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Thai­land: Leben und leben lassen

Autorin
Leben in Thailand als Familie

Chris­tian (39) hat sein Herz an die kleine Stadt Pai im ber­gigen Norden von Thai­land ver­loren. Gemeinsam mit seiner Frau Vic­toria und seinem Sohn Liam ver­bringt er dort meh­rere Monate im Jahr. Was ihm am Leben in Thai­land so gut gefällt, erzählt er hier.


Es begann mit einer Reise im Jahr 2006: Wir, meine Frau Vic­toria und ich, hatten gerade unser Stu­dium abge­schlossen und wollten ein wenig mehr von der Welt sehen. Wir reisten nach Aus­tra­lien, Neu­see­land und Thai­land und ver­brachten viel Zeit am Meer. In Pai, im ber­gigen Norden Thai­lands, sind wir nur zufällig gelandet. Aber nir­gendwo haben wir uns so schnell wohl gefühlt und Freund­schaften geschlossen wie in diesem Städt­chen 130 Kilo­meter nord­west­lich von Chiang Mai.

Wir fingen an, stern­förmig um den Ort her­um­zu­reisen. Es zog uns ein­fach immer wieder an ihn zurück. Von Jahr zu Jahr wurden die Phasen, in denen wir uns hier auf­hielten, länger, bis Pai schließ­lich viel mehr als ein zweites Zuhause für uns war. Inzwi­schen ver­bringen wir Jahr für Jahr meh­rere Monate am Stück hier.

Leben in Thai­land: Gutes Essen und andere Annehm­lich­keiten

Was Pai, dieses Städt­chen mit nicht mal 5000 Ein­woh­nern, so beson­ders macht, ist seine sel­tene Mischung aus Ruhe und inter­na­tio­nalem Flair. Der Ort ist vom Mas­sen­tou­rismus weit­ge­hend ver­schont geblieben, weil er drei Auto­stunden vom nächsten großen Flug­hafen ent­fernt liegt. Den­noch hat sich hier schon vor langer Zeit eine Expat-Kultur eta­bliert. Die Aus­länder haben Pai auf viele Arten mit­ge­prägt. Zum Bei­spiel kuli­na­risch: Hier leben pas­sio­nierte Gas­tro­nomen aus der ganzen Welt. Die Aus­wahl an Speisen ist im Ver­hältnis zur Größe des Ortes gigan­tisch, man bekommt fast alles in sehr guter Qua­lität. Da ist die win­zige Gar­küche, die Reis mit Hähn­chen ver­kauft, und keine drei Roll­er­mi­nuten weiter das edle Restau­rant mit tos­ka­ni­schem Ambi­ente, in dem man her­vor­ra­gendes Steak bekommt. Das schätzen viele Bewohner und essen ent­spre­chend oft aus­wärts. Wir natür­lich auch. Ich habe mir nicht nur einmal vor­ge­nommen, öfter selbst zu kochen, aber es lohnt sich ein­fach nicht. Thai-Gerichte zum Bei­spiel sind in den Gar­kü­chen unschlagbar günstig und schme­cken dort um Längen besser, als ich sie je hin­be­kommen würde.

Leben in Thailand: Pai inmitten von gruenen Huegeln

Leben in Thai­land: So schön liegt Pai. Alle Fotos dieses Bei­trags hat mir Chris­tian zur Ver­fü­gung gestellt.

Pai liegt im Grünen, man kann hier Fahr­rad­touren und Wan­de­rungen durch die Natur unter­nehmen und hat von überall einen fan­tas­ti­schen Aus­blick auf die Berge. Natür­lich hat sich der Ort in den letzten Jahren ver­än­dert: Gab es 2006 zum Bei­spiel nur einen „7 Eleven“, sind es mitt­ler­weile neun. Auch die Preise haben ange­zogen. Günstig leben kann man hier aber immer noch und natür­lich spielt auch das eine große Rolle für uns: Mit unserem Ein­kommen erhalten wir hier wesent­lich mehr als anderswo. Das nimmt viel Druck im Alltag weg und es lebt sich so ein­fach ent­spannter.

Top-Kar­riere, wenig Frei­heit? Nein, Danke.

Es gibt bei allen Annehm­lich­keiten auch Dinge, die wir von zu Hause ver­missen. Aber eine Sache gehört nicht dazu: Die Ernst­haf­tig­keit, die man in Deutsch­land an den Tag legt, und zwar nicht nur in Sachen Arbeit. Das hat uns über die Jahre immer wieder geär­gert. Als wir planten, ein zweites Mal für meh­rerer Monate zu reisen, kamen von allen vielen Zweifel und die typisch deut­schen Sorgen um finan­zi­elle Sicher­heit und Rente.

Vic­toria und ich haben beide sehr erfolg­reich BWL stu­diert. „Warum geht Ihr denn nicht zu BMW oder zu einer Unter­neh­mens­be­ra­tung?“ Die Frage stand nach dem Stu­dium häufig im Raum. Fast ebenso häufig stieß unsere Ant­wort auf Unver­ständnis: „Weil wir keine Lust auf so ein Leben haben.“ Es ist so: Wer gleich nach dem Stu­dium bei einer Unter­neh­mens­be­ra­tung ein­steigt, kann mit 35 Jahren eine Eigen­tums­woh­nung kaufen. Aber so ein Job erfor­dert hun­dert­pro­zen­tigen Ein­satz. Sab­ba­ti­cals mag es zwar geben, aber oft ver­gehen Jahre, bis Inter­es­senten ihre Aus­zeit nehmen können.

Thai­land: Frei leben, frei arbeiten, frei lernen

Eine Kar­riere im klas­si­schen Sinne hat uns beide nie gereizt. Schon wäh­rend des Stu­diums haben wir nebenbei selbst­ständig gear­beitet, um später freier schalten und walten zu können. Ich hatte eine kleine Web­de­sign-Agentur und zusammen betreiben wir seit 2010 eine Rik­scha-Firma, über die wir Fahrten durch Mün­chen ver­mit­teln. Früher sind wir in der Saison auch selbst aufs Rad gestiegen. Von unter­wegs arbeite ich eben­falls als freier Web­de­si­gner und helfe Kunden mit ihrem Inter­net­auf­tritt. Außerdem berate ich andere digi­tale Nomaden. Zusätz­lich betreuen meine Frau und ich gemeinsam die Web­seite einer Kin­der­moden-Desi­gnerin, mit der wir befreundet sind.

Christian und Victoria leben in Thailand so lange am Stück es geht

Glück­lich in Pai: Chris­tian und seine Frau Vic­toria (37)

Nebenbei erzählen wir auf unserem Blog nestingnomads.de von unserem Leben in Thai­land. Es geht häufig um die thai­län­di­sche Kultur und um Tipps zum ange­mes­senen Ver­halten als Gast, wir setzen uns dort aber auch mit dem Noma­dentum aus­ein­ander. Die meisten E-Mails bekommen wir von Fami­lien, die sich für unsere Art zu leben inter­es­sieren. Wir können uns den Tag frei ein­teilen und nach Lust und Laune etwas mit Liam, unserem Sohn, unter­nehmen.

Hier in Pai inter­es­siert es aber auch nie­manden so genau, womit wir unser Geld im Ein­zelnen ver­dienen und wie wir unseren Alltag gestalten. Genau das schätze ich an unserem Leben in Thai­land: dass wir uns nicht recht­fer­tigen müssen. Übri­gens auch nicht dafür, dass Liam nicht zur Schule geht. In Deutsch­land führt das meist zu einer Reihe von ungläu­bigen Fragen, wenn nicht direkt zu Ver­ur­tei­lungen. Hier über­wiegt die Neu­gier, wenn Leute wissen möchten, wie wir es mit der Schul­bil­dung unseres Sohnes halten.

Das Leben in Thai­land ist loh­nender – vor allem mit Kind

Liam ist Frei­lerner und eignet sich Wissen je nach Inter­essen an. Meh­rere Fami­lien in unserem Umfeld haben es auch so gemacht und uns inspi­riert. Bevor unser Sohn ins Schul­kind­alter kam, haben wir uns des­halb genau infor­miert und fest­ge­stellt: Es gibt für alles eine Lösung. Er ist aus Deutsch­land abge­meldet und des­wegen auch nicht schul­pflichtig. Wir unter­richten ihn zu Hause und haben jeder­zeit die Mög­lich­keit, Pri­vat­lehrer und -leh­re­rinnen zu enga­gieren. Liam spricht mit seinen sieben Jahren Deutsch, Eng­lisch und auch ganz gut Thai. Täte er sich schwer ohne die Struk­turen eines Schul­all­tags, würden wir ihn in einer Schule anmelden. Aber er hat Spaß am freien Lernen und kommt gut voran.

Vater und Sohn

Vater und Sohn: Fle­xible Arbeits­zeiten erlauben Chris­tian, auch mal spontan Zeit mit Liam (7) zu ver­bringen

Als er geboren wurde, glaubten Freunde und Familie, dass wir nun ein für allemal in Deutsch­land bleiben. Statt­dessen war unser Kind nur ein Grund mehr, Thai­land zu unserem Lebens­mit­tel­punkt zu machen. Bis Liam ein Jahr alt war, wohnten wir durch­ge­hend in Mün­chen, doch dann zog es uns wieder öfter nach Pai. Zum einen fühlen wir uns im Warmen ein­fach wohler. Zum anderen ist der Umgang mit kleinen Kin­dern hier loh­nender, sowohl für unseren Sohn als auch für uns als Eltern. Wo wir mit Liam auch hin­kamen, in Thai­land war er überall der Star. In Deutsch­land muss man sich fast ent­schul­digen, wenn man mit einem Klein­kind zum Bei­spiel in einen Bus steigt. In Thai­land stört sich nie­mand an Kin­dern, im Gegen­teil: Man schenkt ihnen beson­ders viel Auf­merk­sam­keit.

Über­haupt mag ich das Mit­ein­ander hier sehr. Viele unserer Freunde in Pai haben Lokale. Wir können immer spontan vor­bei­schauen. Oft kommen andere Freunde dazu, die in der Nähe wohnen, und schon sitzen wir zu zehnt in lus­tiger Runde, wäh­rend unsere Kinder spielen. In Mün­chen dagegen sind spon­tane Treffen kaum mög­lich. Mit Glück findet man inner­halb von zwei Wochen einen Termin.

Christian baut ein Tor für die Kids

Tore bauen für die Kinder, auch dafür bleibt genü­gend Luft

Die meisten unserer Freunde sind west­lich-thai­län­di­sche Paare und Expats wie wir. Wirk­lich an Thais her­an­zu­kommen, finde ich nicht leicht. Ich erlebe sie als sehr freund­lich, aber auch als miss­trau­isch und vor­sichtig. Geschäfte machen sie eher mit Lands­leuten, Pri­vates tau­schen sie auch lieber unter­ein­ander aus. Was die Sprache angeht, sind sie tole­rant und prag­ma­tisch: Die meisten spre­chen gutes Eng­lisch und erwarten von den Zuge­zo­genen nicht, dass sie Thai beherr­schen – immerhin eine Sprache, bei der jede Silbe fünf ver­schie­dene Bedeu­tungen haben kann. Vic­toria und ich ver­stehen inzwi­schen viel, haben die thai­län­di­sche Sprache aber nie richtig gelernt. Wer weiß, viel­leicht holen wir das irgend­wann nach.

Nach­teile gibt es auch: Einer nennt sich „Smoke Season“

So man­ches Mal haben wir uns aber auch dafür ver­flucht, unser Herz an Pai ver­loren zu haben. Von Mitte Februar bis April ist der Norden Thai­lands unbe­wohnbar. Aus­ge­rechnet in der hei­ßesten und tro­ckensten Zeit des Jahres werden Felder und getrock­netes Blatt­werk vor der neuen Aus­saat abge­brannt. Die Rauch­be­las­tung ist dann so hoch, dass man kaum atmen und sehen kann. Wegen der Tal­lage zieht der Qualm nicht ab, zumal in diesen Monaten kein Lüft­chen weht. Von Jahr zu Jahr wird die „Smoke Season“ schlimmer. Viele Menschen landen mit Atem­wegs­be­schwerden im Kran­ken­haus. Auch die Ein­hei­mi­schen ver­lassen Pai für ein paar Wochen, sofern ihnen das irgendwie mög­lich ist. Wir fliehen meist ans Meer, dieses Jahr waren wir auf Ko Phayam.

  • Leben in Thailand: Pai zur Smoke Season
    Abge­brannt: Die Smoke Season macht Bewoh­nern …

Auch die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung ist nicht ideal. Eine gute Infra­struktur und geölte Abläufe, wie wir sie aus Deutsch­land kennen, gibt es nicht. Zum nächsten gut aus­ge­stat­teten Kran­ken­haus in Chiang Mai sind es drei Stunden Fahrt und 762 Kurven, etliche Schlag­lö­cher und Staub inklu­sive. Sollte einer von uns schwer erkranken, stellt uns das vor meh­rere Pro­bleme. Das zu wissen, fühlt sich nicht so gut an, ist für uns dann wie­derum aber auch kein Grund, nicht hier zu sein. Im Leben pas­sieren einem Dinge, von denen sich viele selbst unter opti­malen Bedin­gungen nicht ver­hin­dern lassen. Mit etwas Umsicht und Eigen­ver­ant­wor­tung können wir auch hier nachts ruhig schlafen.

Leben in Thailand: Mit dem Motorrad von A nach B

In Thai­land fahren Chris­tian und Vic­toria auch Motorrad, Nor­ma­ler­weise ohne Fracht wie diese

Es man­gelt in Thai­land und beson­ders in Pai außerdem an Frei­zeit­mög­lich­keiten für Kinder und Jugend­liche. Seit neu­estem gibt es einen Mini-Skate­park, für andere Unter­neh­mungen müssen wir aber nach Chiang Mai fahren. Dort wie­derum kosten Ange­bote wie der Besuch einer Klet­ter­halle fast so viel Geld wie in Mün­chen. Das können sich nur reiche Thais und Aus­länder öfter leisten. Der Mangel bedeutet aber nicht, dass die Kinder in Pai unglück­lich sind. Sie ver­bringen die meiste Zeit mit Freunden in der Natur und brauchen im Grunde auch nicht viel mehr.

Leben in Thai­land und anderswo: Hin­ter­fragen, neu bewerten

Ob wir in fünf Jahren noch hier sind, weiß ich nicht. Im Augen­blick sind wir hier sehr glück­lich. Das Ent­schei­dende ist wohl, dass unser Alltag viel Abwechs­lung bietet. So haben wir nie das Gefühl, auf den nächsten Urlaub hin­ar­beiten zu müssen. Lehr­reich ist das Leben in Thai­land auch: Ich gehe heute zum Bei­spiel anders mit dem Gefühl des Fremd­seins um. Sieht man einmal vom Freun­des­kreis ab, fühle ich mich in Thai­land noch immer oft wie ein Besu­cher. Ich bin die Lang­nase, der Fremde, der Andere, ich komme immer erst einmal einmal in die Schub­lade „weißer Touri“. Anfangs fühlte ich mich hin und wieder auf den Schlips getreten, inzwi­schen nehme ich mich selbst nicht mehr so wichtig. Für meinen Sohn freut es mich unge­mein, dass seine Freunde aus fünf­zehn Nationen kommen. Für ihn gibt es keine Haut­farben und wer woher kommt, spielt für ihn keine Rolle. Er hat kein absolut kein Pro­blem, mit Kin­dern zu spielen, deren Sprache er nicht ver­steht und wird sich ver­mut­lich später als Erwach­sener nicht als Deut­scher oder Thai­länder defi­nieren, son­dern ein­fach als Mensch.

So schön liegt das thailändische Pai

Das Leben in der Ferne hat mich zum Neu­be­werten und Hin­ter­fragen von Dingen gebracht, die ich viel­leicht viel länger ein­fach hin­ge­nommen hätte, hätte ich immer am selben Ort gelebt. Was ich wirk­lich brauche und was mich glück­lich macht, wurde mir erst in Thai­land so richtig klar. Ich habe gelernt, die äußere Stimme abzu­stellen, die mir gesagt hat, was ver­meint­lich zu einem glück­li­chen Leben gehört. Seitdem höre ich auf meine eigene Stimme – und auch diese hin­ter­frage ich regel­mäßig. Wir ver­bringen nach viele Monate im Jahr in Thai­land, reisen aber den­noch auch an andere Orte auf der Welt und ich emp­finde das als sehr berei­chernd. Jeder Sze­nen­wechsel bringt neue Ideen und eine ver­än­derte Sicht­weise mit sich. Das ist jedes Mal wie eine Kur für die Seele und den Geist.


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Danke. Ich bin oef­ters in Bangkok zu Besuch und wollte immer schon mal aus­ser­halb umsehen. Werde ich machen. Gru­esse aus Neu­see­land

Werder Max

Wir sind mit 52 nach Ban Chang Rayong Thai­land aus­ge­wan­dert jetzt sind wir 53, also genau 1 Jahr und wir wollen auch nicht mehr zurück.
Tolle Story!
LG

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Hi, ich bin Susanne, Journalistin und Reisende. Ich liebe Geschichten vom Reisen und Auswandern (auch allein!). Zurzeit lebe ich in Kathmandu, Nepal. Mehr über mich erfährst Du hier.

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