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Liebe für die Elefanten

Autorin
Elefanten im Elephant Nature Park, Chiang Mai, Thailand

Im Ele­phant Nature Park nahe Chiang Mai im Norden Thai­lands finden miss­han­delte, trau­ma­ti­sierte Dick­häuter ein Zuhause. Eine Geschichte über ein groß­ar­tiges Tier­schutz­pro­jekt – und der Ver­such einer Wie­der­gut­ma­chung.


Der Abspann läuft. Nancy erhebt sich vom Bei­fah­rer­sitz und dreht sich zu uns um. Die junge Thai­län­derin in Jacke und Schirm­mütze aus Jeans ist heute unser Tour­guide. „Nessy“ hatten wir alle ver­standen, als sie sich uns vor­stellte, kaum dass wir in den Trans­porter gestiegen waren. Nancy lächelte ver­legen und klärte das Miss­ver­ständnis auf. Jetzt klappt sie den kleinen Bild­schirm im Mit­tel­gang ein und sieht uns ein­dring­lich an.

Ele­phant never forget“, sagt sie und fängt den Blick der Ame­ri­ka­nerin neben mir auf, die noch immer die Hand vor den Mund hält.

Wir sind unter­wegs zum Ele­phant Nature Park, einer Zufluchts­stätte für miss­han­delte und ver­letzte Elefanten, eine Auto­stunde nörd­lich von Chiang Mai. Das Video erzählt vom frü­heren Leben der Tiere: Elefanten in Ketten ziehen Baum­stämme steile Hänge hinauf und führen Kunst­stücke im Zirkus vor. Ein Jung­tier wird zum Bet­teln durch die Men­schen­menge auf Chiang Mais Nacht­markt getrieben und schwingt nervös den Kopf vor und zurück. Ein Bulle führt noch Jahre nach seiner Befreiung die Bewe­gungen aus, zu denen er unter Schlägen mit einem Haken beim Holz­trans­port gezwungen wurde. Von Sequenz zu Sequenz wuchs der Kloß in meinem Hals. „Es ist wahr, was man über Elefanten sagt“, setzt Nancy nach, „sie sind unge­heuer klug. Und sie ver­gessen nichts. Nie­mals.“

Der Ele­phant Nature Park liegt im Norden von Thai­land

Draußen zieht Thai­lands ber­giger, satt-grüner Norden vorbei. Drinnen wird unser Tour­guide wieder ver­legen. Mehr­mals ent­schul­digt sich Nancy für ihr schlechtes Eng­lisch, wäh­rend sie von der Ent­ste­hung des Parks erzählt: Eine Frau namens Lek Chai­lert, auf­ge­wachsen in einem Dorf in der Nähe, hat es sich zur Auf­gabe gemacht, miss­brauchte Elefanten von ihren Besit­zern frei­zu­kaufen, ihre Wunden zu ver­sorgen und ihnen ein Leben ohne Qualen zu schenken. Nie wieder würden die Tiere im Ele­phant Nature Park arbeiten und Tricks vor­führen müssen, nie wieder von Tou­risten geritten. Anders als in so vielen anderen Parks im Land.

Elefant im Elephant Nature Park, Chiang Mai, Thailand

Die Tiere leben im Ele­phant Nature Park in Frieden

Dass einmal genü­gend zah­lende Besu­cher kommen – so richtig wollte nie­mand daran glauben, als Lek ihr Pro­jekt 1995 ins Leben rief. Bis heute haben 64 Elefanten in der 100-Hektar-großen Anlage im Norden Thai­lands ein Zuhause gefunden. Und Rei­sende in Chiang Mai hören von allen Seiten die dring­liche Emp­feh­lung, eine Tour in den Ele­phant Nature Park zu buchen. „Da wird nicht geritten. Und Besu­cher packen mit an.“ Das hat auch mich über­zeugt.

Ich habe näm­lich etwas wieder gut zu machen.

Bali, ein Tag im Oktober 2013. „Ele­phant Keeper“ steht auf dem T-Shirt des Mahouts, der auf dem Kopf des Tieres sitzt. Hinter ihm tau­schen meine Freundin Lara und ich im Holz­sattel rat­lose Blicke aus. Auf der Hälfte der asphal­tierten Strecke steigt der Mann ab und macht Fotos, der Ele­fant hebt auf Kom­mando seinen Rüssel. Erst danach darf das Tier aus einem beto­nierten Was­ser­loch trinken. Von hier aus können wir schon das Pär­chen sehen, das nach uns auf ihm reiten wird.

Auf meinen Wangen brennt Scham. Wie immer wenn ich daran denke.

Wenn wir die Elefanten zu uns holen, sind sie schwer trau­ma­ti­siert“, sagt Nancy, als wir das Gelände errei­chen. Eine Mili­se­kunde lang frage ich mich, ob es nicht gefähr­lich ist, ihnen so nahe zu kommen, bis der Frieden dieses Ortes den Gedanken ein­fach weg­schwemmt. Ich stehe im zu allen Seiten offenen Haupt­haus. Vogel­stimmen dringen an mein Ohr, als ich die ersten Dick­häuter gemäch­lich in der Ferne durch das Grün laufen sehe.

Elefanten im Elephant Nature Park, Chiang Mai, Thailand

Minuten später steckt Jun Peng ihren Rüssel durch die Streben der Umran­dung und tastet den Holz­boden ab. Nancy zeigt uns, wie wir die 75-jäh­rige Ele­fan­ten­dame richtig füt­tern. Jun Peng ist blind, wie so viele Tiere hier. Auf Nancys Stich­wort hebt sie den Rüssel, ich lege ein Melo­nen­stück von unten hinter die Öff­nung, fühle ihren Griff und sehe es in ihrem Maul ver­schwinden. Und gleich noch eins. Und noch eins.

Viele der geret­teten Elefanten im Park sind blind

Es ist heiß. Son­nen­strahlen bre­chen durch die Wolken, als wir uns von hier aus in Bewe­gung setzen. Unser Tour­guide spannt zügig einen Schirm auf. „Ich weiß, ihr findet das ver­rückt. Aber ich will nicht braun werden“, sagt sie und kichert. Langsam laufen wir hinter Nancy über die Wiese, bleiben immer wieder stehen, um die Tiere zu beob­achten, die in Grüpp­chen bei­ein­an­der­stehen und fressen. „Die Elefanten suchen sich hier ihre Familie aus“, erklärt unser Guide jetzt wieder mit fester Stimme. „Ihre Freund­schaften halten ein Leben lang. Wird ein Baby geboren, küm­mern sich alle Weib­chen um das Kleine. Stirbt ein Tier, trauert die ganze Gruppe zusammen.“

Sie erzählt uns die Geschichten der ein­zelnen Elefanten, jede von ihnen herz­zer­rei­ßend. Lucky ist Zeit ihres Lebens im Zirkus auf­ge­treten und vom grellen Schein­wer­fer­licht erblindet. Jokia musste hoch­schwanger Baum­stämme schleppen und verlor ihr Baby am Hang. Ihr Besitzer erlaubte ihr nicht, nach dem Kalb zu sehen und schoss mit einer Schleuder auf sie, als sie sich wei­gerte, wei­ter­zu­ar­beiten. Dabei verlor sie auf einer Seite ihr Augen­licht, wenig später stach er ihr das andere Auge aus. Sri Prae trat bei der Arbeit an der Grenze zu Myanmar auf eine Land­mine, die ihren rechten Hin­terfuß zer­fetzte. Bis heute kann sie ihn nicht richtig auf­setzen.

Aber Lucky wurde herz­lich von der Herde auf­ge­nommen, als sie nervös an ihrem ersten Tag allein auf dem Gelände stand. Jokia hat eine beste Freundin gefunden, Mae Perm, die ihren Rüssel um den ihren schlingt und sie durch den Park geleitet. Und neben Sri Prae, der Ele­fan­ten­dame mit dem kaputten Fuß, steht Navann, zwei Jahre alt. Ihr Baby. Bei ihrer Ankunft wusste nie­mand, dass sie trächtig ist.

Sri Prae schwingt den kaputten Fuß vor und zurück, die andern Elefanten stellen sich schüt­zend vor Navann, sie alle fressen unab­lässig Blätter und Zweige vom Boden. Hinter uns tobt ein Jung­tier mit einem Auto­reifen im Schlamm, in der Ferne kratzt sich ein Dick­häuter an einem Baum.

Tour zum Elefanten-Park: Hier helfen die Besu­cher mit

Eine halbe Stunde später stehen wir mit kleinen rosa Eimern neben den Elefanten im Fluss und schütten Wasser auf ihre Körper, je drei Leute links und rechts. „Wie ihr seht, lieben sie die Abküh­lung“, ruft Nancy uns vom Ufer zu. Und tat­säch­lich: Die Ele­fan­tenkuh in unserer Mitte wirkt glück­lich und zufrieden. Ihr Schwanz schwingt hin und her, die Ohren flat­tern gleich­mäßig.

Elefant im Elephant Nature Park, Chiang Mai, Thailand

Es gibt immer Liebe, denke ich, als wir im Gras sitzen und drei Elefanten im Fluss beob­achten. Immer wieder gleiten sie sanft ins Wasser und berühren ein­ander mit dem Rüssel.

Es wird immer Liebe geben, auch wenn es kein Ver­gessen gibt.

***


Mehr Infos zum Ele­phant Nature Park

  • Der Ele­phant Nature Park ist ganz­jährig geöffnet
  • Touren können kurz­fristig von einer Viel­zahl von Rei­se­büros in Chiang Mai gebucht werden
  • Die Tages­tour kostet 2500 THB
  • Mög­lich ist auch, eine Nacht vor Ort zu schlafen und zwei Tage im Ele­phant Nature Park ver­bringen. Eine Über­sicht zu den ange­bo­tenen Trips gibt es hier.
  •  Frei­wil­li­gen­ar­beit ist eben­falls eine Option, mehr dazu hier.

Bitte nicht auf Elefanten reiten!

  • Einen tollen Bei­trag zum Thema mit vielen Hin­ter­grund­in­for­ma­tionen und hilf­rei­chen Links hat Bea­trice von Rei­se­zeilen geschrieben. Ihren Bei­trag fin­dest Du hier.

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Wun­der­schöner, wenn auch teil­weise sehr trau­riger Artikel. Ich hoffe in Zukunft werden mehr sol­cher Pro­jekte in Thai­land gestartet und unter­stützt. Viel­leicht können die Tou­risten dort die Elefanten besser kennen lernen und gehen nicht mehr auf Elefanten Treks.

Alexander Pauly

Kaum vor­stellbar, was diesen Tieren angetan wurde. Umso schöner ist es zu sehen, dass sich nun um diese Tiere geküm­mert wird. Ein schöner Bericht.

Malte

Ein span­nender und bewe­gender Artikel! Schön zu sehen, dass sich ein sorg­samer und respekt­voller Umgang mit den Tieren dort bewährt hat. Bei meinem nächsten Hagen­beck Besuch werde ich bei diesen sanften Riesen mal wieder etwas länger ver­weilen. Der Ele­phant Nature Park ist jeden­falls notiert ;)

Immer wieder traurig über die Schick­sale der Elefanten zu hören und wie Mensch oft mit Tier umgeht. Danke für den Bericht, sehr schön geschrieben!

Danke für diesen tollen Artikel!
Auf der Such in einer Thai­land­gruppe nach Ele­phant Nature Park bin ich auf deinen Bei­trag gestoßen und er hat mich noch­mals über­zeugt, dass es gut war diesen Park aus­zu­su­chen. In 2 Tagen fliegen wir das erste mal nach Thai­land und Anfang Mai besu­chen wir den Park, dank dir steigt meine Vor­freude jetzt wieder! :)
LG
Sarah

Liebe Susanne,

ich habe gerade deinen Artikel gelesen — toller Artikel! Ich bin über­zeugt davon, dass langsam ein Umdenken in den Köpfen vieler statt­findet und solche Artikel dazu bei­tragen. Ich hatte mal wieder Gän­se­haut, obwohl ich mich schon viel mit dem Thema beschäf­tigt habe.. Danke für den Link :)
Und was die Wie­der­gut­ma­chung angeht, bin ich mir sicher, dass sich der/die ein oder andere für einen Besuch im Ele­phant Nature Park ent­scheidet statt auf einem Elefanten zu reiten.

Ganz liebe Grüße
Jana :)

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Hi, ich bin Susanne, Journalistin und Reisende. Ich liebe Geschichten vom Reisen und Auswandern (auch allein!). Mehr über mich erfährst Du hier. (Foto: © André Schade)

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