Geschichten

Eat Pray Love auf Bali?! Warum ich nicht beim Hand­leser war

27. Januar 2015
Eat Pray Love auf Bali: Ganesha

Zuletzt aktua­li­siert am 16. Februar 2020 um 9:50

Auf Bali lasse ich mir aus der Hand lesen. Das hatte ich mir zumin­dest in den Kopf gesetzt. Und dann traf ich Ketut, den Rezep­tio­nisten unseres Hotels … Eine kurze Geschichte aus Indo­ne­sien, die mir heute durchaus pein­lich sein könnte. Außerdem: Wie haben der Mega-Best­seller „Eat, Pray, Love“ von Eliza­beth Gil­bert und seine Ver­fil­mung mit Julia Roberts den Tou­rismus auf Bali ver­än­dert?


Zum Hand­leser auf Bali? Ernst­haft? – Eine Geschichte

Ketut lacht. Er wirft den Kopf in den Nacken, legt die rechte Hand mit den klo­bigen Ringen vor seine Augen. Mit der anderen hält er sich den Bauch. Ich stehe ihm an der Rezep­tion gegen­über und möchte mich in Luft auf­lösen. Denn Ketut lacht über mich.

Kannst du einen Hand­leser emp­fehlen?“ Das war die Frage, die seine Schul­tern wild auf und ab hüpfen lässt. Seit wir in der Bun­galow-Anlage in Ubud seine Gäste sind, hatte Ketut für jedes Pro­blem eine Lösung. Einen netten Fahrer hat er uns beschafft (seinen Bruder) und Tickets für die Über­fahrt zu den Gili-Inseln (viel güns­tiger). Selbst beim Aus­ku­rieren meiner Lebens­mit­tel­ver­gif­tung stand er mir mit Rat und Tat zur Seite („Schwarzen Tee trinken und erst einmal nichts essen.“).

Eine von unzähligen Statuen in Ubud

Und nun das. „Glaubst du etwa an so einen Quatsch?“ fragt er, als er sich end­lich wieder beru­higt hat. Nein. Ja. Weiß nicht. Ich spüre, wie ich rot werde. Die Idee ist jeden­falls nicht neu. Schon zu Hause habe ich mir in den Kopf gesetzt, mir auf Bali aus der Hand lesen zu lassen und per E‑Mail zu einem Hand­leser namens Agus Kon­takt auf­ge­nommen. „YOU CAN JUSH COME TO MY HOUSE ANYTIME YOU WANT, BUT EVERYDAY MANY PEOPLE COME TO ME FOR HAVE ANY SESSION, SO IF YOU JUSH COME,THEN I AM NOT VERY SURE IF YOU CAN MEET ME. OR YOU MUSH WAIT FOR LONG TIME“, hatte der mir geant­wortet. Ich wollte das Risiko, ihn zu ver­passen, nicht ein­gehen. Und dachte, Ketut kennt bestimmt eine Alter­na­tive. „Wozu brauchst DU denn einen Hand­leser? Was erhoffst du dir davon?“ fragt er mich statt­dessen.

Meine Hand. Was sagt der Handleser?

Was Hand­leser Ketut Liyer aus „Eat, Pray, Love“ wohl in meiner Hand gelesen hätte?

Tja, was eigent­lich?

Ant­worten. Ant­worten auf Fragen, die mich lange schon beschäf­tigen. Warum habe ich so oft das Gefühl, ich gehöre dort nicht hin, wo ich bin? Wo ist mein Platz? Wann komme ich da an? Was muss ich dafür tun? Und ganz kon­kret: Soll ich einen Schnitt machen, alles zurück­lassen, die Arbeit, die Stadt, die Freunde, die Familie, und ins Aus­land gehen? Oder kehre ich von dort genau so rat- und ruhelos zurück? Ich wollte Hilfe bei meiner Ent­schei­dung. Weniger zwei­feln, mehr ver­trauen. Darauf, dass am Ende alles gut wird. Frieden schließen mit allem, was schief gegangen ist. Fertig werden mit allem, was weh­getan hat. Später einmal sagen können: Das war alles ganz richtig so, es musste alles genau so sein.

Think, Ana­lyze, Act“ statt „Eat, Pray, Love“

All das sage ich Ketut nicht. Ich druckse herum, behaupte, dass ich es lustig finden würde. Dass ich neu­gierig sei. Und dann bekomme ich meine Ant­worten. Nicht von Agus, dem Hand­leser, son­dern von Ketut, dem Rezep­tio­nisten. Der mich jetzt sehr ernst ansieht. „Finde heraus, was dir fehlt in Deinem Leben. Frage es dich ganz genau, sei ehr­lich zu dir selbst dabei. Ganz egal, was es ist – Liebe, Geld, ein anderer Job, Abwechs­lung, weniger Stress, was auch immer – krieg deinen Hin­tern hoch, höre auf deine innere Stimme, tu all das, was not­wendig ist, um dein Ziel zu errei­chen. So ein­fach ist das. Kein Hand­leser kann dir dabei helfen. Da musst du ganz allein durch“, sagt er. Und grinst.

Und gegen Unruhe hilft Medi­ta­tion“, fügt er hinzu, bevor er sich umdreht und mich allein lässt mit meinen Gedanken. Noch am selben Tag treffe ich eine Ent­schei­dung.

***


Eat, Pray, Love, die Insel Bali und ich

Diese kurze Geschichte habe ich 2013 geschrieben, im selben Jahr meiner Reise nach Bali. Sie heute zu lesen, weckt in mir das Bedürfnis, erst einmal Fol­gendes klar­zu­stellen: Ich bin damals nicht wegen „Eat, Pray, Love“ nach Bali geflogen. Die indo­ne­si­sche Insel war eines von meh­reren infrage kom­menden Zielen, für das die Freundin, mit der ich gereist bin, und ich uns gemeinsam ent­schieden, nachdem wir uns über unsere Optionen belesen hatten.

Ich wollte auf Bali auch nicht wegen „Eat, Pray, Love“ zum Hand­leser. Mir einmal aus der Hand lesen zu lassen, das hat mich aus irgend­einem Grund schon immer gereizt. Bis heute habe ich meiner Neu­gier nie nach­ge­geben und mir weder auf einem hei­mi­schen Jahr­markt noch einer asia­ti­schen Insel je von einem Hell­seher oder Hand­leser meine Zukunft pro­phe­zeien lassen. Am Ende bin ich wohl doch zu stark davon über­zeugt, dass mein Leben nicht in meiner Hand­fläche geschrieben steht und ich auf das, was mir pas­siert oder nicht, Ein­fluss habe.

Eat Pray Love auf Bali: Auch Julia Roberts fährt durch die Reisterrassen nahe Ubud

Balis berühmte Reis­felder waren Dreh­orte für „Eat, Pray, Love“: Julia Roberts fährt im Film desöf­teren durch sie hin­durch

Was aber zwei­fels­ohne stimmt: Ich habe „Eat, Pray, Love“ damals unheim­lich gern gelesen. Den Best­seller bekam ich etwa 2009 in die Finger – in einer Zeit, in der ich sehr um mein Selbst­ver­trauen rang und überaus emp­fäng­lich war für Geschichten über Selbst­fin­dung und Selbst­liebe. Es war auch die Zeit, in der ich meine ersten län­geren Reisen unter­nahm. All das spielte sicher eine Rolle. Außerdem hielt ich Eliza­beth Gil­bert, die Autorin, schlichtweg für eine bril­lante Erzäh­lerin.

Heute, da mir klarer ist, wie gut ich es im Leben habe, ver­stehe ich die inhalt­liche Kritik am Buch wesent­lich besser. Ich müsste Eliza­beth Gil­berts Memoiren noch einmal lesen, um zu über­prüfen, ob ich sie mir als Haupt­figur mit all ihren Pri­vi­le­gien inzwi­schen viel­leicht sogar unsym­pa­thisch und die Dar­stel­lung der Menschen in Ita­lien, Indien und Indo­ne­sien zu kli­schee­haft wären. Ich kann mich zumin­dest gut daran erin­nern, dass ich mich damals sehr über den Film geär­gert habe: Im Buch hatte mich Liz’ Schil­de­rung ihrer Depres­sion tief berührt, im Film mit Julia Roberts in der Haupt­rolle blieb von dieser ernst­haften Pro­ble­matik kaum etwas übrig, fand ich.

Wie hat „Eat, Pray, Love“ den Tou­rismus auf Bali ver­än­dert?

Sowohl das Buch aus dem Jahr 2006 als auch der Film von 2010 waren ein Rie­sen­er­folg. Die Memoiren standen 187 Wochen in der Best­seller-Liste der New York Times und haben sich bis heute mehr als 12 Mil­lionen Mal welt­weit ver­kauft. Mög­li­cher­weise hat der Erfolg von „Eat, Pray, Love“ sechs Jahre später auch einem Werk den Weg zum Mega-Best­seller geebnet, in dem eben­falls eine Autorin eine Lebens­krise auf einer Reise zu bewäl­tigen ver­sucht: „Wild“ („Der große Trip“) von Cheryl Strayed.

Was ich damals nicht wusste (Ihr?):  Eliza­beth Gil­bert hat nicht etwa über eine ver­gan­genes Aben­teuer geschrieben, son­dern ihre Reise nach Ita­lien, Indien und Indo­ne­sien unter­nommen, als sie den Ver­trag für dieses Buch längst in der Tasche und einen Vor­schuss ein­ge­stri­chen hatte.

Auf Bali spielen Buch und Film über­wie­gend in Ubud, Balis künst­le­ri­schem Zen­trum in der Mitte der Insel. Unter anderem ist der berühmte Affen­wald, Monkey Forest, in „Eat, Pray, Love“ zu sehen. Dreh­orte waren neben Ubud auch das Dorf Tene­ganan, Lovina im Norden und der Padang Padang Beach im Süden der Insel, jener Strand an dem die Schluss­szene spielt (obwohl es unmit­telbar in der Nähe von Ubud gar keinen Strand gibt). Von Inter­esse ist auch das Hotel, in dem Julia Roberts wäh­rend der Dreh­ar­beiten näch­tigte – das Pan­ch­oran Retreat Bali, das eben­falls einer der „Eat, Pray, Love“-Drehorte war.

Sucht man heute im Internet nach Infor­ma­tionen dar­über, wie „Eat, Pray, Love“ den Tou­rismus auf Bali ver­än­dert hat, stößt man durchaus auch auf posi­tive Berichte: Der Roman habe ent­schei­dend dabei geholfen, dem Tou­rismus auf der Insel wieder auf die Sprünge zu helfen. Nach dem Attentat in einem Nacht­club in Kuta im Jahr 2002, bei dem 202 Menschen starben, waren die Besu­cher­zahlen näm­lich dras­tisch zurück­ge­gangen.

Bei meiner Suche stieß ich außerdem mehr­fach auf zwei Per­sonen aus Ubud, die im Buch eine große Rolle spielen. Die eine ist Wayan, die bali­ne­si­sche Hei­lerin, mit der Liz wäh­rend ihres Auf­ent­halts auf Bali Freund­schaft schließt. Im Jahr 2010 nahm Wayan für eine Behand­lung schon umge­rechnet 70 Euro und freute sich über ihr seit dem Buch­erfolg blü­hendes Geschäft. Sie scheint ihre Besu­che­rInnen mit Vor­liebe wegen Über­ge­wichts zu behan­deln – selbst wenn diese gar nicht über­ge­wichtig sind oder die Hei­lerin nicht des­halb auf­ge­sucht haben.

Eat Pray Love Bali Aushang im Cafe

In einem Restau­rant in Ubud hing 2013 ein Auszug aus „Eat, Pray, Love“ mit Fotos. Worum genau es ging, weiß ich aber nicht mehr

Die andere Person ist selbst­ver­ständ­lich Ketut Liyer, der Liz pro­phe­zeite, sie werde nach Bali zurück­kehren, sich scheiden lassen und später einmal reich werden. Nach dem Buch­erfolg ist wohl kein Tag ver­gangen, an dem nicht etliche Tou­ris­tInnen vor seinem Haus Schlange gestanden haben. Viele hatten ihren Aus­flug zu dem bali­ne­si­schen Medi­zin­mann über einen der zahl­rei­chen Tour­ver­an­stalter gebucht, die Gästen auch an die anderen Schau­plätze im Buch und Dreh­orte aus dem Film bringen. Als er wegen des Buchs zur Berühmt­heit wurde, erhöhte auch Ketut seine Preise um ein Viel­fa­ches und ver­langte 30 bis 40 Euro für eine 20-minü­tige Sit­zung. Das Geschäft brummt offenbar noch immer: Seit seinem Tod bietet Ketuts Sohn ver­schie­dene Dienste zur Lebens­be­ra­tung, allen voran Palm Rea­ding (also Hand­lesen)  an.

Blog­gerin und Yoga-Trai­nerin Jea­nette hat Ketut auf Bali zu Leb­zeiten besucht und beschreibt hier ihre ernüch­ternde Begeg­nung mit dem „geis­tes­ab­we­send auf die Menge schie­lenden“ alten Mann. Auch die US-ame­ri­ka­ni­sche Blog­gerin Ashley hat den berühmten Hand­leser auf­ge­sucht und wun­derte sich über die sich sehr ähnelnden Pro­phe­zei­ungen, die sie und ihre Freundin bekamen.

Beson­ders Ubud hat sich seit dem Buch gewan­delt

Grund­sätz­lich lässt sich schwer belegen, wie viel Pro­zent des – längst über­hand­neh­menden – Besu­cher­zu­wachses auf Bali auf „Eat Pray Love“ zurück­gehen. Doch natür­lich lassen sich viele Belege dafür finden, dass die Reise-Erzäh­lung und die dazu­ge­hö­rige Ver­fil­mung eine Sog­wir­kung hatten – und zwar vor allem auf an Yoga inter­es­sierte Frauen. Der Besitzer eines Yoga-Stu­dios in Ubud, das 2007 ganz bescheiden begann und mitt­ler­weile mehr als 100 Yoga-Stunden in 5 Räum­lich­keiten wöchent­lich anbietet, meint, 80 Pro­zent seiner Kunden seien Frauen zwi­schen 25 und 40 Jahre. Viele Besu­cher, die Ubud von vor­he­rigen Reisen kannten, schil­dern, wie rasant die Künst­ler­stadt sich ver­än­dert hat und wie schnell unzäh­lige Yoga-Stu­dios, Cafés und Geschäfte im Zen­trum eröff­neten.

Tradioneller Kecak-Tanz in Ubud

Fand auch damals schon regel­mäßig in Ubud statt: Tra­dio­neller Kecak-Tanz

Mitt­ler­weile kämpft Bali bekannt­lich mit einem Over­tou­rismus-Pro­blem, dem ich mich hier gewidmet habe. Zu guter Letzt inter­es­siert mich: Hast du „Eat, Pray, Love“ gelesen? Warst du mal auf Bali? Trifft viel­leicht sogar beides zu? Hast du viel­leicht sogar die Dreh­orte besucht? Ich würde mich freuen, wenn du deine Ein­drücke und Gedanken dazu in den Kom­men­taren mit mir und anderen Leser:innen teilst!

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Hallo Susanne, ach, herr­lich die Geschichte! Ich dachte immer die Bali­nesen seien noch viel aber­gläu­bi­scher als wir. Ich habe mir bisher 2 Mal aus der Hand lesen lassen, einmal in New Orleans. Alles sah so nach Vodoo und geheimen Mächten aus. Ich war neu­gierig. Genau genommen, konnte sie vieles raten, z.B. dass ich viel reise. Klar, war ja auch im Urlaub. Die 3 Kinder vom 2. Mann sind bisher aus­ge­fallen und dürften in meinem Alter nicht mehr kommen. ;-) Zum Glück!!! Bali müsste doch all­ge­mein seit diesem Buch boomen. Ich habe den Film gesehen. Viel­leicht sollte ich mal das Buch… Read more »