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111 Gründe, China zu lieben“: Autor Oliver Zwahlen im Porträt

30. Mai 2021
111 Gründe, China zu lieben: Bürogebäude in Peking

Zuletzt aktua­li­siert am 6. Sep­tember 2021 um 15:48

Seit 20 Jahren zieht es Oliver Zwahlen immer wieder nach China, sechs Jahre lang hat er sogar in der Haupt­stadt Peking gelebt und gear­beitet. Bis auf Tibet hat der Schweizer alle chi­ne­si­schen Pro­vinzen bereist und die rasante Wand­lung des Landes hautnah mit­er­lebt. Nun hat er mit „111 Gründe, China zu lieben“ ein Buch über das „Reich der Mitte“ geschrieben – über seine Viel­falt und Ein­zig­ar­tig­keit, aber auch über seine Ecken und Kanten. 


2001 reist Oliver zum ersten Mal nach China

Eine Zeit­lang im Aus­land leben, viel­leicht sogar als Aus­lands­kor­re­spon­dent arbeiten: Davon träumt Oliver Zwahlen schon wäh­rend seines Stu­diums, doch so richtig klappt es damit erst mal nicht.  Dann hilft der Zufall nach: 2007, nach einer anstren­gend Arbeits­phase bei einer Tages­zei­tung, will der Schweizer sich wei­ter­ent­wi­ckeln. Es zieht es ihn hinaus in die Welt, aber statt als Back­pa­cker von Land zu Land zu tin­geln, will er sich Zeit nehmen für ein anderes Land, sich wirk­lich ein­lassen auf eine andere Kultur. Was ihm vor­schwebt, ist ein mehr­mo­na­tiger Japa­nisch­kurs in Tokio

Bis er die Preise für sein Vor­haben recher­chiert. „Als ich die Kosten für den Kurs und die Unter­kunft durch­ge­rechnet habe, wurde mir klar, dass daraus nichts wird“, erzählt er. Und so rückt China wieder in den Fokus – ein Land, das er auf meh­reren Reisen schon  kennen – und lieben – gelernt hat. Er schreibt sich für einen vier­mo­na­tigen Sprach­kurs an der Pekinger Uni­ver­sität für Sprache und Kultur ein, bean­tragt ein Stu­den­ten­visum und macht sich im Sommer 2007 auf den Weg in die chi­ne­si­sche Hauptstadt.

2001 war der lei­den­schaft­liche Tra­veller zum ersten Mal in China. „Ich hatte für die Reise extra einen Chi­ne­sisch-Kurs belegt, aber da sind wir nur qual­voll langsam vor­an­ge­kommen. Bei meiner Abreise konnte ich viel­leicht zehn Schrift­zei­chen und zwei Sätze“, erin­nert er sich. Oliver hat damals aber auch ander­weitig vor­ge­sorgt: „Es gab eine Web­seite, auf der man Brief­freunde auf der ganzen Welt finden konnte. Dar­über hatte ich junge Chi­nesen ange­schrieben.“ So hat er in fast allen Metro­polen, die er auf seiner zwei­mo­na­tigen Reise besucht – Peking, Xian, Lanzhou, Chengdu –, schon ein­hei­mi­sche Kontakte. 

Oli irgendwo in China
Der Autor von „111 Gründe, nach China zu reisen“ vor einigen Yaodongs im nord­chi­ne­si­schen Shanxi. Yaodongs sind Wohn­höhlen, in denen Schät­zungen zufolge noch heute ca. 40 Mil­lionen Menschen leben 

Über Xian, die Stadt mit der berühmten Ter­ra­kotta-Armee, Chengdu und Kun­ming fährt er mit Bussen und Zügen durch kleine Dörfer im Himalaya bis zur lao­ti­schen Grenze. Er hat einen „Lonely Planet“-Reiseführer dabei, der ihm hilft, Unter­künfte zu finden. In China ist es näm­lich – damals wie heute – ver­boten, aus­län­di­schen Gästen ein Zimmer zu ver­mieten, es sei denn, man hat dafür eine spe­zi­elle Lizenz. An man­chen Orten muss er drei, vier Hotels abklap­pern, bis ihm eines einen Schlaf­platz gewährt. Aber er hat Spaß an sol­chen Her­aus­for­de­rungen. Statt sich zu ärgern, wenn er mal wieder im fal­schen Bus sitzt, weil er die Fahr­pläne und Hal­te­stel­len­an­zeigen in chi­ne­si­scher Schrift noch nicht ver­steht, freut er sich viel­mehr über zufäl­lige Ent­de­ckungen, die das Reisen so reiz­voll machen. Als er einige Jahre später in China lebt, wird er mit einem Kol­legen in das Auto­nome Gebiet Nin­gxia fliegen, um eine Son­nen­fins­ternis in der Sand­wüste zu beob­achten. Dem Taxi­fahrer vor Ort gibt er fol­gende Anwei­sung: „Fahre auf dieser Straße immer Rich­tung Süden, bis der Zähler 200 Yuan anzeigt, da steigen wir aus.“ 

Der Autor in Jiuzhaigou
Oliver hat außer Tibet alle chi­ne­si­schen Pro­vinzen bereist. Hier steht er an den blauen Seen von Jiuz­haigou im Süd­westen des Landes

Schon als Kind hat der Rei­se­b­logger (weltreiseforum.com) gern in Atlanten geblät­tert und sich gefragt, wie es anderswo auf der Welt wohl so ist. Er hat die Aben­teu­er­ge­schichten des Bären „Petzi“ geliebt, der mit seinen Freunden auf einem selbst­ge­bauten Schiff um den Globus reist. Die Fas­zi­na­tion für das Unbe­kannte, das Unver­traute, begleitet ihn auch bei seiner ersten China-Reise. „Außer­halb von Peking war ich fast überall der ein­zige aus­län­di­sche Rei­sende“, sagt er. Auf der Strecke von Chengdu nach Kun­ming – beide sind Mil­lio­nen­me­tro­polen – sieht er fünf Tage am Stück keinen ein­zigen Aus­länder. Über­haupt: diese Städte. „Es ist schon ver­rückt, dass es so viele Metro­polen in China gibt, die wesent­lich größer sind als die meisten in Europa. Und doch haben viele Menschen im Westen noch nie von ihnen gehört.“

Zwei Monate rei­chen nicht, um so richtig ein­zu­tau­chen. Dafür ist das Land zu groß, zu viel­fältig, zu dyna­misch. Oliver weiß, dass er eines Tages zurück­kehren wird – zumal sein Geschichts­stu­dium das Inter­esse an anderen poli­ti­schen Sys­temen geweckt hat. Warum han­deln Menschen, wie sie han­deln? Wel­chen Ein­fluss hat der Kom­mu­nismus auf ihre Lebens­welt, auf ihr Denken? Oliver möchte das, was er in seinen Geschichts­se­mi­naren theo­re­tisch betrachtet, auch in echt erleben – auch weil das Land für den Westen immer bedeut­samer wird. Dass er sechs Jahre lang in Peking wohnen und schließ­lich auch ein Buch über China schreiben wird, ahnt er damals nicht.


Buch­tipp

111 Gründe, China zu lieben



111 Gründe, China zu lieben

In „111 Gründe, China zu lieben“ gibt Oliver Zwahlen in kurzen Kapi­teln span­nende Ein­blicke in das Land, in das er sich vor zwanzig Jahren ver­liebt hat. Er berichtet von per­sön­li­chen Erleb­nissen, Eigen­heiten und Ent­wick­lungen – den posi­tiven wie den nega­tiven, auch vor Men­schen­rechts­ver­stößen ver­schließt er die Augen nicht. Dabei beweist er ein sicheres Gespür für das Wesent­liche und gibt seinen Leser:innen auf unter­halt­same Weise das Hin­ter­grund­wissen an die Hand, das es braucht, um China besser zu ver­stehen.

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Sommer 2007. Sechs Jahre sind seit seiner ersten Reise nach China ver­gangen, vier Monate Sprach­kurs in Peking stehen an. Und diesmal kommt Oliver ganz und gar im „Reich der Mitte“ an. Gegen Ende seines Kurses bewirbt er sich auf eine Arbeits­stelle: Ein chi­ne­si­scher Verlag sucht einen deutsch­spra­chigen Mit­ar­beiter und er ist der ein­zige Bewerber. Oliver bekommt den Job und ein gutes Expat-Gehalt. 

111 Gründe, China zu lieben: Stinktofu ist einer

Damit beginnt sein Alltag in Peking. Der Schweizer fla­niert gern durch das his­to­ri­sche Stadt­zen­trum, am Houhai-See ent­lang. Hier reiht sich an einem Ende eine Bar an die andere, am anderen Ende kann man fischen. Er findet Gefallen an Pekings viel­sei­tiger Musik­szene, besucht gern Kon­zerte, ist fast jeden Abend unter­wegs. Meis­tens trifft er sich nach der Arbeit mit Freunden zum Essen. „Das Essen ist gött­lich und in Peking gibt es überall im Radius von 50 Metern meh­rere gute Restau­rants mit güns­tigen Speisen. Ich habe in den sechs Jahren in China ver­mut­lich kein ein­ziges Mal selber gekocht.“ Manchmal stehen die Gerichte auf „Ching­lish“ in der Karte, also als feh­ler­hafte Über­set­zungen ins Eng­li­sche. „Chi­cken fuck vege­table“ heißt das Gericht, das der Rei­se­b­logger in einem Lokal in der Nähe seines Büros beson­ders gern bestellt. Er lernt, warum der Reis in geho­benen Restau­rants immer erst am Schluss ser­viert wird (weil er ein bil­liges Nah­rungs­mittel ist, mit dem man Gäste nicht „abfüllt“) und dass Stinktofu – mag er auch noch sehr nach einer Mischung aus zu lange getra­genen Socken und Kloake müf­feln  – tat­säch­lich köst­lich schmeckt. 

111 Gründe, China zu lieben: Einer heißt Stinktofu
Stinktofu stinkt – aber schmeckt über­ra­schend gut, sagt Oliver Zwahlen

So oft es geht, bricht er zu Reisen inner­halb des Landes auf. Er fährt gern mit dem Zug und lernt die Begeg­nungen und Gespräche lieben, die sich in China unter­wegs auf Schienen ganz natür­lich ergeben. „In China spielen die Pas­sa­giere zusammen Karten und teilen das Essen. Das war für mich unge­wohnt. Bei uns in der Schweiz hat man als Zug­pas­sa­gier manchmal über Stunden nicht einmal Augen­kon­takt mit anderen Fahrgästen.“ 

Bis auf Tibet bereist Oliver alle chi­ne­si­schen Pro­vinzen. Ihm gefällt vor allem das länd­liche China mit seinen zau­ber­haften Min­der­hei­ten­dör­fern, allen voran das Berg­dorf Lang­musi im Himalaya, in dem sich zwei tibe­ti­sche Klöster befinden. China ist das Land, das sowohl den größten Tem­pe­ratur–  als auch den größten Höhen­un­ter­schied der Welt auf­weist. Kilo­meter für Kilo­meter zieht ihn diese Viel­falt in ihren Bann. Er besucht das Danxia-Gebirge in der west­chi­ne­si­schen Pro­vinz Gansu, das wegen der breiten, bunten Streifen an seinen Felsen aus­sieht wie die Bunt­stift­zeich­nung eines Fünf­jäh­rigen. Er reist zu den leuch­tend blauen Seen von Jiuz­haigou im Süd­westen und an den „Red Beach“ in der nord­ost­chi­ne­si­schen Pro­vinz Liao­ning, wo die „Strand-Sode“, ein grünes, krau­tiges Gewächs, sich rot färbt, je mehr Salz sie aus dem Boden auf­nimmt. „Im Sommer leuchtet das Kraut so intensiv rot, dass man glaubt, auf einem anderen Pla­neten zu sein.“

111 Gründe, China zu lieben: das Bergdorf Langmusi
111 Gründe, China zu lieben: Dazu zählen für den Autor auch die Min­der­hei­ten­dörfer im länd­li­chen China, vor allem dieses hier: Lang­musi im Himalaya

Und: Er stößt auf aller­hand ein­zig­ar­tige, lie­bens­werte Marotten. Etwa auf die „tan­zenden Omas“, die sich in jeder grö­ßeren chi­ne­si­schen Stadt nach Son­nen­un­ter­gang zu dröh­nender Musik zum Square Dance treffen. Oder die Groß­städter, die am Sonn­tag­morgen im Pyjama durch die Wohn­viertel schlurfen –  skurril in einer Kultur, in der es doch eigent­lich so grund­le­gend ist, sein Gesicht zu wahren und ordent­lich aus­zu­sehen.  „Meinen chi­ne­si­schen Freunden war das Ver­halten ihrer Mit­men­schen pein­lich“, sagt Oliver und lacht, „aber ich habe die Schlaf­wandler sofort ins Herz geschlossen.“

Schon vor seinem Sprach­kurs hat der Schweizer auch Xin­jiang im Nord­westen besucht –  die Auto­nome Region, in der etwa zwölf Mil­lionen mehr­heit­lich mus­li­mi­sche Uiguren mit eigener Sprache und Kultur leben. Heute hat Xin­jiang welt­weit trau­rige Berühmt­heit erlangt, nachdem ans Licht gekommen ist, dass die Regie­rung min­des­tens eine Mil­lion Uiguren in Umer­zie­hungs­la­gern inter­niert hat, um ihnen ihre kul­tu­relle Iden­tität aus­zu­treiben. Eine ver­stö­rende, sehr ent­täu­schende Ent­wick­lung, schien sich das Land doch in der Zeit, in der Oliver in Peking wohnte, immer weiter zu öffnen, nach innen wie nach außen. „Ich habe wäh­rend der offensten, libe­ralsten Jahre dort gelebt“, sagt der Autor, der auf sinograph.ch über China schreibt.

Heute ist ein Trip nach China eine Reise in die Zukunft

Auch nach seiner Rück­kehr in die Schweiz 2013 besucht Oliver das Land jedes Jahr. Er hat Chinas rasanten, ste­tigen Wandel hautnah erlebt. „Seit ich vor 20 Jahren das erste Mal in China war, hat sich das Land gewaltig ent­wi­ckelt. Die Städte wurden moderner, die Straßen besser und die Züge schneller.“ Aber auch in den Köpfen der Menschen habe sich was ver­än­dert. „Auf meinen ersten Reisen inter­es­sierten sich die Leute haupt­säch­lich für mate­ri­elle Dinge: Sie wollten wissen, wie viel man in der Schweiz ver­dient oder was meine Kamera gekostet hat. Heute geht es hin­gegen öfter um Selbst­ver­wirk­li­chung. Immer häu­figer treffe ich Chi­nesen, die von einer eigenen Firma träumen oder von einer Weltreise.“ 

China Buddha
Um im quir­ligen Peking abzu­schalten, spa­ziert Oliver gern durch die his­to­ri­sche Alt­stadt, am Houhai-See ent­lang. Auf seiner Route steht diese Buddha-Figur vor einem Tempel

Inzwi­schen emp­findet Oliver jeden Trip nach China auch als Reise in die Zukunft. Noch ein Grund, warum das „Reich der Mitte“ für ihn das fas­zi­nie­rendste Land der Erde ist – auch wenn das poli­ti­sche China es ihm alles andere als leicht gemacht hat, sein Buch „111 Gründe, China zu lieben“ zu ver­fassen. Es ist daher kein unkri­ti­sches Jubel­buch geworden. Der Autor hofft, dass das Land wieder zurück zu einer Politik der Öff­nung findet. „Und bis dahin möchte ich ein China zeigen, das sich zu lieben lohnt. Trotzdem.“

***

(Fotos: Oliver Zwahlen / Buch­cover: Schwarz­kopf & Schwarzkopf)


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6 Comments
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Dirk
30. Mai 2021 15:15

Zum Glück werden am Ende auch kri­ti­sche Töne ange­schlagen, im Kon­trast zu den 111 Jubelgesängen!
Leider über­la­gert der Umgang des Regimes mit der eigenen Bevöl­ke­rung (Über­wa­chung), der Unter­drü­ckung anderer Kul­turen und Reli­gionen (z.B. auch Tibet), der feh­lenden Pres­se­frei­heit usw. alles was an Land und Leuten viel­leicht ange­nehm, schön und sehens­wert ist und was das “Erlebnis China” eigent­lich erstre­bens­wert machen würde.

1. Juni 2021 16:41

Hallo,
Wun­der­schön geschrie­bener Bei­trag über das Buch von Oliver. Ich reise seit 1999 fast jähr­lich nach China und viele Erleb­nisse kann ich nach­voll­ziehen. Ich liebe die Zug­rei­senden durch das Land. Allein schon wegen dem Essen lohnt sich eine Reise nach China.
Ich hoffe, dass ich zum Jah­res­ende wieder nach China fliegen kann.
Liebe Grüße
Thomas

30. Juni 2021 10:28

Für mich waren die „111 Gründe, China zu lieben“ damit für einige Abende eine unter­halt­same und auch lehr­reiche Lek­türe, der man anmerkt, dass Oliver Zwahlen China kennt und liebt wie wohl nur Wenige – und außerdem für mich eine schöne Ein­füh­rung ins Reich der Mitte.