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To Rome with Love

Autorin
Leben in Italien: Annett in ihrem Lieblingsmonument, dem Kolosseum

Ein Leben in Italien? Auf die Idee wäre Annett (37) nie gekommen, bis die Liebe sie über alle Länder- und Sprachgrenzen hinweg nach Rom führte. Inzwischen kennt sie in der italienischen Hauptstadt fast jeden Winkel: Annett arbeitet als Tourguide.


Ich habe mich verliebt, als ich eigentlich weder Zeit noch Nerven dafür hatte. Damals, 2006, steckte ich bis zum Hals in Arbeit, 14-Stunden-Tage waren für mich normal. Eine Beziehung passte da einfach nicht rein.

Wegen meines Berufs war ich schon öfter umgezogen: Von meiner Heimatstadt Glauchau in Sachsen bin ich, nach einem Jahr als Au-Pair in den USA, nach Bad Griesbach bei Passau gegangen und habe Hotelfachfrau gelernt. Damit begann meine Karriere in der Hotellerie: Ich habe anschließend in Köln und in Mainz gearbeitet, meinen Abschluss zur Hotelmeisterin in Heidelberg gemacht und dann in Frankfurt ein Vier-Sterne-Haus mit eröffnet. Da war ich Managerin, saß außerdem im Prüfungsausschuss und nahm regelmäßig bis mitten in der Nacht an Veranstaltungen wie Weinmessen, Hoteleröffnungen und Präsentationen teil. Das war unglaublich anstrengend. Aber ich habe diesen Job immer gern gemacht.

Im Oktober flog ich allein in den Urlaub. Dominikanische Republik, ein Pauschalangebot. Mein Plan war, den lieben langen Tag nichts anderes zu tun, als ein Buch nach dem anderen zu lesen, um 19 Uhr ins Bett zu gehen und mit niemandem groß zu kommunizieren. Den habe ich auch genau so durchgezogen.

Am dritten Tag – ich lag gerade mit Kopfhörern in den Ohren am Strand und las – kam ein Mann auf mich zu. Er wollte mich kennen lernen. Das lief nicht so gut für ihn, denn ich hatte ja beschlossen, mit niemandem zu sprechen. Er fragte mich auf Englisch nach Feuer, ich gab ihm mein Feuerzeug, ohne ihn anzusehen. Erst als er sich abwendete, schaute ich ihm hinterher und dachte: „Hallo!“

Leben in Italien? Annett muss sich entscheiden

An meinem letzten Abend liefen wir uns wieder über den Weg und gingen zusammen etwas trinken. Ich erfuhr, dass er Donatello hieß und aus Rom kam, dass er als Zahnarzt arbeitete und wegen einer Tagung dort war. Abgesehen davon konnten wir uns kaum unterhalten, denn sein Englisch war schlecht, ich sprach kein Italienisch, er kein Deutsch. Trotzdem bat er mich beim Abschied um meine Telefonnummer. „Wie sollen wir denn bitte telefonieren?“, dachte ich nur.

Als ich am nächsten Morgen im Bus zum Flughafen saß, war die Sache für mich eigentlich erledigt. Whatsapp gab es damals noch nicht. Bei Facebook waren wir auch nicht. Aber wir schickten einander SMS, in denen wir alles Wort für Wort in die Sprache des anderen übersetzten. Er hat mich dann relativ schnell in Frankfurt besucht und ich ihn ein paar Mal in Rom. Dort fuhr er mich auf dem Roller durch wunderschöne Gassen und um das Kolosseum herum. Das hat mich beeindruckt. Italiener wissen, wie das geht.

Ich war irrsinnig verliebt. Das musste ich mir eingestehen – und mir irgendwann die Frage stellen, ob ich unbedingt weiter Karriere machen oder mit Donatello zusammen sein und auswandern wollte. Um das herauszufinden, gab mein Chef mir im Frühling 2007 sechs Wochen lang unbezahlten Urlaub. Er meinte: „Wenn es mit deinem Römer klappt, dann soll es wohl so sein.“

Leben in Italien: Caesar läuft man in Rom öfter über den Weg

Caesar begegnet man in Rom öfter

In den sechs Wochen besuchte ich eine Sprachschule und genoss die Zeit so sehr, dass mir die Entscheidung für ein Leben in Italien nicht schwer fiel. Im August packte ich meinen alten Opel mit ein paar Kisten voll und fuhr wieder nach Rom. Diesmal, um zu bleiben.

Arbeit suchen heißt: Verstehen, wie Italien funktioniert

Ich zog bei Donatello ein und setzte den Sprachunterricht fort, alles war harmonisch. Einen Kulturschock musste ich aber erleben, was meine beruflichen Perspektiven betraf. Damals hatte ich noch nicht verstanden, wie Italien funktioniert. Meine Erfahrung, meine Zertifikate, meine Top-Referenzen – all das interessierte niemanden. Jobs bekommt man hier fast nur über Beziehungen. Während mich von Deutschland aus ständig Headhunter anriefen, verschickte ich in Rom etliche Bewerbungen und hatte nirgendwo auch nur den Hauch einer Chance.

So blieb mir nichts anderes übrig, als in einem Irish Pub als Kellnerin anzufangen – für 4,50 Euro die Stunde. Meist musste ich bis drei Uhr nachts arbeiten, danach noch saubermachen, sodass ich erst gegen fünf Uhr zu Hause war. Donatello stand jeden Morgen um sieben auf. Wir sahen uns kaum noch. Wir hatten auch immer noch keine gemeinsame Sprache, in der wir flüssig kommunizieren konnten. Diese Situation war so frustrierend, dass wir zum Jahresende beschlossen, uns zu trennen. Anfang Januar 2008 stellte ich jedoch fest, dass ich schwanger war.

In derselben Zeit tat sich ein anderer Job auf: Anna, eine englische Kollegin im Pub, war bei einer Tourismusagentur angestellt und erzählte mir, dass sie dort noch jemanden suchten. Die Agentur arbeitete mit Leuten zusammen, die Besuchern vor allen großen Sehenswürdigkeiten Touren verkaufen. In Rom ist das längst völlig ausgeartet. Die Stadt kontrolliert aber nicht, ob die Männer und Frauen, die dort stehen, überhaupt Arbeitsverträge haben oder Steuern zahlen. Fünf Jahre lang war ich dort Mädchen für alles, organisierte hauptsächlich Tickets. Zwischendrin kamen meine Söhne zur Welt: Francesco im September 2008 und Filippo im Juni 2010. Irgendwann wurde mir der Laden zu chaotisch. Ich wollte etwas Seriöses machen.

Ein Bekannter brachte mich auf die Idee, Tourguide zu werden. Die Prüfung zum Rom-Stadtführer kann man aber nur alle zehn Jahre ablegen. Ich verpasste sie knapp. Also schrieb ich mich für ein Online-Fernstudium zum „International Tourguide“ ein. Damit kann ich heute, mit Ausnahme des Vatikans, genau so Führungen durch Rom anbieten.

Leben in Italien: Annett bei einer ihrer Touren

Voller Einsatz: Annett bei der Arbeit in der Hitze …

Vielen italienischen Stadtführern passt es nicht, dass ausländische Guides mitmischen. Sie finden, wir sind zu viele. Aber seit ich mich vor zwei Jahren als „Deutsche Römerin“ selbstständig gemacht habe, kann ich über zu wenig Arbeit nicht klagen. In der Hauptsaison bin ich oft 13 Stunden am Tag unterwegs. Eine meiner Touren führt durch das Kolosseum und das Forum Romanum, eine andere ist ein lockerer Stadtbummel. Sie dauern zwischen zweieinhalb und vier Stunden und ich mache sie bis zu dreimal täglich. Ich zeige auch Kreuzfahrern an einem Tag die Stadt. Und manchmal buchen Gruppen mich für eine ganze Woche und wünschen sich ein individuelles Programm.

Die Kunden kommen auf verschiedenen Wegen zu mir: Über meine Homepage, über meine Facebook-Seite, vor allem aber über eines der Vermittlungsportale, bei denen ich angemeldet bin, zum Beispiel www.rent-a-guide.de. Für die Kreuzfahrer werde ich von deutschen Agenturen gebucht. Manchmal kommen auch römische Agenturen auf mich zu, dann sind meist Führungen auf Englisch gefragt.

Leben in Italien: Annett erklärt das Kolosseum

… und in den Gemäuern des Kolosseums

Mein Lieblingsmonument ist das Kolosseum. Darüber weiß ich einfach viel und kenne mittlerweile jeden, der dort arbeitet. Beim Stadtbummel erzähle ich gern Geschichten über die Vetternwirtschaft der Päpste, die aus Eigennutz irgendwelche Fürsten zu Kaisern machten. Aber das mache ich nur, wenn Teilnehmer danach fragen. Rom ist nun mal das Zentrum des Christentums und wenn jemand in der Gruppe sehr religiös ist, verkneife ich mir so etwas natürlich. Eine gute Tour ist für mich eine, bei der die Leute lachen. Das klappt, wenn man sie aktiv mit einbezieht und die Parallelen von Geschichte und Gegenwart betont. Bei mir sollen sie sich nicht stundenlang mit Jahreszahlen abmühen, sondern Spaß haben.

Das Leben in Italien ist meist – aber nicht immer – süß

Ich habe ihn auch – ich liebe meinen Beruf! Ich liebe mein Leben in Italien und die Lebensfreude der Italiener. Ich mag, dass es hier viel weniger Unnahbarkeit gibt, dass ich zum Beispiel mit vielen Römer Polizisten per du bin. Ich mag, dass mein Auto fünfzig Kratzer und Beulen hat und keinen stört es. Ich mag die Geselligkeit, das häufige Essengehen mit Freunden. Wenn Italiener pleite sind, sitzen sie lieber ohne Strom zu Hause, als sich am Freitagabend die Pizza im Restaurant zu verkneifen. Ich mag, dass man sich hier nicht aufregt über Dinge, an denen man ohnehin nichts ändern kann.

Leben in Italien: Per du mit der Polizei

Annett mit Polizist Sergio

Das Leben in Italien findet draußen statt, sobald es warm genug ist. In Trastevere zum Beispiel, einem der berühmtesten Ausgehvierteln Roms, reiht sich ein Lokal an das andere. Dort zieht es Touristen wie Einheimische hin. Die Jugend ist eher in Testaccio anzutreffen. Ich selbst bin am liebsten in Monti, einer Insel im Zentrum. Es gibt nichts Schöneres, als sich dort mit einer Flasche Wein an einen der Brunnen zu setzen.

Donatello und ich sind immer noch glücklich. Manchmal sagen wir im Scherz, dass wir nur deshalb noch zusammen sind, weil wir kommunikativ zwei Jahre hinterherhängen. Inzwischen ist mein Italienisch sehr gut. Unsere Söhne wachsen zweisprachig auf, ich spreche mit ihnen Deutsch und sie besuchen eine deutsche Schule.

Wenn ich an die Kinder denke, fallen mir am ehesten die Dinge ein, die in Italien nicht gut laufen. Es wird zu wenig für Kinder und Jugendliche getan. Es gibt kein Kindergeld. Es gibt keine Vereinskultur. Damit mein Sohn zweimal pro Woche zum Fußballtraining kann, müssen wir jedes Jahr 780 Euro für die Teilnahme und 50 Euro für ein Gesundheitszertifikat bezahlen. Ein Schwimmkurs für ein Kind würde uns 1000 Euro im Jahr kosten. Es gibt auch kein Bafög und kaum Karrierenchancen. Nach dem Studium gehen viele junge Leute ins Ausland, weil sie genau wissen, dass sie ihre beruflichen Ziele hier nicht erreichen können. Viele Menschen stecken in prekären Arbeitsverhältnissen. Ich frage mich oft, wie sie eigentlich über die Runden kommen. Mich stört auch, dass ein Großteil der Italiener, vor allem die im Süden, die Umwelt nicht schert. Müll wird meist nicht getrennt und häufig einfach irgendwohin geworfen.

Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, wieder nach Deutschland zu gehen. Mein Leben in Italien hat mich sicherlich verändert. Gutes, frisches Essen ist mir jetzt wichtiger. Wenn ich in Deutschland bin, staune ich immer über die vielen Reihen Tiefkühlkost im Supermarkt.

Auch mein Verhalten habe ich angepasst. Ich mag immer noch alles am liebsten gut organisiert und habe mich bis heute nicht an die italienische Unpünktlichkeit gewöhnt. Aber ich halte mich nicht mehr an jede Vorschrift. Niemand hier tut das. Auch ich setze inzwischen meine persönlichen Beziehungen ein, wenn ich auf normalem Wege nicht weiterkomme.

Mein Temperament allerdings hat von Anfang an gut nach Italien gepasst. Viel geredet und gestikuliert habe ich schon immer. In Deutschland hab ich dann oft gehört: „Annett, hol mal Luft!“ In Italien hat das noch nie jemand zu mir gesagt.

THE BEST TEAM💜💞💜💞#deutscherömerin

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Kommentare

8
  • Christina

    Hach Rom … eine meiner absoluten Lieblingsstädte. Ich glaube, wenn ich je auswandern würde, wäre Rom ziemlich weit oben auf der Liste. Ich liebe die Leichtigkeit dort und die Geschichte, auf die man überall trifft. Außerdem das Essen und insbesondere das Eis. 🙂 Und ich habe gelernt: Willst du in Rom eine Straße überqueren, lauf einfach los. 😀
    Tolle Story! Und schön, was für ein tolles Leben du dir in Rom aufgebaut hast.

    Liebe Grüße,
    Christina

    • Susanne

      Liebe Christina, schön, dass Dir Annetts Geschichte gefällt. Mich hat Rom auch sehr beeindruckt, es ist aber Jahre her, dass ich da war und es wird eigentlich mal wieder Zeit.

  • Andreas Hohaus

    Ein ganz toller und sehr schöner Bericht und ich freue mich in wenigen Wochen Annett und „ihr“ Rom persönlich zu treffen.

  • Andreas Schrank

    Sehr schön geschrieben, wir wünschen unserer Tochter auch weiterhin viel Glück und Erfolg, danke für diesen Artikel

  • Ilona

    Klasse Artikel. Danke dafür!

    Zumindest mal zeitweise in Italien leben und arbeiten ist ja mein Traum, aber ich weiß von Bekannten, wie schwer es dort ist, als Auswärtige eine gute Stelle zu finden. Qualifikationen? Who cares!
    Also wirds wohl eher mal workaway oder ähnliches – oder ich muss auf den Lottogewinn warten. 😉

    • Susanne

      Liebe Ilona, Dankeschön! Haha, ja, die dicke Bewerbungsmappe mit den vielen Zeugnissen kannst Du jedenfalls zu Hause lassen. 🙂

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