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„In Deutschland spreche ich leiser“

Autorin
Spanier in Deutschland: Övelgönne

Ein Spanier in Deutschland: Pablo (34) zog vor dreieinhalb Jahren von Madrid nach Hamburg. Dort fühlt er sich wohl, auch wenn Deutsche und Spanier in vielen Dingen ganz anders ticken – zum Beispiel wenn es um die Frage geht, was „laut“ ist.


Mit 18 bin ich von zu Hause ausgezogen. Das ist eher unüblich in Spanien. Mein jüngerer Bruder ist in unserer Heimatstadt Málaga geblieben, er lebt in einer Wohnung bei meinen Eltern im Haus und hat gerade geheiratet. Aber ich wollte damals raus, was anderes sehen, neue Erfahrungen sammeln. Also ging ich nach Madrid, um Luftfahrttechnik zu studieren.

In den ersten Jahren hatte ich noch eine Freundin in Málaga, sodass ich immer zwischen meiner Heimat im Süden Spaniens und Madrid pendelte. Erst nach der Trennung, als ich auch schon angefangen hatte zu arbeiten, ließ ich mich so richtig auf Madrid ein. Ich liebe die Stadt! Sie ist lebhaft, laut, voller Energie. Ich habe die Zeit dort wirklich genossen, war ständig mit Freunden unterwegs auf Partys oder Konzerten.

Trotzdem sagte ich zu, als ich die Chance bekam, wegen eines Jobs nach Hamburg zu gehen. Ich sehe Veränderungen grundsätzlich positiv, selbst – oder vielleicht gerade – wenn man mit allem zufrieden ist. Man braucht sie, damit man andere Sichtweisen bekommt und Dinge wertschätzen lernt.

Spanier Pablo Elbstrand Övelgönne Hamburg

Über Hamburg wusste ich, dass es sehr regnerisch ist. Ich kam vor dreieinhalb Jahren im Winter an. Ein spanischer Bekannter war vor mir schon nach Hamburg gegangen, durch ihn lernte ich viele andere Spanier kennen und war sofort in einen großen spanischen Bekanntenkreis integriert. Ich verbringe bis heute den Großteil meiner Zeit hier mit Spaniern und habe nur wenige deutsche Freunde. Deshalb spreche ich auch selten deutsch, obwohl ich die Sprache gelernt habe und inzwischen ganz gut bin. Das finde ich ein bisschen schade.

Die Frage nach der anderen Mentalität

Nichtsdestotrotz fühle ich mich als Spanier in Deutschland wohl. Mir ist hier noch nie Geringschätzung oder Ablehnung entgegengeschlagen. Meine neuen deutschen Kollegen waren alle superfreundlich und zuvorkommend. Und Hamburg ist weltoffen. Die Leute sagen, das hat mit dem Hafen zu tun. Man ist hier viele Touristen gewöhnt, und überall hört man andere Sprachen.

In den dreieinhalb Jahren hier sind mir aber sehr viele Unterschiede zu Spanien aufgefallen. Die deutsche Mentalität ist eine andere. Ich glaube, Deutsche sind eher zur Selbstkontrolle fähig, zum Maßhalten. Einmal saß ich mit ein paar deutschen Freunden in einer Kneipe. Es war ein Werktag und der Abend hatte gerade begonnen, richtig lustig zu werden. Aber plötzlich sprangen alle auf, weil ihr Bus kam. Das würde in Spanien so nicht passieren. Da würde niemand den Tisch verlassen, wenn gerade alle so viel Spaß haben – auch wenn am nächsten Tag der Wecker früh klingelt. Für eine gute Zeit nimmt man auch zu wenig Schlaf in Kauf.

Für Spanier in Deutschland bekommt „laut“ eine neue Bedeutung

Und dann ist natürlich das Lautstärkeempfinden ein völlig anderes. Vor Fremden spreche ich leiser, als ich es zu Hause tun würde. Wenn meine Mutter und meine Tante mich in Hamburg besuchen, bitte ich auch sie manchmal, in der Öffentlichkeit etwas leiser zu sprechen. Wenn wir bei mir in der Wohnung sind, muss ich dagegen immer den Fernseher anmachen, weil es die beiden so irritiert, dass aus den Nachbarwohnungen und von der Straße so wenige Geräusche dringen. Einmal hörte ich im Bus nach Altona Musik über Kopfhörer, da tippte mich eine vielleicht 50-jährige Frau von hinten an und bat mich, die Musik leiser zu drehen. Es waren noch fünf Minuten bis zur Endhaltestelle und ich bin mir bis heute sicher, dass sie nicht viel hören konnte. Undenkbar in Spanien!

Spanier Pablo Elbstrand Övelgönne Hamburg

Die Menschen hier sind irgendwie verantwortungsbewusster. Es wird eher das gemacht, was sinnvoll ist und nicht das, was kurzfristig Spaß bringt oder einfacher ist. Die Leute halten sich mehr an Regeln im Sinne der Gemeinschaft. Als Bürger einer Gesellschaft. Schon die Kleinen tragen das in sich: Neulich ging ich mal bei rot über die Straße. Da rief mir ein etwa zehnjähriges Mädchen „Rotgänger, Totgänger“ hinterher. Zu Hause kann ich mir so eine Situation nicht vorstellen.

Aber ich schätze das auch an Deutschland. Denn das macht das Zusammenleben harmonisch. So weit ich das beurteilen kann, gibt es in Deutschland viel weniger Schwarzfahrer und Steuersünder. Zumindest kann ich mir nicht vorstellen, dass sich hier jemand damit brüstet, wenn er bei der Steuer gewieft beschissen hat. In Spanien hört man so etwas öfter mal. Obwohl – seit der Krise hat sich das auch verändert.

Die Menschen hier sind auch sparsamer, schmeißen ihr Geld im Alltag nicht zum Fenster raus. Ich saß mal mit acht deutschen Kollegen in der Kantine. Alle nahmen das Angebotsgericht für drei Euro – Fisch mit Reis, der recht trocken aussah – und keiner von ihnen bestellte ein Getränk für einen Euro dazu. Spanier würden auf jeden Fall ein Getränk kaufen, selbst wenn sie nur ein Viertel von dem Einkommen meiner Kollegen hätten.

Was der Spanier in Deutschland vermisst

Hier fallen auch Feste nie so ausufernd aus. Generell wird in Spanien mehr gefeiert, jeder größere Ort hat seine Woche Fiesta und daran wird auch nicht gespart, Krise hin oder her. In Spanien findet das Leben wann immer möglich draußen statt. Öffentliche Plätze sind oft bis tief in die Nacht voller Menschen und es ist total normal, dass auch Eltern mit Kleinkindern nachts noch auf der Straße sind. Dieses Gesellige und Quirlige, die Straßenkultur von zu Hause vermisse ich manchmal ein bisschen.

Insgesamt bin ich hier aber sehr glücklich. Auch wenn es wirklich verdammt viel regnet.

Hast auch Du eine Reise gemacht, die Dich verändert hat? Warst Du eine Weile im Ausland oder bist sogar ausgewandert? Erzähle mir Deine Geschichte! Schreib mir eine E-Mail an susanne (at) fluegge-blog (punkt) de oder nutze das Kontaktformular.


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Kommentare

11
  • Dominik

    Das finde ich mal wieder enorm interessant, wie jemand von außerhalb die Gepflogenheiten hierzulande findet! Könnte teilweise nicht konträrer zu meiner Wahrnehmung sein. Zum Beispiel dass hier vermeintlich alle mehr im Sinne der Gemeinschaft handeln, sich so verhalten, dass es das Zusammenleben harmonischer macht… Ich habe eher den Eindruck, man ist nicht nur mindestens so rücksichtslos und egoistisch wie sonstwo, sondern dazu auch noch abweisender bis unhöflicher. Und ich hoffe, dass das Klugscheißerkind von der Ampel auch irgendwann noch lernt, dann zu gehen, wenn es sicher ist und nicht dann, wann die Ampel es erlaubt 😉 Muchos saludos! Dominik

    • Susanne

      🙂 Das finde ich auch interessant, was Du schreibst (und Danke!). Denselben Gedanken hatte ich auch. Ich habe ja auch mal ein paar Monate in Spanien gelebt und fand das Zusammenleben in Spanien harmonisch, jedenfalls habe ich da keinen „zivilen Ungehorsam“ erlebt. Vielleicht kriegt man das auch von außen nicht so mit und müsste da viel tiefer nachforschen. So ein Porträt ist ja immer nur ein Ausschnitt, sehr subjektiv dazu.

  • Nima

    Hola 🙂
    ein wirklich interessanter Einblick!
    Ich bin selber Deutsche, habe 1,5 Jahre in Spanien gelebt und ziehe in fünf Wochen wieder dorthin.
    Nach meiner Rückkehr aus Spanien bin ich hier schier erstickt. 1000 Regeln, sinnvolle und sinnentleerte, dazu zig Verbote und ziemlich Verkopftheit. Hier müssen die Dinge effektiv sein und Sinn machen. Das Leben genieße und Spaß haben steht in Deutschland nicht an erster Stelle.

    Natürlich gibt es hier einige Sachen, die gut laufen und Deutschland hat auf jeden Fall auch positive Seiten.
    Leben möchte ich jedoch hier nicht mehr, weil mir die spanische Gelassenheit und Lebensfreude fehlt.
    Deshalb heißt es bald: Adios Deutschland – Hola Spanien 🙂
    Liebe Grüße
    Nima

    • Susanne

      Hallo Nima, das klingt nach einer wohlüberlegten Entscheidung – und aufregend! Glückwunsch dazu! Werde das auf Deinem Blog verfolgen, wie es Dir in Spanien geht. Liebe Grüße zurück!

  • Natascha

    Hola…Ich habe die letzten 10 Jahre in Spanien gelebt und bin seit Weihnachten Weihnachten wieder in Hamburg und ich musste so lachen innerlich, weil ich ständig beim Lesen gedacht habe… Ja das stimmt… Er hat noch die Sorge der Deutschen um das Auto vergessen, von wegen bloß keinen Kratzer! Krass finde ich das mit den Freunden… Aber so ist das wohl.. Mein spanisch ist auch durch die Freundschaft mit Spaniern erst besser geworden. Muchos saludos Natascha

    • Susanne

      Liebe Natascha,
      das stimmt – die unglaubliche Sorge ums Auto ist auch so ein Punkt. Das ist mir aber schon in vielen Ländern aufgefallen, dass man sich dort wegen des Autos nicht so ’nen Heißen macht. Witzig ist das. Ich hoffe, Du hast Dich wieder gut eingelebt.
      Liebe Grüße zurück, Susanne

  • Tanja

    Ich hab nur die Überschrift gelesen und mußte daraufhin auch gleich mal neugierig das ganze Interview lesen. Wirklich sehr interessant, was andere so über uns Deutschen denken und wie sie uns empfinden… 😉 Auch wenn man das sicherlich oft als Person ganz anders sieht… aber einige Punkte treffen auf alle Fälle haargenau zu… z.B. das leisere sprechen finde ich sehr interessant… 😉

    • Susanne

      Liebe Tanja,
      oh ja, die Geräuschkulisse im öffentlichen Raum ist in Spanien etwas anders. 🙂 Stimme Dir zu – so etwas ist immer höchst interessant.
      Liebe Grüße!

  • Georg

    Wirklich sehr interessant und ich denke auch höchst relevant, denn so weit ich weiß ist der Großteil der Einwanderer in Deutschland römisch-katholisch und aus den Südländern (jedenfalls vor der Flüchtlingswelle).
    Aber über spanische Arbeiter in Deutschland hört man ja nie etwas in den meisten Medien.

    Ich denke in Deutschland sind die Leute darauf gedrillt die Regeln einzuhalten. Ob dass jetzt mit Verantwortungsbewusstsein etwas zu tun weiß ich nicht. In Deutschland wird man halt auch oft erwischt, wenn man Regeln bricht und dass ist dann meist wirklich unangenehm.

    Vermisst der Pablo nicht sehr die Leichtigkeit und Offenheit aus Spanien. Man kann ja bei all dem Regen, einer gewissen Zurückgezogenheit ins Private und fehlender Geschäftigkeit auf der Straße auch schon mal depressiv werden.

    • Susanne

      Danke! Ja, er vermisst es, sagt er ja auch, aber depressiv macht ihn das nun auch nicht gleich. Ich glaube, an Geschäftigkeit auf den Straßen fehlt es auch in Hamburg nicht, eher an Geselligkeit, an Miteinander.

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