Auswanderer Menschen

Leben in Ita­lien: To Rome with Love

18. März 2017
Leben in Italien: Annett in ihrem Lieblingsmonument, dem Kolosseum

Zuletzt aktua­li­siert am 8. Dezember 2019 um 8:00

Ein Leben in Ita­lien? Auf die Idee wäre Annett (37) nie gekommen, bis die Liebe sie über alle Länder- und Sprach­grenzen hinweg nach Rom führte. Inzwi­schen kennt sie in der ita­lie­ni­schen Haupt­stadt fast jeden Winkel: Annett arbeitet als Tour­guide. Hier kommt ihr Erfah­rungs­be­richt.


Ich habe mich ver­liebt, als ich eigent­lich weder Zeit noch Nerven dafür hatte. Damals, 2006, steckte ich bis zum Hals in Arbeit, 14-Stunden-Tage waren für mich normal. Eine Bezie­hung passte da ein­fach nicht rein.

Wegen meines Berufs war ich schon öfter umge­zogen: Von meiner Hei­mat­stadt Glauchau in Sachsen bin ich, nach einem Jahr als Au-Pair in den USA, nach Bad Gries­bach bei Passau gegangen und habe Hotel­fach­frau gelernt. Damit begann meine Kar­riere in der Hotel­lerie: Ich habe anschlie­ßend in Köln und in Mainz gear­beitet, meinen Abschluss zur Hotel­meis­terin in Hei­del­berg gemacht und dann in Frank­furt ein Vier-Sterne-Haus mit eröffnet. Da war ich Mana­gerin, saß außerdem im Prü­fungs­aus­schuss und nahm regel­mäßig bis mitten in der Nacht an Ver­an­stal­tungen wie Wein­messen, Hotel­eröff­nungen und Prä­sen­ta­tionen teil. Das war unglaub­lich anstren­gend. Aber ich habe diesen Job immer gern gemacht.

Im Oktober flog ich allein in den Urlaub. Domi­ni­ka­ni­sche Repu­blik, ein Pau­schal­an­gebot. Mein Plan war, den lieben langen Tag nichts anderes zu tun, als ein Buch nach dem anderen zu lesen, um 19 Uhr ins Bett zu gehen und mit nie­mandem groß zu kom­mu­ni­zieren. Den habe ich auch genau so durch­ge­zogen.

Am dritten Tag – ich lag gerade mit Kopf­hö­rern in den Ohren am Strand und las – kam ein Mann auf mich zu. Er wollte mich kennen lernen. Das lief nicht so gut für ihn, denn ich hatte ja beschlossen, mit nie­mandem zu spre­chen. Er fragte mich auf Eng­lisch nach Feuer, ich gab ihm mein Feu­er­zeug, ohne ihn anzu­sehen. Erst als er sich abwen­dete, schaute ich ihm hin­terher und dachte: „Hallo!“

Nach Ita­lien aus­wan­dern? Annett muss sich ent­scheiden

An meinem letzten Abend liefen wir uns wieder über den Weg und gingen zusammen etwas trinken. Ich erfuhr, dass er Dona­tello hieß und aus Rom kam, dass er als Zahn­arzt arbei­tete und wegen einer Tagung dort war. Abge­sehen davon konnten wir uns kaum unter­halten, denn sein Eng­lisch war schlecht, ich sprach kein Ita­lie­nisch, er kein Deutsch. Trotzdem bat er mich beim Abschied um meine Tele­fon­nummer. „Wie sollen wir denn bitte tele­fo­nieren?“, dachte ich nur.

Als ich am nächsten Morgen im Bus zum Flug­hafen saß, war die Sache für mich eigent­lich erle­digt. Whatsapp gab es damals noch nicht. Bei Facebook waren wir auch nicht. Aber wir schickten ein­ander SMS, in denen wir alles Wort für Wort in die Sprache des anderen über­setzten. Er hat mich dann relativ schnell in Frank­furt besucht und ich ihn ein paar Mal in Rom. Dort fuhr er mich auf dem Roller durch wun­der­schöne Gassen und um das Kolos­seum herum. Das hat mich beein­druckt. Ita­liener wissen, wie das geht.

Caesar läuft man in Rom öfter über den Weg

Leben in Rom: Caesar begegnet man in der Haupt­stadt von Ita­lien öfter

In den sechs Wochen besuchte ich eine Sprach­schule und genoss die Zeit so sehr, dass mir die Ent­schei­dung für ein Leben in Ita­lien nicht schwer fiel. Im August packte ich meinen alten Opel mit ein paar Kisten voll und fuhr wieder nach Rom. Diesmal, um zu bleiben.

Arbeit suchen in Rom heißt: Ver­stehen, wie Ita­lien funk­tio­niert

Ich zog bei Dona­tello ein und setzte den Sprach­un­ter­richt fort, alles war har­mo­nisch. Einen Kul­tur­schock musste ich aber erleben, was meine beruf­li­chen Per­spek­tiven betraf. Damals hatte ich noch nicht ver­standen, wie Ita­lien funk­tio­niert. Meine Erfah­rung, meine Zer­ti­fi­kate, meine Top-Refe­renzen – all das inter­es­sierte nie­manden. Jobs bekommt man hier fast nur über Bezie­hungen. Wäh­rend mich von Deutsch­land aus ständig Head­hunter anriefen, ver­schickte ich in Rom etliche Bewer­bungen und hatte nir­gendwo auch nur den Hauch einer Chance.

So blieb mir nichts anderes übrig, als in einem Irish Pub als Kell­nerin anzu­fangen — für 4,50 Euro die Stunde. Meist musste ich bis drei Uhr nachts arbeiten, danach noch sau­ber­ma­chen, sodass ich erst gegen fünf Uhr zu Hause war. Dona­tello stand jeden Morgen um sieben auf. Wir sahen uns kaum noch. Wir hatten auch immer noch keine gemein­same Sprache, in der wir flüssig kom­mu­ni­zieren konnten. Diese Situa­tion war so frus­trie­rend, dass wir zum Jah­res­ende beschlossen, uns zu trennen. Anfang Januar 2008 stellte ich jedoch fest, dass ich schwanger war.

In der­selben Zeit tat sich ein anderer Job auf: Anna, eine eng­li­sche Kol­legin im Pub, war bei einer Tou­ris­mus­agentur ange­stellt und erzählte mir, dass sie dort noch jemanden suchten. Die Agentur arbei­tete mit Leuten zusammen, die Besu­chern vor allen großen Sehens­wür­dig­keiten Touren ver­kaufen. In Rom ist das längst völlig aus­ge­artet. Die Stadt kon­trol­liert aber nicht, ob die Männer und Frauen, die dort stehen, über­haupt Arbeits­ver­träge haben oder Steuern zahlen. Fünf Jahre lang war ich dort Mäd­chen für alles, orga­ni­sierte haupt­säch­lich Tickets. Zwi­schen­drin kamen meine Söhne zur Welt: Fran­cesco im Sep­tember 2008 und Filippo im Juni 2010. Irgend­wann wurde mir der Laden zu chao­tisch. Ich wollte etwas Seriöses machen.

Ein Bekannter brachte mich auf die Idee, Tour­guide zu werden. Die Prü­fung zum Rom-Stadt­führer kann man aber nur alle zehn Jahre ablegen. Ich ver­passte sie knapp. Also schrieb ich mich für ein Online-Fern­stu­dium zum „Inter­na­tional Tour­guide“ ein. Damit kann ich heute, mit Aus­nahme des Vati­kans, genauso Füh­rungen durch Rom anbieten.

Annett bei einer ihrer Touren

Voller Ein­satz: Die „Deut­sche Römerin“ bei der Arbeit in der Hitze …

Vielen ita­lie­ni­schen Stadt­füh­rern passt es nicht, dass aus­län­di­sche Guides mit­mi­schen. Sie finden, wir sind zu viele. Aber seit ich mich vor zwei Jahren als „Deut­sche Römerin“ selbst­ständig gemacht habe, kann ich über zu wenig Arbeit nicht klagen. In der Haupt­saison bin ich oft 13 Stunden am Tag unter­wegs. Eine meiner Touren führt durch das Kolos­seum und das Forum Romanum, eine andere ist ein lockerer Stadt­bummel. Sie dauern zwi­schen zwei­ein­halb und vier Stunden und ich mache sie bis zu dreimal täg­lich. Ich zeige auch Kreuz­fah­rern an einem Tag die Stadt. Und manchmal buchen Gruppen mich für eine ganze Woche und wün­schen sich ein indi­vi­du­elles Pro­gramm.

Die Kunden kommen auf ver­schie­denen Wegen zu mir: Über meine Home­page, über meine Facebook-Seite, vor allem aber über eines der Ver­mitt­lungs­por­tale, bei denen ich eben­falls als „Deut­sche Römerin“ ange­meldet bin, zum Bei­spiel www.rent-a-guide.de. Für die Kreuz­fahrer werde ich von deut­schen Agen­turen gebucht. Manchmal kommen auch römi­sche Agen­turen auf mich zu, dann sind meist Füh­rungen auf Eng­lisch gefragt.

Annett erklärt das Kolosseum

… und in den Gemäuern des Kolos­seums

Mein Lieb­lings­mo­nu­ment ist das Kolos­seum. Dar­über weiß ich ein­fach viel und kenne mitt­ler­weile jeden, der dort arbeitet. Beim Stadt­bummel erzähle ich gern Geschichten über die Vet­tern­wirt­schaft der Päpste, die aus Eigen­nutz irgend­welche Fürsten zu Kai­sern machten. Aber das mache ich nur, wenn Teil­nehmer danach fragen. Rom ist nun mal das Zen­trum des Chris­ten­tums und wenn jemand in der Gruppe sehr reli­giös ist, ver­kneife ich mir so etwas natür­lich. Eine gute Tour ist für mich eine, bei der die Leute lachen. Das klappt, wenn man sie aktiv mit ein­be­zieht und die Par­al­lelen von Geschichte und Gegen­wart betont. Bei mir sollen sie sich nicht stun­den­lang mit Jah­res­zahlen abmühen, son­dern Spaß haben.

Das Leben in Rom ist meist – aber nicht immer – süß

Ich habe ihn auch – ich liebe meinen Beruf! Ich liebe mein Leben in Ita­lien und die Lebens­freude der Ita­liener. Ich mag, dass es hier viel weniger Unnah­bar­keit gibt, dass ich zum Bei­spiel mit vielen Römer Poli­zisten per du bin. Ich mag, dass mein Auto fünfzig Kratzer und Beulen hat und keinen stört es. Ich mag die Gesel­lig­keit, das häu­fige Essen­gehen mit Freunden. Wenn Ita­liener pleite sind, sitzen sie lieber ohne Strom zu Hause, als sich am Frei­tag­abend die Pizza im Restau­rant zu ver­kneifen. Ich mag, dass man sich hier nicht auf­regt über Dinge, an denen man ohnehin nichts ändern kann.

Leben in Italien: Per du mit der Polizei

Leben in Rom: Annett mit Poli­zist Sergio

Das Leben in Ita­lien findet draußen statt, sobald es warm genug ist. In Tras­te­vere zum Bei­spiel, einem der berühm­testen Aus­geh­vier­teln Roms, reiht sich ein Lokal an das andere. Dort zieht es Tou­risten wie Ein­hei­mi­sche hin. Die Jugend ist eher in Testaccio anzu­treffen. Ich selbst bin am liebsten in Monti, einer Insel im Zen­trum. Es gibt nichts Schö­neres, als sich dort mit einer Fla­sche Wein an einen der Brunnen zu setzen.

Wenn ich an die Kinder denke, fallen mir am ehesten die Dinge ein, die in Ita­lien nicht gut laufen. Es wird zu wenig für Kinder und Jugend­liche getan. Es gibt kein Kin­der­geld. Es gibt keine Ver­eins­kultur. Damit mein Sohn zweimal pro Woche zum Fuß­ball­trai­ning kann, müssen wir jedes Jahr 780 Euro für die Teil­nahme und 50 Euro für ein Gesund­heits­zer­ti­fikat bezahlen. Ein Schwimm­kurs für ein Kind würde uns 1000 Euro im Jahr kosten. Es gibt auch kein Bafög und kaum Kar­rie­ren­chancen. Nach dem Stu­dium gehen viele junge Leute ins Aus­land, weil sie genau wissen, dass sie ihre beruf­li­chen Ziele hier nicht errei­chen können. Viele Menschen ste­cken in pre­kären Arbeits­ver­hält­nissen. Ich frage mich oft, wie sie eigent­lich über die Runden kommen. Mich stört auch, dass ein Groß­teil der Ita­liener, vor allem die im Süden, die Umwelt nicht schert. Müll wird meist nicht getrennt und häufig ein­fach irgend­wohin geworfen.

Trotzdem kann ich mir nicht vor­stellen, wieder nach Deutsch­land zu gehen. Mein Leben in Ita­lien hat mich sicher­lich ver­än­dert. Gutes, fri­sches Essen ist mir jetzt wich­tiger. Wenn ich in Deutsch­land bin, staune ich immer über die vielen Reihen Tief­kühl­kost im Super­markt.

Auch mein Ver­halten habe ich ange­passt. Ich mag immer noch alles am liebsten gut orga­ni­siert und habe mich bis heute nicht an die ita­lie­ni­sche Unpünkt­lich­keit gewöhnt. Aber ich halte mich nicht mehr an jede Vor­schrift. Nie­mand hier tut das. Auch ich setze inzwi­schen meine per­sön­li­chen Bezie­hungen ein, wenn ich auf nor­malem Wege nicht wei­ter­komme.

Mein Tem­pe­ra­ment aller­dings hat von Anfang an gut nach Ita­lien gepasst. Viel geredet und ges­ti­ku­liert habe ich schon immer. In Deutsch­land hab ich dann oft gehört: „Annett, hol mal Luft!“ In Ita­lien hat das noch nie jemand zu mir gesagt.

***


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Hach Rom … eine meiner abso­luten Lieb­lings­städte. Ich glaube, wenn ich je aus­wan­dern würde, wäre Rom ziem­lich weit oben auf der Liste. Ich liebe die Leich­tig­keit dort und die Geschichte, auf die man überall trifft. Außerdem das Essen und ins­be­son­dere das Eis. :) Und ich habe gelernt: Willst du in Rom eine Straße über­queren, lauf ein­fach los. :D
Tolle Story! Und schön, was für ein tolles Leben du dir in Rom auf­ge­baut hast.

Liebe Grüße,
Chris­tina

Andreas Hohaus

Ein ganz toller und sehr schöner Bericht und ich freue mich in wenigen Wochen Annett und “ihr” Rom per­sön­lich zu treffen.

Andreas Schrank

Sehr schön geschrieben, wir wün­schen unserer Tochter auch wei­terhin viel Glück und Erfolg, danke für diesen Artikel

Klasse Artikel. Danke dafür!

Zumin­dest mal zeit­weise in Ita­lien leben und arbeiten ist ja mein Traum, aber ich weiß von Bekannten, wie schwer es dort ist, als Aus­wär­tige eine gute Stelle zu finden. Qua­li­fi­ka­tionen? Who cares!
Also wirds wohl eher mal workaway oder ähn­li­ches — oder ich muss auf den Lot­to­ge­winn warten. ;)