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„Vancouver war Liebe auf den ersten Blick“

Autorin
Leben in Kanada: Downtown Vancouver

Leben in Kanada, davon träumen viele. Christian (34) ging vor vier Jahren nach Vancouver. Der Geologe liebt die vielfältige Landschaft in seiner Wahlheimat. Und dass sein Wohnort Vancouver so multikulti ist. Bei einem Thema ist er bis heute sehr deutsch geblieben.


Dass ich nach Kanada ausgewandert bin, hat letztlich mit meinem Beruf zu tun. Ich bin Geologe. In Deutschland gibt es für meinen Geschmack in diesem Bereich wenige interessante Stellen. Meist läuft es auf einen Bürojob hinaus. Das hat mich einfach nicht gereizt.

Klar wurde mir das nach meinem Praktikum in Australien. Das war 2007, während meines Studiums. Da habe ich acht Wochen lang im „Arkaroola Wilderness Sanctuary“, einem Naturschutzgebiet 700 Kilometer nördlich von Adelaide, exploriert. Explorieren – darunter verstehen Geologen die Suche nach Rohstoffvorkommen in der Erdkruste. Landschaftlich war das ein Traum – Gestein in den verschiedensten Rottönen, unberührte Natur. Danach wusste ich: Ich will raus, ich will buddeln, ich will dreckig werden bei der Arbeit.

Nach dem Studium hätte ich mir vorstellen können, nach Australien zurückzugehen. Ich bekam aber kein neues Arbeitsvisum. Also setzte ich mir Kanada in den Kopf. Tatsächlich fand ich wenig später über das Internet eine Firma, die einen Geologen in Vancouver suchte. Beim Vorstellungsgespräch über Skype saß ich mit einem Din-A-4-Zettel voller Stichpunkte vor dem Rechner. Ich kam gar nicht dazu, sie anzusprechen. Nach fünf Minuten sagte mein neuer Chef: „Ok, Christian. Ich freu mich auf dich!“

Christians Leben in Kanada beginnt mit Work and Travel

Im April 2011 ging’s rüber, zunächst mit einem Working-Holiday-Visum. Mein erstes Projekt führte mich ins Yukon-Territorium im äußersten Nordwesten Kanadas. Die Landschaft im Yukon ist atemberaubend. Ich war zur Zeit der Mitternachtssonne da – der Himmel, die Berge, alles leuchtete in warmen Farben, aber dunkel wurde es die ganze Nacht nicht. Da oben habe ich das Zeitgefühl manchmal völlig verloren. Einmal war ich um 20 Uhr mit Kollegen zum Grillen verabredet. Ich war vollkommen in die Arbeit vertieft. Irgendwann riefen die anderen auf dem Satellitentelefon an. Wo ich denn gewesen sei? Da war es schon halb zwei.

Leben in Kanada: Chris im Yukon

Unendliche Weite: Christian 2011 im Yukon

Die Wochen im Yukon vergingen, und mein Leben in Kanada begann. Das war Liebe auf den ersten Blick. Ich komme aus Filderstadt bei Stuttgart, da wohnen 45.000 Menschen. Sehr große Städte mochte ich noch nie. Einmal habe ich einen Freund in Berlin besucht – und war froh, als ich wieder abfuhr. Zu erdrückend. Vancouver ist anders. Zwar kommt die Stadt einem riesig vor, wenn man inmitten der Hochhäuser in Downtown steht. Aber das täuscht. Eigentlich ist sie ein Dorf. Und man hat die Natur vor der Haustür: Berge, Meer, Regenwald – alles quasi um die Ecke.

Hier wollte ich leben. Doch leider stellten sich die Daten aus dem Yukon als wenig vielversprechend heraus. Die Firma ließ das Projekt fallen – und mich auch, weil sie im Winter keinen Geologen brauchten. Wenig später fand ich wieder eine Stelle. Das neue Unternehmen wollte mich jedoch für ein Projekt ins Ausland schicken. Doch so lange mein Antrag auf mein Dauervisum nicht durch war, konnte ich nicht einfach ein- und ausreisen, wie es mir beliebte.

So kam es, dass ich eine Weile arbeitslos war. Da ließ ich mich auf ein Abenteuer ein: Über Craigslist fand ich eine Anzeige von einem Thunfisch-Fischer der einen Deckhelfer suchte. Captain Gray war Anfang 60 und ungeheuer charismatisch, so ein richtiger Seebär mit tiefer Stimme. Und ein herzensguter Kerl. Bei unserem ersten Treffen fragte er nur, ob ich leicht seekrank werde. „Weiß nicht“, antwortete ich ihm, „ich war noch nie mit so einem Boot auf hoher See.“ Zur Not gebe es ja Tabletten, meinte der Captain.

Zwei Wochen lang haben wir das Boot im Hafen hergerichtet, dann ging’s raus. Bis 300 km südwestlich von Vancouver Island sind wir gefahren. Es war unbeschreiblich schön, morgens an Deck zu gehen, wenn der Pazifik vollkommen still lag. Oder von Dutzenden Walen und Delfinen umringt zu sein. Diese Wochen auf dem Meer werde ich nie vergessen.

Inzwischen habe ich meine Aufenthaltsgenehmigung und will hier nicht mehr weg. Ich liebe die Sommer in Vancouver. Die letzten drei waren durchgehend schön von Juni bis Ende September. Bei so gutem Wetter fahre ich gern mit dem Fahrrad um den Stanley Park herum und an den Stränden entlang – am besten gleich eine große Runde über die ganze Seawall. Außerdem gefällt mir, dass die Stadt so multikulti ist. Kaum jemand hier ist ursprünglich aus Vancouver, fast jeder hat Freunde aus aller Herren Länder. Eine bunte Gesellschaft, alle möglichen Nationen leben hier friedlich zusammen.

Leben in Kanada: Wasserflugzeuge Vancouver

Geparkte Wasserflugzeuge an Vancouvers Waterfront – mitten im Stadtzentrum

Beim Thema Geld bin ich noch sehr deutsch. Zwar zahle auch ich inzwischen fast überall mit Karte. Das ist hier so üblich: Die Leute tragen kein oder nur wenig Bargeld mit sich herum. Aber ich habe ein Problem damit, Schulden zu machen. Hier ist es gang und gäbe, einen Kredit aufzunehmen und abzuzahlen, selbst wenn man keinen braucht. Auch mein Bankberater rät mir dazu, denn sonst bekomme ich im Zweifel später keinen, wenn ich doch mal mehr Geld brauche. Ich finde das absurd.

Zurzeit arbeite ich in einem Lager für E-Zigaretten-Bedarf mit angeschlossenem Labor. Die Arbeit macht mir Spaß. Langfristig ist das Ziel aber, irgendwann wieder als Geologe zu arbeiten. Und wenn das alles nicht klappt: Jeden Sommer legt Captain Gray mit seinem Boot vom Hafen ab. Da würde ich glatt noch mal anheuern.


Hast auch Du  eine Reise gemacht, die Dich verändert hat? Warst Du eine Weile im Ausland oder bist sogar ausgewandert? Erzähle mir Deine Geschichte! Schreib mir eine E-Mail an susanne (at) fluegge-blog (punkt) de oder nutze das Kontaktformular.


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Kommentare

4
  • Marina Plötz

    Man liest irgendwie schon raus,daß Du Dich mit dieser Liebe auf den ersten Blick sehr identifizierst!?Schön auf den Punkt gebracht,weiter so!Deine treue Leserin.

    • Susanne

      Für mich war Vancouver auch „Liebe auf den ersten Blick“, keine Frage – aber das sind allein Christians Worte. 🙂

  • Jan

    Schön geschrieben von Christian! Seine Offenheit, auch mal andere Jobs anzunehmen und seine Standards in der Jobsuche nicht nur auf seine eigentliche Profession zu beschränken, hat ihm dann ja wirklich so einige Erfahrungen ermöglicht.
    Er spricht in seinem Beitrag auch von einem „Dauervisium“ – welches meint er da genau? So wie ich es verstehe, hat er es ohne sponsoring eines festen Arbeitgebers bekommen? Hast du da nähere Informationen zu oder kann man Christian auch persönlich erreichen?
    Grüße aus Maastricht, Jan

    • Susanne

      Hi Jan, vielen Dank (wobei ich die hier Poträtierten interviewe und den Text dann selbst verfasse, aber egal). Ich meine, er spricht von der Permanent Residency, die dann vorerst für fünf Jahre gilt. Ich kann ihn gern fragen, ob Du ihm einfach mal eine Mail schreiben kannst. Grüße zurück!

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