerdem bietet der Verein „Deut­sche im Aus­land e.V.“ auf seinen Seiten umfang­reiche Tipps zur Pla­nung von Aus­lands­auf­ent­halten und zahl­reiche Infor­ma­tionen über die Ziel­länder. Hier bietet der Verein eben­falls eine Check­liste.

Auch die Bun­des­re­gie­rung gibt auf ihren Seiten hilf­reiche und nütz­liche Tipps zum Aus­wan­dern aus Deutsch­land. Im Bun­des­ver­wal­tungsamt wurde eine Bun­des­stelle für Aus­wan­derer und Aus­lands­tä­tige ein­ge­richtet. Online gibt es Infor­ma­tionen zu allen mög­li­chen Fragen, die sich Aus­wan­derer in ver­schie­denen Lebens­si­tua­tionen stellen – auch und spe­ziell Fragen rund ums Aus­wan­dern als Rentner. Auch das Thema Rück­kehr spielt dort eine Rolle.

Es gibt auch die Mög­lich­keit, sich per­sön­lich beraten zu lassen, wenn man aus Deutsch­land aus­wan­dern möchte. In jedem Bun­des­land gibt es „Aus­kunfts- und Bera­tungs­stellen für Aus­wan­derer und Aus­lands­tä­tige“. Hier findet Ihr, nach Bun­des­län­dern sor­tiert, die Kon­takt­daten zer­ti­fi­zierter Bera­tungs­stellen.

Erfahrungsberichte von Aus­wan­de­rern

Wenn Du gern Erfahrungsberichte von Menschen liest, die ihre Heimat ver­lassen haben, um im Aus­land zu leben, dann bist Du hier auf dem Blog gold­richtig. Regel­mäßig lasse ich hier Aus­wan­derer zu Wort kommen und ihre Geschichten erzählen. Du kannst zum Bei­spiel fol­gende Erfahrungsberichte lesen:

Das sind nur einige Bei­spiele, es gibt noch wei­tere Aus­wan­derer-Geschichten. Hier fin­dest Du die Über­sicht aller Erfahrungsberichte hier auf dem Blog.

 

***


Du möch­test auch aus­wan­dern aus Deutsch­land oder hast es schon getan? Was muss man Deiner Mei­nung nach dabei beachten? Erzähl mir davon in den Kom­men­taren!


Dir hat dieser Bei­trag gefallen? Ich freue mich, wenn Du ihn teilst! Wenn Du über neue Bei­träge infor­miert werden möch­test, folg mir gern per RSS oder melde Dich für ein Abo per E‑Mail hier auf der Seite an.

11
Hinterlasse einen Kommentar

4 Comment threads
7 Thread replies
0 Followers
 
Most reacted comment
Hottest comment thread
6 Comment authors

Gute Vor­be­rei­tung und klare Vor­stel­lung” … in diesem Fall wäre ich nie aus­ge­wan­dert. ;)

Gisela Tromsdorf

Der kurze Abriss des Buches kommt mir sehr hoch­ge­sto­chen und intel­lek­tuell vor. Die meisten Aus­wan­derer gehen von ganz andren Vor­aus­set­zungen aus. An erster Stelle sollte bei der Vor­be­rei­tung das Erlernen der Sprache (Kurse bei der VHS) sein. Schritt 2: Alles Noe­tige ueber den Ver­wal­tungs­ap­parat eru­ieren. Was muss ich tun! ? Woh­nungs­suche, poli­zei­liche Anmel­dung, Finanzamt (Steu­er­nummer), wei­tere Aus­ku­enfte ueber Kran­ken­ver­si­che­rung, Auto­zu­las­sung, Schulen, Kita’s und alle Kosten. Ich habe das Buch nicht gelesen. Mich wuerde aber inter­es­sieren, ob auch ueber Rueck­wan­derer etwas zu lesen ist. Aus­wan­derer plün­dern gerne ihre Ren­ten­konten. Kommen Sie zurück pas­siert was? Leben Sie dann vom Staat? Das ist… Read more »

klebefolie

Aus­wan­dern ist schwie­riger als gedacht, wir ver­su­chen schon seid Monaten aus­zu­wan­dern. Aber man muss alles gut durch­denken, es klappt nicht immer so so wie man es sich vor­stellt. Danke für den Bei­trag.

Lg sina

Ellen & Jürgen

Aus­wan­dern oder Aus­steigen war gar­nicht unser Plan, als wir anfingen im Süden zu über­win­tern. Es gefiel uns ein­fach und wir haben es zeit­lich immer weiter aus­ge­dehnt und waren immer sel­tener in D. Selbst bei bezahltem Haus hat man dort mit allem drumrum fast mehr Kosten als das Leben im Süden kostet. Dann fragt man sich zwangs­läufig, ob man D nicht auf­gibt. Das taten wir dann vor über 10 Jahren und sind mit der Ent­schei­dung glück­lich. Aller­dings haben wir uns nicht auf ein Land fest­ge­legt, son­dern reisen mit Segel­boot und /oder Wohn­mobil durch Europa. Damit möchten wir sagen, dass man auch… Read more »