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New York heißt: immer unterwegs“

Autorin
Deutsche in New York: Bianca vor der Queensboro Bridge

Eine Deut­sche in New York: Als Bianca (25) vor sechs Jahren zum ersten Mal in New York City war, konnte sie sie nicht vor­stellen, eines Tages dort zu leben. Inzwi­schen möchte sie den ewigen Trubel ihrer neuen Heimat nicht mehr missen. Sie genießt es, fast täg­lich etwas Neues zu ent­de­cken – und zwar am liebsten, wenn sie auf dem Fahrrad durch die Straßen fährt.


Es war nie mein Traum, in die USA aus­zu­wan­dern. Aber wie es der Zufall wollte, ver­liebte ich mich in einen New Yorker. 2009 war das. Ich ging noch zur Schule und wollte eigent­lich nur mein Eng­lisch ver­bes­sern. Online hatte ich eine Platt­form gefunden, auf der Leute aus der ganzen Welt mit­ein­ander ins Gespräch kamen. Da lernte ich Jorge kennen, meinen Mann. Jorges Eltern stammen aus Peru und sind vor seiner Geburt nach New York aus­ge­wan­dert.

Ein Jahr lang haben wir uns geschrieben und tele­fo­niert, bis ich ihn im Januar 2010 besuchte. Es war eisig kalt in New York, aber das störte uns nicht. Zwei Wochen war ich dort, Jorge hat mit mir die Touri-Tour gemacht: Empire State Buil­ding, Brooklyn Bridge, Liberty Island. Vor dem Rocke­feller Center stand noch der Weih­nachts­baum. Und am Times Square haben wir uns zum ersten Mal geküsst.

Bianca am Times Square, New York

Der Abschied war hart. Dass ich mal nach New York ziehen würde, konnte ich mir damals trotzdem nicht vor­stellen. Ich emp­fand die Stadt als anstren­gend – die Größe, die Hektik, das durch­drin­gende Heulen der Kran­ken­wa­gen­si­renen, das im Fünf-Minuten-Takt ertönt.

Ich wollte außerdem erst einmal mein Abi machen. Einen Aus­bil­dungs­platz zur Restau­rant­fach­frau hatte ich auch schon. Des­halb führten wir wei­tere zwei Jahre eine Fern­be­zie­hung. Am Anfang habe ich noch gehofft, dass Jorge viel­leicht zu mir nach Deutsch­land kommt, aber er steckte mitten im Stu­dium und konnte nicht ein­fach alles stehen und liegen lassen. Wollte er auch gar nicht. Denn immer wenn er bei mir in Gel­sen­kir­chen war, fehlte ihm seine Heimat.

Eine Deutsche in New York: Aus Gelsenkirchen in die USA

Ich hin­gegen stellte fest, dass mir der stän­dige Trubel in New York mit jedem Besuch weniger aus­machte. In Deutsch­land hat spä­tes­tens ab 22 Uhr und an Sonn- und Fei­er­tagen fast alles geschlossen. Hier kann man zu jeder Tages- und Nacht­zeit shoppen oder essen gehen und die Leute machen davon auch rege Gebrauch. All­mäh­lich fand ich Gefallen daran. Zum Ende meiner Aus­bil­dung hatte ich mich ent­schieden, nach New York zu gehen. Meine Mutter war nicht begeis­tert. Auch ich war nervös. Aber ich sagte mir, dass ich jeder­zeit zurück­kommen kann, wenn irgend­etwas schief geht.

Im Juli 2012 reiste ich ab und im August hei­ra­teten Jorge und ich. Die ersten andert­halb Jahre lebten wir im Haus seiner Eltern in der Bronx. Den Stadt­teil kannte ich ja schon von meinen Besu­chen. Er hat schon lange nichts mehr gemein mit dem gefähr­li­chen Pflaster, für das ihn viele heute noch halten. Es gibt dort wun­der­schöne Parks und Restau­rants und es kommen auch immer mehr Tou­risten.

Grand Central, New YorkSo schnell wie mög­lich habe ich meine Green Card bean­tragt, damit ich arbeiten konnte. Dabei habe ich mich von einem Anwalt beraten lassen, so eine Pro­zedur war das. Ich fand einen Job in einem Café am Grand Cen­tral und ein paar Monate später begann ich mein BWL-Stu­dium. Die Uni liegt, genau wie der Bahnhof mit dem Café, in Man­hattan. Meine Kurse lege ich jedes Semester auf zwei Tage in der Woche, sodass ich weiter im Café arbeiten kann.

Als Deut­sche in New York  ist es leicht, mit anderen in Kon­takt zu kommen. Das spüre ich auch immer wieder bei der Arbeit: Die Kunden haben Lust auf Small­talk. Ich habe hier ganz schnell Anschluss gefunden. Sowohl die Freunde meines Mannes aus Puerto Rico und Süd­ame­rika als auch meine Kom­mi­li­tonen – die meisten sind Euro­päer – haben mich mit offenen Armen emp­fangen. Das macht diese Stadt für mich aus: Alle kommen anderswo her und gehen offen auf­ein­ander zu.

New York ist auch nicht so kalt­schnäuzig, wie man annehmen könnte. Ja, es herrscht ständig Hektik, aber für ein nettes Wort ist trotzdem immer Zeit. Alten Leuten zu helfen beim Ein- und Aus­steigen in den Bus ist eine Selbst­ver­ständ­lich­keit. Und wenn sich Men­schen in der U-Bahn streiten, steht immer jemand auf und unter­nimmt etwas. Man passt auf­ein­ander auf.

Inzwi­schen wohnen Jorge und ich in Queens. Astoria, um genau zu sein. Mit einer guten Ver­bin­dung bin ich in zwanzig Minuten bei der Arbeit. Wenn man mit dem Fahrrad über die Queens­boro Bridge fährt, ist man sogar schon in zehn Minuten in Man­hattan.

Astoria ist bekannt für seine grie­chi­schen Restau­rants. Das ist ja ohnehin eines der Dinge, die ich an dieser Stadt liebe: diese Viel­falt, dieses Angebot! Der nächste Grieche, der nächste Thai­länder, der nächste Mexi­kaner ist garan­tiert nicht weit. Als ich mal wieder in Gel­sen­kir­chen war, fiel mir auf, wie sehr ich mich daran schon gewöhnt habe: Da stand mir der Sinn nach Tacos – es gab aber keine in der Nähe.

In New York erinnert vor allem der Winter an Deutschland

In New York ist man ständig unter­wegs, ständig draußen. Wenn Jorge und ich Zeit haben, schnappen wir uns unsere Fahr­räder. Anfangs hatte ich noch Schiss auf den Straßen. Es werden hier aber immer mehr Fahr­rad­wege gebaut. In Man­hattan gibt es jedes Jahr die „summer streets“, da sperren sie an meh­reren Sonn­tagen im August die ganze Park Avenue von der 72. bis zur Brooklyn Bridge. Die Gegend wirkt wie ver­wan­delt, so ganz ohne Autos und statt­dessen voller Fuß­gänger und Rad­fahrer. Bis jetzt waren wir immer dabei. Ansonsten zieht es uns in unserer Frei­zeit aber nicht nach Man­hattan. Da sind haupt­säch­lich Geschäfts­leute und Tou­risten unter­wegs.

Bianca Brooklyn Bridge New York

Ganz oft fahren wir statt­dessen zum Smor­gas­burg. Das ist ein Floh- und Food­markt zugleich, immer sams­tags in Wil­liams­burg. Wir beide lieben ihn! Dort gibt es unzäh­lige Stände mit Essen aus aller Welt und jedes Mal ent­de­cken wir etwas, das wir noch nie zuvor pro­biert haben. Hin­terher schlen­dern wir manchmal am Ufer des East River ent­lang, da hat man einen tollen Blick auf Man­hattan. Und meis­tens staunen wir, was es in Wil­liams­burg wieder Neues gibt: schon wieder ein neues Café, eine neue Bar, ein neues Geschäft. Wo letzte Woche noch ein Wasch­salon war, ist jetzt ein Restau­rant. Das Viertel ver­än­dert sich rasend schnell.

Es gibt natür­lich auch Dinge, die mir hier in den USA nicht gefallen. Als Deut­sche in New York habe ich zum Bei­spiel kein sicheres Gefühl, was meine Kran­ken­ver­sor­gung betrifft. Zwar habe ich jetzt Obama-Care, ich kann aber trotzdem nicht ein­fach zum Arzt gehen wie in Deutsch­land. Erst einmal muss ich meine Kran­ken­kasse anrufen und sie fragen, ob sie die Kosten über­nimmt – auch bei Klei­nig­keiten.

Hin und wieder ver­misse ich auch – wie so viele deut­sche Aus­wan­derer – das deut­sche Brot. Klar gibt es hier auch deut­sche Bäcke­reien, aber auch die backen es nicht so, wie ich es von zu Hause kenne.

Am häu­figsten muss ich im Winter an zu Hause denken, wenn alles ein biss­chen ent­schleu­nigt ist. Zum Bei­spiel ver­gan­genen Januar: Da war es hier zwei Tage lang so ruhig wie sonst nie, weil es so viel geschneit hat, dass viele Geschäfte nicht öffnen konnten. Das fühlte sich ein biss­chen an wie ein Sonntag daheim in Gel­sen­kir­chen.

Bianca Fahrrad Queens


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Kommentare

11
  • Corinna

    Ach, ja, die Liebe… Diese Geschichte kenne ich auch. Ich wün­sche Dir, Bianca, alles Gute und eine glück­liche, unend­liche Ehe! Ein inter­es­santer Artikel, der auch einige Ste­reo­typen von N.Y. gera­de­rückt.

  • Carolin

    Sehr inter­es­santer Artikel! Ich kann das alles sehr gut nach­voll­ziehen, da ich fast das Gleiche erlebt habe. Nur die Stadt ist eine andere, aller­dings auch an der Ost­ku­este. Alles Gute, liebe Bianca, und immer ein biss­chen “Deutsch-Sein” bewahren. 🙂

  • Irene Hofmann Georgeff

    Sehr schoen geschil­dert. Ich bin seid ueber 40 Jahren hier, mit Unter­bre­chungen und geh auch oef­ters mal zurueck nach Deutsch­land. Mir gefa­ellt es gut hier. Wir haben einen gr. deut­schen Club. Somit, bleibt die deut­sche Sprache und etwas von der deut­schen Tra­di­tion erhalten. Wir waren das letz­temal zum Mara­thon in NY. Ich glaube, auch ich koennte dort leben. Phil­adel­phia ist 1/2 Std von uns und Bal­ti­more ist nicht weit ent­fernt. Ab und zu fehlt mir Deutsch­land wegen den Enkel­kin­dern. Sie wachsen so schnell. Einmal im Jahr kommen sie und Opa / Oma fliegen 2–3mal im Jahr zu ihnen. Ja, jeder macht seine Erfah­rungen. Viel Freude in der neuen Heimat und viel­leicht sehen wir uns mal in Wil­liams­burg. Wir lieben Floh-Maerkte!

    • Susanne

      Hi Irene,
      Danke sehr, richte ich Bianca aus, falls sie es nicht ohnehin selbst sieht.

  • Tammi

    Hallo! Ganz tolle Geschichte! Ist viel­leicht eine unge­wöhn­liche Frage, aber kannst du mir viel­leicht sagen auf wel­cher Platt­form sie Jorge ken­nen­ge­lernt hat? Sie sagte eine Platt­form wo Men­schen aus aller Welt Gespräche führen? Das klingt näm­lich wirk­lich super, sowas suche ich. Liebe Grüße, Tammi.

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Hi! Ich bin Susanne. Journalistin und Reisende. Ich liebe und schreibe Geschichten vom Reisen (auch allein!) und Auswandern. Warum? Hier erfährst du mehr. (Foto: © André Schade)

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