Geschichten

Ubud, Bali und der Over­tou­rism: Durch­atmen vorne rechts

21. Januar 2015
Ubud Bali: Tempel im Monkey Forest

Zuletzt aktua­li­siert am 15. Februar 2020 um 16:39

Insel der Gegen­sätze – zuge­geben, das klingt abge­dro­schen. Und doch: Bali bezau­bert und Bali ver­stört, an seinen Stränden, in der Par­ty­hoch­burg Kuta und vor allem in der Künst­ler­stadt Ubud. Bei meiner Reise vor einigen Jahren bin ich von Beginn an hin- und her­ge­rissen. Außerdem: Die Insel und der Over­tou­rism. Kann und sollte man heute, im Jahr 2020, über­haupt noch nach Bali reisen?

Von Kuta bis Ubud: Bali ver­zau­bert und ver­stört

7. Oktober 2013, Flug­hafen Den­pasar. Immer wieder guckt der Kon­trol­leur zwi­schen mir und meinem Pass auf und ab. Langsam werde ich nervös. Dann ver­zieht sich sein Mund zu einem breiten Grinsen.

Du bist schön“, sagt er auf deutsch, „Will­kommen auf Bali.“ Hinter der Glastür klemmen zwei Frauen den Ankom­menden Blumen hin­ters Ohr.

Zehn Minuten später sitzen meine Freundin Lara und ich im Taxi. Der Fahrer spricht kein Wort mit uns. Bei der Ankunft am Hotel kann er so selbst­ver­ständ­lich nicht auf den großen Schein raus­geben, wie wir keine Lust haben zu dis­ku­tieren.

Von Beginn an bin ich auf Bali hin- und her­ge­rissen. Ver­zau­bert, ver­stört, von einem Moment auf den nächsten. Beim ersten Strand­spa­zier­gang in Kuta kann ich mich nicht satt sehen an den Opfer­gaben, die überall her­um­stehen – kleine Körb­chen aus Palm­blät­tern, gefüllt mit Blüten, Keksen und Münzen, die die Götter milde stimmen sollen. Tag für Tag bas­teln die Bali­ne­sinnen sie in Grüpp­chen, tragen sie anmutig auf Tabletts durch die Straßen und stellen sie vor die Geschäfte, auf die Stufen der Tempel, ans Meer.

Opfergaben am Strand von Kuta

Beten auf bali­ne­sisch: Opfer­gaben sind auf der Insel der Götter all­ge­gen­wärtig

Wir setzen uns zwi­schen die Farb­tupfer in den Strand­sand. Sofort sind wir umringt von flie­genden Händ­le­rinnen. Eine greift nach meinem Arm, will mir ein Arm­band anhalten. Eine andere breitet einen Sarong vor uns aus. Die Dritte zeigt uns Stroh­hüte.

Ich bin schlecht in so was.

No, thank you“ sagen und lächeln. Beim zweiten Mal nicht mehr reagieren. Danach in die andere Rich­tung starren. Wie blöd ich mir dabei vor­komme. Erschöpft sehen die Frauen aus, unend­lich müde, als sie ihre schweren Säcke und Stapel zusam­men­raffen und sich abwenden, in den Augen die Trau­rig­keit der Welt. Wie immer quält mich mein Gewissen. Hätte ich ihnen nicht ein­fach etwas geben können? Ein paar Cent nur, ver­dammt!

Die Par­ty­hoch­burg? Eine Hölle namens Kuta

In der Legian Street, der Par­ty­meile in Kuta, geht das Abwim­meln leichter. Hastig stre­cken Männer uns Drogen und Viagra ent­gegen, kaum sind wir am Memo­rial, dem Denkmal für die Anschlags­opfer von 2002, vor­bei­ge­gangen.  An diesem Ort rissen Bomben 202 Menschen in den Tod. Rund­herum tobt heute das Leben. Die Clubs spielen gegen­ein­ander an, wir ver­stehen unser eigenes Wort nicht. Überall blinkt es, Menschen quet­schen sich anein­ander vorbei, Autos und Motor­roller ver­stopften die Straße. No, thank you.

Bali Memorial Kuta

Kuta, Bali: Memo­rial in Gedenken an die Opfer des Ter­ror­an­schlags von 2002

Nach drei Tagen fahren wir mit dem Taxi weiter in die Stadt Ubud. Wir stehen unglaub­lich lange im Stau. Nir­gendwo können wir es hier ent­de­cken, dieses Bali, auf dem Julia Roberts in „Eat Pray Love“ selig auf freien Straßen durch die Gegend radelt. Aus dem Auto­fenster bestaune ich den gren­zen­losen Ein­falls­reichtum der Bali­nesen, wenn es darum geht, mög­lichst viel auf einem Motor­roller zu trans­por­tieren: Mutter, Vater und zwei Kinder, links und rechts acht Plas­tik­tüten und zwei Kisten.

Unterwegs von Kuta nach Ubud Bali: Stau

Unter­wegs von Kuta nach Ubud, Bali: Der Ver­kehr ist … ein­drucks­voll

Ubud Bali Erfah­rungen: Hin- und her­ge­rissen in der Künst­ler­stadt

Aber an der nächsten Ecke wartet immer das Para­dies. Reis­felder, unfassbar satt­grün. Kopf­große Blüten in lila und pink. Und wenn es end­lich mal nicht nach Abgasen stinkt, duftet es nach Räu­cher­stäb­chen. Von unserem Bun­galow im tro­pi­schen Garten am Rand von Ubud aus hören wir jeden Abend aus der Ferne das auf­ge­regte Klin­geln der Game­l­an­or­chester. Von ganz nah das Anschwellen und Abschwellen von Gril­len­zirpen. Und etwas, das klingt, als würde man auf eine Gum­mi­ente treten. „Fuß­hupe“ nennen wir das Geräusch. Es dauert ein paar Tage, bis wir her­aus­finden, dass es sich um Geckos han­delt.

Ubud Bali: Typischer Tanz mit Gamelanorchester

Ubud – Stadt mit rei­cher Kultur. Täg­lich werden tolle tra­di­tio­nelle Tänze auf­ge­führt

Das Schönste an Ubud? Die Reisterrassen rundherum

Zu den schönsten Dingen an Ubud zählen natür­lich die Reis­felder, die den Ort umgeben

Unsere Oase in Ubud ist ein Café

Aber so beschau­lich und char­mant, wie wir es uns vor­ge­stellt haben, ist das Künst­ler­städt­chen nicht. Auch nicht so inspi­rie­rend. Und schon gar nicht so enst­pannt. Sobald wir unsere Unter­kunft im Grünen ver­lassen, stehen wir voll im Gewusel. Auf der Monkey Forest Road im Stadt­zen­trum wei­chen wir manns­hohen Schotter­haufen mitten auf dem Gehweg aus und igno­rieren ange­strengt die immer­glei­chen Tou­risten-Lock­rufe („Mas­sage?“ „Trans­port?“), die wir seit unserer Ankunft schon tau­send­fach gehört haben. Ein schät­zungs­weise acht­jäh­riger Scoo­ter­fahrer hupt uns von der Straße. Wir sind auf dem Weg zum Café Wayan, unserem Lieb­lingsort in Ubud. Hier sitzt man barfuß auf Podesten mitten im Dschungel, im Hin­ter­grund plät­schert das Wasser in kleinen Brunnen. Ein Ort zum Durch­atmen im Chaos. Gleich da vorne rechts.

***


 Hin­ter­grund: Ubud ist das kul­tu­relle Zen­trum der Insel

Ubud liegt etwa 30 Kilo­meter nord­öst­lich von Den­pasar, der größten Stadt der Insel und der Haupt­stadt der Pro­vinz Bali. Was Ubuds Ein­woh­ner­zahl anbe­langt, finden sich unter­schied­liche Angaben. Die deut­sche Wiki­pedia-Seite über Ubud spricht von 34.000 Ein­woh­nern, die eng­lisch von etwa 74.300. Letz­tere scheint die weitaus aktu­el­lere Quelle zu haben. Doch egal, wie viele es genau sind: Die Ein­wohner von Ubud sind in jedem Fall stark in der Unter­zahl gegen­über den vielen Tou­risten, die Jahr für Jahr in die Stadt strömen.

Reiz­voll ist sie wegen ihrer Lage inmitten von Reis­terrassen. Ubud ist aber auch das kul­tu­relle Herz der indo­ne­si­schen Insel. Dass die Stadt sich dazu ent­wi­ckelt hat, geht nicht zuletzt auf einen Mann namens Walter Spies (1895 — 1942) zurück – einen deut­scher Künstler, der als Sohn deut­scher Kauf­leute in Moskau geboren wurde. Ab 1927 lebte und arbei­tete der Maler, Musiker und Tänzer in Ubud. Er beschäf­tigte sich intensiv mit der bali­ne­si­schen Kultur, ins­be­son­dere der Game­land­musik, und lud viele inter­na­tio­nale Künst­le­rInnen nach Ubud ein, um sie mit ein­hei­mi­schen Kunst­schaf­fenden zusammen zu bringen. So half er, Bali und das damals noch ver­schla­fene Ubud im Aus­land bekannt zu machen. Auch sein­tet­wegen ent­schieden sich die ersten Hip­pies und Back­pa­cker in den Jahr­zehnten darauf für Bali als Rei­se­ziel.  (Auf edeltrips.com gibt es mehr über die tou­ris­ti­sche Ent­wick­lung der Insel und kon­kret zum Leben und Wirken von Walter Spies in Ubud, Bali.)

Seit den späten 60er Jahren boomt der Tou­rismus auf der indo­ne­si­schen Insel, deren Bewohner, anders als auf allen anderen Inseln Indo­ne­siens, mehr­heit­lich Hindus sind. Beson­ders Ubuds Bekannt­heit stieg in den Jahren nach 2006 noch einmal rasant an. In diesem Jahr näm­lich ver­öf­fent­lichte Eliza­beth Gil­bert ihre Memoiren „Eat, Pray, Love“, in denen sie von ihrer Sinn- und Glücks­suche infolge ihrer Schei­dung erzählt. Ein Teil des Buches – ein Mega-Best­seller, der 2010 mit Julia Roberts in der Haupt­rolle ver­filmt wurde – spielt in Ubud und Umge­bung.

War die Stadt anfangs wegen ihrer Gale­rien, Museen, Kunst­märkte und Tanz­auf­füh­rungen berühmt, ist sie es heute auch wegen ihrer hohen Dichte an Yoga-Stu­dios und veganen Restau­rants. Inzwi­schen zählt Bali mehr als fünf Mil­lionen Tou­risten pro Jahr, von denen viele auch in die Stadt Ubud reisen. Ablesen lässt sich das an den Besu­cher­zahlen einer der bedeu­tendsten Sehens­wür­dig­keiten in Ubud: Gemeint ist der Monkey Forest, in dem mehr als 600 Makaken leben. Der „Affen­wald“ ist zugleich eine hei­lige Stätte mit drei bedeu­tenden Tem­peln auf dem Gelände. Mehr als 10.000 Gäste besu­chen allein den Monkey Forest Monat für Monat, wobei die Zahl ein paar Jahre alt ist und ich davon aus­gehe, dass es heute wesent­lich mehr sind.

Over­tou­rism: Kann man noch nach Bali reisen?

Im Oktober 2013 war ich mit einer Freundin auf Bali und noch im selben Jahr habe ich die kurze oben­ste­hende Geschichte über diese Reise geschrieben (aller­dings erst andert­halb Jahre später hier ver­öf­fent­licht). Auf unserer Reise durch Bali und Ubud gab es zwei­fels­ohne viele schöne Momente und Erleb­nisse. Zu ihnen zählen zum Bei­spiel die Eco-Fahr­rad­tour durch die Reis­terrassen in Ubuds Umge­bung, der Spa­zier­gang durch den Monkey Forest und der Besuch von Goa Gajah, der Ele­fan­ten­höhle nahe Ubud aus dem 9. Jahr­hun­dert.

Elefantenhöhle Goa Gajah nahe Ubud Bali

Und doch haben uns schon im Jahr 2013 das Chaos und die Tou­ris­ten­massen  ziem­lich über­wäl­tigt, wie ich es  auch zu beschreiben ver­sucht habe. Das galt übri­gens ebenso für Gili Trawangan, eine der drei per Fähre erreich­baren Gili-Inseln, die viele Bali-Rei­sende wäh­rend ihres Urlaubs „mit­nehmen“: Auf dem winzig kleinen Eiland war das Miss­ver­hältnis von Tou­ris­ten­an­sturm und vor­han­dener Infra­struktur auch damals schon kaum zu über­sehen. Fuhr man mit dem Fahrrad ins Inse­lin­nere, weg von den schnieken Beach Bars, sah man flä­chen­de­ckend den Müll auf der Erde und in den Pal­men­hainen liegen.

Heute ärgere ich mich, dass ich das Pro­blem damals weder auf Gili T. noch auf Bali genauer doku­men­tiert habe. Allein über Ubud und die Ernüch­te­rung, die mich traf, wäh­rend wir ver­suchten, uns das ver­meint­liche Sinn­su­cher-Yoga-Para­dies zu erlaufen, hätte ich einen eigenen Bei­trag schreiben können. Ubud war schon damals voll, ver­pestet und anstren­gend. Zwei Dinge in dem Künst­lerort haben uns aller­dings nicht ent­täuscht: das gran­diose Essen und die viel foto­gra­fierten Reis­felder, die ihn umgeben.

Balinesische Pflanzenwelt

Im Garten unserer Unter­kunft in Ubud, Bali wuchsen die schönsten Pflanzen

Inzwi­schen sind einige Jahre ver­gangen. Bali – bereits 2013 längst als „Malle der Aus­tra­lier“ bekannt – zog in den dar­auf­fol­genden Jahren noch mehr Gäste an. Die Insel ent­wi­ckelte sich zudem zum Insta­gram- und Digital-Nomad-Hot­spot mit Canggu als neuer Haupt­stadt (so mein Ein­druck). Medien und Blogger:innen begannen bald, Balis rie­siges Müll- und Over­tou­rism-Pro­blem zu the­ma­ti­sieren. Und ganz aktuell steht die indo­ne­si­sche Insel auf der schwarzen Liste der ein­fluss­rei­chen ame­ri­ka­ni­schen Rei­se­web­site „Fodor’s“. Heißt kon­kret: Aus Sicht der Autor:innen zählt Bali wegen des Over­tou­rism zu den Orten, die Rei­sende der 2020 meiden sollten. Auch in deutsch­spra­chigen Medien steht immer öfter die Frage im Raum, ob man eigent­lich über­haupt noch ruhigen Gewis­sens nach Bali fliegen kann.

Ute von „Bra­ve­bird“ beant­wortet sie mit einem klaren Nein. Sie hat all ihre Bei­träge über Bali gelöscht und rät drin­gend von einer Reise ab. Die erfah­rene Rei­se­b­log­gerin wird teils heftig kri­ti­siert, schließ­lich war sie selbst zweimal auf Bali und hat viel von der Welt gesehen. (Warum ihre ver­gan­genen Reisen ihr das das Recht nehmen sollten, sich heute zu diesem Thema zu  posi­tio­nieren, ver­stehe ich zwar nicht, zumal die meisten Kri­tiker ihre Rei­seart nicht kennen. Aber das ist ein anderes Thema). Unter anderem greift Ute in ihrem Bei­trag die Was­ser­knapp­heit auf, die infolge des Mas­sen­tou­rismus auf der Insel ent­standen ist.

Kann man nun noch nach Bali reisen? Diese Frage kann ich nur für mich selbst beant­worten: Ich per­sön­lich würde aktuell nicht nach Bali reisen und die ferne Insel auch nicht als Rei­se­ziel für einen zwei- oder drei­wö­chigen Urlaub emp­fehlen. Mir ist klar: Ich sage das als jemand, der schon einmal dort war und es liegt mir fern, anderer Leute Rei­se­pläne zu ver­ur­teilen. Gene­rell sehe ich heute kon­squenter von Rei­se­zielen ab, die vom Over­tou­rism betroffen sind, und besuche sie  in der Neben­saison oder schaue nach einer Alter­na­tive.

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