Geschichten

Pal­diski – Tallinns Parallelwelt

11. Januar 2019
Paldiski: Viele Häuser sind noch immer unsaniert

Zuletzt aktua­li­siert am 7. Dezember 2019 um 11:29

45 Kilo­meter von Tal­linn ent­fernt liegt Pal­diski. Der Küs­tenort war jahr­zehn­te­lang von der Außen­welt abge­schottet und steht bis heute in krassem Gegen­satz zur fort­schritt­li­chen est­ni­schen Haupt­stadt. Nicht ohne Grund wurde hier einer der depri­mie­rendsten euro­päi­schen Filme der 2000er gedreht. Ein Besuch.


Es gibt Filme, die einem das Herz bre­chen. „Lilja 4‑ever“ aus dem Jahr 2002 ist so einer. Er erzählt die Geschichte der 16-jäh­rigen Lilja, die in einem trost­losen Vorort irgendwo in der ehe­ma­ligen Sowjet­union lebt und von einer glück­li­cheren Zukunft träumt. Das Mäd­chen wird jedoch nach­ein­ander von fast allen Menschen um sich herum im Stich gelassen und schließ­lich als Zwangs­pro­sti­tu­ierte nach Schweden ver­schleppt. Erst vor ein paar Tagen habe ich das Drama gesehen, jemand hat es in voller Länge bei You­Tube hoch­ge­laden. Lange hat mich nichts mehr so fertig gemacht.

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Lilja 4‑Ever (Trailer)
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Drehort vieler Szenen war Pal­diski, eine Hafen­stadt im Nord­westen von Est­land. Hier fand der schwe­di­sche Fil­me­ma­cher Lukas Moo­dysson die pas­sende Kulisse für Liljas zutiefst depri­mie­rende Heimat. Durch einen Zufall habe ich die Stadt im ver­gan­genen Sommer von Tal­linn aus besucht.

 Von Tal­linn nach Pal­diski: Aus­flug in eine andere Welt

Tal­linn und Pal­diski trennen nur 45 Kilo­meter und doch liegen Welten zwi­schen beiden Orten.

Tal­linn ist makellos, könnte man fast meinen. Bei unserem Zwi­schen­stopp auf dem Weg nach Finn­land sind mein Freund und ich beein­druckt von Est­lands moderner Haupt­stadt. Blitz­blank und auf­ge­hübscht prä­sen­tiert sich nicht nur das mit­tel­al­ter­liche Zen­trum: Zwi­schen Alt­stadt und Hafen liegt das Roter­mann-Viertel mit seinem Mix aus restau­rierten Back­stein­ge­bäuden und futu­ris­ti­schen Bauten aus Glas und Stahl. Und dann ist da noch die „Tel­lis­kivi Crea­tive City“, genau wie Roter­mann ein auf Vor­der­mann gebrachtes ehe­ma­liges Fabrik­ge­lände, nur alter­na­tiver: Street Art ziert die Wände, Gale­rien stellen Fotos aus, Desi­gner lassen sich in ihren Stu­dios über die Schulter gucken.

  • Die hübsche Altstadt von Tallinn
    Die Alt­stadt von Tal­linn

So vieles in Tal­linn ist neu, durch­dacht, urban und hip, dass uns das Fol­gende nicht über­rascht: Est­land, heißt es in den Medien, lebt vom „Skype-Effekt“. 2003 wurde der Mes­senger „Skype“ von zwei Esten pro­gram­miert und später mil­li­ar­den­schwer ver­kauft. Das hat dem Land sein fort­schritt­li­ches Image beschert und jede Menge Start-up-Firmen ange­zogen – so viele, dass der Bal­ten­staat mitt­ler­weile den Bei­namen „Silicon Valley von Europa“ trägt.

Hippe Läden auf dem Kreativcampus Telliskivi in Tallinn

Est­land, fast 50 Jahre lang von der Sowjet­union besetzt und erst seit 2004 EU-Mit­glied, hat den Anschluss an den Wohl­stand gefunden. Das ist der Ein­druck, mit dem wir die Haupt­stadt ver­lassen. „Na ja“, sagt zwei Tage später eine Freundin aus Helsinki, deren Eltern in Est­land leben. „Das täuscht. Fahrt mal an den Stadt­rand von Tal­linn. Oder noch besser: Fahrt nach Pal­diski!“, rät sie uns und wenig später kommen wir vom Thema ab.

Pal­diski und die Pakri-Halb­insel: 50 Jahre Sperr­ge­biet

Pal­diski“, das merken wir uns trotzdem. Als wir auf der Rück­reise wieder ein paar Tage in Tal­linn ver­bringen, unter­nehmen wir tat­säch­lich einen Aus­flug in die Stadt auf der Pakri-Halb­insel.

Was wir noch nicht wissen: Die rus­si­sche Beset­zung hat kaum einen Ort so nach­haltig geprägt wie Pal­diski. Die Stadt war ein bedeu­tender Mili­tär­stütz­punkt, an dem Streit­kräfte für ihren Ein­satz in Atom-U-Booten trai­nierten. Wäh­rend der Sowjet-Zeit war die Region weit­räumig mit Sta­chel­draht umzäunt. Nie­mand kam hinein, nicht einmal Regie­rungs­ver­treter hatten Zutritt. Bewohner, die die Sperr­zone ver­lassen wollten, brauchten dafür eine Son­der­ge­neh­mi­gung. Bis zu 16.000 Sol­daten waren in Pal­diski sta­tio­niert. Als die letzten Truppen Mitte der 90-er Jahre abzogen, sank die Ein­woh­ner­zahl auf 4.000.

Bushaltestelle in Paldiski

Plat­ten­bauten. Nichts als Plat­ten­bauten

Die Bus­fahrt dauert eine Stunde. Als wir ankommen, fühle ich mich sofort in meine Kind­heit zurück­ver­setzt. Plat­ten­bauten, nichts als Plat­ten­bauten erheben sich zu allen Seiten. Die Gegend hat Ähn­lich­keit mit dem Neu­bau­viertel, in dem ich im Osten Deutsch­lands vor der Wende groß geworden bin: Schön­walde II heißt der Stadt­teil von Greifs­wald, in dem ich in den Acht­zi­gern in den Kin­der­garten gegangen bin und nach­mit­tags mit den Nach­bars­kin­dern auf dem Hof zwi­schen den Blö­cken gespielt habe. So ver­traut der Anblick der gleich­för­migen Wohn­kästen mir des­halb auch ist, ermü­dend finde ich ihn den­noch. Immerhin ist das Wetter heute freund­lich, die Sonne hält die Tris­tesse in Schach.

In den Straßen von Paldiski

Ziellos laufen wir durch die stillen Straßen von Pal­diski. Viele Woh­nungen stehen leer, Fas­saden sind fle­ckig und stel­len­weise abge­brö­ckelt, Fens­ter­rahmen morsch. Zwi­schen einigen Häu­sern wuchern Gras und Büsche so wild, als wolle die Natur sich wie­der­holen, was ihr gehört.

An manchen Ecken in Paldiski holt sich die Natur zurück, was ihr gehört

Es gibt ein Pub, das mich wegen seines hell­blauen Anstrichs an eine Schwimm­halle erin­nert, eine eigens aus­ge­schil­derte Filiale der est­ni­schen Kette „Peetri Pizza“, einen Super­markt und ein alt­ba­ckenes Kauf­haus. Und dann ist da noch dieser gelbe Flachbau mit dem zer­bro­chenen Ein­gangs­schild über der Tür und den kind­li­chen Zeich­nungen von Eis, Burger, Pommes und Cola in den Fens­tern. Der Laden, wohl eine Art Imbiss, muss schon lange dicht sein, glaube ich zuerst. Als ich vor­sichtig die Tür öffne, erschrecke ich ebenso wie die Frau, die in der Mitte des großen Raumes steht und mir eine Sekunde später auf­mun­ternd zunickt. Statt ein­zu­treten und mich umzu­sehen, viel­leicht sogar etwas zu kaufen, ent­schul­dige ich mich feige und ver­ab­schiede mich schnell.

Imbiss (oder so etwas) in Paldiski

Die Ver­käu­ferin ist einer von nur wenigen Menschen, die uns bisher in Pal­diski begegnet sind. Erst am Nach­mittag nehmen wir Leben um uns herum wahr, wenn auch ver­ein­zelt: Vor meh­reren Haus­ein­gängen sitzen Nach­barn auf Cam­ping­stühlen in der Sonne und klönen, ein paar Kinder fahren Rad. Auch wenn es an einem Ort wie diesem wohl dem Kli­schee ent­spräche, nie­mand hier mus­tert uns skep­tisch. Eine viel­leicht 50-jäh­rige Frau in Kit­tel­schürze zeigt uns später an der Hal­te­stelle den rich­tigen Bus zurück nach Tal­linn. Sie spricht Rus­sisch, wie die meisten hier. Mit Hilfe einer Über­set­zungs-App erzählen wir ihr, dass wir aus Deutsch­land und aus Nepal kommen. Sie lächelt, deutet erst auf sich und dann zum Boden: Sie kommt von hier, aus Pal­diski. Ich bedaure, dass ich kein Rus­sisch ver­stehe.

Restaurierungsbedürftiger Plattenbau in Paldiski

Sehens­wür­dig­keit in Pal­diski: Der Pakri-Leucht­turm

Je länger wir bleiben, umso mehr Mühen erkennen wir, Pal­diski in eine lebens­werte Klein­stadt zu ver­wan­deln. Längst nicht alle, aber viele Miets­häuser sind saniert und bunt gestri­chen. Zwi­schen ihnen ent­de­cken wir über­ra­schend viele Spiel­plätze und ein Beach­vol­ley­ball­feld. Fast schon rüh­rend finden wir den win­zigen Platz mit Trimm-Dich-Gerüsten, neben dem ein rie­siges Schild mit der Auf­schrift „Pal­diski Workout“ thront. Ganz in der Nähe steht eine hüb­sche ortho­doxe Kirche, die erst 2015 eröffnet wurde. Ihr tan­nen­grün lackiertes Holz setzt sich vom Blau des Him­mels ab.

Nein, so grau wie in „Lija 4‑ever“ sieht Pal­diski – heute ein bedeu­tender Umschlag­platz vor allem für Autos – sicher nicht mehr aus.

  • Paldiski: Beachvolleyball im Plattenbauviertel

Das Schönste, was diese Stadt zu bieten hat, die ein­zige Sehens­wür­dig­keit, wenn man so will, liegt jedoch einige Kilo­meter ent­fernt. Eine Bus­ver­bin­dung aus dem Zen­trum dorthin gibt es nicht, also folgen wir der kaum befah­renen Straße Rich­tung Meer zu Fuß. Zu unserer Linken brandet die Ostsee an den dra­ma­ti­schen Kalk­stein­klippen auf, die diesen Teil der Küste säumen. Zur Rechten erhebt er sich schließ­lich stolz in den Himmel: der Pakri-Leucht­turm.

  • Paldiski Pakri Leuchtturm

Er ist mit 52 Metern der höchste in ganz Est­land und wurde 1889 gebaut – lange bevor das kleine Land seine Unab­hän­gig­keit erst­mals 1918 erlangte und 1944 für fast 50 Jahre wieder verlor. Bis heute erhellt er den Nacht­himmel über der rauen See vor Pal­diski. Wir beschließen, den Leucht­turm zu besteigen. Eine gute Ent­schei­dung. Die Aus­sicht von hier oben ist fan­tas­tisch.

Aussicht vom Pakri-Leuchtturm

***


Aus­flüge in Est­lands Geschichte: Auch andere Orte waren Sperr­ge­biet

Die Stadt Pal­diski ist womög­lich das pro­mi­nen­teste Bei­spiel, ihr Schicksal teilen aber meh­rere Städte und Regionen an der Ost­see­küste von Est­land. Für Inter­es­sierte kann sich ein Aus­flug an diese Orte lohnen. Zwei von ihnen möchte ich hier kurz vor­stellen, auch wenn ich sie nicht selbst besucht habe.

  • Aus­flugs­tipp Est­land 1: Die Insel Hara

Stark geprägt durch die jahr­zehn­te­lange rus­si­sche Beset­zung ist etwa die kleine Insel Hara im Norden des Landes. Früher wohnten hier est­ni­sche Fami­lien und das Eiland war ein beliebtes Aus­flugs­ziel für Haupt­städter. In den 50-er Jahren jedoch mussten alle Bewohner Hara ver­lassen und der Ort wurde zur Sperr­zone erklärt. Der Grund war ein U‑Boothafen, den die Rote Armee auf der Fest­land­seite errich­tete. Jahr­zehn­te­lang lief die Arbeit am U‑Boot-Stütz­punkt auf Hoch­touren und wegen seiner Abge­schie­den­heit wussten viele Menschen in Est­land und außer­halb nichts von seiner Exis­tenz. Heute gilt die ver­las­sene Anlage als klas­si­scher „Lost Place“ (oder besser: „Aban­doned Place“) und zieht als sol­cher von Jahr zu Jahr mehr Tou­risten an. Längst haben auch Graf­fiti-Künstler die ein­drucks­volle Kulisse für sich ent­deckt und sich hier ver­ewigt. Hier gibt es mehr Infos über Hara damals und heute (eng­lisch.)

  • Aus­flugs­tipp Est­land 2: Die Stadt Sil­lamäe

Genau wie Pal­diski war auch Sil­lamäe jahr­zehn­te­lang eine geschlos­sene Stadt. Auf vielen sowje­ti­schen Land­karten exis­tierte der eins­tige Badeort im äußersten Nord­osten Est­lands nach dem Zweiten Welt­krieg nicht. In Sil­lamäe wurden im Ver­bor­genen zahl­reiche Rüs­tungs­in­dus­trie-Betriebe errichtet, unter anderem eine Uran­an­rei­che­rungs­an­lage für  Atom­kraft­werke und Nukle­ar­waffen. Hierhin hat man auch Kriegs­ge­fan­gene und Sträf­linge aus Gulags zum Arbeiten ver­frachtet. Mit den Jahren ent­standen rie­sige Arbei­ter­qua­tiere und immer mehr Arbeits­kräfte wurden aus ver­schie­denen Teilen der Sowjet­union nach Sil­lamäe geholt. Wie in Pal­diski stieg die Ein­woh­ner­zahl enorm an und ist seit Est­lands Unab­hän­gig­keit stark rück­läufig. Bis heute spricht der Groß­teil der Bevöl­ke­rung rus­sisch. Die Uran­an­lage hat gra­vie­rende Umwelt­schäden hin­ter­lassen: Nord­öst­lich der Stadt liegt ein ver­seuchter See, in dem Tonnen radio­ak­tiven Mülls lagern. Der See gilt seit 1999 aber als gesi­chert. Spiegel Online hat sich Sil­lamäe in seiner Reihe „Eines Tages“ mit einer tollen Mul­ti­media-Repor­tage gewidmet. Das Stadt­mu­seum bietet auf Nach­frage Füh­rungen an.


Hast Du schon einen Aus­flug nach Pal­diski oder in eines der anderen Sperr­ge­biete in Est­land gemacht? Erzähl mir davon in den Kom­men­taren!


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Wir waren auch in Pal­diski, zwar nur auf der Durch­reise, aber ein wenig Zeit für die Stadt blieb noch. Der Unter­schied zu Tal­linn ist wirk­lich krass. Ich habe eine Taverne in sehr guter Erin­ne­rung, in der wir auf unsere Fähre Rich­tung Schweden gewartet haben. Die alte Russin war sehr gast­freund­lich und hat sich so gefreut, dass wir unser Schul­rus­sisch noch ein wenig akti­vieren konnten. Liebe Grüße, Ines

Total span­nend! Wir waren vor meh­reren Jahren aus­giebig in Est­land, aber nicht in Pal­diski. Ich finde solche Abste­cher in weniger glanz­volle Ecken aber immer wahn­sinnig inter­es­sant. Wir waren damals am Peipsi-See im Osten des Landes in einigen Dör­fern, die fast zu 100 % rus­sisch bewohnt waren, schon immer. Das war auch krass, vor allem halt im Kon­trast zum ansonsten so modernen und fort­schritt­li­chen Est­land.

martin

Wird natür­lich in keinem Hoch­glanz­rei­se­führer erwähnt. Danke für diese sehr schönen Bei­trag!