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Mit der besten Freundin um die Welt

Autorin
Freundinnen auf Weltreise: Nina und Steffi in San Pedro de Atacama.

Steffi und Nina (beide 32) sind seit mehr als zwei Jahren zusammen auf Welt­reise. Erleb­nisse teilen, auf­ein­ander auf­passen und später gemeinsam in Erin­ne­rungen schwelgen zu können – für die beiden Main­ze­rinnen gibt es nichts Bes­seres, als zu zweit zu reisen. Heim­kehren wollen sie noch lange nicht.


Nina

NinaDas Fernweh wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Meine Eltern waren auch ständig auf Achse. 1977 haben sie eine Welt­reise gemacht. Meine Mutter hat damals Tage­buch geschrieben und Dias auf­ge­nommen. Alles gut erhalten. Schon als Kind habe ich mir die Sachen gern ange­schaut. Irgendwie hatten sie eine magi­sche Wir­kung auf mich.

In meinem BWL-Stu­dium ging es mit den Lang­zeit­reisen los: Ein Aus­lands­se­mester habe ich in Valencia ver­bracht. Ein wei­teres 2008 in Bangkok. In dieser Zeit bin ich viel durch Süd­ost­asien gereist und habe auch die unbe­queme Seite des Rei­sens kennen gelernt. Ich erin­nere mich leb­haft an eine Unter­kunft in Kam­bo­dscha, in der alles so dunkel und dre­ckig war, dass ich mich fühlte wie im Hor­ror­film „Saw“. Aus der Dusche kam nur gelbes Wasser. Da hatte ich eine Gän­se­haut vorm Ein­schlafen. Mit der Zeit – auch das habe ich fest­ge­stellt – stumpft man aller­dings ein biss­chen ab.

Zurück in Mainz schrieb ich meine Diplom­ar­beit. In Gedanken war ich aber längst wieder unter­wegs. Buch­stäb­lich! An einem Freitag habe ich meine Abschluss­ar­beit ein­ge­reicht, zwei Tage später, am Sonntag, saß ich schon im Flug­zeug, um durch Süd­ost­asien, Aus­tra­lien und Neu­see­land zu reisen.

Zwei­ein­halb Jahre später, im Sommer 2012, als ich schon zwei Jahre in Mainz gear­beitet hatte, erfuhr ich von einem Wett­be­werb: Ein Spi­ri­tuo­sen­her­steller ver­loste bei Face­book einen Bar­tender-Job in der Südsee. Ich glaube, damals habe ich alle meine Freunde aufs Übelste genervt. Denn um zu gewinnen, musste man so viele Votes wie mög­lich bekommen. Ich habe sogar eine Face­book-Gruppe gegründet, in der waren am Ende 800 Leute, die jeden Tag für mich Posts bei Face­book abge­setzt und E-Mails geschrieben haben, um für mich abzu­stimmen.

An einem Mon­tag­nach­mittag, ich saß gerade im Büro, kam der Anruf. Ich hatte tat­säch­lich gewonnen! Da gab es nur noch ein kleines Pro­blem: Mein Chef bot mir zwar an, mich fünf Wochen lang frei­zu­stellen. Das war mir aber nicht genug. Ich wollte frei und unab­hängig sein. „Dann ist das eben Schicksal“, dachte ich mir. Und kün­digte.

Wenig später tat Steffi es mir gleich: Sie skypte mich auf den Cook Islands an und schlug vor, dass wir uns Anfang 2013 auf Kuba treffen. Gemeinsam zu reisen – davon hatten wir sowieso schon geträumt.

Seitdem haben wir fast den ganzen ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nent bereist. Es ist groß­artig, all das mit Steffi zu erleben. Mit ihr habe ich immer ein Stück Heimat bei mir. Wir kennen uns, seit wir zehn Jahre alt sind und passen auf­ein­ander auf – das gibt auch unseren Eltern ein Gefühl von Sicher­heit. Steffi und mir geht nie der Gesprächs­stoff aus. Einmal saßen wir in Boli­vien in einem Café und schnat­terten und lachten stun­den­lang – da kam ein Mann auf uns zu und sagte: „Ihr seid die ersten jungen Menschen, die ich hier sehe, die nicht nur auf ihre Handys starren.“

BankBier

Steffi und Nina wäh­rend ihrer Welt­reise in Bocas del Torro, Panama. Die Fotos stammen vom Blog der beiden, www.2polloslocos.com.

Nur in Bra­si­lien sind wir anein­an­der­ge­raten. Da haben wir wäh­rend der Fuß­ball-WM in Rio in einem Hostel gear­beitet, am Ende jeden Tag. Das war anstren­gend. Per­ma­nent war um uns herum die Hölle los. Wir hatten kei­nerlei Rück­zugs­mög­lich­keiten und ließen den Stress anein­ander aus.

Aber auch das ist eine Erfah­rung, die uns ver­bindet. Genau wie unsere Bereit­schaft, Opfer zu bringen für das Reisen. Viele Leute fragen uns, wie wir uns das leisten können. Wir haben eben auf vieles ver­zichtet – auf ein Auto zum Bei­spiel oder eine teure Ein­rich­tung – und unser Geld gespart. Außerdem arbeiten wir! Zur­zeit sind wir mit einem Working-Holiday-Visum in Van­couver. Hier haben wir beide je zwei Jobs in der Gas­tro­nomie, die uns von früh bis spät auf Trab halten. So füllen wir die Rei­se­kasse wieder auf.

Unter­wegs ver­zichten wir sowieso auf Luxus. Gene­rell ist die wich­tigste Erkenntnis, die ich beim Reisen gewonnen habe: Ich brauche nicht viel. Ich kann zwei Jahre lang aus dem Ruck­sack leben und mir fehlt es an gar nichts. Zumin­dest an nichts Mate­ri­ellem. Das macht mich frei.

Steffi

SteffiIch muss fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, als ich etwas über Grie­chen­land im Fern­sehen gesehen hatte und meinen Eltern ver­kün­dete: Ich will ans Meer! Danach sind wir statt nach Öster­reich immer ans Wasser gefahren.

Reisen habe ich schon als Kind geliebt. Später wollte ich immer länger ins Aus­land gehen. Nur ging das viele Jahre ein­fach nicht. Nach der Schule wusste ich nicht, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Also begann ich mit 19, an der FH in Mann­heim Ver­wal­tungs­wis­sen­schaften zu stu­dieren. Ein berufs­be­glei­tendes Stu­dium: Gleich­zeitig wurde ich in der Agentur für Arbeit aus­ge­bildet. Ohne wirk­lich drüber nach­ge­dacht zu haben, schlug ich die Beam­ten­lauf­bahn ein. Glück­lich wurde ich damit nicht.

Heute würde ich so etwas abbre­chen. Damals kam das nicht infrage. Auf­geben, das gab es nicht. Also hielt ich durch. Nach dem Stu­dium arbei­tete ich weiter in der Agentur für Arbeit. Fast jeden Tag dachte ich: Und das soll nun mein Leben sein? Nach einem halben Jahr ging ich auf Teil­zeit runter. Ich hatte beschlossen, par­allel in Mainz BWL zu stu­dieren.

Eine Weile ins Aus­land zu gehen, reizte mich nach wie vor. Aber ich musste ja immer arbeiten! Meine Kol­legen fanden das witzig: Ich war ja ohnehin die­je­nige, die mit Abstand am meisten reiste. An jedem Urlaubstag war ich unter­wegs. Damals habe ich zum Bei­spiel öfter meinen Bruder besucht, der nach Spa­nien aus­ge­wan­dert war.

Im Sommer 2012 – inzwi­schen hatte ich auch das BWL-Stu­dium beendet – spra­chen Nina und ich zum ersten Mal dar­über, zu zweit auf Welt­reise zu gehen. Doch dann kam uner­wartet ein Stel­len­an­gebot in der freien Wirt­schaft. Ein toller Job, dachte ich – und legte die Rei­se­pläne aber­mals auf Eis.

Erst einmal musste ich aber dafür sorgen, dass man mich aus dem Beam­tentum ent­lässt. Ich weiß das noch, als wäre es erst ges­tern gewesen: Ich war wegen eines Bän­der­risses krank­ge­schrieben. Trotzdem hum­pelte ich in die Per­so­nal­ab­tei­lung und fragte grin­send: „Was muss ich tun, um nicht mehr ver­be­amtet zu sein?“ Die haben viel­leicht geguckt!

Und damit war diese Fessel end­lich gesprengt – ich war keine Beamtin mehr. Doch leider war der neue Job kei­nes­wegs der Ausweg, den ich mir erhofft hatte. Ich wurde dort ein­fach nicht gefor­dert. Irgend­wann ging es mir richtig elend.

So ent­schied ich mich end­lich doch für meinen Traum von der Welt­reise. Ich buchte einen Flug nach Kuba, wo ich Nina treffen wollte, und küm­merte mich um die Rei­se­schutz­imp­fungen. Es ging alles ganz schnell. Aber anders als die Ent­schei­dung, Beamtin zu werden, war diese wohl­über­legt.

Über­rascht war ich über die Reak­tion meines Vaters. Statt mir ins Gewissen zu reden, sagte er nur: „Ich weiß, wie lange du davon schon träumst.“ Noch am selben Tag half er mir, meine Woh­nung aus­zu­räumen. Meine Mutter war ängst­lich – wie Mütter eben sind. Aber irgend­wann, da waren Nina und ich schon eine Weile unter­wegs, sagte sie am Telefon: „Ich sehe, dass du glück­lich bist. Und wenn du glück­lich bist, bin ich es auch – egal, wo du bist.“

fin del mundo

Zusammen bis ans  “Ende der Welt”: Die Freun­dinnen am “fin del mundo” in Argen­ti­nien

In vielen Augen­bli­cken mache ich mir klar: „Eines Tages wirst du an diesen Moment zurück­denken.“ Zum Bei­spiel als wir uns in Gua­te­mala eines Mor­gens um vier Uhr in einem Bus wie­der­fanden, in dem außer uns nur ein­hei­mi­sche Männer mit Macheten saßen – bis­lang die ein­zige Situa­tion auf unserer Reise, in der uns mulmig zumute war. Inzwi­schen können wir uns dar­über tot­la­chen! Manchmal stelle ich mir vor, wie Nina und ich mit siebzig bei Kaffee und Kuchen zusam­men­sitzen und in unseren Erin­ne­rungen schwelgen.

Manche Leute meinen, wir finden nie wieder einen guten Job, wenn wir nach Deutsch­land zurück­kommen. Aber ers­tens glaube ich das nicht. Es geht immer irgendwie weiter. Zwei­tens: Was nützt mir denn der ange­se­henste Job, wenn ich nicht glück­lich bin?

***


(Zu Ninas und Steffis Blog geht es hier.)


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Britta

Eine groß­ar­tige Geschichte von Euch beiden! Ich wünschte, ich wäre auch früher so mutig gewesen! Inzwi­schen bin ich 51, habe einen festen Job und muss für meine Tochter sorgen. Aber ich habe sie auch schon mit­ge­nommen nach Indien und Malaysia und die nächsten Urlaube kommen bestimmt ; ) Macht weiter so, Ihr seid auf dem rich­tigen Weg! Liebe Grüße Britta

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Hi, ich bin Susanne, Journalistin und Reisende. Ich liebe Geschichten vom Reisen und Auswandern (auch allein!). Mehr über mich erfährst Du hier. (Foto: © André Schade)

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