Auswanderer Menschen Schottland

Leben in Glasgow: „Schottland hat so viel Charakter!“

31. Mai 2018
Leben in Schottland: Kathi vor dem Inveraray Castle in Argyll

Zuletzt aktualisiert am 2. Juni 2021 um 10:55

… sagt Kathi (29), die sich für ein Leben in Schottland entschieden hat. Zunächst war sie wegen ihres Master-Studiums nach Glasgow gezogen. Schnell war klar: Sie ist gekommen, um zu bleiben. Heute stellt Kathi dort ihr eigenes Filmfestival auf die Beine und begeistert andere für ihre neue Heimat – mit einem Reiseblog und ganz persönlich als Stadtführerin.


Es hat mich schon als Schülerin gereizt, länger zu reisen oder ins Ausland zu gehen. Mit 17 kam mir auch schon mal Schottland in den Sinn: Kurzzeitig träumte ich davon, dort zu „wwoofen“ – von Farm zu Farm zu ziehen und gegen Kost und Logis zu arbeiten.

Bis ich tatsächlich nach Schottland ging, legte ich mehrere Zwischenstationen ein. Nach der Schule ging ich über den Europäischen Freiwilligendienst für ein Jahr nach Dänemark, als Studentin verbrachte ich ein Semester in Reykjavik.

Ich habe in meiner Heimatstadt Wien Film-, Theater- und Medienwissenschaften und Skandinavistik studiert. Mit dem Bachelor zog ich nach Berlin und fing an, im Event Management für die Internationalen Filmfestspiele, die Berlinale, zu arbeiten. Von Jahr zu Jahr habe ich dort mehr Aufgaben übernommen und kehre bis heute fast jedes Jahr zurück. Damals begann ich auch, freiberuflich für verschiedene Webseiten zu schreiben. Bei travelettes.net, einer großen internationalen Reise-Plattform für Frauen, wurde ich Mitglied der Chefredaktion.

Leben in Schottland: die einheimische Herzlichkeit

Vieles kam in Berlin ins Rollen, und doch war es nicht einfach, beruflich so richtig Fuß zu fassen. Deshalb wuchs in mir der Wunsch, ein Masterstudium aufzunehmen – und zwar in einem englischsprachigen Land.

Leben in Schottland: Unterwegs in Glasgow

Leben in Schottland: immer für den Regen gewappnet. Alle Fotos dieses Beitrags hat mir Kathi zur Verfügung gestellt

So kam Schottland wieder ins Spiel. Meine Wahl fiel nicht zuletzt aus finanziellen Gründen auf den nördlichsten Landesteil des Vereinigten Königreichs. 2013 bewarb ich mich an den Universitäten von Edinburgh und Glasgow für die Masterstudiengänge „Film Curation“ und „Film Journalism“. Aus Glasgow kam die Zusage früher, das nahm mir letztlich die Entscheidung ab. Ich bin froh, dass ich in Glasgow gelandet bin! Die Stadt ist ein bisschen wie Berlin, nur kleiner. Edinburgh ist teurer, konservativer und wesentlich touristischer. Die Hauptstadt hat natürlich auch ihren Reiz, keine Frage, doch am Ende ist Glasgow die Stadt, die einfach besser zu mir passt.

… und der gewöhnungsbedürftige Akzent

Gleich nach meiner Ankunft hatte ich eine denkwürdige Begegnung, an die ich mich gern erinnere: Im Taxi vom Flughafen in die Innenstadt plapperte der Fahrer gut gelaunt in schottischen Englisch drauflos – und ich verstand kein Wort. Ich konnte ihm nur deshalb einigermaßen folgen, weil er mir zwischendurch Familienfotos zeigte. „Worauf habe ich mich nur eingelassen?“, dachte ich, aber gleichzeitig nahm mich seine Aufgeschlossenheit total ein. Bald stellte ich fest: Es ist ganz typisch für Schotten, fremden Menschen so offen zu begegnen. Das schätze ich an ihnen sehr.

Der Akzent, muss man dazu wissen, ist nirgendwo so schlimm wie in Glasgow und Umgebung. Selbst Englisch-Muttersprachler haben Probleme, Schotten aus dieser Gegend zu verstehen. Die Einheimischen wiederum sind es gewöhnt, schlecht bis gar nicht verstanden zu werden.

Mich einzuleben, war ausgesprochen leicht. An der Uni gibt es etliche Clubs und Societys. Ich bin gleich zu Beginn dem Mountaineering Club beigetreten und habe dort die ersten Freundschaften geschlossen.

Leben in Schottland: Im West End von Glasgow

Blick in die Ashton Lane im West End von Glasgow

Anfangs wohnte ich im West End, einem schicken und gleichzeitig studentischen Viertel mit unzähligen Bars und Restaurants. Man hat im Alltag kaum Gründe, den Stadtteil zu verlassen. Das ist einerseits bequem, andererseits lebt man in einer Art Blase und beschäftigt sich kaum jemals mit Dingen, die außerhalb stattfinden. Ich wollte noch viel mehr von Glasgow und dem Rest von Schottland kennen lernen, deshalb beschloss ich schon nach ein paar Monaten, länger zu bleiben als das eine Jahr Regelstudienzeit.

Glasgow: Kunst und Kreativität an jeder Ecke

Später zog ich innerhalb von Glasgow um, zuerst ins East End, ein als rau geltendes Working-Class-Viertel, in dem die Mieten verhältnismäßig günstig sind, und dann in die Southside, wo ich bis heute mit meinem schottischen Freund lebe. In der Southside gibt es wunderschöne Parks, es ist ruhig und trotzdem wohnen auch hier unheimlich viele kreative Köpfe, die das öffentliche Leben aktiv mitgestalten.

Leben in Schottland: Streetart in Glasgows East End

Vielleicht der meistfotografierte Mann der Stadt: Streetart in der High Street im East End

Das ist überhaupt einer der Gründe, warum ich bleiben wollte: das kreative Potenzial! Glasgow ist, verglichen mit anderen europäischen Metropolen, eher klein. 600.000 Menschen leben im Stadtgebiet, im Ballungsraum Greater Glasgow sind es etwa 1,2 Millionen. Die Stadt fühlt sich aber nie klein an, weil sie kulturell so viel zu bieten hat. Es gibt mehrere Universitäten und Musikhochschulen, die das Unterhaltungsangebot entscheidend mitprägen. Ständig finden Festivals statt, ständig bringen Theatergruppen alternative Produktionen auf die Bühne, ständig stellen Organisationen tolle Events auf die Beine. So vergeht kaum ein Abend ohne eine interessante – und gut besuchte – Veranstaltung.

Die Musikszene ist großartig. Mein Freund ist Musiker, durch ihn habe ich einige Einblicke gewinnen können. Glasgow ist ein Ort, an dem noch anständige Gagen für Auftritte gezahlt werden. Auch bildende Künstler können hier zu besseren Bedingungen arbeiten als anderswo. Viele, die in London vergeblich versucht haben, von ihren Werken zu leben, kommen deshalb hierher. Noch dazu ist die Stadt ein Start-Up-Mekka: Firmen mit neuartigen Ideen und Produkten siedeln sich am ehesten in Glasgow an.

 Schottlands größte Stadt hat eine bewegte Vergangenheit

Diese enorme schöpferisch Energie hat viel mit der Vergangenheit der Gegend zu tun: Bis in die 60er Jahre war Glasgow vor allem ein Industriestandort. Später hatte die Stadt mit hoher Arbeitslosigkeit und Kriminalität zu kämpfen. In diesem Klima wandten sich viele Glaswegians der Kunst zu und drückten sich auf verschiedene Arten und Weisen aus. So richtig gewürdigt und gefördert wurde das aber erst ab 1990, dem Jahr, in dem Glasgow Kulturhauptstadt Europas war und jede Menge Gelder in die Kasse flossen. Seitdem ist viel neu gebaut oder saniert worden, die Lebensqualität hat sich deutlich verbessert, das Image der Stadt sich gewandelt. Hundertprozentig ist Glasgow seinen Ruf, grau, dreckig und gefährlich zu sein, aber immer noch nicht los.

Leben in Schottland: Streetart zu Ehren der Performer des legendären Barrowlands

Streetart, die Zweite: Dieses Werk ist dem legendären Club Barrowlands gewidmet und nennt Bands und Künstler, die dort performt haben

Schotten, und zwar auch außerhalb von Glasgow, empfinde ich als erstaunlich politisch und gesellschaftlich interessiert. Vielerorts fallen auch Themen fernab des Mainstreams auf fruchtbaren Boden. Über die Frage, ob das Land unabhängig sein sollte, wird genau so viel diskutiert wie über Gender Equality und feministische Belange, für die sich viele einsetzen.

Ich wollte aber nicht nur wegen des kulturellen und politischen Lebens bleiben, mich reizte natürlich auch die sagenhafte Natur, die Schottland zu bieten hat. Ich wusste, dass ich viel mehr Zeit brauchen würde, um die zerklüfteten Küsten, die grünen Landschaften und kleinen Dörfer mit ihren mittelalterlichen Burgen zu erkunden.

Leben in Schottland: Kathi hat hier mit dem Langstreckenwandern begonnen. Hier ist sie auf dem West Highland Way gewandert

Auf dem West Highland Way. Seit sie in Schottland lebt, wandert Kathi gern Langstrecken

Da traf es sich gut, dass meine Professoren mich zur richtigen Zeit ermutigten, mich für ein PhD-Studium zu bewerben. Das tat ich auch erfolgreich – und forsche seitdem als Doktoratsstudentin zum Thema Frauenfilmfestivals.

Das beschäftigt mich aber nicht nur wissenschaftlich: Schon vor meiner Bewerbung hatte ich mich beim „Africa-in-Motion-Film Festival“ engagiert. Da kamen mir meine Erfahrungen von der Berlinale und anderen Festivals zugute. Inzwischen bin ich dabei, eine eigene Veranstaltung auf die Beine zu stellen: Gemeinsam mit meiner Freundin Lauren, einer kanadischen Filmkuratorin, bereite ich ein feministisches Filmfestival namens „Femspectives“ vor, das im März 2019 zum ersten Mal in Glasgow stattfinden wird.

Diese Stadt ist ein dankbarer Ort für so ein Vorhaben. Überraschend ist, dass so etwas noch gar nicht existierte. Sowohl ein „Queer Film Festival“ als auch ein „Queer Women of Color Film Festival“ finden in Glasgow statt, aber ein feministisches Filmfestival hat es bislang nicht gegeben.

Vom Leben in Schottland handelt auch Kathis Blog

Auch von Schottland aus habe ich Online-Beiträge über verschiedene Reiseziele geschrieben. Je länger ich hier lebte, umso mehr wollte ich auch über meine neue Heimat schreiben. Deshalb rief ich 2016 meinen Schottland-Reiseblog „Watch Me See“ ins Leben.

Mit dem Blog möchte ich vor allem zeigen, dass Schottland mehr zu bieten hat als die Klassiker Edinburgh, die Highlands, Loch Ness und die Isle of Skye. Natürlich sind das sehenswerte Orte. Es gibt nur eben noch viel mehr.

Ich empfehle zum Beispiel gern Argyllshire, eine Region westlich von Glasgow, zu der auch die wunderschöne Isle of Mull gehört. Da gibt es Seen, Fjorde, Schlösser und hübsche kleine Fischerorte, man kann dort fantastisch wandern, Rad fahren oder sich ein Boot mieten. Von Glasgow aus kann man einen Tagesausflug dorthin unternehmen. Ganz leicht zu erreichen ist auch die Isle of Arran, die als „Miniatur-Schottland“ bezeichnet wird.

Leben in Schottland: Bootfahren in Argyllshire

Leben in Schottland, das heißt für Kathi auch, ganz viel in der Natur zu sein – etwa beim Bootfahren in Argyllshire

Wer mehr Zeit hat, dem lege ich die Äußeren Hebriden ans Herz und unbedingt auch die Region Aberdeenshire im Nordosten des Landes. In Aberdeenshire gibt es traumhafte Sandstrände und einen „Castle Trail“ mit 19 Schlössern, etwa dem Dunnottar Castle, das auf einem Felsen ins Meer ragt.

Über meine Seite kann man mich auch als Reiseberaterin buchen, ich stelle dann individuelle Programme für einen Schottland-Aufenthalt zusammen. Nicht zuletzt möchte ich Leserinnen und Leser natürlich für Glasgow begeistern. Deshalb gebe ich nicht nur online Tipps für einen Glasgow-Trip, sondern biete auch Stadtführungen an. Bei diesen Touren geht es mir vor allem um die einheimische Perspektive. Ich bin kein wandelndes Geschichtsbuch, ich erzähle lieber, wie es ist, in Glasgow zu leben.

Leben in Schottland: Stadtführung im East End

Kathi im Einsatz als Stadtführerin

Viele fragen mich nach dem Wetter in Schottland. Tja, das ist tatsächlich häufig schlecht. Und sicher ist es etwas frustrierend, beispielsweise in den Highlands zu wandern, wenn sie komplett im Nebel versinken. Andererseits: Ohne den Regen wäre die Landschaft nicht so grün und die Luft nicht so frisch. Man gewöhnt sich außerdem daran. Seit ich nach Schottland ausgewandert bin, ist Regen für mich nicht mehr das, was er früher war. Heute gilt: Wenn ich nicht sofort klitschnass werde, dann kann man es auch nicht Regen nennen.

Der Frühling beginnt in Schottland gut einen Monat später als im Rest von Europa. Die fehlende Sonne macht mir schon zu schaffen, aber zum Glück vergesse ich auch schnell, wie dunkel der Winter war.

Immer wenn ich mal verreist bin, vermisse ich neben dem Akzent vor allem die Lebensfreude, Wärme und Offenheit der Menschen hier. Wenn sie einen etwas fragen, dann sind sie aufrichtig interessiert. Hier kann man sich allein in ein Pub setzen und führt mit hoher Wahrscheinlichkeit binnen Minuten ein nettes Gespräch. Auch wenn man womöglich nur die Hälfte versteht.

Leben in Schottland: Kathi auf der Isle of Arran

Unterwegs in Argyllshire

***


Alle Fotos: © Watch Me See 
Auf Beitragsbild ganz oben steht Kathi vor dem Inveraray Castle.

Mit ihrem Schottland-Reiseblog ist sie auch bei Instagram und YouTube.


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6 Comments
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19. Juni 2018 7:18

Fantastisch! Ich liebe Schottland und war auch schon ein paarmal da. Für immer wäre es mir vielleicht zu kalt, aber Landschaft und Menschen sind einfach toll.
Herzliche Grüße

Marius Gabriel
25. September 2018 11:30

Vielen Dank für diesen aufmunternden Artikel über Glasgow. Ich wohne seit 3 Jahren in Barcelona und sehne mich nach einem Klima welches meinem Kreislauf mal wieder auf die Sprünge bringt und mich mehr mit der Natur verbindet. Kannst du einschätzen ob es schwer ist einen Job in der Gastronomie (Bar, Club, Restaurant, Hotel) zu finden? 

vielen Dank

Marius :)

16. Januar 2020 10:32

Was für ein schöner Artikel - besten Dank dafür! Ich hatte leider nur mittels Städteausflug in Glasgow einen kleinen Einblick in das schottische Leben (hier übrigens mein Blogpost dazu: https://www.phototraveler.ch/glasgow-streetarts-sehenswuerdigkeiten/).…doch nun habe ich Bock noch mehr von Schottland zu erleben!
Liebe Grüsse aus der Schweiz,
Marc

Christoph
5. März 2020 15:02

Hallo Kathi, ich bin kommende Woche für einen Kurztripp in Glasgow und habe das Hotel Z in der 36 North Frederick Street, direkte Bahnhofsnähe, gebucht. Ist es ratsam, da nachts nur mit dem Taxi vorzufahren, wegen Kriminalität in der Ecke? Liest man ja teilweise von. Über eine kleine Einschätzung zu dieser Ecke wäre ich Dir sehr verbunden. MfG Christoph