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Allein in Amsterdam

Autorin
Allein in Amsterdam am Bahnhof

Vier Jahre ist sie her, meine erste Solo-Reise. Damals verbrachte ich ein paar Tage allein in Amsterdam. Wie selbstverständlich das Alleinreisen heute für mich ist, habe ich nicht geahnt, als ich diese Zeilen schrieb.


„Next station: Apeldoorn“, knattert es aus dem Lautsprecher. Ich mag, wie Holländer ihre Worte im Mund ganz rund werden lassen. Bei jeder Durchsage stelle ich mir den Schaffner als Hape Kerkeling vor. Ich fahre nach Amsterdam. Und nichts und niemand wartet dort auf mich. Ich besuche niemanden, ich arbeite nicht, ich reise. Um des Reisens willen. Allein.

„Könnte ich nicht“, habe ich bis zur Abfahrt von Freunden und Kollegen gehört – und meist nicht gewusst, ob das, was da mitschwang, Betroffenheit oder Bewunderung war.

Danke – Angst habe ich auch allein genug. Gereist bin ich schon viel. Aber diesmal ist es anders, so ganz ohne Gesellschaft und ohne eine Aufgabe. Und wenn ich mich einsam und erbärmlich fühle? Und wenn der Kellner mich im Restaurant an den Katzentisch neben der Klotür setzt? All das habe ich mich pausenlos gefragt und am Ende immer nur eins gewusst: Ich will aber die Welt sehen! Ich will aber unbedingt die Welt sehen!

Allein in Amsterdam und bisschen Bammel im Gepäck

Amsterdam also. Die Stadt gefällt mir schon, als ich am Hauptbahnhof aus dem Zug steige. Zwischen den Häusern gegenüber glitzert das Wasser in der Augustsonne, um mich herum ziehen gutgelaunte Menschen ihre Koffer über den Platz. Ich finde auf Anhieb die richtige Straßenbahn, Linie 2 schmeißt mich vorm Hostel nahe dem Van-Gogh-Museum raus. Auch das mache ich zum ersten Mal: in einem Hostel schlafen. Acht-Bett-Zimmer. Keine halben Sachen.

Allein in Amsterdam durch die Grachten spazieren

Fünf Minuten später halte ich einen Schlüssel mit der Aufschrift „Bed H“ in der Hand. A bis G sind belegt, schlussfolgere ich – und bin trotzdem überfordert, als ich die Zimmertür öffne und sich so viele Augenpaare auf mich richten. Die junge Frau mit den rotblonden Locken, die in der Mitte des Raumes steht, durchbricht die peinliche Stille. „Hi, I’m Emily“, sagt sie und lächelt. Emily und ihre Freundinnen Jess, Nicole, Robyn und Alex kommen aus England und reisen durch Europa, bevor sie nächsten Monat anfangen zu studieren. Ich verstaue meine Klamotten in meinem winzigen Schließfach, schiebe den Koffer unter Bett H, stelle die Waschtasche ins Badezimmer. Vorm Spiegel liegen drei Zahnspangen. Zwanzig Minuten später verlasse ich das Zimmer, während meine gut zehn Jahre jüngeren Roommates auf ihren Betten mit ihren iPhones und iPads rumdaddeln.

Die Schlange vorm Van-Gogh-Museum reicht selbst jetzt, am frühen Abend, noch ein gutes Stück die Straße hinunter. Linie 2 bringt mich zurück ins Zentrum. Ziel- und stadtplanlos erlaufe ich mir die Gegend, jede Ecke ein neues Versprechen, irgendetwas zu entdecken: einen Käsekeller, einen Hotdog-Automaten, einen Laternenpfahl, an dem sich Fahrräder mit überdimensionalen Holzkisten stapeln. Am Leidseplein schaue ich den Straßenkünstlern zu, an der Prinsengracht den Motorbooten hinterher. Da stehe ich und fasse den ersten bewussten Gedanken.

Man kann auch allein in Amsterdam Grachten gucken gehen. Prinsengracht

Ganz egal, wie die nächsten Tage werden: Es ist gut, dass ich mich auf die Reise gemacht habe. Und sei es nur für diesen Moment – einmal in meinem Leben in Amsterdam an der Prinsengracht gestanden und genau dies gedacht zu haben.

Essen gehen, Picknick: Geht auch allein in Amsterdam

Einer Herausforderung will ich mich heute noch stellen: allein essen gehen. In einem richtigen Restaurant. Keine halbe Stunde später sitze ich zufrieden vor einem Bier und einer riesigen Portion Kroketjes vor einem Lokal im Jordaan-Viertel in der Abendsonne. Einen kurzen Anflug von Lächerlichkeit verscheuche ich, indem ich mich in mein Buch vertiefe. Das funktioniert! Allein essen habe ich mir schwieriger vorgestellt.

Allein in Amsterdam essen ist auch kein Problem

Eine Glückswelle trägt mich durch die nächsten drei Tage. Dass ich im Hostel keinen echten Anschluss finde, stört mich viel weniger, als ich bei meiner Ankunft dachte. So frei und stark habe ich mich lange nicht gefühlt. Ich sitze im Vondel-Park in der Sonne und lese, laufe mit einem Eis in der Hand die Grachten rauf und runter und hänge dabei locker jede Unsicherheit ab. Ich bestelle Schokokuchen in Cafés in schmalen Gassen und gehe einkaufen mit einer Ruhe und Muße, wie ich sie zu Hause nie an den Tag lege, weil ich für­­ Shoppen eigentlich nichts übrig habe.

Auf der Wiese vorm Rijksmuseum zu chillen ist auch cool, wenn man allein in Amsterdam ist

An meinem letzten Abend kaufe ich Antipasti, Käse, Brot und Bier im Feinkostladen und mache ein Picknick auf der Wiese vor dem Rijksmuseum. Der Boden ist noch warm von der Sonne, ich lege mich auf den Rücken schließe die Augen. Aus der Ferne höre ich Reggae. Und Fahrradklingeln.

Es war gut, mich auf die Reise zu machen. Diesmal ist das kein Gedanke, diesmal ist es ein Gefühl. Ein durch und durch gutes, untrügliches.

Picknick auf der Wiese geht auch allein in Amsterdam

 


Über das Alleinreisen habe ich auch an dieser Stelle geschrieben – mit Abstand der meistgelesene Text dieses Blogs.

Und nun interessiert mich: Wohin hat dich deine erste Reise allein geführt und wie war sie?


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Kommentare

15
  • Hostelmax

    Ich weiß gar nicht mehr so recht wo mich meine allererste Reise hingeführt hat. Das ist viel zu lange her. 🙂
    Aber die erste Reise nach unendlich langer Zeit ohne Reisen, die ging nach Wien. Und es war ein unbeschreibliches Gefühl. Alleine in einer total fremden Stadt. Mit nichts als Handgepäck und einer ungefähren Vorstellung was man da so machen kann.
    Und in diesem Jahr geht es ja dauernd alleine in irgendeine Stadt. Kann ich gut mit leben. In den Hostels wo ich so abhänge ist immer viel möglich, falls ich doch mal zu einsam bin. 🙂
    Gruß, der Hostelmax

    • Susanne

      Hi Max, ja, letztlich kann ja auch so viel gar nicht schief gehen, erst recht nicht, wenn man nur ins Nachbarland reist. Nur gefühlsmäßig ist es eben beim ersten Mal eine Herausforderung. Wenn ich heute diesen Text von vor vier Jahren lese, schüttele ich stellenweise den Kopf, welche Gedanken ich mir gemacht habe. Alles Quatsch. Gruß zurück.

  • Britta

    Meine erste Reise ging nach Sylt ; -) mit der Bahn – und am gleichen Abend wieder zurück! In der Nacht vorher hatte ich geträumt, dass es dort eine Überschwemmung geben wird und ich von den riesigen Wellen ins Meer gerissen werde…. Nachdem wieder Erwarten doch alles gut gelaufen war bin ich alleine nach Rom und dann nach New York gereist, und inzwischen noch viel weiter. Es war immer toll. Ich kenne die Ängste und Sorgen, die man sich beim ersten Mal alleine verreisen macht, aber ich rate jedem: Macht es trotzdem!!!!

  • Corinna

    Jetzt habe ich total Lust auf Amsterdam bekommen. Aber ich würde trotzdem lieber mit meiner kleinen Familie reisen als allein. 🙂

    • Susanne

      Hi Corinna, verständlich, wenn da schon eine kleine Familie ist. Aber vielleicht hättst Du’s früher ja auch allein gemacht? Unabhängig davon: Amsterdam ist total schön.

  • steffen

    Hi bin gerade in den usa nicht alleine, du schreibst gut!gefaellt mir sehr! Wuensche dir noch ganz viele schoene momente!

    • Susanne

      Hi Steffen, vielen Dank, das freut mich. Die wünsche ich Dir auch und viel Spaß noch in den USA!

  • Anja

    Hallo Susanne,
    toller Artikel. Da musste ich gleich an meine erste Soloreise denken, die ging nämlich auch nach Holland, allerdings ans Meer. Damals war ich 15 und da meine Eltern nur 3 Wochen Urlaub hatten, meine Freundinnen alle nicht durften habe ich mir einfach mein Zelt und meinen Rucksack geschnappt und bin los. Es war einfach toll.

    • Susanne

      Hi Anja, vielen Dank. Whaaaat, mit 15 schon? Siehste mal, ich Schissbüchs musste dafür erst fast doppelt so alt werden und dann waren es sogar nur vier Tage, nicht drei Wochen. 🙂

  • DieReiseEule

    Oh man, meine erste Singlereise ist ewig her, Ich glaube, dass war damals, als meine Mutter meinen Freund rausgeschmissen hat, weil sie ihn unmöglich fand.
    Ich war so sauer, habe mir mein Auto geschnappt (ich war gerade 19, in Ausbildung und kurz vorher ausgezogen) und bin 4 Tage durch Norddeutschland gedüst. Von Ort zu Ort. 6000 km habe ich geschrubbt, das weiß ich noch. Wirklich was von den Städten gesehen habe ich nicht, dafür habe ich meine LP- Sammlung erweitert. In jeder Stadt habe ich mir mindestens eine gekauft. 🙂
    Das ganze ist aus Frust und unbewußt entstanden, daher hatte ich keine Angst oder so.

    Die erste Singlereise, die wirklich Mut erfordert hat, habe ich letztes Jahr unternommen. Allein nach Tasmanien für fast 5 Wochen. Ich hatte soviel Todesfälle innerhalb von zwei Jahren um mich, dass ich dringend Abstand brauchte, um mich neu zu sortieren. Am Flughafen kamen kurz Zweifel auf, aber ich habe es riskiert und dieses Erlebnis hat mich gestärkt und verändert und keine Sekunde dieser Reise möchte ich missen. Diesmal war ich voll bewußt dabei und es wirkt immer noch nach.

    Es grüßt
    DieReiseEule

  • Claudia Schubert

    Hallo! Wenn man mal von meinem Austauschjahr in den USA absieht (mittlerweile fast 20 lange Jahre her😱😉!), welches schon irgendwie eine Reise allein in eine fremde Welt darstellte, war ich zum ersten Mal solo in Norwegen unterwegs!! Fabelhaft war es! Nicht einzig und allein wegen dem Gefühl der Freiheit und der Unbegrenztheit, was solch eine Reise allein ja unaufhaltsam mit sich bringt, sondern auch wegen diesem wunderschönen, bezaubernden Land im hohen Norden. Ich bin fast zwei Wochen umhergereist, von Oslo über Bergen nach Hellesylt, Trondheim und zurück. Hach ja…da möchte man doch gleich die Zeit zurückdrehen!! Viele Grüße! Claudia

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