Reisen und Orte

Vier Hochzeiten und eine Weltreise

27. Januar 2015
Wasserflugzeuge Hafen Vancouver

Zuletzt aktualisiert am 31. Juli 2020 um 17:13

Nach und nach heiraten alle Freunde, lassen sich nieder, richten sich ein. Und ich? Ich geh auf Reisen. Am anderen Ende der Welt. Über das Gefühl, anders zu sein.


Ich sitze auf einem Klappstuhl im Brautmoden-Geschäft als Mitglied einer vierköpfigen Jury. Im Halbkreis sind wir vor der Umkleidekabine zusammengerückt. Zwölf Mal tritt Alina in unsere Mitte, zwölf Mal dreht sie sich und sieht abwechselnd in den Spiegel und fragend in unsere Gesichter, bevor sie aufgeregt wieder in die Kabine verschwindet. Gut sieht sie aus, glücklich.

Das Leben der anderen

Ich schaue meine langjährige Freundin im Brautkleid an, ich schaue in die Vergangenheit und in die Zukunft. Alina und ich haben zusammen studiert, wir waren im Ausland, wir sind in dieselbe Stadt gezogen, haben angefangen zu arbeiten. Alles mehr oder weniger gleichzeitig. Jetzt heiratet Alina. Und bald tritt noch eine Freundin vor den Traualtar. Und dann noch eine. Und … noch eine. Kinder sind geplant und Wohneigentum.

Und ich stehe außen vor und staune.

Staune, wie Freunde sich einrichten in ihrer Stadt, in ihrem Leben. Wie sie „ankommen“. Ganz sicher bin ich nicht, was die Leute meinen, wenn sie sagen, sie seien angekommen. Nur eines weiß ich genau: Ich bin es nicht.

Wenn Alina heiratet, werde ich auf Reisen sein. Am anderen Ende der Welt. Für ich-weiß-noch-nicht-wie-lange. Und mit allerhand Konsequenzen: Ich hänge meinen Job an den Nagel, ich untervermiete meine Wohnung, ich lasse meine Freunde und Familie zurück. Ich habe eine Weile gespart. Alles Weitere? Ungewiss. Und danach? Keine Ahnung.

Ich sehe mich in zehn Jahren

Manchmal wache ich nachts auf und die Angst malt mir mit schwarzer Tinte alles aus, was schief gehen kann. Dann rechne ich hin und her. Dann reicht es vorne und hinten nicht. Dann ist das Ganze eine Scheißidee. Aber am nächsten Morgen, wenn ich zur Arbeit hetze, die Treppe zur U1 hinauf, entsteht ein zweites Bild in mir, eines, das mich weitaus mehr quält: Dann sehe ich mich in zehn Jahren, wie ich zur Arbeit hetze, mit demselben zentnerschweren Fernweh im Herzen – aber mit viel mehr Verpflichtungen. Und dieser hartnäckig bohrenden Frage im Kopf: Warum hab ich’s nicht einfach gemacht, damals, als es so leicht gewesen wäre, als so wenig dagegen sprach, als mich kein Mann, kein Kind und kein Vertrag hier hielten?

Die Braut bezahlt ihr Kleid, es kostet so viel wie mein Flug. Jetzt fehlen fast nur noch die Ringe, sagt sie, während die Verkäuferin den Sekt öffnet. Ich blicke auf den Ring an meiner linken Hand und lächle. Den habe ich mir vor zwei Jahren in Amsterdam gekauft, als ich zum ersten Mal allein verreist bin. Damit er mich immer dran erinnert, dass alles gut ist, dass ich zurechtkomme allein. Genau das tut er auch jetzt. Das Leben der anderen, das habe ich nicht. Weil mein Leben ein anderes ist. Weil es mein Leben ist. Und dann stoßen wir endlich mal an.

***


Hier erzähle ich mehr von meinem Entschluss, allein zu reisen.


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5 Comments
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Eva
7. Juli 2015 19:10

Deine Geschichte hat mich gerade sehr bewegt, ich glaub ich hab ein bisschen Pipi in den Augen.….ich hadere auch grad, und bei mir sind es keine zehn Jahre mehr, die ich mir noch Zeit lassen kann, vielleicht noch 3.…und die Freunde haben schon geheiratet und bekommen grad alle Kinder.….Meine erste Reise allein, die mich ein für alle Mal in den Bann des Alleinreisens gezogen hat, war auch nach Amsterdam, das war 1998.….´99 folgte dann der erste Trip nach Asien und so ging es weiter.….ja, vielleicht reise ich alleine, weil ich den passenden Mitreisenden noch nicht gefundenhabe. Weil mich das Alleinereisen… Read more »

13. November 2015 16:38

Ganz toll geschrieben! Die Erwartungen der “Gesellschaft” hören an keiner Stelle auf. Wenn Du Sigle bist, wirst Du nach einem Fraund gefragt. Hast Du einen Fraund, dann kommt die Frage nach der Hochzeit. Und solltest Du dann mal verheiratet sein, glauben alle es stimmt etwas nicht, wenn nicht bald Kinder kommen.
Aber am Ende müssen wir glücklich sein. Und kaum etwas macht so glücklich wie frei zu sein. Auch frei vom Erwartungsdruck. Auch, wenn das wahrscheinlich niemandem möglich ist sich ganz davon zu befreien. Ich wünsche Dir ganz viele großartige unbezahlbare Erfahrungen!!!!