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Ubud, Bali und der Overtourism: Durchatmen vorne rechts

21. Januar 2015
Ubud Bali: Tempel im Monkey Forest

Zuletzt aktualisiert am 2. Juni 2021 um 7:15

Insel der Gegensätze – zugegeben, das klingt abgedroschen. Und doch: Bali bezaubert und Bali verstört, an seinen Stränden, in der Partyhochburg Kuta und vor allem in der Künstlerstadt Ubud. Bei meiner Reise vor einigen Jahren bin ich von Beginn an hin- und hergerissen. Außerdem: Die Insel und der Overtourism. Kann und sollte man heute, im Jahr 2020, überhaupt noch nach Bali reisen?

Von Kuta bis Ubud: Bali verzaubert und verstört

7. Oktober 2013, Flughafen Denpasar. Immer wieder guckt der Kontrolleur zwischen mir und meinem Pass auf und ab. Langsam werde ich nervös. Dann verzieht sich sein Mund zu einem breiten Grinsen.

Du bist schön“, sagt er auf deutsch, „Willkommen auf Bali.“ Hinter der Glastür klemmen zwei Frauen den Ankommenden Blumen hinters Ohr.

Zehn Minuten später sitzen meine Freundin Lara und ich im Taxi. Der Fahrer spricht kein Wort mit uns. Bei der Ankunft am Hotel kann er so selbstverständlich nicht auf den großen Schein rausgeben, wie wir keine Lust haben zu diskutieren.

Von Beginn an bin ich auf Bali hin- und hergerissen. Verzaubert, verstört, von einem Moment auf den nächsten. Beim ersten Strandspaziergang in Kuta kann ich mich nicht satt sehen an den Opfergaben, die überall herumstehen – kleine Körbchen aus Palmblättern, gefüllt mit Blüten, Keksen und Münzen, die die Götter milde stimmen sollen. Tag für Tag basteln die Balinesinnen sie in Grüppchen, tragen sie anmutig auf Tabletts durch die Straßen und stellen sie vor die Geschäfte, auf die Stufen der Tempel, ans Meer.

Opfergaben am Strand von Kuta

Beten auf balinesisch: Opfergaben sind auf der Insel der Götter allgegenwärtig

Wir setzen uns zwischen die Farbtupfer in den Strandsand. Sofort sind wir umringt von fliegenden Händlerinnen. Eine greift nach meinem Arm, will mir ein Armband anhalten. Eine andere breitet einen Sarong vor uns aus. Die Dritte zeigt uns Strohhüte.

Ich bin schlecht in so was.

No, thank you“ sagen und lächeln. Beim zweiten Mal nicht mehr reagieren. Danach in die andere Richtung starren. Wie blöd ich mir dabei vorkomme. Erschöpft sehen die Frauen aus, unendlich müde, als sie ihre schweren Säcke und Stapel zusammenraffen und sich abwenden, in den Augen die Traurigkeit der Welt. Wie immer quält mich mein Gewissen. Hätte ich ihnen nicht einfach etwas geben können? Ein paar Cent nur, verdammt!

Die Partyhochburg? Eine Hölle namens Kuta

In der Legian Street, der Partymeile in Kuta, geht das Abwimmeln leichter. Hastig strecken Männer uns Drogen und Viagra entgegen, kaum sind wir am Memorial, dem Denkmal für die Anschlagsopfer von 2002, vorbeigegangen.  An diesem Ort rissen Bomben 202 Menschen in den Tod. Rundherum tobt heute das Leben. Die Clubs spielen gegeneinander an, wir verstehen unser eigenes Wort nicht. Überall blinkt es, Menschen quetschen sich aneinander vorbei, Autos und Motorroller verstopften die Straße. No, thank you.

Bali Memorial Kuta

Kuta, Bali: Memorial in Gedenken an die Opfer des Terroranschlags von 2002

Nach drei Tagen fahren wir mit dem Taxi weiter in die Stadt Ubud. Wir stehen unglaublich lange im Stau. Nirgendwo können wir es hier entdecken, dieses Bali, auf dem Julia Roberts in „Eat Pray Love“ selig auf freien Straßen durch die Gegend radelt. Aus dem Autofenster bestaune ich den grenzenlosen Einfallsreichtum der Balinesen, wenn es darum geht, möglichst viel auf einem Motorroller zu transportieren: Mutter, Vater und zwei Kinder, links und rechts acht Plastiktüten und zwei Kisten.

Unterwegs von Kuta nach Ubud Bali: Stau

Unterwegs von Kuta nach Ubud, Bali: Der Verkehr ist … eindrucksvoll

Ubud Bali Erfahrungen: Hin- und hergerissen in der Künstlerstadt

Aber an der nächsten Ecke wartet immer das Paradies. Reisfelder, unfassbar sattgrün. Kopfgroße Blüten in lila und pink. Und wenn es endlich mal nicht nach Abgasen stinkt, duftet es nach Räucherstäbchen. Von unserem Bungalow im tropischen Garten am Rand von Ubud aus hören wir jeden Abend aus der Ferne das aufgeregte Klingeln der Gamelanorchester. Von ganz nah das Anschwellen und Abschwellen von Grillenzirpen. Und etwas, das klingt, als würde man auf eine Gummiente treten. „Fußhupe“ nennen wir das Geräusch. Es dauert ein paar Tage, bis wir herausfinden, dass es sich um Geckos handelt.

Ubud Bali: Typischer Tanz mit Gamelanorchester

Ubud – Stadt mit reicher Kultur. Täglich werden tolle traditionelle Tänze aufgeführt

Das Schönste an Ubud? Die Reisterrassen rundherum

Zu den schönsten Dingen an Ubud zählen natürlich die Reisfelder, die den Ort umgeben

Unsere Oase in Ubud ist ein Café

Aber so beschaulich und charmant, wie wir es uns vorgestellt haben, ist das Künstlerstädtchen nicht. Auch nicht so inspirierend. Und schon gar nicht so enstpannt. Sobald wir unsere Unterkunft im Grünen verlassen, stehen wir voll im Gewusel. Auf der Monkey Forest Road im Stadtzentrum weichen wir mannshohen Schotterhaufen mitten auf dem Gehweg aus und ignorieren angestrengt die immergleichen Touristen-Lockrufe („Massage?“ „Transport?“), die wir seit unserer Ankunft schon tausendfach gehört haben. Ein schätzungsweise achtjähriger Scooterfahrer hupt uns von der Straße. Wir sind auf dem Weg zum Café Wayan, unserem Lieblingsort in Ubud. Hier sitzt man barfuß auf Podesten mitten im Dschungel, im Hintergrund plätschert das Wasser in kleinen Brunnen. Ein Ort zum Durchatmen im Chaos. Gleich da vorne rechts.

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 Hintergrund: Ubud ist das kulturelle Zentrum von Bali

Ubud liegt etwa 30 Kilometer nordöstlich von Denpasar, der größten Stadt der Insel und der Hauptstadt der Provinz Bali. Was Ubuds Einwohnerzahl anbelangt, finden sich unterschiedliche Angaben. Die deutsche Wikipedia-Seite über Ubud spricht von 34.000 Einwohnern, die englisch von etwa 74.300. Letztere scheint die weitaus aktuellere Quelle zu haben. Doch egal, wie viele es genau sind: Die Einwohner von Ubud sind in jedem Fall stark in der Unterzahl gegenüber den vielen Touristen, die Jahr für Jahr in die Stadt strömen.

Reizvoll ist sie wegen ihrer Lage inmitten von Reisterrassen. Ubud ist aber auch das kulturelle Herz der indonesischen Insel. Dass die Stadt sich dazu entwickelt hat, geht nicht zuletzt auf einen Mann namens Walter Spies (1895 - 1942) zurück – einen deutscher Künstler, der als Sohn deutscher Kaufleute in Moskau geboren wurde. Ab 1927 lebte und arbeitete der Maler, Musiker und Tänzer in Ubud. Er beschäftigte sich intensiv mit der balinesischen Kultur, insbesondere der Gamelandmusik, und lud viele internationale KünstlerInnen nach Ubud ein, um sie mit einheimischen Kunstschaffenden zusammen zu bringen. So half er, Bali und das damals noch verschlafene Ubud im Ausland bekannt zu machen. Auch seintetwegen entschieden sich die ersten Hippies und Backpacker in den Jahrzehnten darauf für Bali als Reiseziel.  (Auf edeltrips.com gibt es mehr über die touristische Entwicklung der Insel und konkret zum Leben und Wirken von Walter Spies in Ubud, Bali.)

Seit den späten 60er Jahren boomt der Tourismus auf der indonesischen Insel, deren Bewohner, anders als auf allen anderen Inseln Indonesiens, mehrheitlich Hindus sind. Besonders Ubuds Bekanntheit stieg in den Jahren nach 2006 noch einmal rasant an. In diesem Jahr nämlich veröffentlichte Elizabeth Gilbert ihre Memoiren „Eat, Pray, Love“, in denen sie von ihrer Sinn- und Glückssuche infolge ihrer Scheidung erzählt. Ein Teil des Buches – ein Mega-Bestseller, der 2010 mit Julia Roberts in der Hauptrolle verfilmt wurde – spielt in Ubud und Umgebung.

War die Stadt anfangs wegen ihrer Galerien, Museen, Kunstmärkte und Tanzaufführungen berühmt, ist sie es heute auch wegen ihrer hohen Dichte an Yoga-Studios und veganen Restaurants. Inzwischen zählt Bali mehr als fünf Millionen Touristen pro Jahr, von denen viele auch in die Stadt Ubud reisen. Ablesen lässt sich das an den Besucherzahlen einer der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten in Ubud: Gemeint ist der Monkey Forest, in dem mehr als 600 Makaken leben. Der „Affenwald“ ist zugleich eine heilige Stätte mit drei bedeutenden Tempeln auf dem Gelände. Mehr als 10.000 Gäste besuchen allein den Monkey Forest Monat für Monat, wobei die Zahl ein paar Jahre alt ist und ich davon ausgehe, dass es heute wesentlich mehr sind.

Overtourism: Kann man noch nach Bali reisen?

Im Oktober 2013 war ich mit einer Freundin auf Bali und noch im selben Jahr habe ich die kurze obenstehende Geschichte über diese Reise geschrieben (allerdings erst anderthalb Jahre später hier veröffentlicht). Auf unserer Reise durch Bali und Ubud gab es zweifelsohne viele schöne Momente und Erlebnisse. Zu ihnen zählen zum Beispiel die Eco-Fahrradtour durch die Reisterrassen in Ubuds Umgebung, der Spaziergang durch den Monkey Forest und der Besuch von Goa Gajah, der Elefantenhöhle nahe Ubud aus dem 9. Jahrhundert.

Elefantenhöhle Goa Gajah nahe Ubud Bali

Und doch haben uns schon im Jahr 2013 das Chaos und die Touristenmassen  ziemlich überwältigt, wie ich es  auch zu beschreiben versucht habe. Das galt übrigens ebenso für Gili Trawangan, eine der drei per Fähre erreichbaren Gili-Inseln, die viele Bali-Reisende während ihres Urlaubs „mitnehmen“: Auf dem winzig kleinen Eiland war das Missverhältnis von Touristenansturm und vorhandener Infrastruktur auch damals schon kaum zu übersehen. Fuhr man mit dem Fahrrad ins Inselinnere, weg von den schnieken Beach Bars, sah man flächendeckend den Müll auf der Erde und in den Palmenhainen liegen.

Heute ärgere ich mich, dass ich das Problem damals weder auf Gili T. noch auf Bali genauer dokumentiert habe. Allein über Ubud und die Ernüchterung, die mich traf, während wir versuchten, uns das vermeintliche Sinnsucher-Yoga-Paradies zu erlaufen, hätte ich einen eigenen Beitrag schreiben können. Ubud war schon damals voll, verpestet und anstrengend. Zwei Dinge in dem Künstlerort haben uns allerdings nicht enttäuscht: das grandiose Essen und die viel fotografierten Reisfelder, die ihn umgeben.

Balinesische Pflanzenwelt

Im Garten unserer Unterkunft in Ubud, Bali wuchsen die schönsten Pflanzen

Inzwischen sind einige Jahre vergangen. Bali – bereits 2013 längst als „Malle der Australier“ bekannt – zog in den darauffolgenden Jahren noch mehr Gäste an. Die Insel entwickelte sich zudem zum Instagram- und Digital-Nomad-Hotspot mit Canggu als neuer Hauptstadt (so mein Eindruck). Medien und Blogger:innen begannen bald, die Folgen des Overtourismus auf der Insel zu thematisieren – etwa Isabel von „Child and Compass“, die hier über Bali und sein Müllproblem geschrieben hat. Und ganz aktuell steht die indonesische Insel auf der schwarzen Liste der einflussreichen amerikanischen Reisewebsite „Fodor’s“. Heißt konkret: Aus Sicht der Autor:innen zählt Bali wegen des Overtourism zu den Orten, die Reisende der 2020 meiden sollten. Auch in deutschsprachigen Medien steht immer öfter die Frage im Raum, ob man eigentlich überhaupt noch ruhigen Gewissens nach Bali fliegen kann.

Ute von „Bravebird“ beantwortet sie mit einem klaren Nein. Sie hat all ihre Beiträge über Bali gelöscht und rät dringend von einer Reise ab. Die erfahrene Reisebloggerin wird teils heftig kritisiert, schließlich war sie selbst zweimal auf Bali und hat viel von der Welt gesehen. (Warum ihre vergangenen Reisen ihr das das Recht nehmen sollten, sich heute zu diesem Thema zu  positionieren, verstehe ich zwar nicht, zumal die meisten Kritiker ihre Reiseart nicht kennen. Aber das ist ein anderes Thema). Unter anderem greift Ute in ihrem Beitrag die Wasserknappheit auf, die infolge des Massentourismus auf der Insel entstanden ist.

Kann man nun noch nach Bali reisen? Diese Frage kann ich nur für mich selbst beantworten: Ich persönlich würde aktuell nicht nach Bali reisen und die ferne Insel auch nicht als Reiseziel für einen zwei- oder dreiwöchigen Urlaub empfehlen. Mir ist klar: Ich sage das als jemand, der schon einmal dort war und es liegt mir fern, anderer Leute Reisepläne zu verurteilen. Generell sehe ich heute konsquenter von Reisezielen ab, die vom Overtourism betroffen sind, und besuche sie  in der Nebensaison oder schaue nach einer Alternative.

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