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35 Kilometer für einen Liter Milch

Autorin
Neues Leben in Lappland: Marion mit ihren Huskys

Vor viereinhalb Jahren ließ Marion (45) von einem Tag auf den anderen alles hinter sich. Heute führt sie ein sehr viel einfacheres, glücklicheres Leben in Lappland – und ist stolze Besitzerin zweier Huskydamen.


Als ich Deutschland vor viereinhalb Jahren verließ, bin ich einfach davongelaufen. Flucht nach vorn. Damals habe ich keine andere Möglichkeit gesehen.

Ich war Rechtsanwältin und hatte gemeinsam mit einem Kollegen eine Kanzlei in Marburg. Die letzten zwei Jahre ging es mir nicht gut. Ich litt an einer Essstörung und trieb extrem viel Sport. Vor der Arbeit ging ich joggen, in der Mittagspause noch mal und spät abends trainierte ich noch im Fitnessstudio. Ein Zwang, es ging nicht ohne.

Die Kanzlei lief gut, wir vertraten Arbeitgeber und bekamen ständig Aufträge. Aber von Jahr zu Jahr hinterfragte ich immer mehr, was wir da eigentlich taten. Etwa wenn Firmenchefs, die Autos im Wert von 300.000 Euro fuhren, den mickrigen Stundenlohn ihrer Angestellten um zehn Cent senken wollten und wir ihnen den Betriebsrat vom Hals halten sollten. Dazu der Stress. Im Kopf hatte ich nie frei.

Ich bin ein sehr gläubiger Mensch und fuhr an den Wochenenden immer häufiger in ein Benediktinerinnenkloster in der Nähe von Fulda. Die feste Tagesstruktur, die regelmäßigen Gebete und die Ruhe im Kloster gaben mir Halt in dieser Zeit. Außerdem taten mir die Gespräche mit den Schwestern gut. Endlich hörte mir mal jemand zu.

Leben in Lappland: Die Weichen sind gestellt

Dennoch ging es mir bald so schlecht, dass ich mich sechs Wochen lang stationär wegen Depressionen behandeln lassen musste. Das war der Zeitpunkt, an dem mein Leben begann, sich um 180 Grad zu drehen. Nach meiner Entlassung fuhr ich in den Urlaub in den finnischen Teil Lapplands. Da war ich zuvor schon mal gewesen und hatte mich unglaublich wohl gefühlt. Ich hatte eines Abends auf dem zugefrorenen Inarisee gestanden, die Stille aufgesogen und den Anblick der Polarlichter am Horizont genossen, der in der Dämmerung rosa-violett leuchtete. „Was machst Du nur mit Deinem Leben?“, hatte ich mich in diesem Moment gefragt, „soll das wirklich alles sein?“

Diesmal brachte ich aus Finnland nicht nur Fragen, sondern auch Antworten mit. Ich konnte keinesfalls weitermachen wie bisher. Innerhalb von drei Wochen kündigte ich meine Wohnung, verschenkte meine Sachen, verließ die Kanzlei. Ich lud mein Auto voll mit ein paar Kisten und brach im Februar 2011 auf in mein neues Leben. In Lappland.

IMG_9279In den ersten Monaten half ich gegen Kost und Logis in einem Hotel aus, das finnische Freunde gerade gekauft hatten. Ich putzte und holte Gäste vom Flughafen ab. Und fünf Wochen nach meiner Ankunft verliebte ich mich in den Hausmeister des Hotels. Martti ist bis heute mein Lebensgefährte. Im Juni zog ich bei ihm ein.

Wir leben in einem Haus am See, dem Menesjärvi, in fast völliger Abgeschiedenheit. Der See gehört zur Gemeinde Inari, in der Rentiere gezüchtet werden. Auf unserer Uferseite stehen noch vier andere Häuser, zwischen ihnen liegen jeweils etwa 500 Meter. Ansonsten gibt es hier oben nur Wald und eine Straße nach Norden oder Süden. Zum Einkaufen muss ich 35 Kilometer pro Strecke fahren, selbst für einen Liter Milch.

Gelegentlich wünsche ich mir schon etwas mehr Geselligkeit. Eine Radtour mit Freunden und danach in den Biergarten – solche Dinge. In Deutschland hatte ich einen großen Freundeskreis und war abends kaum je zu Hause. Hier haben wir nur zu einem älteren Ehepaar viel Kontakt, das in der Nähe wohnt.

Trotzdem bin ich sehr glücklich. Die Natur, das Licht, die Luft sind einmalig. Im Winter reflektiert der Schnee so stark, dass man nachts ohne künstliche Beleuchtung Zeitung lesen kann. Ich mag diese Jahreszeit, ich war immer schon ein Wintermensch. Es können schon mal minus 30 Grad werden, aber das macht mir nichts aus. Wir haben zu Hause immer viele Kerzen an und machen es uns gemütlich. Meine Mutter und meine Schwester waren skeptisch, aber seit sie mich mal im Winter besucht und die klaren Nächte mit Nordlichtern erlebt haben, wissen auch sie, wie wunderschön es trotz der Kälte ist.

Sobald ich mal in einem größeren Ort bin, sehne ich mich nach unserem Haus. Und nach unseren Hunden. Hier in Finnland habe ich mir einen Traum erfüllt: Gleich im ersten Sommer holten wir die Husky-Hündin Emmi zu uns, acht Monate später folgte ihre Halbschwester Nelli. Hunde zu haben, gehört zu den schönsten Erfahrungen meines Lebens, das ist mit keiner anderen Beziehung vergleichbar. Hunde lieben einen bedingungslos. Wir sind ganz viel mit den Tieren draußen, im Winter lassen wir uns auf Skiern von ihnen ziehen oder spannen sie vor das Schneemobil, im Sommer fahren wir mit ihnen Rad.

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Mein Leben hat sich auch beruflich völlig verändert. In Finnland gibt es ein tolles dreijähriges Eingliederungsprogramm. Acht Monate lang habe ich in Rovaniemi einen Sprachkurs gemacht und danach eine Ausbildung zur Altenpflegerin begonnen. Die Berufsschulen sind kostenlos. Und dass man seinen Job auch später im Leben wechselt, ist hier völlig normal. Die Menschen finden es eher seltsam, wenn jemand fünfzehn Jahre lang dasselbe macht. Nur die Pendelei ist etwas anstrengend. Zur Berufsschule muss ich jeden Tag 80 Kilometer nach Ivalo fahren.

Seit dem Sprachkurs spreche ich nur noch Finnisch mit Martti. Die Sprache ist schwierig, man kann nicht einfach alles Wort für Wort übersetzen. Aber ich bin da sehr ehrgeizig, lese inzwischen fast nur noch finnische Bücher.

Das Leben in Finnisch-Lappland hat Marion verändert

Ich führe ein viel einfacheres Leben als früher. Lebensmittel sind zwar sehr teuer, aber ansonsten brauche ich hier nicht viel Geld. Die Einwohner legen überhaupt keinen Wert auf teure, schöne Sachen. Läden gibt es kaum welche. Manchmal muss ich lachen beim Gedanken an die vielen Blusen und Kostüme, die ich früher bei der Arbeit getragen habe. Allein Hosen hatte ich sicher an die fünfzig! Hier haben sogar meine Lehrer an der Berufsschule oft eine Woche lang denselben, schon löchrigen Pulli an.

Die Menschen schmeißen eben nichts weg. Man könnte ja ein kleines Teil noch brauchen, zum Beispiel eine Schraube, die zufällig woanders passt. Da der Weg zu den Geschäften so weit ist, lohnt sich das tatsächlich oft. In solchen Fällen helfen sich die Nachbarn immer aus. Und sie vertrauen einander. Hier oben schließen wir die Haustüren so gut wie nie ab. Wenn Besuch kommt, klopft er kurz an und tritt schon im selben Moment ein. Daran musste ich mich erst gewöhnen. Genau wie an die Tatsache, dass man hier eher wenig redet. Dafür gilt das, was gesagt wird. Ein Finne sagt einer Frau am Anfang, dass er sie liebt, und dann ist das auch so.

Nächstes Jahr bin ich mit der Ausbildung fertig. Ich kann mir vorstellen, mich danach als Altenpflegerin selbstständig zu machen. Vielleicht kann ich auch eines Tages mit Übersetzungen aus dem Finnischen mein Geld verdienen. Was auch immer kommt, ich bin guter Dinge. Ich fühle mich hier in meinem neuen Leben in Lappland zu Hause. Und tief im Inneren glaube ich, dass alles genau so kommen sollte.

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Kommentare

19
  • Liane

    Das nenne ich einen sehr mutigen Schritt! Und er scheint der richtige gewesen zu sein.
    So weit entfernt von allem anderem zu leben, ist sicherlich eine Umstellung. Aber von diesen süßen zwei Huskies wird man bestimmt ausreichend abgelenkt 🙂 Viel Glück auf deinem weiteren Weg, Marion!

    • Susanne

      Danke, Liane! Die Huskys tragen sicher ganz entscheidend zum neuen Lebensglück bei. 🙂

  • Nicole

    Eine wunderbare Geschichte! Danke dafür 🙂

  • Alex

    Wow, das ist wirklich ein mutiger Schritt. Großen Respekt dafür!
    Es begeistert mich immer sehr und macht Mut zu lesen, dass Menschen, die sich für sich entscheiden, damit richtig lagen!

  • Stefanie

    Eine tolle Geschichte über einen ganz mutigen Schritt in ein besseres Leben. Sowas kann nur motivieren!

  • Ramona

    Wow, was für ein mutiger Schritt.
    Eine einzige Entscheidung kann ein ganzes Leben verändern.
    Ich wünschte, ich hätte auch den Mut.

    Liebe Grüße
    Ramona

    • Susanne

      Liebe Ramona, das ist richtig. Aber ich finde die Entscheidung vielmehr konsequent als mutig. Wenn es bei Dir so sein soll, machst Du bestimmt auch das Richtige. Liebe Grüße zurück!

  • Doris

    Tolle Geschichte und mein größten Respekt für deinen Mut dich aus deiner Unzufriedenheit zu lösen. Dein Beispiel zeigt sicherlich ganz vielen Frauen, dass nicht alles Gold ist was glänzt und das mächtige Türen nicht immer die richtigen sein müssen.

    Weiter so!

    Liebe Grüße,

    Doris
    http://www.mrsglobalicious.com

    • Susanne

      Liebe Doris, vielen Dank! Das werde ich Marion, die mir ihre Geschichte erzählt hat, gern weiterleiten. Und: Das hast Du toll und treffend formuliert!

  • Laura

    Toller Beitrag!

  • Bütti

    Hey Marion!!
    Ich freue mich, wenn es Dir in Deinem neuen Leben so gut geht! Ich hoffe das bleibt so!
    Liebe Grüße an Matthi!
    Tolle Bilder, Tolle Fotos!
    Bütti

  • Ilona

    Spannend! Es gibt ein Lied einer italienischen Gruppe – „Scappare“. „Scappare senza dire niente“ – Abhauen, ohne etwas zu sagen. Das denke ich mir oft – ich glaube, jeder denkt sich das manchmal. Marion hat es einfach getan.

    Es klingt spannend und abenteuerlich – aber ich weiß, ich würde eingehen wie eine Primel. Mein Fluchtpunkt wäre wohl ein ganz anderer. Aber eigentlich bin ich manchmal auch schon „geflüchtet“. Habe beschlossen, dass es so nicht weitergehen kann, habe gekündigt und bin umgezogen – in der Hoffnung, dass ein neuer Impuls kam.

    Schöner Beitrag

    • Susanne

      Liebe Ilona, vielen Dank. Schön gesagt. Ich habe mich das auch gefragt, wie Lappland mir wohl bekäme auf Dauer. Ich glaube so wie Dir – aber reizen würde mich Marions neue Lebenswelt schon, zumindest vorübergehend. Glückwunsch zu Deiner Entscheidung, ich hoffe, er kam, der Impuls.

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