Geschichten

Camden Market in London: Sie haben Amy ein Denkmal gebaut

8. Juni 2017
Amy Winehouse Graffity in der englischen Hauptstadt

Zuletzt aktua­li­siert am 22. Mai 2020 um 7:26

Den Camden Market besucht wohl jeder auf seiner Reise nach London. Hier im Stadt­teil Camden lebte Amy Wine­house bis zu ihrem Tod im Juli 2011. Bis heute prägt sie das Viertel ent­schei­dend mit. Auf dem Sta­bles Market steht eine Statue der Sän­gerin und Künstler haben ihr zu Ehren Gra­fitti an die Wände gebracht. Ein Rund­gang. Dazu: Infos über Shops, Öff­nungs­zeiten und kom­mende Ver­an­stal­tungen auf dem Camden Market.


Camden Market in London: Auf den Spuren von Amy Wine­house

Hätte ich gewusst, dass ich am Ende über Amy Wine­house schreibe, ich hätte wohl einiges anders gemacht an diesem Tag Anfang April in London. Hier im Bezirk Camden, im Norden des Stadt­zen­trums, lebte die Sän­gerin, genauer: am Camden Square Nummer 30. Hier lernte sie eines Abends in einer Kneipe Blake Fielder-Civil kennen, den Mann, an dessen Seite sie zum ersten Mal mit harten Drogen in Kon­takt kam und den sie noch mehr liebte als die Musik.

Viel­leicht wäre ich ins „The Hawley Arms“ gegangen, Amys Lieb­lingspub, viel­leicht in eine der vielen Bars und Live­mu­sik­clubs, in denen ständig 60-er-Jahre-Songs, Ska und Gitar­ren­musik gespielt werden, von Ray Charles und den Spe­cials und den Shangri-Las. Wenn man in Camden lebt, hat Amy Wine­house einmal in einem Inter­view gesagt, kommt man an dieser Musik nicht vorbei. Das Viertel habe musi­ka­lisch auf sie abge­färbt und sie ent­schei­dend beein­flusst, als sie „Back to Black“ auf­nahm, ihr welt­weit erfolg­rei­ches Album. Und ihr letztes.

Auf dem Weg zum berühmten Camden Market in London

Camden Market in London: Auf der Camden High Street

Viel­leicht hätte ich mir ihr Haus ange­schaut, viel­leicht wäre ich über den Prim­rose Hill gelaufen, einen Hügel auf der Nord­seite des Regent’s Park, auf dem sie einen Sommer lang viele glück­liche Stunden mit Blake ver­brachte, bevor dieser sie für seine Ex-Freundin wieder ver­ließ.

Ein Streetart-Trail ehrt die Sän­gerin

Doch ers­tens war ich nie ein Fan von der Sorte, die zu sol­chen Pil­ger­reisen auf­bricht. Genau genommen war ich über­haupt kein Fan von Amy Wine­house. Ich hätte ledig­lich zuge­stimmt, hätte jemand betont, wie außer­ge­wöhn­lich ihre Stimme klingt. Zwei­tens ist es voll an diesem son­nigen Sams­tag­vor­mittag in Camden. Es zieht die Massen auf den Camden Market, für den der Lon­doner Stadt­teil so berühmt ist. Kein guter Zeit­punkt, um sich irgend­etwas in Ruhe anzu­schauen.

Unterwegs zum Camden Market in London

Immerhin den Streetart-Trail laufe ich teil­weise ab. Von dem Pro­jekt erfuhr ich kurz vor meiner Abreise nach Eng­land: Meh­rere Künstler haben zu Ehren von Amy Wine­house in Camden acht Por­träts und Text­zeilen an die Wände gebracht.

Amy-Winehouse-Graffity Camden, London: Grafitti zu Ehren von Amy Winehouse

Von März bis Juni 2017 waren die Werke offi­ziell an ver­schie­denen Ecken im ganzen Viertel zu sehen und womög­lich sind sie bis heute nicht über­sprüht worden.

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Amy Wine­house Street Art Trail in Camden, London
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Und wäh­rend ich durch die Straßen von Camden Town laufe und die groß­ar­tigen Amy-Graf­fiti betrachte, fällt mir doch noch so etwas wie in Fan-Moment ein. Ich habe ihn fünf Jahre nach ihrem Tod erlebt: Im Flug­zeug sah ich den Doku­men­tar­film „Amy“, der die Sän­gerin mit Videos, Notizen und Ton­auf­nahmen von ihr selbst und engen Freunden por­trä­tiert. Da sah ich Amy Wine­house, wie ich sie nie gesehen hatte: als auf­ge­weckte, zum Schreien komi­sche, unge­heuer schlaue und wun­der­schöne Frau, die an ihrem Wunsch, geliebt zu werden, zer­brach. Und deren Songs unmög­lich hätten authen­ti­scher sein können. Mag sein, ich habe mir im Flug­zeug sogar ein paar Tränen ver­drückt.

Amy | Offi­cial Trailer HD | A24
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Der Streetart-Trail führt zum Jewish Museum in der Albert Street. Dort läuft noch bis 24. Sep­tember 2017 die Aus­stel­lung „Amy Wine­house: A Family Por­trait“, die ich sicher auch besucht hätte, hätte ich geahnt, dass dieser Text zu einem so großen Teil von der Künst­lerin han­deln würde.

 Camden Market in London: Hier steht die Amy-Wine­house-Statue

Eine wei­tere Sta­tion auf dem Rund­gang ist die lebens­große Bron­ze­statue der Musi­kerin. Sie wurde 2014 auf dem Camden Market, genauer: dem Sta­bles Market ent­hüllt. Unweit von hier hat Amy Wine­house früher selbst einmal gestanden und Kla­motten ver­kauft. Dreimal frage ich Händler an den sich anein­an­der­rei­henden Ständen, wo genau die Amy-Statue steht. Jeder von ihnen gibt mir sofort bereit­willig Aus­kunft.

Camden Market in London: Hier steht die Amy Winehouse Statue

Sie wollte regel­recht ver­schwinden“, kom­men­tiert ein enger Freund in der Doku die Drogen- und Alko­hol­sucht der Sän­gerin. Aus Camden Town, ihrem Viertel, ihrem Kiez, wird Amy Wine­house – so viel ist sicher – jeden­falls nie­mals ver­schwinden.

Amy Wine­house — Love Is A Losing Game (Live Acoustic)
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Camden Town: Geschichte eines Stadt­teils

Camden Town (oder kurz „Camden“) gehörte ursprüng­lich zum Stadt­teil Ken­tish Town. Um 1790 bekam der Poli­tiker und Anwalt Sir Charles Pratt, später „Earl of Camden“, das Gebiet auf­grund seiner Hoch­zeit zuge­spro­chen und begann, Flä­chen zu ver­pachten und so seine Bebauung vor­an­zu­treiben. Nachdem der 14 Kilo­meter lange Lon­doner Regent’s Canal, der mitten durch Camden führt, im Jahr 1816 fer­tig­ge­stellt wurde, ent­wi­ckelte sich die Gegend zum Indus­trie­ge­biet. Lange standen hier haupt­säch­lich Lager­hallen und Gin-Bren­ne­reien.

Und der Camden Market in London? Seine Geschichte begann 1974 mit beschei­denen 16 Ständen. Anfangs fand der Markt nicht ganz­jährig statt und war nur sams­tags geöffnet. Er erlangte in wenigen Jahren jedoch über die Grenzen von Camden Town hinaus Bekannt­heit – so wie eigent­lich der gesamte Stadt­teil. Par­allel zu den Anfängen des Camden Mar­kets ent­stand hier näm­lich eine Live­musik-Szene, die ein vor­nehm­li­ches junges und an Sub­kultur inter­es­siertes Publikum anzog und begeis­terte. Im legen­dären Ding­walls spielten Bands wie The Clash, The Sex Pis­tols and The Ramones. Andere Bands wie Blondie und The Strang­lers standen hier auf der Bühne, bevor sie lan­des­weit berühmt wurden. Der Punk eroberte Camden – und schon bald waren die Bars und Clubs im Viertel der place to be, wenn es darum ging, (Live)-Musik abseits des Main­streams zu ent­de­cken. Was für die Musik galt, war dann auch in Sachen Mode maß­geb­lich. Wer sich alter­nativ kleiden wollte, fand seine Outifts in Camden.

Aber Camden hat sich Stück für Stück ver­än­dert. Ein Bei­spiel: 2008 wurde der Camden Canal Market nach einem ver­hee­renden Brand geschlossen und als Camden Lock Vil­lage neu eröffnet – mit über 100 neuen Geschäften. 2015 wurde er aber­mals geschlossen und die Fläche im Rahmen eines rie­sigen Bau­pro­jekts erwei­tert, zu dem auch aller­hand Luxus­woh­nungen gehören.

Längst ist der Hauch des Super-Alter­na­tiven, der das Viertel einst umwehte, ver­flogen. Zwar gibt es hier immer noch gute Bars und Live­musik, zwar ist der Camden Market noch immer ein Ort, an dem man Mode und Platten jen­seits des Main­streams finden kann, aber seit vielen Jahren sind die Märkte vor allem eine Tou­ris­ten­at­trak­tion und das Viertel deut­lich von Gen­tri­fi­zie­rung geprägt. Das beklagt sehr aus­drucks­stark und über­zeu­gend auch die Autorin dieses eng­li­schen Bei­trags über Camden.

Wei­ter­lesen? Dieses Buch könnte Dir gefallen

Wer sich näher für die Geschichte und Kultur von Camden Town  und für den Camden Market inter­es­siert, ist viel­leicht mit dem Buch „Camden Town: Dreams of Ano­ther London“ des Lon­doner Autors Tom Bolton gut beraten.

Camden Market in London: Tipps für deinen Besuch

Der Camden Market (gemeint ist eine Ansamm­lung von ins­ge­samt sechs Märkten) im Norden von London zählt zu den wich­tigsten Sehens­wür­dig­keiten Lon­dons und ist dem­entspre­chend immer gut besucht: Etwa 500.000 Menschen zieht es Woche für Woche nach Camden. Hier ein paar Tipps zur schnellen Ori­en­tie­rung.

Öff­nungs­zeiten

In der Regel sind die Stände auf dem Camden Market London täg­lich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Camden Market: Shops

Heute gibt es weit mehr als 1000 Shops auf dem Camden Market. Allein der Sta­bles Market beher­bergt etwa 450 Geschäfte. Ver­kauft werden vor­rangig Second-Hand- und Vin­tage-Klei­dung, Schmuck, Möbel und Wohn­ac­ces­soires und natür­lich Bücher und Platten. Hinzu kommen Hun­derte Essens­stände mit ver­hält­nis­mäßig güns­tigen Spe­zia­li­täten aus aller Welt. Hier gibt es eine gute Über­sicht mit Adressen der Shops und Essens­stände. Ein­fach auf den jewei­ligen Reiter kli­cken.

Sams­tags wird’s hier voll!

Um dem Trubel aus dem Weg zu gehen, emp­fiehlt es sich, den Besuch auf dem Camden Market auf einen Wochentag zu legen. Zwar ist es wahr, dass dann einige Stände geschlossen sind, die Märkte bieten ganz sicher immer noch genug Aus­wahl. Wer aller­dings so richtig in das Markt­leben mit allem Drum und Dran ein­tau­chen will und sich nicht so sehr an den Massen stört, kommt dann doch besser am Wochen­ende.

Anfahrt zum Camden Market

Hin­kommen ist ganz ein­fach: Mit der U‑Bahn, genauer: der Nort­hern Line, bis zur Hal­te­stelle Camden Town oder Chalk Farm. Diese beiden Sta­tionen begrenzen die gesamte Fläche, auf der die Markt­stände und ‑gebäude sich befinden.

Buck Street bis Sta­bles Market: Mög­liche Route durch Camden

Wer an der U‑Bahn-Sta­tion „Camden Town“ aus­steigt, trifft unweit der Hal­te­stelle zunächst auf den Buck Street Market, einen unüber­dachten Bereich mit grünem Schild an der Front, in dem es vor allem Tex­ti­ti­lien gibt. (Update, März 2020: Der Buck Street Market wurde im Sep­tember 2019 wegen der Reno­vie­rung der angren­zenden U‑Bahn-Sta­tion geschlossen und auch nicht in seiner ursprüng­li­chen Form wie­der­eröffnet.)

Buck Street

Dieser Anblick ist Geschichte: Der Buck Street Market wurde im Sep­tember 2019 geschlossen

Folgt man dann der Camden High Street, landet man hinter der Brücke über den Regent’s Canal auf dem Camden Lock Market. Der Ver­kauf findet im und um die Markt­halle herum statt, es gibt hier viel Hand­werks­kunst und fan­tas­ti­sches Essen an Street­food-Ständen.

Wer den Camden Lock Market links liegen lässt, unter der Eisen­bahn­brücke mit der Auf­schrift „Camden Lock“ hin­durch- und die Chalk Farm Road ent­lang­läuft, gelangt irgend­wann auf den Sta­bles Market, auf dem sich auch die Amy-Wine­house-Statue befindet. An den über­wie­gend über­dachten Ständen gibt es haupt­säch­lich Vin­tage-Klei­dung, Anti­qui­täten und Möbel­stücke zu kaufen, rund­herum haben sich inzwi­schen aber auch große Mode­ketten nie­der­ge­lassen.

Camden Town: Kom­mende Ver­an­stal­tungen

Ver­an­stal­tungs­ka­lender gibt es zum Bei­spiel hier und hier. Es lohnt sich außerdem, die Pro­gramme der vielen Clubs in Camden im Auge zu behalten. Zu ihnen gehören: Ding­walls, Koko, Electric Ball­room, Jazz Café, The Under­world, BarFly und Round­house – womög­lich gibt’s ja wäh­rend deines Auf­ent­halts eine gute Show oder ein Kon­zert, das Dich reizt.

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Warst Du kürz­lich auf dem Camden Market in London oder hast einen Spa­zier­gang durch ganz Camden gemacht? Lass mich in den Kom­men­taren gern wissen, ob die Amy-Kunst­werke noch immer zu sehen sind.


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6 Comments
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23. Juli 2019 21:10

Hallo Susanne,
ich habe den Film über Amy Wine­house auch im Flug­zeug gesehen. Er war hoch­in­ter­es­sant und ich habe so vieles über sie erfahren. Camden liebe ich, muss unbe­dingt mal wieder hin. Herz­li­chen Dank für die Tipps.

LG
Renate

Stefan
27. September 2019 8:30

Hallo, 3mal Lon­do­nur­laub und drei mal das gleiche Hostel in Camden in der nähe von St Pan­cras Sta­tion und auch zweimal den pup crawl mit gemacht und lange Nächte gehabt. Hab dort viele Leute kennen gelernt, von Aus­tra­liern die mal Urlaub von Sonne und Bohr­insel brauchten, ne Neu­see­län­derin die erst einmal von Vati abstand brauchte bis hin zu 6 total­ver­rückten Base­jum­pern die das Beruf­lich tun oder ein Lehrer aus Glasgow der in der Ferien bis nach London gewan­dert ist. Als Ziel für nen Urlaub oder länger echt zu emp­fehlen. Wenn man abends/Nachts durch Camden zieht dann kommt an, z.b. Beim… Read more »

Stefan
28. September 2019 7:10
Reply to  Susanne

sorry kann ich dir leider nicht sagen das letzte mal als ich diese Bilder gesehen habe war 2017 in meinem letzten Auf­ent­halt in London aber ich kann ja mal vor­bei­schauen wenn ich nächstes Jahr wieder dort bin.