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Nepal nach den Erdbeben

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Nepal Erdbeben aktuell Bhaktapur

Zuletzt aktua­li­siert am 30. November 2019 um 16:24

2015 wurde Nepal von einem ver­hee­renden Erdbeben erschüt­tert, fast 9000 Menschen starben, unzäh­lige Häuser und Tempel wurden zer­stört. Kurz vor dem vierten Jah­restag hat die Erde wieder hier gebebt – nicht zum ersten Mal, seit ich nach Kathmandu gezogen bin. Wie sieht das Kathmandutal heute aus, was sehen Rei­sende heute noch von den Schäden? Ein Über­blick.


Nepal nach den Erdbeben: das Kathmandutal heute

Am 25. April und am 12. Mai 2015 wurde Nepal von Erdbeben der Stärken 7,8 und 7,2 erschüt­tert. Fast 9000 Menschen starben, mehr als 22.000 wurden ver­letzt, Hun­dert­tau­sende Häuser und reli­giöse Stätten beschä­digt oder zer­stört. Die Wucht der Erd­stöße wird auch deut­lich, wenn man sich Fol­gendes vor Augen führt: Der Gipfel des Mount Ever­ests ver­schob sich infolge der Beben um drei Zen­ti­meter nach Süd­westen, die Haupt­stadt Kathmandu ist andert­halb Meter nach Süden gerutscht und liegt heute einen Meter höher.

Nepal nach den Erdbeben: Bhaktapur 2017

Auf dem Durbar Square in Bhak­tapur soll der „Bats­hala Durga“-Tempel neu errichtet werden. Dieses Foto wurde im Oktober 2017, zwei­ein­halb Jahre nach dem Erdbeben, auf­ge­nommen.

Etwa zwei­ein­halb Jahre nach den Erdbeben, im Oktober 2017, war ich zum aller­ersten Mal im Kathmandutal, der am schlimmsten betrof­fenen Region. Vor meiner Reise fragte ich mich, wie viel ich dort von den Schäden noch sehen würde. Ich hatte Medi­en­be­richte ver­folgt, laut denen der Wie­der­aufbau nur schlep­pend vor­an­ging und der Groß­teil der Menschen, die ihre Häuser ver­loren hatten, auch zwei Jahre später noch in Not­un­ter­künften lebte.

Des­halb hatte ich mir die Situa­tion weitaus schlimmer vor­ge­stellt und emp­fand die Zer­stö­rung ins­ge­samt als weniger prä­sent, als ich ange­nommen hatte. Das war aller­dings mein Ein­druck als Tou­ristin, die damals zum ersten Mal im Kathmandutal war. Dar­über hinaus bin ich bei diesem ersten Besuch auch nur in die Königs­städte Kathmandu, Patan und Bhak­tapur gereist, nicht aber in die umlie­genden Dörfer, von denen einige fast voll­ständig zer­stört wurden.

  • Erdbeben Nepal heute Kathmandu
    Erd­be­ben­schäden in Kathmandu

Die Folgen der Erdbeben waren aber auch in den tou­ris­ti­schen Zen­tren nicht zu über­sehen: Auf den Durbar Squares, den Herz­stü­cken der Königs­städte, stützten damals (und auch aktuell noch) Holz­balken die ver­blie­benen Tempel. Ver­ein­zelt klaffen bis heute in den angren­zenden Straßen Lücken in Häu­ser­zeilen oder es liegt ein Stein­haufen dort, wo früher mal ein Haus stand. Berühmte Plätze und erhal­tene Sehens­wür­dig­keiten waren aber auch 2017 schon alle begehbar, die Straßen und Wege überall vom Schutt befreit.

Erdbeben Nepal heute Stützbalken in Patan

Nepal nach den Erdbeben: Noch stützen Balken einige der Tempel am Durbar Square in Patan

Wer die Region – im Gegen­satz zu mir – vor den Erdbeben kannte, ver­misst sicher schmerz­lich den schlanken, neun­stö­ckigen Dha­ra­hara Tower im Pan­orama von Kathmandu, um nur eines von vielen Bau­werken zu nennen, die es heute nicht mehr gibt. Auch die drei Durbar Squares, alle­samt UNESCO-Welt­kul­tur­er­be­stätten, haben ihre ursprüng­liche Pracht leider ein­ge­büßt – in Kathmandu ist der Groß­teil der 50 Tempel und Pagoden, die den Platz vorm Königs­pa­last einst schmückten, ein­ge­stürzt.

Erdbeben Nepal heute: Boudanath wurde restauriert

Der Stupa von Boudhanath (auch „Bod­nath“) wurde relativ zügig restau­riert und im November 2016 wie­der­eröffnet

Die nepa­le­si­sche Regie­rung will die his­to­ri­schen Stätten mit Ori­gi­nal­ma­te­ria­lien und in tra­di­tio­neller Bau­weise wieder auf­bauen. Zu den bereits voll­ständig repa­rierten Bau­werken zählt der Stupa von Boudhanath, das größte bud­dhis­ti­sche Hei­ligtum des Landes und eine der wich­tigsten Sehens­wür­dig­keiten in Kathmandu: Im November 2016 hat man den Stupa, dessen gol­dene Spitze beim Erdbeben beschä­digt wurde, wie­der­eröffnet.

2019, vier Jahre nach den Erdbeben in Nepal: ernüch­ternde Bilanz

Seit März 2019 lebe ich mitt­ler­weile in Nepal. Alles Mög­liche bin ich seitdem gefragt worden. Wie das Essen so schmeckt und ob ich es gut ver­trage, wie kalt es hier im Winter wird, wie der Ver­kehr in Kathmandu ist (schlimm) und ob ich auch bald mit dem Roller durch die Straßen düse (nein).

Erdbebenschäden in Kathmandu

Erd­be­ben­schäden in Kathmandu: Das Foto stammt von April 2019

Ob ich Angst vor einem Erdbeben habe, hat mich hin­gegen nie jemand gefragt. Mich selbst beschäf­tigt das Thema jetzt natür­lich häufig. Kein Wunder – hier gibt es vor ihm schließ­lich kein Ent­kommen, schon gar nicht im Früh­jahr, wenn sich die Kata­strophe in Nepal jährt.

Nepali Times vom 5. April 2019

Erdbeben in Nepal: „Nepali Times“ vom 5. April 2019

Regel­mäßig ziehen dann auch die Medien hier Bilanz und ich habe die tou­ris­ti­sche Brille nicht zuletzt ihret­wegen längst abge­legt. Sie fragen, warum der Wie­der­aufbau stockt und wohin Spen­den­gelder ver­si­ckern. Sie por­trä­tieren Menschen, die alles ver­loren und bis heute nicht zur Nor­ma­lität zurück­ge­funden haben. Sie empören sich, weil viele Kinder noch immer in Not­ka­buffs lernen, seit das Beben etwa 5000 Schulen zer­stört hat.

Und: Sie legen ein­drucks­voll dar, dass Nepal im Falle eines wei­teren Erd­be­bens nicht im Geringsten vor­be­reitet ist. Denn noch immer wird nicht kon­se­quent erd­be­ben­si­cher gebaut und öffent­liche Ein­rich­tungen nicht ange­messen für den Ernst­fall aus­ge­stattet, noch immer fehlt es an Flucht­wegen, Vor­räten und Werk­zeuge zum Graben. „Wir haben offenbar noch immer nicht begriffen, wie viel Glück wir hatten, dass das Erdbeben an einem Samstag pas­siert ist. Tags­über noch dazu“, kom­men­tiert etwa die Wochen­zei­tung Nepali Times, „Les­sons unlearnt“ heißt der Bei­trag.

 Quä­lende Erin­ne­rungen

Zum Glück war es ein Samstag“, das habe ich auch von nepa­le­si­schen Freunden oft gehört. Vielen fällt es schwer, über das Erdbeben zu reden. „Erin­nere mich bloß nicht daran“, sagt ein Freund, als wir auf den Jah­restag zu spre­chen kommen – und wenig später spru­deln die ver­drängten Bilder und Gedanken doch aus ihm heraus. Er erzählt von der Angst um seine Mutter, die er vom oberen Stock­werk ihres Hauses die Treppe hin­un­ter­ge­tragen hat, weil sie sich, im Schock erstarrt, nicht bewegen konnte. Bis heute sucht er das Weite, wenn eine Wasch­ma­schine im Schleu­der­gang läuft und den Boden in Schwin­gungen ver­setzt.

Erdbeben Nepal: Kathmandu Post vom 25.4., dem vierten Jahrestag der Katastrophe

Erdbeben in Nepal: Die Tages­zei­tung „Kathmandu Post“vom 25.4.2019, dem vierten Jah­restag der Kata­strophe

Auch der Mann, den ich liebe, hat das Erdbeben erlebt. An jenem Samstag war er im Moksh, einem Club im Herzen des Szene-Vier­tels Jhamsikhel, in dem später ein Kon­zert mit Jazz­mu­sik­schü­lern statt­finden sollte. „Ich bin sofort nach draußen gerannt“, erin­nert er sich an die Sekunden, als alles zu wackeln begann. „Ich habe mich vor dem Moksh auf den Boden gesetzt, stehen ging nicht.“ Immer wieder gab es im Anschluss Nach­beben. Die Han­dy­netze waren zusam­men­ge­bro­chen, vor Ort konnte nie­mand seine Familie errei­chen. Hinzu kam das uner­träg­liche Bangen, dass das halb­fer­tige Hotel gegen­über, ein zehn­stö­ckiges Hoch­haus, womög­lich auf sie her­ab­stürzen könnte. Nicht mal im Ansatz kann ich mir vor­stellen, wie schreck­lich all das gewesen sein muss.

Wie wahr­schein­lich sind wei­tere Erdbeben in Nepal?

Kann sich so etwas bald wie­der­holen? Wie wahr­schein­lich sind wei­tere Erdbeben in naher Zukunft in Nepal? Leider sehr. Das kleine Land liegt auf der Bruch­kante zwi­schen der Indi­schen und der Eura­si­schen Platte, mit aller Macht schiebt sich die eine unter die andere. Die Span­nung, meinen Experten, habe sich 2015 vom Epi­zen­trum, das sich 80 Kilo­meter nord­west­lich von Kathmandu befand, nach Osten hin ent­laden, sodass es im Osten in naher Zukunft wohl keine starken Beben geben wird. Sorgen macht ihnen aber Nepals Westen: Auf einer Strecke von mehr als 800 Kilo­me­tern west­lich der Haupt­stadt staue sich der Druck seit mehr als 500 Jahren auf. Hier sei ein Beben der Stärke 8,5 in den nächsten Jahren mög­lich. Was das für Kathmandu bedeutet? Ich weiß es nicht, ich möchte nicht dran denken.

Ich lebe in Kathmandu – und, ja, ich habe manchmal Angst

Mehr als 44.000 Nach­beben hat es seit dem 25. April 2015 gegeben, die Liste setzt sich sogar heute noch fort. Zwei von sechs klei­neren Erdbeben habe ich wahr­ge­nommen, seit ich in Nepal lebe. Am 18. März 2019, als ich noch keine drei Wochen in Kathmandu wohnte, stand ich vor­mit­tags im Wohn­zimmer und spürte einen Ruck. Mir schoss das Bild eines LKWs in den Kopf, der dicht vor unserem Haus durch ein Schlag­loch fährt. Erst später, als mein Freund mir schrieb, es habe wohl gerade ein Erdbeben gegeben, war mir alles klar.

Kathmandu Durbar Square Rückseite

Rück­seite des Kathmandu Durbar Square im April 2019: Die Folgen des Erd­be­bens sind noch immer sichtbar

Zuletzt ist es aus­ge­rechnet am Tag vor dem Jah­restag der Kata­strophe von 2015 pas­siert: Es war mor­gens, 6.29 Uhr, ich war auf dem Weg zur Arbeit, lief zügig eine Straße ent­lang. Kör­per­lich habe ich diesmal nichts gespürt – wohl nicht unge­wöhn­lich, wenn man läuft –, aber als ich Menschen sah, die schreiend aus ihren Häu­sern rannten, wusste ich  Bescheid. Das Beben hatte die Stärke 5,2, mein Freund ist davon auf­ge­wacht. Zwölf Minuten später und dann noch mal am Nach­mittag folgten wei­tere, schwä­chere Erschüt­te­rungen. Eben­falls Nach­beben von damals, zum Glück immer nur kurz.

Und doch, die Ant­wort auf die Frage nach der Angst, sie lautet „Ja.“

Nepal nach den Erdbeben: Mehr denn je eine Reise wert

Ob man trotzdem nach Nepal reisen kann und sollte?  Das Aus­wär­tige Amt schreibt in seinen Reise- und Sicher­heits­hin­weisen zu Nepal:

Nepal liegt in einer seis­misch aktiven Zone, ins­be­son­dere das Himalaya-Gebiet gilt als stark erd­be­ben­ge­fährdet. Im Falle eines schweren Erd­be­bens muss davon aus­ge­gangen werden, dass medi­zi­ni­sche Ein­rich­tungen und gene­relle Not­fall­aus­stat­tungen über­lastet sind.“

Das Risiko ist klar benannt, und Rei­sende müssen natür­lich selbst ent­scheiden, ob sie es ein­gehen. Für mich ist das eine schwie­rige Frage, denn grund­sätz­lich emp­fehle ich Nepal als Rei­se­ziel natür­lich unheim­lich gern. Selbst wenn der das Land einen Teil seines his­to­ri­schen Erbes für immer ver­loren hat und die Bau­ar­beiten noch Jahr­zehnte andauern, ist Nepal samt dem schwer getrof­fenen Kathmandutal noch immer unbe­dingt sehens­wert. Die Newari-Archi­tektur mit ihren Holz­schnit­ze­reien ist hier nach wie vor all­ge­gen­wärtig. Das­selbe gilt, trotz der Ver­luste, für Tempel und Pagoden – es gibt ganz ein­fach unend­lich viele im Tal.

Nepal Erdbeben Aktuell Nyatapola

Unver­sehrt: der Nya­ta­pola-Tempel in Bhak­tapur mit seiner fünf­stö­ckigen Pagode

Einige der bedeu­tendsten Anlagen haben die Erdbeben zudem unbe­schadet über­standen  – der Nya­ta­pola-Tempel in Bhak­tapur etwa oder Pas­hu­pa­ti­nath in Kathmandu.

 Patan Durbar Square 2017

Der Durbar Square in Patan: Man sieht, wenn man genau hin­schaut, noch einige Gerüste, Folgen der Erdbeben vom Früh­jahr 2015, aber der Schön­heit und Ein­zig­ar­tig­keit dieses Ortes tun sie keinen Abbruch

Nepal ist und bleibt ein­zig­artig. Hinzu kommt: Wer sich davon auf einer Reise selbst über­zeugt, tut zugleich etwas für den Wie­der­aufbau. Der Tou­rismus ist die zweit­wich­tigste Ein­nah­me­quelle des Landes, und kaum etwas hilft den Menschen, die ihre Häuser ver­loren haben, jetzt so sehr wie Urlauber, die mit ihrem Geld die Wirt­schaft wieder ankur­beln und Arbeits­plätze sichern.

***


Nepal heute: Hast Du das Land nach den Erdbeben besucht? Falls ja, erzähl mir gern, wie Du das Land erlebt und ob Du noch Schäden gesehen hast – ich freue ich mich sehr über einen Kom­mentar!


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Hi, ich bin Susanne, Journalistin und Reisende. Ich liebe Geschichten vom Reisen und Auswandern) (auch allein!) und lebe zurzeit in Kathmandu, Nepal. Mehr über mich erfährst Du hier.

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