Geschichten

Fin­ni­sche Beson­der­heiten: Über Mitt­sommer ins Mökki

20. Januar 2015
Finnische Besonderheiten: Jeder hat ein Mökki

Zuletzt aktua­li­siert am 31. Juli 2020 um 17:15

Da muss ich erst über Mitt­sommer nach Finn­land reisen, um mein Zeit­ge­fühl mal völlig zu ver­lieren: in eine Hütte ohne Strom mitten im Wald. „Mökki“ heißt so ein fin­ni­sches Feri­en­haus, das meist direkt an einem See steht und – klar! – eine Sauna hat. Über Mitt­sommer, Mökkis und andere Beson­der­heiten Finn­lands.


Fin­ni­sche Beson­der­heiten: Mitt­sommer im Land der Seen

Es ist Juni, als meine Freundin Alina und ich zum ersten Mal nach „Suomi“ in den Urlaub fliegen. Wir besu­chen Laura, eine Freundin aus Helsinki, und weil Mitt­sommer ist, nehmen Laura und ihr Mann Daavid uns übers Wochen­ende mit auf ihr Mökki. „Mökkis“, das sind echte fin­ni­sche Beson­der­heiten, und Menschen ohne Mökki in Finn­land so selten wie güns­tiges Bier: Kaum jemand, der kein Feri­en­haus mit Sauna an irgend­einem See besitzt und es zu dieser Zeit im Jahr aus­giebig nutzt. Laura und Daavid holen uns am Frei­tag­morgen am Hotel ab. Ihre Hütte, genauer die von Daa­vids Eltern, liegt in der Nähe von Kuopio. Mit dem Ein­kauf, den wir auf der Strecke erle­digen wollen, haben wir etwa sechs Stunden Fahrt vor uns. Wenn wir gut durch­kommen.

Kommen wir aber nicht. Wir stehen im Stau und müssen einen Umweg fahren. Seit Stunden sehen wir nur noch grün. Auf 75 Pro­zent der Fläche Finn­lands stehen Bäume, hat Daavid in der Schule gelernt, und das scheint immer noch zu stimmen. Schon beim Lan­de­an­flug auf Helsinki hat es so aus­ge­sehen, als würden wir mitten im Wald landen. Immer öfter blitzt dazwi­schen das Blau eines Sees hervor. Je länger wir im Auto sitzen, umso unru­higer rut­schen Alina und ich auf der Rück­bank umher. „Hof­fent­lich lohnt sich das“, raunen wir uns auf deutsch zu, „so ein Ritt für andert­halb Tage in einem Holz­haus in der Pampa.“ Die Land­schaft, die hier an uns vor­über­zieht, stimmt uns ver­söhn­lich. Und immerhin haben wir an das Mücken­spray gedacht, vor den Mücken hat man uns gewarnt.

Besonders im Mökki in Finnland braucht man Mückenspray

Über Mitt­sommer in Finn­land beson­ders wichtig: Genug Mücken­spray ein­pa­cken

Nach neun Stunden laufen wir zum ersten Mal den Hang von der Hütte zum Wasser hinab. Überall um uns herum ragen Kie­fern in den Himmel, unter unseren Füßen kna­cken Zweige. Die Abend­sonne malt helle Fle­cken auf den Boden, die Sträu­cher und Bäume. Und dann stehen wir an diesem rie­sigen See, es gibt kein anderes Haus rund­herum, keine anderen Menschen. Wir schauen uns selig an.

Das Mökki steht fast direkt am See

Urlaub mitten in der fin­ni­schen Natur

So feiert Finn­land die kür­zeste Nacht des Jahres

Lauras und Daa­vids Freunde sind in einem anderen Auto ange­reist. Bis jetzt haben wir Salme, Johanna, Onni und Jari nur flüchtig beim Ein­kauf zwischen Fisch­theke und Back­stand die Hände geschüt­telt. Furchtbar ange­nehme Leute, wie sich her­aus­stellt. Daavid nagelt rie­sige Lachs­stü­cken an zwei Bretter und stellt sie am Lager­feuer auf, Onni hackt selbst­ver­gessen Holz, wir anderen bereiten Salat, Dill­kar­tof­feln und Quark vor. So gut habe ich lange nicht gegessen. Nach dem Essen ver­teilt Laura Sekt­gläser, um zwölf stoßen wir an auf die kür­zeste Nacht des Jahres.

Lachs am Feuer: Das schmeckt besonders über Mittsommer in Finnland

Gut essen in Finn­land: Es gibt Lachs!

Besonders finnisch: Lachs am Feuer

Auch eine Beson­der­heit im fin­ni­schen Sommer: Der Lachs wird gern am Feuer zube­reitet

Und dann kommt es mir abhanden, mein Zeit­ge­fühl.

Wir sitzen am Feuer und trinken Dosen­bier. Alina und ich denken an unseren Ankunfts­abend in Helsinki, als wir gleich in der ersten Bar sieben Euro für ein kleines Bier bezahlt und hys­te­risch gelacht haben. Und an die Stim­mung um uns herum: Es war Mitt­woch, null Uhr, die Straßen waren voll und auf der Ter­rasse der Bar tanzten Finnen zu spa­ni­scher Musik auf den Tischen. Keine Spur von nor­di­scher Kühle. „Wir haben ja nicht viel Zeit, den Sommer zu genießen“, sagt Laura, „und darum machen wir das Beste aus den warmen, hellen Tagen.“ Daran ändern die Geträn­ke­preise nichts.

Auch nicht daran, dass die Leute zu viel trinken. Nicht nur, wenn sie aus­gehen. Laura erzählt von einer Freundin, die nichts dabei findet, jeden Abend eine Fla­sche Wein zu leeren. Salme pro­phe­zeit, dass an diesem Wochen­ende, zum Mitt­sommer in Finn­land wieder zehn, fünf­zehn Leute sterben, weil sie betrunken baden gehen oder mit dem Auto gegen einen Baum fahren. Das pas­siert jedes Jahr und nicht immer unge­wollt. Wie hat Laura den Stau kom­men­tiert, bei dem wir in der Ferne einen quer ste­henden LKW erkennen konnten? „Bestimmt ein Selbst­mord­ver­such. In einen Laster hin­ein­rasen, so machen es ganz viele.“

Johanna sagt, man braucht nur das Radio anzu­ma­chen, dann hat man ihn wieder, den Winter mit seiner Dun­kel­heit und Eises­kälte von Oktober bis April. Fin­ni­sche Songs han­deln meist von Kummer, Ein­sam­keit, Ver­las­sen­werden, einem gebro­chenen Herzen. Oder von Sex. Die anderen geben uns ein paar Kost­proben fin­ni­scher Lieder, danach grölen wir zusammen „Bohemian Rhap­sody“ in die tag­helle Nacht. Es ist so hell und still, dass der Wald keine Angst macht. Wir lassen die Türen und Fenster zur Hütte offen. Kurz vorm Ein­schlafen denke ich an meine Woh­nung in Ham­burg, in der ich die Fenster nachts schließen muss wegen des Stra­ßen­lärms.

Auch beson­ders fin­nisch: Samt Bier in die Sauna

Wer braucht schon Strom, denke ich, als Daavid uns am nächsten Morgen (oder ist es Nach­mittag?) Kaffee und Pfann­ku­chen ser­viert. Auf die kür­zeste Nacht folgt der ent­spann­teste Tag des Jahres. Nach dem Früh­stück gehen die Männer mit einer Säge in den Wald und kommen mit zwölf schmalen Holz­stü­cken zurück, Daavid malt mit Kohle Zahlen drauf. Mölkky heißt das Spiel, bei dem es darum geht, mög­lichst viele Pflöcke, besser noch den mit der höchsten Punkt­zahl, umzu­werfen. Alina und Laura bas­teln Vastas – Bunde aus fri­schen Bir­ken­zweigen, mit denen man sich in der Sauna abschlägt, weil sie die Haut rei­nigen und gut duften. Nebenbei erklären uns die ket­te­rau­chenden Finnen („wegen der Mücken“) die Eigen­heiten ihrer Sprache: keine Artikel, keine Prä­po­si­tionen, dafür fünf­zehn Fälle. Wir lernen, auf fin­nisch bis zehn zu zählen, das macht schon allein des­halb Spaß, weil es mit „yksi, kaksi“ los­geht.

Das Mölky-Spiel wird kurzerhand selbstgemacht: Auch eine der finnischen Besonderheiten

Fin­ni­sche Beson­der­heiten: Das Mölky-Spiel wird mal eben fix selbst gemacht

Später setzen wir uns mit unserem Bier in die Sauna, die Frauen nach den Män­nern. Großes Gelächter beim Raus­kommen: Wir sind von oben bis unten schwarz. Es dauert eine Weile, bis sich der Ruß von der Haut löst. Irgend­wann gehen wir zum Haupt­haus zurück, irgend­wann gewinne ich im Mölkky, und dann sitzen wir wieder auf der Ter­rasse und essen Fisch, viel­leicht ist es drei, viel­leicht auch sechs Uhr mor­gens, ich weiß es nicht, es küm­mert mich nicht.

Die vielen Seen zählen zu den Besonderheiten Finnlands

Einer der unzäh­ligen Seen in Finn­land, an denen sich so herr­lich die Zeit ver­gessen lässt

Man kann so viel Zeit haben in andert­halb Tagen, denke ich auf der Rück­fahrt, wäh­rend Alina ihre Mücken­stiche zählt. Natür­lich hat sich die Fahrt gelohnt, und viel­leicht ist das der Trick: nicht immer auf die Uhr zu schauen, nicht immer in Stunden, Tagen, Monaten und Jahren zu denken. Alina kommt auf fünf­zehn.

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Wei­tere fin­ni­sche Beson­der­heiten und Fakten über Finn­land

  • Finn­land heißt nicht umsonst das „Land der tau­send Seen“. Es sind aller­dings viel mehr als tau­send: Genau 187.888 Seen befinden sich auf fin­ni­schem Gebiet, 309 dieser Seen haben eine Ober­fläche von mehr als 10 Kilo­me­tern.
  • Finnen lieben Kaffee! Nir­gends auf der Welt wird mehr Kaffee getrunken als in Finn­land: Pro Kopf und Jahr ver­brau­chen die Finnen rund 12 Kilo­gramm.
  • Zu den Beson­der­heiten Finn­lands zählt unbe­dingt auch die fin­ni­sche Sprache: Mit den Spra­chen der skan­di­na­vi­schen Länder Schweden, Däne­mark und Nor­wegen hat sie näm­lich nichts gemein. Fin­nisch ist keine Indo-Euro­päi­sche Sprache, son­dern zählt zur ura­li­schen Sprach­fa­milie. Im Fin­ni­schen gibt es, wie oben bereits erwähnt, 15 Fälle. Kein Wunder, dass die Sprache als relativ schwer zu lernen gilt.
  • In Finn­land ist neben Fin­nisch auch Schwe­disch Natio­nal­sprache. Das Schwe­di­sche ist dem Fin­ni­schen offi­ziell gleich­ge­stellt. In dem Land lebt eine schwe­disch­spra­chige Bevöl­ke­rungs­min­der­heit, die einen Teil der fin­ni­schen Bevöl­ke­rung aus­macht, kon­kret sind heute fünf bis sechs Pro­zent „Finn­land­schweden“. Sie leben haupt­säch­lich auf den Åland­inseln, an der Westüste ent­lang des Öster­botten und an der Süd­küste von Finn­land. Es gibt dar­über hinaus schwe­di­sche Sprach­in­seln in einigen haupt­säch­lich fin­nisch­spra­chigen Gegenden. Ein Bei­spiel ist die Stadt Espoo, west­lich von Helsinki gelegen. Für acht Pro­zent ihrer Ein­wohner ist Schwe­disch Mut­ter­sprache. Ein anderes Bei­spiel ist Turku im Süd­westen: Fünf Pro­zent der Bewohner von Turku sind schwe­disch­spra­chig. Dass das Land zwei­spra­chig ist, geht auf die frü­here Zuge­hö­rig­keit Finn­lands zu Schweden zurück: Vom 12. Jahr­hun­dert bis 1809 war das heu­tige Finn­land ein Teil von Schweden.
  • Auch in Sachen Politik hat das Land im hohen Norden ein paar Beson­der­heiten vor­zu­weisen: Finn­land war 1906 das erste Land in Europa, das allen Frauen, unab­hängig vom sozialen Status, das Wahl­recht ein­räumte und die Kan­di­datur für diverse poli­ti­sche Ämter ermög­lichte.
  • Um beim Thema Politik zu bleiben: Die Finnen können stolz auf das Bil­dungs­system in ihrem Land sein. Der Besuch einer Bil­dungs­ein­rich­tung, von Schule bis Uni­ver­sität, ist in Finn­land grund­sätz­lich kos­tenlos, das gilt auch für Stu­die­rende aus anderen Län­dern. Alle Kinder können einmal am Tag kos­tenlos etwas Warmes essen und selbst für Unter­richts­ma­te­ria­lien müssen die fin­ni­schen Schüler:innen nicht zahlen.
  • Stich­wort Essen: Einige beson­dere Süßig­keiten-Krea­tionen kommen aus Finn­land, die berühm­teste ist wohl Sal­mi­akki,  sal­zige Lakritze. Apropos Lakritz: Finnen essen auch mit Lakritz gefüllte Scho­ko­lade und trinken Lakritz­likör.
  • Die größte Stadt in Finn­land ist mit Abstand Helsinki: Etwa 648.000 Menschen lebten im Jahr 2019 in der Haupt­stadt. Die zweit­größte Stadt ist Espoo mit mehr als 270.000 Ein­woh­nern. Espoo zählt gemeinsam mit Helsinki, Vantaa und Kau­niainen zur Haupt­stadt­re­gion, in der mehr als eine Mil­lion Finnen und damit fast ein Fünftel der Gesamt­be­völ­ke­rung leben. Die Stadt Turku im Süd­westen war früher Finn­lands wich­tigstes Han­dels­zen­trum. Mit knapp 188.000 Ein­woh­nern ist Turku heute die sechst­größte Stadt inmitten des dritt­größten Bal­lungs­raums.
  • Wer in Finn­land Urlaub macht, findet auch ein breites Angebot an Kultur: Allein in Helsinki gibt es zum Bei­spiel mehr als 70 Museen, im ganzen Land sind es mehr als ein­tau­send. Drei Museen in der fin­ni­schen Haupt­stadt zählen für Nicolo von nicolos-reiseblog.de zu den Top 10 der Sehens­wür­dig­keiten in Helsinki.
  • Mehr Tipps zu Reisen und Urlaub im hohen Norden, Infos rund um die fin­ni­sche Kultur und andere fin­ni­sche Beson­der­heiten gibt es zum Bei­spiel auf den fol­genden drei Finn­land-Blogs: Finnweh, Finn­toch und Finn­tastic.

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4 Comments
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17. Juni 2015 15:05

wun­der­schöner artikel über ein wun­der­schönes land.
mökki hatte ich noch nie, aber auch helsinki finde ich viel relaxter als deutsch­land!

Simon
26. Juni 2015 19:24

Wow. Das war ein schöner Gedan­ken­aus­flug! Danke. Finn­land klingt sehr inter­es­sant. Ich reise auch sehr gerne. War für 13 Monate als Au Pair in Ame­rika, wo ich auch eine Finnin ken­nen­lernte und seitdem wuchs in mir der Wunsch mir das Land einmal anzu­sehen, von wem ich so wenig weiß. Mich reizt außerdem die Sprache sehr, wobei sich fin­ni­schen Sprach­künste bis jetzt auf “takk!” bzw. “tusen takk” beschränken. Zur­zeit absol­viere ich ein Prak­tikum in Baia Mare, Rumä­nien. Der dritte Monat neigt sich dem Ende zu und bald geht es wieder nach Hause. Auch hier habe ich wieder gemerkt, dass es nicht… Read more »