Geschichten

Riga Sehens­wür­dig­keiten – Im „Eck­haus“ wohnt die Angst

5. November 2018
Riga Sehenswürdigkeiten: Das Eckhaus

Zuletzt aktua­li­siert am 31. Juli 2020 um 16:31

Wer Riga erkunden und ver­stehen will, sollte sich zum „Eck­haus“ in der Brī­vības Iela begeben. In dem Gebäude ver­barg sich einst das KGB-Haupt­quar­tier. Besu­cher bekommen hier eine Füh­rung durch das dun­kelste Kapitel Lett­lands Geschichte, dessen Nach­wir­kungen in der Haupt­stadt nicht zu über­sehen sind. Ein Besuch im „Eck­haus“ – und wei­tere unver­gess­liche Sehens­wür­dig­keiten in Riga.


Riga Sehens­wür­dig­keiten: Das „Eck­haus“ – Eine Geschichte

Es ist Zufall, dass wir Riga von seiner mor­biden Seiten kennen lernen, dass wir erst den Ver­fall und dann die Pracht in Lett­lands Haupt­stadt ent­de­cken: Mein Freund kommt aus Kathmandu, aus Neu­gier haben wir kurz vor unserer Ankunft online nach einem nepa­le­si­schen Restau­rant gesucht und beschlossen, gleich am ersten Abend hin­zu­gehen.

Gebäude in Riga: Die Stadt ist voller „Lost Places“

Von unserem Hotel nahe dem Bahnhof machen wir uns auf den Weg zum „Himalaya Kit­chen“, gute halbe Stunde zu Fuß, sagt Google Maps. Wir lassen die Alt­stadt links liegen und laufen an der „Milda“ vorbei, der Frei­heits­statue Lett­lands, ein 19 Meter hoher Obe­lisk auf einem rie­sigen Sockel, an dessen Spitze eine Frau­en­figur drei Sterne zum Himmel reckt.

Riga Sehenswürdigkeiten: Das Freiheitsdenkmal

Wir folgen der Brī­vības Iela, dem „Frei­heits­bou­le­vard“, der sich mehr als 12 Kilo­meter vom Zen­trum bis an den Stadt­rand zieht. Hier reihen sich opu­lente Jugend­stil­ge­bäude anein­ander. Nir­gendwo auf der Welt gibt es mehr Jugend­stil­bauten als in Riga, sie machen fast ein Drittel aller Gebäude in der Innen­stadt aus, habe ich vor unserer Reise gelesen.

Brivibas iela in Riga

Nicht gelesen habe ich, dass hier so viele Woh­nungen leer stehen: Die größte Stadt des Bal­ti­kums ist voller „Lost Places“, so nennt man – pseu­do­eng­lisch – die unbe­wohnten, dem Ver­fall geweihten Orte, die scha­ren­weise Foto­grafen aus aller Welt anziehen und von denen manche auch in Riga Sehens­wür­dig­keiten sind. Einige der mon­dänen Wohn­häuser in der Brī­vības Iela sehen aus­ge­brannt aus, als hätten rie­sige Flammen die Fas­saden unter einer dicken Schicht Ruß ein­ge­schlossen. Oft sind noch die Erd­ge­schosse als Geschäfts­räume ver­mietet, doch über den beleuch­teten Laden­zeilen klaffen leere Fenster wie schwarze Löcher, die alles Leben ver­schluckt haben.

Unterwegs in der Brivibas ielaAuch gewissermaßen Riga Sehenswürdigkeiten: Leerstand in der Brivibas iela

Es ist Juli und der Sommer in ganz Nord­eu­ropa heiß wie lange nicht. Obwohl es am Nach­mittag heftig geregnet hat, herr­schen in Riga 25 Grad. Trotzdem beschleicht mich ein Gefühl von Winter: Es fällt mir leicht, mir vor­zu­stellen, ich würde frös­telnd an einem grauen Janu­artag hier ent­lang spa­zieren, so kalt und abwei­send wirken die schmut­zigen Wände, die kaputten Fens­ter­rahmen, der brö­ckelnde Putz. Anblicke, die sich uns später auch anderswo an den Rän­dern der Alt­stadt bieten.

 An den Rändern von Rigas Altstadt sehen Besucher viel Verfall

Zum tou­ris­ti­schen Stadt­kern von Riga, den wir an den kom­menden Tagen aus­giebig erkunden, passen sie nicht: In der Alt­stadt leuchten makel­lose Fas­saden in weinrot, mai­grün und hell­blau gegen­ein­ander an. Bars und Restau­rants, von denen viele auf bel­gi­sches Bier oder mit­tel­al­ter­li­ches Flair setzen, sind schick und teuer, Plätze und Parks sauber und üppig bepflanzt.

Die makellose Altstadt zählt zu den schönsten Riga Sehenswürdigkeiten

Hüb­sche Häuser: Dicht an dicht schmiegen sich in der Alt­stadt von Riga Sehens­wür­dig­keiten

Die gepflegte Altstadt in Lettlands Hauptstadt

Riga Sehenswürdigkeiten: Der Park neben dem Freiheitsdenkmal

Ich krame in meinen Kennt­nissen zur Geschichte dieses Landes: Der mitt­lere der drei bal­ti­schen Staaten erlangte nach jahr­zehn­te­langer rus­si­scher Beset­zung 1991 offi­ziell seine Unab­hän­gig­keit und trat 2004 der EU bei.  2014 später war Riga Kul­tur­haupt­stadt Europas, im selben Jahr wurder der Euro als Wäh­rung ein­ge­führt. Seitdem geht’s hier wirt­schaft­lich stetig bergauf. Dachte ich. Und lese später: Zwar stimmt es, dass sich die Wirt­schaft seit der Unab­hän­gig­keit zügig ent­wi­ckelt hat, sie ist aber auch von sehr nied­riger Basis gestartet. Bis heute liegt das monat­liche Durch­schnitts­ein­kommen bei 670 Euro. Und: Junge, gut aus­ge­bil­dete Letten ver­glei­chen den Lebens­stan­dard in ihrem Land nicht mit dem zu frü­heren Sowjet-Zeiten, son­dern mit dem in anderen euro­päi­schen Län­dern. Seit ihnen der euro­päi­sche Arbeits­markt offen steht, wan­dern sie in Scharen ab, die meisten nach Groß­bri­tan­nien, Irland und Deutsch­land.

Bedrü­ckende Sehens­wür­dig­keiten in Riga: Das „Eck­haus“ und sein Gefängnis

Auf dem Weg zum Restau­rant kommen wir an jenem Haus vorbei, das wie kein zweites Zugang schafft zum Lett­land von ges­tern und heute. Mir fällt es wegen der Schilder zu beiden Straßen hin auf: „Exhi­bi­tion – History of KGB Ope­ra­tions in Latvia“ steht auf ihnen geschrieben. Das „Eck­haus“, wie die Ein­hei­mi­schen den sechs­stö­ckigen Prachtbau in der Brī­vības iela 61 nennen, war jahr­zehn­te­lang der gefürch­tetste Ort Rigas. Hier befand sich vom zweiten Welt­krieg bis 1991 das KGB-Haupt­quar­tier samt Gefängnis im Kel­ler­ge­schoss. Erst 2014 hat man das Gebäude der Öffent­lich­keit zugäng­lich gemacht, seitdem gibt es Füh­rungen durch die Zellen, die Ver­neh­mungs­räume, die Innen­höfe und die Erschie­ßungs­an­lage – und damit durch das dun­kelste Kapitel der let­ti­schen Geschichte.

Die ehemalige KGB-Zentrale ist eine der wichtigsten Riga Sehenswürdigkeiten

Das „Eck­haus“ ist noch immer eine der weniger bekannten Riga-Sehens­wür­dig­keiten. Tipp: Kauft die Karten für die Füh­rung durch das Gebäude schon vorab!

Riga Sehenswürdigkeiten: Das Eckhaus beherbergte die KBG-Hauptzentrale

Hinter den schweren Stahl­türen ist die Luft sti­ckig, blät­tert Farbe von den Wänden, rosten Schlösser und Gitter vor sich hin. Der Guide, der uns gemeinsam mit etwa 15 anderen Tou­risten Ein­lass zum Gefäng­nis­trakt gewährt, ist keine dreißig Jahre alt und heißt Martin. Er blickt seine Zuhörer aus hellen Augen an und lässt keine der Schre­ckens­ge­schichten aus, die sich hier abge­spielt haben. Mehr­mals bittet er Eltern, ihren Kin­dern die Ohren zuzu­halten.

Während der Führung durch die Gefängniszellen im Eckhaus

Martin erzählt, wie angeb­liche Klas­sen­feinde von ihrer Arbeit oder mitten in der Nacht aus ihren Häu­sern hierher ver­schleppt, ver­hört, gefol­tert oder gleich erschossen wurden. Ihre Ver­gehen? Einige wurden allein des­halb ver­haftet, weil sie sich für fran­zö­si­sche Lite­ratur inter­es­sierten. Ein LKW, mit dem die Lei­chen später abtrans­por­tiert wurden, hielt wäh­rend der Hin­rich­tungen mit lau­fendem Motor im Hof und über­tönte die Schuss­ge­räu­sche. Mehr als 150 Menschen hat die rus­si­sche Staats­si­cher­heit hier 1940 und 1941 umge­bracht. Die anderen Häft­linge wurden nach Sibi­rien depor­tiert oder als „Inof­fi­zi­elle Mit­ar­beiter“ ange­worben. Allein in der Nacht vom 14. Juni 1941 hat man mehr als 15.000 Letten von Riga nach Sibi­rien ver­bannt, bis 1949 waren es 88.000. Zurück­ge­kehrt ist kaum jemand.

 Verhörzimmer im Eckhaus

Die Nazis, die das Land ab 1941 besetzten, nutzten die Gräu­el­taten der Sowjets nur zu gern für ihre eigene Pro­pa­ganda aus, bis die rus­si­sche Staats­si­cher­heit 1944 ihre Macht über Lett­land zurü­ck­erlangte. Hin­rich­tungen fanden nach dem Krieg zwar nicht mehr statt, doch an den unmensch­li­chen Haft­be­din­gungen änderte sich nichts. Man quälte die ver­meint­li­chen Staats­feinde Tag und Nacht mit grellem Licht, von dem sie Migräne bekamen, und gab ihnen ver­dor­benes Essen. In völlig über­füllten Zellen diente ein ein­ziger Eimer Dut­zenden Insassen als Toi­lette.

Zelle, die man bei einer Führung durch das „Eckhaus“ siehtErst im Mai 1990, als Lett­land seine Unab­hän­gig­keit erklärte, ver­ließen die letzten Häft­linge das Eck­haus von Riga

50 Jahre Unter­drü­ckung haben alles ver­än­dert und wirken lange nach. „Vor 1940 war Lett­land reich. Richtig reich!“, sagt Martin und fährt mit ver­bit­terter Stimme fort: „Ohne die deut­sche und sowje­ti­sche Beset­zung würde es uns heute so gut gehen wie den Finnen.“ Statt­dessen muss das Land um seine Exis­tenz fürchten, wenn wei­terhin so viele junge Letten ihrer Heimat den Rücken kehren. Um 27 Pro­zent ist die Ein­woh­ner­zahl Lett­lands seit 1990 gesunken – so einen Bewoh­ner­schwund hat es in keinem anderen Land in Europa gegeben.

Schon lange gibt es in Riga Bemü­hungen, den leer­ste­henden Raum in der Stadt sinn­voll für krea­tive und gemein­nüt­zige Pro­jekte zu nutzen. Und mitt­ler­weile soll sich die Ein­woh­ner­zahl zumin­dest in der Haupt­stadt wieder leicht erholt haben. Bleibt zu hoffen, dass die Bevöl­ke­rungs­zahl in dem kleinen Land bald wieder auf über zwei Mil­lionen steigt. Und dass das Leben zurück­kehrt in die unzäh­ligen leeren Woh­nungen in der Brī­vības iela und anderswo.

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Anmer­kung: Einen Ein­druck vom Eck­haus bekommt Ihr auch hier, in Form einer gelun­genen vir­tu­elle Tour durch die Sehens­wür­dig­keit.


Wei­tere Sehens­wür­dig­keiten in Riga

Essen in Riga — Speisen wie im Mit­tel­alter

Mitten in der Alt­stadt von Riga, in der Rozena 1, liegt das Rozen­grāls. Hinter seiner grün umrankten Holztür am Ein­gang ver­birgt sich ein Juwel: Treppab geht es in einen Gewöl­be­keller mit vier Meter hohen Stein­bögen – und hinein in eine Schänke im Mit­tel­alter. Tat­säch­lich war dieser Ort schon damals ein Gast­haus, die erste Erwäh­nung stammt aus dem Jahr 1293.

Den Raum erleuchten fast aus­schließ­lich Kerzen, das Per­sonal trägt mit­tel­al­ter­liche Klei­dung und spricht die Gäste mit „My Lady“ und „My Lord“ an. Da wir spontan am späten Abend kamen und schon gegessen hatten, bestellten wir nur zwei Honig­biere. Und danach zwei wei­tere. Das Essen auf den anderen Tischen sah fan­tas­tisch aus und meine Online-Recherche ergab, dass das Restau­rant in Riga für sein Essen über­wie­gend sehr gut bewertet wird. Die Preise im Rozen­grāls liegen einen Tick überm Durch­schnitt. Die stim­mige Atmo­sphäre und der tadel­lose Ser­vice recht­fer­tigen das aber.

Riga Sehenswürdigkeiten: Essen im Rozengrals

 Jugend­stil total in der Alberta Iela

Es lohnt sich, in aller Ruhe durch diese Straße zu schlen­dern: Die Alberta Iela ist bekannt für ihre Jugend­stil­bauten. In Nummer 12 befindet sich auch Rigas Jugend­stil-Museum: Hier führt eine Wen­del­treppe (Sie allein ist schon eine Sehens­wür­dig­keit!) hinauf in eine kom­plett im Stil des begin­nenden 20. Jahr­hun­derts ein­ge­rich­tete Woh­nung, in der Besu­cher auch Kos­tüme aus der Zeit anpro­bieren können. Natür­lich gibt’s auch jede Menge Hin­ter­gründe rund um die Epoche.

 Drei Brüder in Riga besu­chen

Wie, was, wen besu­chen? Als „Drei Brüder“ bezeichnet man den ältesten Wohn­haus­kom­plex in Riga, der aus drei sich eng anein­an­der­schmie­genden Häu­sern besteht. Die Gebäude in der Alt­stadt (Maza-Pils-iela Nr. 17,  Nr. 19 und Nr. 21) stammen aus unter­schied­li­chen Epo­chen und sollen von Hand­werks­meis­tern bewohnt worden sein. Das schmalste Gebäude ist das älteste, es soll schon 1490 erbaut worden sein. Der Bruder in der Mitte stammt aus dem Jahr 1646 und das Gebäude ganz rechts aus der zweiten Hälfte des 17. Jahr­hun­derts. Im Zweiten Welt­krieg wurde das Häuser-Ensemble zer­stört, aber nach dem Krieg hat man die Drei Brüder wieder auf­ge­baut. Heute beherben diese Sehens­wür­dig­keiten in Riga das Archi­tek­tur­mu­seum und die Denk­mal­schutz­be­hörde.

Drei Brüder Riga

Die Drei Brüder in Riga sind nicht ganz ein­fach zu foto­gra­fieren

Riga Sehenswuerdigkeiten: Drei Brüder

Der Bruder in der Mitte hat die hüb­scheste Fas­sade

  Die Stadt von oben sehen von der Aka­demie der Wis­sen­schaften

Das Hoch­haus, das die „Aka­demie der Wis­sen­schaften“ beher­bergt, macht schon von Weitem Ein­druck. Mit dem Fahr­stuhl fährt man hinauf in den 14. Stock, läuft zwei wei­tere Stock­werke zu Fuß – und dann liegen einem auf der Aus­sichts­platt­form in 68 Metern Höhe Riga und die Daugava zu Füßen.

Aussichtsplattform der Akademie der WissenschaftenRiga Tipp Ausblick von der Akademie der Wissenschaften

 Shop­ping in Riga — Ein­kaufen auf dem Zen­tral­markt

In den 30-er Jahren galt der Zen­tral­markt neben dem Bahnhof als der modernste seiner Art in ganz Europa. Noch heute sind seine fünf Hallen mit Gemüse, Fleisch, Fisch, Milch­pro­dukten, Gewürzen, Back­waren, Pflanzen, Hand­ar­beiten und vielem mehr etwas Beson­deres. Der Zen­tral­markt gilt nicht nur als eine von Rigas Sehens­wür­dig­keiten für Tou­risten. Viele Ein­wohner Rigas erle­digen ihre Ein­käufe regel­mäßig hier. Kein Wunder: Die Stim­mung ist gut, die Preise moderat, die Aus­wahl gigan­tisch. Und: Viele Stände auf dem Zen­tral­markt bieten Gele­gen­heit, let­ti­sche Köst­lich­keiten zu pro­bieren. Wer bei Shop­ping eher an Klei­dung denkt, wird viel­leicht in den Geschäften in der Kris­jana Barona Iela und der Tēr­batas Iela fündig.

Riga Sehenswürdigkeiten: Der Zentralmarkt gehört dazu

Die Hallen des Zen­tral­markts sind in Riga Sehens­wür­dig­keiten

Baden fla­nieren am Strand von Jūr­mala

Ach­tung: Einen Ort namens „Jūr­mala“ gibt es nicht. Wer sich mit dem Zug vom Rigaer Haupt­bahnhof auf den Weg zum Strand machen will, sucht eine gleich­na­mige Hal­te­stelle daher ver­geb­lich. Jūr­mala heißt die ganze Küste nord­west­lich der let­ti­schen Haupt­stadt, Ihr steigt am besten an der Hal­te­stelle Majori aus. Von dort ist es nicht weit bis an den kilo­me­ter­langen Ost­see­strand. Was mir sehr an Jūr­mala gefiel: Die Strand­pro­me­nade ist hübsch und gepflegt, dabei aber herr­lich boden­ständig und unprä­ten­tiös.

Riga Sehenswürdigkeiten: Auf nach Jurmala

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