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Die Reise hat unsere Liebe gestärkt”

Autorin
Paar auf Weltreise: Liane und Lars vor der Maya-Stätte Chichén Itzá

Ein Paar auf Reisen: Seit fast zwei Jahren sind Liane und Lars (beide 31) unter­wegs. Wie gut sie sich dabei ver­stehen, hat die beiden selbst über­rascht. Hier erzählen sie, was sie zum Auf­bre­chen bewogen hat, was sie beim Reisen zu zweit über sich und die Welt gelernt haben – und warum sie ihre Kinder auf jeden Fall in Deutsch­land groß­ziehen würden.

Liane

Liane von "Bob around the World"Ich bin im Ost­seebad Küh­lungs­born auf­ge­wachsen. Seit ich denken kann, ver­mieten meine Eltern eine Feri­en­woh­nung bei uns im Haus. Ich fand das immer toll, wenn die Gäste sich wohl fühlten und von der Ostsee schwärmten.

Für mich war klar, dass ich im Tou­rismus arbeiten würde – lange bevor ich das Fernweh in mir selbst ent­deckte. Ich habe Tou­ris­mus­ma­nage­ment an der FH Stral­sund stu­diert und im Stu­dium die ersten langen Reisen unter­nommen. 2005 habe ich ein Prak­tikum in einem Rei­se­büro in Wel­lington in Neu­see­land gemacht. Damals, mit Anfang zwanzig, konnte ich das noch gar nicht wert­schätzen. Ich habe mir über­haupt nicht klar gemacht, wie weit weg von zu Hause ich war. Erst als ich von dort aus zu einer kurzen Reise nach Aus­tra­lien auf­brach, legte sich bei mir der Schalter um: Da stand ich vor der Oper in Sydney, die ich ja nur aus dem Fern­sehen kannte, und war plötz­lich voller Bewusst­sein. Ich wollte mehr von Aus­tra­lien sehen.

Aber erst mal ging es nach Tene­riffa. Kurz vor Ende meines Stu­diums hatte ich mir in den Kopf gesetzt, auf der Insel mein Spa­nisch zu ver­bes­sern. Doch in dem Hotel, in dem ich sechs Monate lang an der Rezep­tion arbei­tete, waren die meisten Gäste Deut­sche. Außer­halb der Arbeit hab ich dagegen kein Wort ver­standen. Am liebsten hätte ich hin­ge­schmissen, so frus­triert war ich. Aber irgend­wann – das war auch in Neu­see­land so – platzte der Knoten. Da habe ich ange­fangen, ein­fach drauflos zu quatschten. So wurde mein Spa­nisch besser. Das hat mir gezeigt, dass man nicht so schnell auf­geben darf.

Lars habe ich auf der Inter­na­tio­nalen Tou­ris­mus­messe in Berlin kennen gelernt. Das war 2009, da war ich schon zwei Jahre in einem Hotel in War­ne­münde ange­stellt. Auch Lars arbei­tete in einem Urlaubsort an der Ostsee, zog aber wenig später nach Ham­burg. So begann unsere Bezie­hung als Fern­be­zie­hung.

Meinen Traum, Aus­tra­lien zu bereisen, habe ich 2011 aber ohne ihn wahr gemacht. Mit einer guten Freundin bin ich ein halbes Jahr durchs Land getourt, unsere letzte Sta­tion war Sydney. Eines Mor­gens, als die Stadt gerade erwachte, bin ich unter der Har­bour Bridge hin­durch und an der Oper vor­bei­ge­joggt. Ihr Anblick hatte wieder so eine starke Wir­kung auf mich wie damals. Ich hatte es geschafft, ich war zurück­ge­kehrt. Gleich­zeitig wurde mir wieder klar, dass ich noch viel mehr von der Welt sehen wollte.

Das Fernweh rumorte in mir, als ich wieder in meinen alten Job ein­stieg. Klar, dass ich sofort Feuer und Flamme war, als Lars ein paar Monate später vor­schlug, von unserem Ersparten zu reisen. Wir kün­digten und gingen tat­säch­lich im Juli 2013, ein Jahr nach meiner Rück­kehr aus Aus­tra­lien, auf Welt­reise. Auf unbe­stimmte Zeit.

Unsere Freunde fanden das mutig. Wir hatten als Paar ja nie zusam­men­ge­lebt. Wir sind aber auch ganz offen an die Sache ran­ge­gangen und haben gleich am Anfang dar­über gespro­chen, was pas­siert, falls wir uns unter­wegs nicht mehr ver­stehen. Bis heute hat jeder immer so viel Geld auf dem Konto, dass wir getrennt nach Hause reisen können.

Liane und Lars von "Bob around the World" vor dem Marina Bay Sands Hotel in Singapur

Lars und Liane vor dem Marina Bay Sands Hotel in Sin­gapur

Inzwi­schen haben wir schon Zen­tral- und Süd­ame­rika und Süd­ost­asien bereist, im Augen­blick sind wir in Bangkok. Auf den Sack gegangen sind wir uns immer noch nicht. Im Gegen­teil. Man kann sagen, die Reise hat unsere Liebe gestärkt. Wir ergänzen uns. Lars achtet zum Bei­spiel mehr aufs Geld. Einmal wollte ich in Mexiko teuren Käse kaufen. „Der kostet so viel wie ein Schnor­chel­aus­flug“, sagte er. Er hatte ja Recht.

In grund­sätz­li­chen Fragen sind wir uns einig. Vor der Reise haben wir uns gesagt: „Wir werden keine Hip­pies.“ Immer nur in den Tag hin­ein­leben, kam für uns nicht infrage. Des­halb haben wir ins­ge­samt neun Monate lang gegen Kost und Logis Frei­wil­li­gen­ar­beit auf Farmen und in Hos­tels geleistet. Die Jobs haben wir im Internet gefunden, zum Bei­spiel auf www.workaway.info. Wir haben uns das mal aus­ge­rechnet – 16.000 Dollar haben wir auf diese Weise gespart.

Eine meiner schönsten Erin­ne­rungen bis­lang ist unser Aus­flug zu den Gala­pa­gos­in­seln. Da liegen die Robben zu Tau­senden am Strand. Unglaub­lich, wie nah man ihnen kommt. Ich hätte mir nie vor­stellen können, dass ich mal so weit und so lange reisen würde – mit einem Partner, den das ebenso glück­lich macht. Dafür bin ich dankbar.

 

Lars

Lars von "Bob around the World"Mein Vater war Berufs­soldat und alle paar Jahre anderswo sta­tio­niert. Darum bin ich als Kind viel umge­zogen. In Bel­gien haben wir gelebt und später in Por­tugal. Die vielen Orts­wechsel haben mir aber nichts aus­ge­macht. Im Gegen­teil, ich habe mich immer gefreut auf eine neue Umge­bung und neue Freunde.

Ich wollte schon länger mal wieder ins Aus­land gehen. Als gelernter Hotel­fach­mann ist man dahin­ge­hend pri­vi­le­giert – man kann fast überall Arbeit finden. Vor unserer Reise hielt mich aber mein Job zu Hause: Ich habe in einem Fünf-Sterne-Hotel in Ham­burg als Ver­kaufs­di­rektor gear­beitet. Ich war der, der dafür sorgt, dass der Umsatz stimmt.

Dieser stän­dige Fokus auf Profit hat mich geprägt. Richtig klar wurde mir das, als ich mich auf die gleiche Posi­tion in einem Luxus­hotel in Dubai beworben habe: Beim Vor­stel­lungs­ge­spräch per Skype ging es aus­schließ­lich darum, wie viel Geld ein­ge­spart und umge­setzt werden muss. Da hab ich den Druck schon nach den ersten paar Minuten gespürt. Und auch, dass ich genau darauf keine Lust habe. So kam mir die Idee, statt­dessen mit Liane um die Welt zu reisen.

Dass wir uns so gut ver­stehen, hätten wir selbst nicht gedacht. Viel­leicht klappt es des­halb so gut, weil wir uns gegen­seitig ver­trauen und Frei­räume geben. Nicht erst seit dieser Reise: Als Liane Ende 2011 für ein halbes Jahr nach Aus­tra­lien ging, haben wir ganz bewusst ent­schieden, dass ich sie nicht besu­chen komme. Das sollte ganz allein ihr Ding werden.

Gleich­zeitig achten wir darauf, uns nicht zu ent­fremden. Auf Reisen lernt man ständig Leute kennen. Das ist toll! Aber nach einer gewissen Zeit sehen wir zu, dass wir auch mal wieder etwas als Paar unter­nehmen. Und natür­lich buchen wir in Hos­tels lieber Dop­pel­zimmer.

Seit wir unter­wegs sind, wurde ich immer wieder drauf gestoßen, wie Geld die Welt regiert. Wir haben viel Armut gesehen. In Hon­duras wurden wir ange­schaut wie lau­fende Dollar und fühlten uns extrem unwohl. Am schlimmsten war es in Boli­vien. Mitten im Stadt­zen­trum von La Paz liegen alte, kranke Men­schen auf der Straße herum. Sie bleiben dort liegen, wo sie zusam­men­ge­bro­chen sind und nie­mand küm­mert sich um sie. Das hat mich echt mit­ge­nommen.

Es gab auch Situa­tionen, in denen uns mulmig war. Zum Bei­spiel in Belize, nahe der mexi­ka­ni­schen Grenze. Da erzählte uns unser ame­ri­ka­ni­scher Gast­geber, auf dessen Farm wir arbei­teten, vom Men­schen­handel, der hier im Ort abge­wi­ckelt würde. Eines Tages sahen wir einen LKW mit geschminkten Frauen hinten drauf durchs Dorf fahren. Da bekam ich Angst um Liane. Vor allem, weil sie einem sehr dubiosen Mann aus dem Dorf ehr­lich geant­wortet hat, als der fragte, wo wir denn hier wohnen – in einem ver­las­senen, aus­ge­bauten Bus am Rande des Dorfes näm­lich. In dieser Nacht habe ich mit der Machete neben dem Bett geschlafen, Liane hat sich Pfef­fer­spray unters Kopf­kissen gelegt.

Ande­rer­seits wurde uns oft die Herz­lich­keit von Men­schen zuteil, die selbst kaum genug zum Leben haben. In einem anderen Dorf in Belize hat uns ein Scha­mane in seine Hütte ein­ge­laden, um mit ihm und seiner ganzen Familie sein Hoch­zeits­video zu schauen. Vor dem Bild­schirm surrten die Fliegen, die Haut der Men­schen im Video war grün, weil der Röh­ren­fern­seher schon so alt war. Aber José, so hieß unser Gast­geber, war so stolz, uns die Bilder zeigen zu können.

Liane und Lars von "Bob around the World" in Machu Picchu

Das Paar vor der Inka-Rui­nen­stadt Machu Picchu in Peru

Oder die alte Frau im Ama­zonas von Peru, die gerade einen Kaiman für ihre Familie auf dem Grill hatte, als wir mit einer Rei­se­gruppe inklu­sive Guide kamen. Den bot sie nun uns Tou­risten an. Wir konnten ihr Spa­nisch nicht ver­stehen, also über­setze unser Guide. Ihm war die Situa­tion sicht­lich unan­ge­nehm, denn er wusste, dass es diesen Leuten dre­ckig geht und sie kaum jemals genug zu essen haben. So freund­lich wie mög­lich lehnten wir ab – und waren hin­terher total ver­legen.

Alle diese Situa­tionen haben mir vor Augen geführt, wie gut wir es in Deutsch­land haben. Wenn Liane und ich mal Kinder haben, dann ziehen wir sie auf jeden Fall in Deutsch­land groß. Zwar stört mich dieser Erfolgs­druck, der zu Hause herrscht: Man soll so viel leisten, aber ob man eigent­lich glück­lich ist, das wird nie gefragt. Und trotzdem möchte ich dau­er­haft nicht woan­ders leben.

 


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Hi! Ich bin Susanne. Journalistin und Reisende. Ich liebe und schreibe Geschichten vom Reisen (auch allein!) und Auswandern. Warum? Hier erfährst du mehr. (Foto: © André Schade)

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