Auswanderer Menschen

Leben in New York: „Man ist immer unter­wegs“

23. März 2016
Deutsche in New York: Bianca vor der Queensboro Bridge

Zuletzt aktua­li­siert am 6. April 2020 um 13:34

Eine Deut­sche in New York: Als Bianca (25) vor sechs Jahren zum ersten Mal in New York City war, konnte sie sie nicht vor­stellen, eines Tages dort zu leben. Inzwi­schen möchte sie den ewigen Trubel ihrer neuen Heimat nicht mehr missen. Sie genießt es, fast täg­lich etwas Neues zu ent­de­cken – und zwar am liebsten, wenn sie mit dem Fahrrad durch die Straßen fährt.


Eine Deut­sche in New York City: Aus Gel­sen­kir­chen in die USA

Es war nie mein Traum, in die USA aus­zu­wan­dern. Aber wie es der Zufall wollte, ver­liebte ich mich in einen New Yorker. 2009 war das. Ich ging noch zur Schule und wollte eigent­lich nur mein Eng­lisch ver­bes­sern. Online hatte ich eine Platt­form gefunden, auf der Leute aus der ganzen Welt mit­ein­ander ins Gespräch kamen. Da lernte ich Jorge kennen, meinen Mann. Jorges Eltern stammen aus Peru und sind vor seiner Geburt nach New York aus­ge­wan­dert.

Ein Jahr lang haben wir uns geschrieben und tele­fo­niert, bis ich ihn im Januar 2010 besuchte. Es war eisig kalt in New York, aber das störte uns nicht. Zwei Wochen war ich dort, Jorge hat mit mir die Touri-Tour gemacht: Empire State Buil­ding, Brooklyn Bridge, Liberty Island. Vor dem Rocke­feller Center stand noch der Weih­nachts­baum. Und am Times Square haben wir uns zum ersten Mal geküsst.

Bianca am Times Square, New York

Der Abschied war hart. Dass ich mal nach New York City ziehen würde, konnte ich mir damals trotzdem nicht vor­stellen. Ich emp­fand die Stadt als anstren­gend – die Größe, die Hektik, das durch­drin­gende Heulen der Kran­ken­wa­gen­si­renen, das im Fünf-Minuten-Takt ertönt.

Leben in New York City: Es gibt alles. Immer.

Ich wollte außerdem erst einmal mein Abi machen. Einen Aus­bil­dungs­platz zur Restau­rant­fach­frau hatte ich auch schon. Des­halb führten wir wei­tere zwei Jahre eine Fern­be­zie­hung. Am Anfang habe ich noch gehofft, dass Jorge viel­leicht zu mir nach Deutsch­land kommt, aber er steckte mitten im Stu­dium und konnte nicht ein­fach alles stehen und liegen lassen. Wollte er auch gar nicht. Denn immer wenn er bei mir in Gel­sen­kir­chen war, fehlte ihm seine Heimat.

Deutsche in New York: Bianca am Times Square

Und noch mal Times Square, diesmal bei Tag

Ich hin­gegen stellte fest, dass mir der stän­dige Trubel in New York mit jedem Besuch weniger aus­machte. In Deutsch­land hat spä­tes­tens ab 22 Uhr und an Sonn- und Fei­er­tagen fast alles geschlossen. Hier kann man zu jeder Tages- und Nacht­zeit shoppen oder essen gehen und die Leute machen davon auch rege Gebrauch. All­mäh­lich fand ich Gefallen daran, bis ich mich irgend­wann sagen hörte: „Ich ver­misse New York!“ Zum Ende meiner Aus­bil­dung hatte ich mich des­halb ent­schieden, nach New York zu gehen. Meine Mutter war nicht begeis­tert. Auch ich war nervös. Aber ich sagte mir, dass ich jeder­zeit zurück­kommen kann, wenn irgend­etwas schief geht.

Im Juli 2012 reiste ich ab und im August hei­ra­teten Jorge und ich. Die ersten andert­halb Jahre lebten wir im Haus seiner Eltern in der Bronx. Den Stadt­teil kannte ich ja schon von meinen Besu­chen. Er hat schon lange nichts mehr gemein mit dem gefähr­li­chen Pflaster, für das ihn viele heute noch halten. Es gibt dort wun­der­schöne Parks und Restau­rants und es kommen auch immer mehr Tou­risten.

Grand Central, New YorkSo schnell wie mög­lich habe ich meine Green Card bean­tragt, damit ich arbeiten konnte. Dabei habe ich mich von einem Anwalt beraten lassen, so eine Pro­zedur war das. Ich fand einen Job in einem Café am Grand Cen­tral und ein paar Monate später begann ich mein BWL-Stu­dium. Die Uni liegt, genau wie der Bahnhof mit dem Café, in Man­hattan. Meine Kurse lege ich jedes Semester auf zwei Tage in der Woche, sodass ich weiter im Café arbeiten kann.

Wie ticken New Yorker? Die Ein­wohner sind freund­lich

Als Deut­sche in New York ist es leicht, mit anderen in Kon­takt zu kommen. Das spüre ich auch immer wieder bei der Arbeit: Die Kunden haben Lust auf Small­talk. Ich habe hier ganz schnell Anschluss gefunden. Sowohl die Freunde meines Mannes aus Puerto Rico und Süd­ame­rika als auch meine Kom­mi­li­tonen – die meisten sind Euro­päer – haben mich mit offenen Armen emp­fangen. Das macht diese Stadt für mich aus: Alle kommen anderswo her und gehen offen auf­ein­ander zu.

New York ist auch nicht so kalt­schnäuzig, wie man annehmen könnte. Ja, es herrscht ständig Hektik, aber für ein nettes Wort ist trotzdem immer Zeit. Alten Leuten zu helfen beim Ein- und Aus­steigen in den Bus ist eine Selbst­ver­ständ­lich­keit. Und wenn sich Menschen in der U‑Bahn streiten, steht immer jemand auf und unter­nimmt etwas. Man passt auf­ein­ander auf.

Inzwi­schen wohnen Jorge und ich in Queens. Astoria, um genau zu sein. Mit einer guten Ver­bin­dung bin ich in zwanzig Minuten bei der Arbeit. Wenn man mit dem Fahrrad über die Queens­boro Bridge fährt, ist man sogar schon in zehn Minuten in Man­hattan.

Astoria ist bekannt für seine grie­chi­schen Restau­rants. Das ist ja ohnehin eines der Dinge, die ich an dieser Stadt liebe: diese Viel­falt, dieses Angebot! Der nächste Grieche, der nächste Thai­länder, der nächste Mexi­kaner ist garan­tiert nicht weit. Als ich mal wieder in Gel­sen­kir­chen war, fiel mir auf, wie sehr ich mich daran schon gewöhnt habe: Da stand mir der Sinn nach Tacos – es gab aber keine in der Nähe.

Eine Deut­sche in New York gibt Insider-Tipps

In New York ist man ständig unter­wegs, ständig draußen. Wenn Jorge und ich Zeit haben, schnappen wir uns unsere Fahr­räder. Anfangs hatte ich noch Schiss auf den Straßen. Es werden hier aber immer mehr Fahr­rad­wege gebaut. In Man­hattan gibt es jedes Jahr die „summer streets“, da sperren sie an meh­reren Sonn­tagen im August die ganze Park Avenue von der 72. bis zur Brooklyn Bridge. Die Gegend wirkt wie ver­wan­delt, so ganz ohne Autos und statt­dessen voller Fuß­gänger und Rad­fahrer. Bis jetzt waren wir immer dabei. Ansonsten zieht es uns in unserer Frei­zeit aber nicht nach Man­hattan. Da sind haupt­säch­lich Geschäfts­leute und Tou­risten unter­wegs.

Bianca Brooklyn Bridge New York

Ganz oft fahren wir statt­dessen zum Smor­gas­burg. Das ist ein Floh- und Food­markt zugleich, immer sams­tags in Wil­liams­burg. Wir beide lieben ihn! Dort gibt es unzäh­lige Stände mit Essen aus aller Welt und jedes Mal ent­de­cken wir etwas, das wir noch nie zuvor pro­biert haben. Hin­terher schlen­dern wir manchmal am Ufer des East River ent­lang, da hat man einen tollen Blick auf Man­hattan. Und meis­tens staunen wir, was es in Wil­liams­burg wieder Neues gibt: schon wieder ein neues Café, eine neue Bar, ein neues Geschäft. Wo letzte Woche noch ein Wasch­salon war, ist jetzt ein Restau­rant. Das Viertel ver­än­dert sich rasend schnell.

Was Bianca in den USA ver­misst

Es gibt natür­lich auch Dinge, die mir hier in den USA nicht gefallen. Als Deut­sche in New York habe ich zum Bei­spiel kein sicheres Gefühl, was meine Kran­ken­ver­sor­gung betrifft. Zwar habe ich jetzt Obama-Care, ich kann aber trotzdem nicht ein­fach zum Arzt gehen wie in Deutsch­land. Erst einmal muss ich meine Kran­ken­kasse anrufen und sie fragen, ob sie die Kosten über­nimmt – auch bei Klei­nig­keiten.

Hin und wieder ver­misse ich auch – wie so viele deut­sche Aus­wan­derer – das deut­sche Brot. Klar gibt es hier auch deut­sche Bäcke­reien, aber auch die backen es nicht so, wie ich es von zu Hause kenne.

Am häu­figsten muss ich im Winter an zu Hause denken, wenn alles ein biss­chen ent­schleu­nigt ist. Zum Bei­spiel ver­gan­genen Januar: Da war es hier zwei Tage lang so ruhig wie sonst nie, weil es so viel geschneit hat, dass viele Geschäfte nicht öffnen konnten. Das fühlte sich ein biss­chen an wie ein Sonntag daheim in Gel­sen­kir­chen.

Bianca Fahrrad Queens

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Deut­sche in New York: Infos und Link­tipps

Womög­lich hat Google Dich zu diesem Bei­trag gelotst, weil Du selbst planst, in New York zu leben? Neben Fragen zu den Themen Job und Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung inter­es­siert Dich viel­leicht wie man am besten Anschluss findet und wo man andere Deut­sche in New York treffen kann? Kein Pro­blem, ich  habe mich mal auf die Suche begeben.

So kannst Du Anschluss finden

Nicht über­ra­schend: Zahl­reiche Mög­lich­keiten bietet das Internet. Du könn­test Dich zum Bei­spiel bei Meetup oder bei Inter­na­tions anmelden. Das sind Platt­formen für Expats, deren Mit­glieder regel­mäßig Stamm­ti­sche und andere gemein­same Unter­neh­mungen planen. Du soll­test Dich auch unbe­dingt in den ent­spre­chenden Facebook-Gruppen anmelden. Hier gibt es  gleich meh­rere mit Namen wie „Deut­sche in New York City“ oder „Ger­mans in New York“. Auch auf diese Weise kannst Du Kon­takte knüpfen und andere Deut­sche in New York treffen. Aus eigener Erfah­rung mit Expat-Gruppen bei Facebook weiß ich, dass man sich dort gern mit Tipps und Tricks wei­ter­hilft – ob es nun darum geht, eine Woh­nung zu finden, ein bestimmtes Pro­dukt irgendwo auf­zu­treiben oder darum, irgend­welche For­ma­li­täten richtig aus­zu­füllen und ein­zu­rei­chen.

Von Blog bis Pod­cast: Leben und Arbeiten in NYC

Unbe­dingt sehens­wert ist die Por­trät-Reihe „Humans of New York“(HONY), für die der Foto­graf und Autor Brandon Stanton schon seit 2010 regel­mäßig Groß­stadt­be­wohner foto­gra­fiert und aus ihrem Leben erzählen lässt. Brandon Stanton widmet sich häufig Menschen mit eher unge­wöhn­li­chen Lebens­läufen. Seine Por­träts in Bild und Wort haben eines gemeinsam: Sie sind unge­heuer berüh­rend und kraft­voll.  Mitt­ler­weile ist auch eine ganze Humans-of-New-York-Serie mit Bewegt­bild ent­standen, die ich eben­falls jedem sehr ans Herz lege. Alle Folgen kann man sich auf der dazu­ge­hö­rigen Facebook-Seite ansehen.

Zeit Online hat (zugeb­geben, es ist schon ein paar Jahre her) die Reihe „Ger­mans of New York“ ins Leben gerufen. Ange­lehnt ist sie an dieFür „Ger­mans of New York“ hat Zeit Online also einige mehr oder weniger erfolg­reiche Deut­sche in New York zum Inter­view getroffen. Dabei her­aus­ge­kommen sind sehr lesens­werte Artikel über die Ein­wohner und wie man sie ver­stehen lernt, über ihren Blick zurück auf die deut­sche Heimat, über anfäng­liche Schwie­rig­keiten und ganz neue Sicht­weisen. Immer fallen in den Inter­views die Stich­worte Ehr­geiz oder Ambi­tionen, Tempo und Energie. Den ein oder anderen Insi­der­tipp ver­raten die Befragten in ihren Bei­trägen natür­lich auch.

Auf diesem Blog erzählt Gast­au­torin Katja von ihrem Leben in New York als Expat-Mama mit zwei Kin­dern.

Zu guter Letzt noch ein Pod­cast-Tipp: Auf dieser tollen Seite gibt es regel­mäßig Inter­views mit Mit­glie­dern der deutsch­spra­chigen Com­mu­nity in New York, die über ihr Leben und ihre Arbeit im Big Apple spre­chen. Unbe­dingt mal rein­hören!

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Ach, ja, die Liebe… Diese Geschichte kenne ich auch. Ich wün­sche Dir, Bianca, alles Gute und eine glück­liche, unend­liche Ehe! Ein inter­es­santer Artikel, der auch einige Ste­reo­typen von N.Y. gera­de­rückt.

Carolin

Sehr inter­es­santer Artikel! Ich kann das alles sehr gut nach­voll­ziehen, da ich fast das Gleiche erlebt habe. Nur die Stadt ist eine andere, aller­dings auch an der Ost­ku­este. Alles Gute, liebe Bianca, und immer ein biss­chen “Deutsch-Sein” bewahren. :-)

Irene Hofmann Georgeff

Sehr schoen geschil­dert. Ich bin seid ueber 40 Jahren hier, mit Unter­bre­chungen und geh auch oef­ters mal zurueck nach Deutsch­land. Mir gefa­ellt es gut hier. Wir haben einen gr. deut­schen Club. Somit, bleibt die deut­sche Sprache und etwas von der deut­schen Tra­di­tion erhalten. Wir waren das letz­temal zum Mara­thon in NY. Ich glaube, auch ich koennte dort leben. Phil­adel­phia ist 1/2 Std von uns und Bal­ti­more ist nicht weit ent­fernt. Ab und zu fehlt mir Deutsch­land wegen den Enkel­kin­dern. Sie wachsen so schnell. Einmal im Jahr kommen sie und Opa / Oma fliegen 2–3mal im Jahr zu ihnen. Ja, jeder… Read more »

Tammi

Hallo! Ganz tolle Geschichte! Ist viel­leicht eine unge­wöhn­liche Frage, aber kannst du mir viel­leicht sagen auf wel­cher Platt­form sie Jorge ken­nen­ge­lernt hat? Sie sagte eine Platt­form wo Menschen aus aller Welt Gespräche führen? Das klingt näm­lich wirk­lich super, sowas suche ich. Liebe Grüße, Tammi.

lutz meinhardt

hallo

wir sind auf der suche nach einem deut­schen aus­wan­derer der uns etwas von new york zeigen kann, können sie uns weiter helfen

mfg

L.Meinhardt

Georgeta

Habe gerne gelesen
Bin hier Zeit ein Monat

Carmen Gonzalez

Hallo :) wie heißt denn die Platt­form, ich würde sehr gerne mehr mit New Yor­kern zu tun haben, seit ich 2017 dort war. Evtl möchte ich auch aus­wan­dern :)

Daniel

Eine sehr schönes Geschichte und Grüße aus Gel­sen­kir­chen an Bianca. Ich hoffe Ich traue mich auch ein Lebens­ka­pitel in New York zu beginnen.