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Vom Licht und Leben in Apu­lien

Autorin
Trulli – Leben in Apulien

Vor vier Jahren zog Corinna (39) nach Süd­ita­lien. Hier erzählt sie, was sie an ihrem Leben in Apu­lien beson­ders liebt – und warum sie manchmal mit ihrer ita­lie­ni­schen Schwie­ger­mama übers Essen streitet.


Ich bin der Liebe wegen nach Ita­lien aus­ge­wan­dert, vor vier Jahren, im Sommer 2012. Meinen Mann Luigi habe ich schon 1999 kennen gelernt, als Brief­freund. Ich war gerade in die Uni­ver­sität gekommen und unser Eng­lisch­lehrer hat uns Kon­takte aus der ganzen Welt ver­mit­telt.

Die ersten vier Jahre haben wir immer nur auf eng­lisch E-Mails geschrieben, damals hatte ich noch einen Freund, stu­dierte Kul­tur­wis­sen­schaften und jede Menge Spra­chen, zu denen Ita­lie­nisch nicht gehörte. Im Jahr 2000 bin ich zum ersten Mal zu Luigi nach Apu­lien gereist, aber wir sind trotzdem weiter nur Brief­freunde geblieben.

Das Leben in Apu­lien ist gesellig und fami­liär

Ich kann mich noch erin­nern, dass mich die Hitze völlig erschlagen hat. Es war Juli, es herrschten über 40 Grad und wir waren ständig am Strand. Ich kann mich auch noch erin­nern, wie sehr mich die Gast­freund­schaft von Luigis Familie über­wäl­tigte. Ich wurde zu allen zum Essen ein­ge­laden und unter den Ver­wandten regel­recht her­um­ge­reicht, denn alle wollten die Deut­sche ken­nen­lernen. Ich komme aus einem Dorf in der Nähe von Eisen­hüt­ten­stadt und habe selbst eine große Familie, in der man sich nahe steht. Aber das ist trotzdem kein Ver­gleich zu dem, was ich in Ita­lien erlebt habe.

Alberobello Trulli

Corinna vor den Trulli in Alber­o­bello – die Kegel­bauten stehen überall in Apu­lien, aber nur in der Alt­stadt von Alber­o­bello so gehäuft, dass der Ort zum UNESCO-Welt­kul­tur­erbe ernannt wurde

So wohl ich mich auch gefühlt habe, ein Leben in Apu­lien konnte ich mir zu dem Zeit­punkt nicht vor­stellen. Und eine Fern­be­zie­hung über eine Distanz von 2000 Kilo­meter zu führen, hielt ich für wenig zukunfts­trächtig. Fünf Jahre später hatten sich meine pri­vate Situa­tion und meine Ein­stel­lung jedoch geän­dert und ich war bereit, mich auf eine Fern­be­zie­hung mit Luigi, der die ganzen Jahre nicht auf­ge­geben hatte, um mich zu werben, ein­zu­lassen. 2011 war es schließ­lich Luigi, der sich ent­schloss, Nägel mit Köpfen zu machen und seine Heimat zu ver­lassen, um zu mir nach Deutsch­land aus­zu­wan­dern.

Er fand einen Job in einer Firma in Bran­den­burg, wir wohnten zusammen bei meinen Eltern. Es war schön, ihn bei mir zu haben. Aber nach etwa fünf Monaten merkte ich, wie sehr er seine Familie ver­misste. Luigi ist Ein­zel­kind, aber seine Mutter und sein Vater haben je vier Geschwister. Deren Kinder, also seine Cou­sins und Cou­sinen, sind für ihn wie Brüder und Schwes­tern. So ist das eben in Süd­ita­lien, die Familie rückt und hält zusammen, und zum engeren Kreis gehören gut und gern mal 50 Leute. Da braucht man eigent­lich keine Freunde mehr.

Jeden­falls däm­merte mir irgend­wann, dass das Leben in Deutsch­land nicht das Rich­tige für ihn war, zumal seine Eltern damals schon beide über 70 waren und immer die Sorge im Raum stand, dass ihnen mal etwas pas­sieren könnte und wir dann weit weg wären.

Bereit für ein Leben in Apu­lien

Selt­sa­mer­weise stellten sich zur selben Zeit bei mir Auf­bruch­stim­mung und Aben­teu­er­lust ein. Also zog ich kurz darauf mit Luigi in seine Heimat, nach Trig­giano. Über die Jahre hatte ich Apu­lien wäh­rend vieler Urlaube lieben gelernt, und das, was mich beim ersten Besuch ein klein wenig abschreckte – das Wetter – zog mich jetzt umso mehr an. Man sagt, Apu­lien hätte durch­schnitt­lich 300 Son­nen­tage im Jahr. Sobald ich also — auch nach einem noch so langen Arbeitstag – nach Hause komme und auf meine son­nen­über­flu­tete Ter­rasse trete, fühle ich mich, als hätte ich Urlaub. Noch dazu ist es das ganze Jahr über immer so schön hell. Dieses sanfte Licht in Apu­lien, das hab ich von Anfang an geliebt.

Trig­giano mag ich, weil wir hier unsere Traum­woh­nung gefunden haben. Die Leute sind freund­lich, höf­lich, hilfs­be­reit, offen bis unge­niert neu­gierig und, wenn man zweimal im glei­chen Geschäft ein­ge­kauft hat, wird man schon mit seinem Namen begrüßt. In zehn Minuten ist man mit dem Zug in Bari, wo ich an Sprach- und Pri­vat­schulen als Deutsch­leh­rerin arbeite.

mit Davide auf unserer Terrasse

Corinna mit ihrem Sohn Davide auf der hei­mi­schen Ter­rasse

Was ich an der Stadt Bari mag ist, dass sie sich nicht so ein­fach ein­ordnen lässt. Bari ist weder schön noch häss­lich, weder klas­sisch noch modern, früh und abends chao­tisch und nach­mit­tags um zwei so tot wie die Haupt­straße im Wes­tern kurz vorm Show­down. Bari hat von allem ein biss­chen: eine ver­win­kelte, ori­en­ta­lisch anmu­tende Alt­stadt, eine schach­brett­artig ange­legte Neu­stadt mit detail­ver­liebt kon­stru­ierten Bür­ger­häu­sern, einige Parks, die man wegen ihrer geringen Größe lieber „Gärten” nennt, viele his­to­ri­sche Gebäude, kul­tu­relle Ange­bote wie Theater, Kon­zerte, ein Film­fes­tival sowie ein mehr­tä­giges Stadt­fest und Messen. Und um Bari herum gibt es schöne Strände mit kris­tall­klarem Wasser, wie man es aus Wer­be­pro­spekten kennt.

Bari Italien

Die See­pro­me­nade von Bari mit dem Fischerei- und Yacht­hafen im Vor­der­grund

Ich liebe auch das Essen in Apu­lien. Man isst hier viel mehr frisch, jeden Tag gibt es Märkte. Und der Moz­za­rella! Wir haben Bekannte mit einer Farm, die machen ihn selber, dieser Moz­za­rella ist nicht wab­belig, son­dern viel fester, leckerer, sal­ziger.

Das Leben in Apu­lien ist viel relaxter als zu Hause – ganz so, wie man es sich vor­stellt. Der Rest des Landes nennt die Süd­ita­liener „Ter­roni“, das heißt über­setzt „Erd­fresser“ und ist ver­bunden mit einer Reihe von Ste­reo­typen. Die Menschen hier seien faul, haben es mit dem Gesetz nicht so und seien eher häus­lich und tra­di­tio­nell, heißt es. Dazu kann ich nur sagen, dass es in Luigis Familie weder Kri­mi­nelle noch Arbeits­lose gibt, aber allen die Familie und ein schönes Zuhause wichtig sind.

Bis in die 80er Jahre gab es in Bari einen Wirt­schafts­boom und die Leute hatten gleich nach der Schule einen Job. Heute kämpft die Region mit einer hohen Jugend­ar­beits­lo­sig­keit. Da es üblich ist, sehr lange bei den Eltern zu wohnen, fällt es nicht auf, wenn ein junger Mensch keine Arbeit hat und nicht für sich selbst sorgen kann. Aber die Situa­tion dürfte sich ver­schärfen und sicht­barer werden, wenn die Genera­tion „gute Rente“ nicht mehr für ihre Nach­kommen sorgen kann. Anfangs haben auch Luigi und ich in der Woh­nung seiner Eltern gelebt. Der Wechsel von einer Fern­be­zie­hung zu einer Bezie­hung in Luigis Kin­der­zimmer war Dank der Herz­lich­keit und Liebe meiner Schwie­ger­el­tern eine schöne Erfah­rung, aber auch eine neu­er­liche Gedulds­probe für unsere Bezie­hung.

Noch ein Grund für die Vor­ur­teile ist viel­leicht, dass hier über Mittag alles ein­schläft. Erst ab fünf Uhr nach­mit­tags geht es noch mal los. Zwi­schen zwölf und zwei Uhr fahren die meisten Arbeit­nehmer für die Mit­tags­pause heim. Luigi und ich machen das auch so. Wenn ich vor­mit­tags arbeite, kocht seine Mama für uns. Sie besteht drauf! Sams­tags gibt es immer einen kleinen Kampf zwi­schen ihr und mir, wer das Essen zube­reitet. Meist gewinnt sie. Und sonn­tags geht hier sowieso jeder zum Essen zu seinen Eltern, komme, was da wolle.

Bari Balkone Italien

Eine Gasse in Mola di Bari, einem Vorort von Bari, der Haupt­stadt der Region Apu­lien. Das Foto stammt von Corinnas Blog

Seit ich in Ita­lien lebe, dreht sich vieles um Sprache. Anfangs haben Luigi und ich nur eng­lisch gespro­chen. Sein Eng­lisch ist super, weil er lange schon Serien im Ori­gi­nalton geguckt und Bücher auf eng­lisch gelesen hat. Das ist hier aber nicht selbst­ver­ständ­lich. Der Sprach­un­ter­richt in Apu­lien gilt als schlecht. Des­halb gibt es auch so viele pri­vate Sprach­schulen hier, in denen man vor­rangig Eng­lisch aber auch alle anderen Spra­chen lernen kann. Ich unter­richte Deutsch und springe gele­gent­lich für aus­ge­fal­lene Eng­lisch­lehrer ein. Die meisten Schüler, die zu mir kommen, müssen ein Examen bestehen und würden das ohne pri­vate Nach­hilfe nicht schaffen. Andere haben den Plan, nach Deutsch­land zu gehen.

Inzwi­schen spreche ich flie­ßend Ita­lie­nisch. Als ich ankam, habe ich die Sprache kon­se­quent gelernt. Ich hab den ganzen Tag Wörter gepaukt, Zei­tung auf ita­lie­nisch gelesen und mit meiner Schwie­ger­mutter gespro­chen, die immer zu Hause war. Mit Luigis kleiner Cou­sine, die damals zwei Jahre alt war, habe ich außerdem immer das Kin­der­pro­gramm geguckt. Inzwi­schen spre­chen Luigi und ich zu 98 Pro­zent ita­lie­nisch und unseren ein­jäh­rigen Sohn Davide erziehen wir zwei­spra­chig.

 Leben in Apu­lien: von „Bella Figura“ bis Umwelt­sünden

Die ita­lie­ni­sche Sprache ist emo­tional und lei­den­schaft­lich und ich merke, wie ich auf Ita­lie­nisch ganz anders spreche – meine Ton­lage ver­än­dert sich und ich fange an mit den Armen zu fuch­teln. Über­haupt ist die Gestik hier eine andere. In Deutsch­land zuckt man mit den Schul­tern, wenn man etwas nicht weiß oder sich wun­dert, in Ita­lien breitet man die Arme aus und zeigt die Hand­flä­chen. Das mache ich auch schon so. Typisch ist hier auch das Lamen­tieren über das Wetter oder beson­ders die Politik. „Was sollen wir denn auch machen? Wir können es ja nicht ändern“, hört man die Menschen hier oft sagen.

So sehr sich Süd­ita­liener ver­meint­lich von anderen Ita­lie­nern unter­scheiden, sie sind genau so mode­be­wusst. „Bella Figura“ ist hier überaus wichtig, das heißt, man zieht sich ele­gant an. Wenn man sich mit Freunden trifft, dann sieht man sich fast nie zu Hause, son­dern geht in eine Bar oder ein Restau­rant. Dabei sieht man die Schön­heiten in den Stadt­zen­tren auf und ab fla­nieren. Die Frauen stö­ckeln über das marode Pflaster, manche können nur am Arm eines Mannes laufen mit ihren hohen Hacken.

Bella Figura“ ist den meisten sogar wich­tiger als eine schöne Woh­nung. Eine Bekannte von uns, 50 Jahre alt, wohnt in einer abso­luten Bruch­bude, aber ihre Fin­ger­nägel sind immer per­fekt gemacht, die Haare akkurat fri­siert und die Klei­dung teuer.

Es gibt auch einiges, was mir hier nicht gefällt. Wenn man zum Amt muss, dauert alles immer ewig. Außerdem gibt es keine soziale Absi­che­rung wie in Deutsch­land. Man zahlt nicht in eine Kran­ken­ver­si­che­rung ein und muss außer der Basis­ver­sor­gung beim Haus­arzt alles selbst bezahlen, wenn man mal etwas hat.

Außerdem haben die Süd­ita­liener wenig Respekt vor öffent­li­chem Eigentum. Zum Bei­spiel wird, was auch immer man gerade los­werden will, weg­ge­worfen, wo man steht und geht. Dass das nicht okay ist, dafür haben viele Leute hier ein­fach kein Bewusst­sein und auch die hohen Geld­bußen, die mög­lich sind, schre­cken nie­manden ab. Mich stört das natür­lich, aber ich bin gewis­ser­maßen abge­stumpft. Wenn Besuch aus Deutsch­land kommt und sagt „Wie sieht’s denn hier aus?“ dann sehe ich das oft schon gar nicht mehr so kri­tisch.

Mola di Bari

Aus­flug ans Meer in Mola di Bari

Ins­ge­samt liebe ich mein Leben in Apu­lien. Ich denke nicht dar­über nach, warum ich aus­ge­rechnet hier lebe. Am Ende habe ich mir nicht das Land oder den Ort aus­ge­sucht, son­dern den Mann, der von hier kommt. Aller­dings finde ich auch, es hätte mich mit beiden bedeu­tend schlechter treffen können.

***


Von ihrem Leben in Apu­lien erzählt Corinna auch auf ihrem Blog Mein Apu­lien.


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Egon

Sehr schön geschrieben !

Danke fuer diesen Bericht ueber Corinna und ihre Aus­wan­de­rung. Diese mit den Haenden und Armen fuch­telnden “Ter­roni”, denen es immer wichtig ist, eine “Bella Figura” zu machen- ja, die kenne ich auch😉. Meinen Weg nach Ita­lien habe ich auch vor einiger Zeit ver­bloggt… auch wenn dieser wieder ganz anders aussah! Viele Gru­esse! Claudia

Es hätte mich mit beiden deut­lich schlechter treffen können”. Sehr schön :) Tolle Geschichte von den beiden, so muss es laufen! Für mich ist nur eine Frage offen: Warum wurde das arme Kind auf dem Foto auf der hei­mi­schen Ter­asse bei Son­nen­schein und Kurz­är­mel­wetter in einen Win­ter­anzug plus Mütze gepackt?

*lach* Blauer Himmel meint bei uns nicht auto­ma­tisch 40 Grad. ;)

Das Foto ent­stand Im April. Ich erin­nere mich nicht genau, aber ich tippe mal auf 20 Grad und Wind. Für uns hier also prak­tisch tiefster Winter. Ich kann da schon mit halb­langen Ärmeln über die Ter­rasse spa­zieren, aber mein Kleiner ist deut­lich mehr Apu­lier als ich.

Sommer erkennt man auf Apu­li­en­fotos, wenn die Pflanzen, die Unter­wuchs bilden halbtot aus­sehen. ;)

[…] Das ist doch gräss­lich, da haftet doch die Soße gar nicht richtig dran. Wenn die Leute schon zum Ita­liener gehen, dann sollten sie auch wirk­lich ita­lie­nisch essen“, sagt die Frau mit dem dun­kel­braunen, […]

Ein wirk­lich schön geschrie­bener Artikel über Apu­lien, in das ich mich vor knapp vier Jahren sehr ver­liebt habe. Ich habe mein Leben lang heim­lich davon geträumt, am Mit­tel­meer zu leben und als ich nach Apu­lien kam, dachte ich: das ist es! wenn dann hier… Seitdem nutze ich jede Gele­gen­heit nach Apu­lien zu fahren, habe dort schon ein paar Monate in der Land­wirt­schaft gear­beitet und sehr unter­schied­liche Reisen gemacht. In gewisser Weise haben diese Reisen mein Leben und meine Sicht auf die Welt ver­än­dert. Ich habe leider noch nicht den Absprung nach Apu­lien geschafft, aber weil es mich nicht los­lässt, einen… Read more »

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