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Riga Sehens­wür­dig­keiten – Im „Eck­haus“ wohnt die Angst

Autorin
Riga Sehenswürdigkeiten: Das Eckhaus

Wer Riga und Lett­land ver­stehen will, sollte sich zum „Eck­haus“ in der Brīvības iela begeben. Im ehe­ma­ligen KGB-Haupt­quar­tier bekommen Besu­cher eine Füh­rung durch das dun­kelste Kapitel Lett­lands Geschichte, dessen Nach­wir­kungen auch in der Haupt­stadt nicht zu über­sehen sind. Ein Besuch im „Eck­haus“ – und wei­tere Sehens­wür­dig­keiten und Tipps für Riga.


Riga Sehens­wür­dig­keiten: Das „Eck­haus“ – Eine Geschichte

Es ist Zufall, dass wir Riga von seiner mor­biden Seiten kennen lernen, dass wir erst den Ver­fall und dann die Pracht in Lett­lands Haupt­stadt ent­de­cken: Mein Freund kommt aus Kathmandu, aus Neu­gier haben wir kurz vor unserer Ankunft online nach einem nepa­le­si­schen Restau­rant gesucht und beschlossen, gleich am ersten Abend hin­zu­gehen.

Die Stadt ist voller „Lost Places“

Von unserem Hotel nahe dem Bahnhof machen wir uns auf den Weg zum „Himalaya Kit­chen“, gute halbe Stunde zu Fuß, sagt Google Maps. Wir lassen die Alt­stadt links liegen und laufen an der „Milda“ vorbei, der Frei­heits­statue Lett­lands, ein 19 Meter hoher Obe­lisk auf einem rie­sigen Sockel, an dessen Spitze eine Frau­en­figur drei Sterne zum Himmel reckt.

Riga Sehenswürdigkeiten: Das Freiheitsdenkmal

Wir folgen der Brīvības iela, dem „Frei­heits­bou­le­vard“, der sich mehr als 12 Kilo­meter vom Zen­trum bis an den Stadt­rand zieht. Hier reihen sich opu­lente Jugend­stil­ge­bäude anein­ander. Nir­gendwo auf der Welt gibt es mehr Jugend­stil­bauten als in Riga, sie machen fast ein Drittel aller Häuser in der Innen­stadt aus, habe ich vor unserer Reise gelesen.

Brivibas iela in Riga

Nicht gelesen habe ich, dass so viele Woh­nungen leer stehen: Die größte Stadt des Bal­ti­kums ist voller „Lost Places“, so nennt man – pseu­do­eng­lisch – die unbe­wohnten, dem Ver­fall geweihten Orte, die scha­ren­weise Foto­grafen aus aller Welt anziehen und von denen einige auch in Riga Sehens­wür­dig­keiten sind. Einige der mon­dänen Wohn­häuser in der Brīvības iela sehen aus­ge­brannt aus, als hätten rie­sige Flammen die Fas­saden unter einer dicken Schicht Ruß ein­ge­schlossen. Oft sind noch die Erd­ge­schosse als Geschäfts­räume ver­mietet, doch über den beleuch­teten Laden­zeilen klaffen leere Fenster wie schwarze Löcher, die alles Leben ver­schluckt haben.

Unterwegs in der Brivibas ielaAuch gewissermaßen Riga Sehenswürdigkeiten: Leerstand in der Brivibas ielaEs ist Juli und der Sommer in ganz Nord­eu­ropa heiß wie lange nicht. Obwohl es am Nach­mittag heftig geregnet hat, herr­schen in Riga 25 Grad. Trotzdem beschleicht mich ein Win­ter­ge­fühl: Es fällt mir leicht, mir vor­zu­stellen, ich würde frös­telnd an einem grauen Janu­artag hier ent­lang spa­zieren, so kalt und abwei­send wirken die schmut­zigen Wände, die kaputten Fens­ter­rahmen, der brö­ckelnde Putz. Anblicke, die sich uns später auch anderswo an den Rän­dern der Alt­stadt bieten.

 An den Rändern von Rigas Altstadt sehen Besucher viel Verfall

Zum tou­ris­ti­schen Stadt­kern, durch den wir an den kom­menden Tagen so oft spa­zieren, passen sie nicht: In der Alt­stadt leuchten makel­lose Fas­saden in weinrot, mai­grün und hell­blau gegen­ein­ander an. Bars und Restau­rants, von denen viele auf bel­gi­sches Bier oder mit­tel­al­ter­li­ches Flair setzen, sind schick und teuer, Plätze und Parks sauber und üppig bepflanzt.

Die makellose Altstadt zählt zu den schönsten Riga Sehenswürdigkeiten

Hüb­sche Häuser: Dicht an dicht schmiegen sich in der makel­losen Alt­stadt von Riga Sehens­wür­dig­keiten

Die gepflegte Altstadt in Lettlands Hauptstadt

Riga Sehenswürdigkeiten: Der Park neben dem Freiheitsdenkmal

Ich krame in meinen Kennt­nissen zur Geschichte dieses Landes: Der mitt­lere der drei bal­ti­schen Staaten erlangte nach jahr­zehn­te­langer rus­si­scher Beset­zung 1991 offi­ziell seine Unab­hän­gig­keit und trat 2004 der EU bei. Seitdem geht’s hier wirt­schaft­lich stetig bergauf. Dachte ich. Und lese später: Zwar stimmt es, dass sich die Wirt­schaft seit der Unab­hän­gig­keit zügig ent­wi­ckelt hat, sie ist aber auch von sehr nied­riger Basis gestartet. Bis heute liegt das monat­liche Durch­schnitts­ein­kommen bei 670 Euro. Und: Junge, gut aus­ge­bil­dete Letten ver­glei­chen den Lebens­stan­dard in ihrem Land nicht mit dem zu frü­heren Sowjet-Zeiten, son­dern mit dem in anderen euro­päi­schen Län­dern. Seit ihnen der euro­päi­sche Arbeits­markt offen steht, wan­dern sie in Scharen ab, die meisten nach Groß­bri­tan­nien, Irland und Deutsch­land.

Bedrü­ckende Sehens­wür­dig­keiten: Das „Eck­haus“ und sein Gefängnis

Auf dem Weg zum Restau­rant kommen wir an jenem Haus vorbei, das wie kein zweites Zugang schafft zum Lett­land von ges­tern und heute. Mir fällt es wegen der Schilder zu beiden Straßen hin auf: „Exhi­bi­tion – History of KGB Ope­ra­tions in Latvia“ steht auf ihnen geschrieben. Das „Eck­haus“, wie die Ein­hei­mi­schen den sechs­stö­ckigen Prachtbau in der Brīvības iela 61 nennen, war jahr­zehn­te­lang der gefürch­tetste Ort Rigas. Hier befand sich vom zweiten Welt­krieg bis 1991 das KGB-Haupt­quar­tier samt Gefängnis im Kel­ler­ge­schoss. Erst 2014 hat man das Gebäude der Öffent­lich­keit zugäng­lich gemacht, seitdem gibt es Füh­rungen durch die Zellen, die Ver­neh­mungs­räume, die Innen­höfe und die Erschie­ßungs­an­lage – und damit durch das dun­kelste Kapitel der let­ti­schen Geschichte.

Die ehemalige KGB-Zentrale ist eine der wichtigsten Riga Sehenswürdigkeiten

Das „Eck­haus“ ist noch immer eine der weniger bekannten Riga-Sehens­wür­dig­keiten. Tipp: Kauft die Karten für die Füh­rung schon vorab!

Riga Sehenswürdigkeiten: Das Eckhaus beherbergte die KBG-Hauptzentrale

Hinter den schweren Stahl­türen ist die Luft sti­ckig, blät­tert Farbe von den Wänden, rosten Schlösser und Gitter vor sich hin. Der Guide, der uns gemeinsam mit etwa 15 anderen Tou­risten Ein­lass zum Gefäng­nis­trakt gewährt, ist keine dreißig Jahre alt und heißt Martin. Er blickt seine Zuhörer aus hellen Augen an und lässt keine der Schre­ckens­ge­schichten aus, die sich hier abge­spielt haben. Mehr­mals bittet er Eltern, ihren Kin­dern die Ohren zuzu­halten.

Während der Führung durch die Gefängniszellen im Eckhaus

Martin erzählt, wie angeb­liche Klas­sen­feinde von ihrer Arbeit oder mitten in der Nacht aus ihren Häu­sern hierher ver­schleppt, ver­hört, gefol­tert oder gleich erschossen wurden. Ihre Ver­gehen? Einige wurden allein des­halb ver­haftet, weil sie sich für fran­zö­si­sche Lite­ratur inter­es­sierten. Ein LKW, mit dem die Lei­chen später abtrans­por­tiert wurden, hielt wäh­rend der Hin­rich­tungen mit lau­fendem Motor im Hof und über­tönte die Schuss­ge­räu­sche. Mehr als 150 Menschen hat die rus­si­sche Staats­si­cher­heit hier 1940 und 1941 umge­bracht. Die anderen Häft­linge wurden nach Sibi­rien depor­tiert oder als „Inof­fi­zi­elle Mit­ar­beiter“ ange­worben. Allein in der Nacht vom 14. Juni 1941 hat man mehr als 15.000 Letten von Riga nach Sibi­rien ver­bannt, bis 1949 waren es 88.000. Zurück­ge­kehrt ist kaum jemand.

 Verhörzimmer im Eckhaus

Die Nazis, die das Land ab 1941 besetzten, nutzten die Gräu­el­taten der Sowjets nur zu gern für ihre eigene Pro­pa­ganda aus, bis die rus­si­sche Staats­si­cher­heit 1944 ihre Macht über Lett­land zurück­er­langte. Hin­rich­tungen fanden nach dem Krieg zwar nicht mehr statt, doch an den unmensch­li­chen Haft­be­din­gungen änderte sich nichts. Man quälte die ver­meint­li­chen Staats­feinde Tag und Nacht mit grellem Licht, von dem sie Migräne bekamen, und gab ihnen ver­dor­benes Essen. In völlig über­füllten Zellen diente ein ein­ziger Eimer Dut­zenden Insassen als Toi­lette.

Zelle, die man bei einer Führung durch das „Eckhaus“ siehtErst im Mai 1990, als Lett­land seine Unab­hän­gig­keit erklärte, ver­ließen die letzten Häft­linge das Eck­haus von Riga.

Lett­land kämpft bis heute sichtbar mit den Folgen der Beset­zung

50 Jahre Unter­drü­ckung haben alles ver­än­dert und wirken lange nach. „Vor 1940 war Lett­land reich. Richtig reich!“, sagt Martin und fährt mit ver­bit­terter Stimme fort: „Ohne die deut­sche und sowje­ti­sche Beset­zung würde es uns heute so gut gehen wie den Finnen.“ Statt­dessen muss das Land um seine Exis­tenz fürchten, wenn wei­terhin so viele junge Letten ihrer Heimat den Rücken kehren. Um 27 Pro­zent ist die Ein­woh­ner­zahl Lett­lands seit 1990 gesunken – so einen Bewoh­ner­schwund hat es in keinem anderen Land in Europa gegeben.

Schon lange gibt es in Riga Bemü­hungen, den leer­ste­henden Raum in der Stadt sinn­voll für krea­tive und gemein­nüt­zige Pro­jekte zu nutzen. Und mitt­ler­weile soll sich die Ein­woh­ner­zahl zumin­dest in der Haupt­stadt wieder leicht erholt haben. Bleibt zu hoffen, dass die Bevöl­ke­rungs­zahl in dem kleinen Land bald wieder auf über zwei Mil­lionen steigt. Und dass das Leben zurück­kehrt in die unzäh­ligen leeren Woh­nungen in der Brīvības iela und anderswo.

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Anmer­kung: Wegen Bau­ar­beiten ist das „Eck­haus“ aktuell noch geschlossen, Füh­rungen finden erst wieder ab Juni 2019 statt. Hier gibt es eine vir­tu­elle Tour durch das „Corner House“.

Außerdem gibt es in Riga eine per­ma­nente Aus­stel­lung im „Museum of the Occupa­tion of Latvia“, das sich aktuell in der Raiņa bul­vāris 7 befindet. Mehr Infos hier.


Wei­tere Sehens­wür­dig­keiten, High­lights und Tipps

Riga Sehens­wür­dig­keiten, Tipp 1: Speisen wie im Mit­tel­alter

Mitten in der Alt­stadt von Riga, in der Rozena 1, liegt das Rozen­grāls. Wer es nicht weiß, ahnt nicht, was sich hinter seiner grün umrankten Holztür am Ein­gang ver­birgt: Treppab geht es in einen Gewöl­be­keller mit vier Meter hohen Stein­bögen – und hinein in eine Schänke im Mit­tel­alter. Tat­säch­lich war dieser Ort schon damals ein Gast­haus, die erste Erwäh­nung stammt aus dem Jahr 1293.

Den Raum erleuchten fast aus­schließ­lich Kerzen, das Per­sonal trägt mit­tel­al­ter­liche Klei­dung und spricht die Gäste mit „My Lady“ und „My Lord“ an. Da wir spontan am späten Abend kamen und schon gegessen hatten, bestellten wir nur zwei Honig­biere. Und danach zwei wei­tere. Das Essen auf den anderen Tischen sah fan­tas­tisch aus und meine Online-Recherche ergab, dass das Restau­rant für sein Essen über­wie­gend sehr positiv bewertet wird. Die Preise im Rozen­grāls liegen einen Tick überm Durch­schnitt. Die stim­mige Atmo­sphäre und der tadel­lose Ser­vice recht­fer­tigen das aber.

Riga Sehenswürdigkeiten: Essen im Rozengrals

Riga Sehens­wür­dig­keiten, Tipp 2: Jugend­stil total

Es lohnt sich, in aller Ruhe durch diese Straße zu schlen­dern: Die Alberta Iela ist bekannt für ihre Jugend­stil­bauten. In Nummer 12 befindet sich auch Rigas Jugend­stil-Museum: Hier führt eine Wen­del­treppe (Sie allein ist schon eine Sehens­wür­dig­keit!) hinauf in eine kom­plett im Stil des begin­nenden 20. Jahr­hun­derts ein­ge­rich­tete Woh­nung, in der Besu­cher auch Kos­tüme aus der Zeit anpro­bieren können. Natür­lich gibt’s auch jede Menge Hin­ter­gründe rund um die Epoche.

Riga Sehens­wür­dig­keiten, Tipp 3: Die Stadt von oben sehen

Das Hoch­haus, das die „Aka­demie der Wis­sen­schaften“ beher­bergt, macht schon von Weitem Ein­druck. Mit dem Fahr­stuhl fährt man hinauf in den 14. Stock, läuft zwei wei­tere Stock­werke zu Fuß – und dann liegen einem auf der Aus­sichts­platt­form in 68 Metern Höhe Riga und die Daugava zu Füßen.

Aussichtsplattform der Akademie der WissenschaftenRiga Tipp Ausblick von der Akademie der Wissenschaften

Riga Sehens­wür­dig­keiten, Tipp 4: Ein­kaufen wie die Locals

In den 30-er Jahren galt der Zen­tral­markt neben dem Bahnhof als der modernste seiner Art in ganz Europa. Noch heute sind seine fünf Hallen mit Gemüse, Fleisch, Fisch, Milch­pro­dukten, Gewürzen, Back­waren, Pflanzen, Hand­ar­beiten und vielem mehr etwas Beson­deres. Der Zen­tral­markt gilt nicht nur als eine von Rigas Sehens­wür­dig­keiten für Tou­risten. Viele Ein­wohner Rigas erle­digen ihre Ein­käufe regel­mäßig hier. Kein Wunder: Die Stim­mung ist gut, die Preise moderat, die Aus­wahl gigan­tisch. Und: Viele Stände auf dem Zen­tral­markt bieten Gele­gen­heit, let­ti­sche Köst­lich­keiten zu pro­bieren.

Riga Sehenswürdigkeiten: Der Zentralmarkt gehört dazu

Die Hallen des Zen­tral­markts sind in Riga Sehens­wür­dig­keiten

Riga Sehens­wür­dig­keiten, Tipp 5: Baden und fla­nieren in Jūr­mala

Ach­tung: Einen Ort namens „Jūr­mala“ gibt es nicht. Wer sich mit dem Zug vom Rigaer Haupt­bahnhof auf den Weg zum Strand machen will, sucht eine gleich­na­mige Hal­te­stelle daher ver­geb­lich. Jūr­mala heißt die ganze Küste nord­west­lich der let­ti­schen Haupt­stadt, Ihr steigt am besten an der Hal­te­stelle Majori aus. Von dort ist es nicht weit bis an den kilo­me­ter­langen Ost­see­strand. Was mir sehr an Jūr­mala gefiel: Die Strand­pro­me­nade ist hübsch und gepflegt, dabei aber herr­lich boden­ständig und unprä­ten­tiös.

Riga Sehenswürdigkeiten: Auf nach Jurmala

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Hi, ich bin Susanne, Journalistin und Reisende. Ich liebe Geschichten vom Reisen und Auswandern (auch allein!) und lebe zurzeit in Kathmandu, Nepal. Mehr über mich erfährst Du hier.

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