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Aus­wan­dern nach Kanada: Chris­tian über seine Erfah­rungen

7. April 2015
Auswandern nach Kanada: Christian im Zentrum von Vancouver

Zuletzt aktua­li­siert am 21. April 2020 um 17:19

Aus­wan­dern nach Kanada, davon träumen viele. Chris­tian (34) ging vor vier Jahren nach Vancouver. Der aus­ge­bil­dete Geo­loge liebt die viel­fäl­tige Land­schaft in seiner Wahl­heimat und dass sein Wohnort Vancouver so freund­lich, bunt und mul­ti­kulti ist. Den kana­di­schen Lebens­stil hat er längst ange­nommen, aber bei einem Thema ist er bis heute deutsch geblieben. Hier erzählt Chris­tian von seinen Erfah­rungen.


Dass ich nach Kanada aus­ge­wan­dert bin, hat letzt­lich mit meinem Beruf zu tun. Ich bin Geo­loge. In Deutsch­land gibt es für meinen Geschmack in diesem Bereich wenige inter­es­sante Stellen. Meist läuft es auf einen Bürojob hinaus. Das hat mich ein­fach nicht gereizt.

Aus­wan­dern nach Kanada: Chris­tians Erfah­rungen

Klar wurde mir das nach meinem Prak­tikum in Aus­tra­lien. Das war 2007, wäh­rend meines Stu­diums. Da habe ich acht Wochen lang im “Arka­roola Wil­der­ness Sanc­tuary”, einem Natur­schutz­ge­biet 700 Kilo­meter nörd­lich von Ade­laide, explo­riert. Explo­rieren – dar­unter ver­stehen Geo­logen die Suche nach Roh­stoff­vor­kommen in der Erd­kruste. Land­schaft­lich war das ein Traum – Gestein in den ver­schie­densten Rot­tönen, unbe­rührte Natur. Danach wusste ich: Ich will raus, ich will bud­deln, ich will dre­ckig werden bei der Arbeit.

Nach dem Stu­dium hätte ich mir vor­stellen können, nach Aus­tra­lien zurück­zu­gehen. Ich bekam aber kein neues Arbeits­visum. Also setzte ich mir etwas Neues in den Kopf: Aus­wan­dern nach Kanada. Tat­säch­lich fand ich wenig später über das Internet eine Firma, die einen Geo­logen in Vancouver suchte. Beim Vor­stel­lungs­ge­spräch über Skype saß ich mit einem Din-A-4-Zettel voller Stich­punkte vor dem Rechner. Ich kam gar nicht dazu, sie anzu­spre­chen. Nach fünf Minuten sagte mein neuer Chef: „Ok, Chris­tian. Ich freu mich auf dich!“

Das Leben in Kanada beginnt mit Work and Travel

Im April 2011 ging’s rüber, zunächst mit einem Working-Holiday-Visum. Mein erstes Pro­jekt führte mich ins Yukon-Ter­ri­to­rium im äußersten Nord­westen von Kanada. Die Land­schaft im Yukon ist atem­be­rau­bend. Ich war zur Zeit der Mit­ter­nachts­sonne da – der Himmel, die Berge, alles leuch­tete in warmen Farben, aber dunkel wurde es die ganze Nacht nicht. Da oben habe ich das Zeit­ge­fühl manchmal völlig ver­loren. Einmal war ich um 20 Uhr mit Kol­legen zum Grillen ver­ab­redet. Ich war voll­kommen in die Arbeit ver­tieft. Irgend­wann riefen die anderen auf dem Satel­li­ten­te­lefon an. Wo ich denn gewesen sei? Da war es schon halb zwei.

Christian im nordwestkanadischen Yukon

Unend­liche Weite: Chris­tians Leben in Kanada begann 2011 im Yukon

Die Wochen im Yukon ver­gingen, und mein Alltag in Vancouver begann. Vancouver, das war Liebe auf den ersten Blick. Ich komme aus Fil­der­stadt bei Stutt­gart, da wohnen 45.000 Menschen. Sehr große Städte mochte ich noch nie. Einmal habe ich einen Freund in Berlin besucht – und war froh, als ich wieder abfuhr. Zu erdrü­ckend. Vancouver ist anders. Zwar kommt die Stadt einem riesig vor, wenn man inmitten der Hoch­häuser in Down­town steht. Aber das täuscht. Eigent­lich ist sie ein Dorf. Und man hat die Natur vor der Haustür: Berge, Meer, Regen­wald – alles quasi um die Ecke.

 Über Umwege zum neuen Job in Vancouver

Hier wollte ich leben und tat­säch­lich richtig aus­wan­dern. Doch leider stellten sich die Daten aus dem Yukon als wenig viel­ver­spre­chend heraus. Die Firma ließ das Pro­jekt fallen – und mich auch, weil sie im Winter keinen Geo­logen brauchte. Wenig später fand ich wieder eine Stelle. Das neue Unter­nehmen wollte mich jedoch für ein Pro­jekt ins Aus­land schi­cken. Doch so lange mein Antrag auf mein Dau­er­visum nicht durch war, konnte ich nicht ein­fach nach Kanada ein- und aus­reisen, wie es mir beliebte.

Joffrey Lakes: Traumhafte Natur macht das Leben in Kanada aus

Nicht weit ent­fernt von Vancouver: die Joffrey Lakes

So kam es, dass ich eine Weile arbeitslos war. Da ließ ich mich auf ein Aben­teuer ein: Über Crai­gs­list fand ich eine Anzeige von einem Thun­fisch-Fischer aus Vancouver der einen Deck­helfer suchte. Cap­tain Gray war Anfang 60 und unge­heuer cha­ris­ma­tisch, so ein rich­tiger Seebär mit tiefer Stimme. Und noch dazu ein her­zens­guter Kerl. Bei unserem ersten Treffen fragte er mich, ob ich leicht see­krank werde. „Weiß nicht“, ant­wor­tete ich ihm, „ich war noch nie mit so einem Boot auf hoher See.“ Zur Not gebe es ja Tabletten, meinte der Cap­tain.

Zwei Wochen lang haben wir das Boot im Hafen her­ge­richtet, dann ging’s raus auf See. Bis 300 km süd­west­lich von Vancouver Island sind wir gefahren. Es war unbe­schreib­lich schön, mor­gens an Deck zu gehen, wenn der Pazifik voll­kommen still da lag. Oder von Dut­zenden Walen und Del­finen umringt zu sein. Diese Wochen auf dem Meer werde ich nie ver­gessen.

 Was Chris­tian an seinem Leben in Vancouver liebt

Inzwi­schen habe ich meine Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung und will hier nicht mehr weg. Ich liebe mein Leben in Kanada. Beson­ders die Sommer in Vancouver: Die letzten drei waren durch­ge­hend schön von Juni bis Ende Sep­tember. Bei so gutem Wetter fahre ich gern mit dem Fahrrad um den Stanley Park, Van­cou­vers wun­der­schönen Stadt­park, herum und an den Stränden ent­lang – am besten gleich eine große Runde über die ganze Sea­wall, die Ufer­mauer, die sich um den Park bis in die Stadt hinein erstreckt. Außerdem gefällt mir, dass die Stadt so mul­ti­kulti ist. Kaum jemand hier ist ursprüng­lich aus Vancouver und fast jeder hat Freunde aus aller Herren Länder. Eine bunte Gesell­schaft, alle mög­li­chen Nationen leben hier fried­lich zusammen.

Leben in Kanada: Wasserflugzeuge in Vancouver

Aus­wan­dern nach Kanada: Was­ser­flug­zeuge an Van­cou­vers Water­front

Beim Thema Geld bin ich noch sehr deutsch. Zwar zahle auch ich inzwi­schen fast überall mit Karte. Das ist hier so üblich: Die Leute tragen kein oder nur wenig Bar­geld mit sich herum. Aber ich habe ein Pro­blem damit, Schulden zu machen. Hier in Kanada es gang und gäbe, einen Kredit auf­zu­nehmen und abzu­zahlen, selbst wenn man keinen braucht. Auch mein Bank­be­rater rät mir dazu, denn sonst bekomme ich im Zweifel später keinen, wenn ich doch mal mehr Geld brauche. Ich finde das absurd.

Zur­zeit arbeite ich in einem Lager für E‑Zi­ga­retten-Bedarf mit ange­schlos­senem Labor. Die Arbeit macht mir Spaß. Lang­fristig ist das Ziel aber, irgend­wann wieder als Geo­loge zu arbeiten. Und wenn das alles nicht klappt: Jeden Sommer legt Cap­tain Gray mit seinem Boot vom Hafen hier in Vancouver ab. Da würde ich glatt noch mal anheuern.

So schön ist Vancouver

Aus­wan­dern nach Kanada: So schön ist Vancouver

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Hilfe beim Aus­wan­dern nach Kanada: Vor­aus­set­zungen und Link­tipps

Kanada gilt als offen und ein­wan­de­rungs­freund­lich. Dar­über hinaus ist das zweit­größte Land der Welt bekannt für seinen hohen Lebens­stan­dard, sein fort­schritt­li­ches Gesund­heits­system und nicht zuletzt für seine fan­tas­ti­sche und viel­sei­tige Natur. So ist es kein Wunder, dass Kanada eines der belieb­testen Aus­wan­de­rungs­länder welt­weit ist. Auch viele Deut­sche kehren ihrer Heimat jedes Jahr den Rücken, um sich in Kanada ein neues Leben auf­zu­bauen: Laut auswandern-info.com sind im Jahr 2018 fast 2400 Deut­sche nach Kanada über­ge­sie­delt. Von 2008 bis 2017 sollen offi­ziell 30.957 sogar Deut­sche dorthin aus­ge­wan­dert sein, wobei im selben Zeit­raum 18.997 nach Deutsch­land zurück zogen.

Aus­wan­dern nach Kanada – Alters­grenze

Wer aus Deutsch­land kommt und maximal 35 Jahre alt ist, kann, genau wie Chris­tian, zunächst mit einem 12 Monate gül­tigen Work-and-Travel-Visum ein­reisen. (Hier auf dem Blog gibt es  auch einen Bei­trag kon­kret zum Thema Work and Travel in Kanada.)

Ansonsten gibt es beim Aus­wan­dern nach Kanada keine Alters­grenze, aller­dings kommt seit 2015 ein Punk­te­system zum Ein­satz. 67 Punkte muss man min­des­tens, 100 Punkte kann man maximal erziehen. Per­sonen zwischen 21 und 49 Jahren können bis zu zehn Punkte für das Alter errei­chen. Wer jünger oder älter ist, bekommt Punkt­abzug, aber natür­lich ist das Aus­wan­dern nach Kanada als Renter auch mög­lich.

Gesuchte Berufe

Viele Inter­es­senten, die gern nach Kanada aus­wan­dern möchten und keinen kana­di­schen Ehe­partner haben, bewerben sich für den „Per­ma­nent Resi­dence Status“. („PR“).  Das bedeutet, sie ver­su­chen, als „skilled worker“ im Land Arbeit zu finden. Idea­ler­weise sind sie auf einem Fach­ge­biet aus­ge­bildet, in dem in Kanada ein Mangel herrscht. Wer den begehrten „PR-Status“ innehat, kann sich drei Jahre nach der Aus­stel­lung übri­gens auch um die kana­di­sche Staats­bür­ger­schaft bewerben.

Die besten Chancen haben Bewerber:innen, die auf ihrem Fach­ge­biet schon einige Jahre Berufs­er­fah­rung gesam­melt haben. Gesuchte Berufe in Kanada sind unter anderem medi­zi­ni­sche Berufe, zum Bei­spiel Arzt, Kran­ken­schwester oder Kran­ken­pfleger, Physiotherapeut:in. Gute Chancen haben außerdem Architekt:innen, Hotel- und Restau­rant­fach­kräfte und Hand­werker wie Schweißer, Schlosser, Klempner. Mehr Infor­ma­tionen rund um das Thema Arbeit finden und gesuchte Berufe in Kanada gibt es hier.

  Geld und Sprach­kennt­nisse

Wer sich ent­scheidet, nach Kanada über­zu­sie­deln, muss über ein gewisses Eigen­ka­pital ver­fügen. Laut dieser Quelle sollten Sin­gles umge­rechnet etwa 10.000, Fami­lien mit zwei Kinder 19.000 kana­di­sche Dollar vor­weisen können.

Gute Eng­lisch- oder Fran­zö­sisch­kennnt­nisse, also gute Kennt­nisse zumin­dest einer der beiden kana­di­schen Amts­spra­chen (besser beide)  grund­le­gend. Die Eig­nung der Anwärter:innen wird seit 2015 wie gesagt mit einem Punk­te­system bewertet, bei dem neben dem Alter, der Berufs­er­fah­rung und wei­terer Qua­li­fi­ka­tionen auch die  sprach­li­chen Fähig­keiten eine Rolle spielen. Essen­ziell für den Bewer­bungs­pro­zess um das Visum ist natür­lich auch, dass die Kandidat:innen einen kana­di­schen Arbeit­geber finden, die ihnen eine Arbeits­stelle anbieten. Ohne eine feste Stelle sind die Chancen auf den „Per­ma­nent Resi­dent Status“ heute gleich null, wie dieser Bei­trag über Kanadas neue Ein­wan­de­rungs­po­litik nahe­legt.

Auf auswandern-info.com gibt es genauere Hin­weise zu Ein­rei­se­be­stim­mungen und dau­er­haften Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung für Kanada. Auch auslandslust.de infor­miert über­sicht­lich über Mög­lich­keiten, nach Kanada aus­zu­wan­dern. Man kann zum Bei­spiel auch ein Auf­ent­halts­recht bekommen, wenn man im Land  inves­tiert. Doch die Mög­lich­keit, ein Inves­toren-Visum zu bekommen, hat der Groß­teil der Inter­es­senten selbst­ver­ständ­lich nicht, ebenso wenig wahr­schein­lich wollen sie als Pri­va­tier nach Kanada aus­wan­dern.

Wei­tere Erfah­rungen von Aus­wan­de­rern

Um Ein­blicke in das Leben in Kanada zu bekommen – und zwar vor allem durch die Brille von Menschen, die zuvor eben­falls in Deutsch­land oder Europa gelebt haben – ist es ratsam, Erfahrungsberichte von Aus­wan­de­rern zu lesen zu sehen. Ein paar Emp­feh­lungen kommen hier:

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Aus­wan­dern nach Kanada – oder anders­wohin: Hast Du ähn­liche Erfah­rungen? Warst Du auch eine Weile im Aus­land oder bist sogar aus­ge­wan­dert? Erzähle mir Deine Geschichte! Schreib mir eine E‑Mail an susanne@fluegge-blog.de


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4 Comments
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Marina Plötz
9. April 2015 6:09

Man liest irgendwie schon raus,daß Du Dich mit dieser Liebe auf den ersten Blick sehr identifizierst!?Schön auf den Punkt gebracht,weiter so!Deine treue Leserin.

Jan
13. Juni 2017 6:21

Schön geschrieben von Chris­tian! Seine Offen­heit, auch mal andere Jobs anzu­nehmen und seine Stan­dards in der Job­suche nicht nur auf seine eigent­liche Pro­fes­sion zu beschränken, hat ihm dann ja wirk­lich so einige Erfah­rungen ermög­licht.
Er spricht in seinem Bei­trag auch von einem “Dau­er­vi­sium” — wel­ches meint er da genau? So wie ich es ver­stehe, hat er es ohne spon­so­ring eines festen Arbeit­ge­bers bekommen? Hast du da nähere Infor­ma­tionen zu oder kann man Chris­tian auch per­sön­lich errei­chen?
Grüße aus Maas­tricht, Jan