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Der Fluss und wir

Autorin
Zwei Männer, ein Kajak - Yukon

Im Sommer ist Philipp (34, rechts) zusammen mit seinem besten Freund Jan-Philipp (34) dem Lauf des Yukon Rivers gefolgt – 3200 Kilometer mit dem Kajak vom kanadischen Whitehorse bis zur Beringsee in Alaska. Hier erzählt er von der aufwändigen Vorbereitung, von der Reise auf einem Fluss, der oft einem Meer glich, und von der Demut, die ihn die Natur gelehrt hat.


 

Yukon 2015 BlogJan-Philipp hatte den Yukon-Traum schon länger. In mir jedoch musste die Vorstellung reifen, auch wenn ich das Wasser und das Meer schon immer geliebt habe. Erst mal war ich also skeptisch, als er mir von seiner Idee erzählte, zu zweit fast den gesamten Fluss, vom kanadischen Whitehorse bis zur Mündung in die Beringsee, entlang zu paddeln. Nicht, weil ich befürchtete, dass wir nicht miteinander auskommen würden. Da hatte ich keine Sorgen. Wir sind beste Freunde, seit man uns in der fünften Klasse zusammen an eine Schulbank gesetzt hat. Aber ob ich eine derart extreme Tour machen will, was sie mit sich bringt, da schwirrten trotz aller Begeisterung und Outdoor-Erfahrung Tausende Fragen im Kopf herum. Klar war ja am Anfang nur, dass wir mit Jan-Philipps Boot, einem Kajak von Grabner, unterwegs sein würden. Aber 3200 Kilometer auf dem Yukon sind nun einmal eine andere Hausnummer, als einen Sonntagnachmittag auf dem See zu schippern.

Noch unverbindlich brachen wir im August 2013, fast zwei Jahre vor unserer Tour, zu einem Testlauf auf dem Bodensee auf. Wir umrundeten ihn in zehn Tagen, genossen ein paar traumhafte, sonnige Paddeltage. Spätestens da waren wir vollkommen fasziniert vom Reisen zu Wasser. Im November fiel bei uns beiden dann die endgültige Entscheidung, nachdem wir einen Vortrag des Abenteurers Walter Steinberg besucht hatten. Er hatte die Yukon-Expedition bereits erfolgreich gemeistert und gab uns viele wertvolle Ratschläge. Auf dem Rückweg vom Vortrag hielten Jan-Philipp und ich nachts noch bei McDonalds an und diskutierten schon über konkrete Fragen. Bei Burger und Schoko-Muffin war uns klar: Wir müssen das machen! Motto: jetzt oder nie.

Mit dem Kajak auf dem Yukon: teures Unterfangen

Dann ging es auch schon ans Vorbereiten. Das war nicht immer ein Spaß und sehr aufwändig. Wir wollten unbedingt unsere komplette Ausrüstung selbst mitbringen und vorher testen, vom Zelt bis Kocher, von Landkarten bis Stromversorgung, von Sicherheitslösungen bis hin zu Regenkleidung. Schließlich war es keine Option, mitten auf dem abgelegenen Fluss am anderen Ende der Welt zu sagen: „Oh Mist, uns fehlt da was Wichtiges! Da funktioniert was nicht! Denken wir nächstes Mal dran!“

Uns war auch klar, dass das Vorhaben teuer wird. Aber so teuer? Das Boot war zwei Kilo zu schwer, um es mit einer Airline als Sportgepäck zu befördern. Da hätten wir vielleicht einen netten Angestellten erwischen können, der ein Auge zudrückt, aber darauf konnten wir uns nicht verlassen. So blieb uns am Ende nur, unser „Grabner Riverstar“ und die andere Ausrüstung in einer Expeditionskiste zu verschicken. Das war nicht nur eine logistische Herausforderung, die uns monatelang beschäftigte: Allein die Kisten-Verschickung kostete uns hin und zurück 5000 Euro. Aber wenn wir hier auf den Euro gucken, brauchen wir gar nicht erst anzufangen, das haben wir schnell begriffen.

Meine Kollegen – ich bin Online-Redakteur bei einer Tageszeitung – unterstützten mich, mein Chef gab mir drei Monate frei für das Vorhaben. Auch Jan-Philipp konnte sich als damals angehender Oralchirurg für die Zeit freimachen. Am 14. Juni 2015 sind wir abgeflogen.

So eine Entfernung von 3200 Kilometern bleibt jedoch völlig abstrakt, bis man wirklich im Boot sitzt und lospaddelt. Ein erstes Gefühl für die Dimensionen bekam ich an unserem ersten Abend, nachdem wir die ersten 20 Kilometer gepaddelt waren und im Zelt lagen. 20 Kilometer von 3200, das sind 0,6 Prozent der Strecke, rechnete ich, also … gar nichts! Da habe ich mich schon leise gefragt, worauf wir uns da eigentlich eingelassen haben.

Yukon 2015 Blog

Zwei glückliche Kanuten auf ihren ersten Kilometern auf dem Yukon. Philipp hat aus der Wildnis sogar gebloggt – per Iridium-Satellitengerät für 36 Euro pro Megabyte. Das hat sich aber gelohnt: Die Live-Berichte der Reise sind auf www.yukon2015.de nachzulesen

Aber auch nur kurz. Denn eigentlich waren wir zu Beginn komplett euphorisch, dass wir dieses großartige Abenteuer erleben durften. Die Bedingungen waren ideal: Wir hatten traumhaftes Wetter und sind gleich am ersten Tag zwei großartigen Österreichern begegnet, mit denen wir bis Dawson City zusammen paddelten. Dank Strömung und kräftigem Paddeleinsatz kamen wir gut voran. Es war unfassbar schön, durch die kanadische Wildnis zu reisen, durch dieses vollkommen ungetrübte Wasser zu gleiten, vorbei an majestätischen Bergen. Diese sagenhafte Natur machte uns demütig, erfüllte uns mit Freude. Schon am dritten Tag sahen wir einen Bären am Ufer, er stand dort seelenruhig und trank aus dem Fluss.

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Flagge zeigen zu Wasser: Vorn hängt immer die Fahne des Landes, in dem man sich aufhält, hinten die der eigenen Nationalität

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Von Anfang an war es auf dem Yukon wesentlich einsamer, als wir das gedacht hatten. Wir hatten angenommen, dass der kanadische Teil des Yukon River etwas touristischer ist. Aber manchmal sahen wir viele Tage am Stück überhaupt niemanden. Auf 3200 Kilometern bis zur Beringsee sind uns vielleicht zehn andere Paddler begegnet.

So war das Grundgefühl der Expedition: der Fluss und wir. Ich war der Schlagmann und saß vorn, Jan-Philipp war der Steuermann. Das haben wir von Anfang an so gehalten. Täglich verbrachten wir acht Stunden und länger in diesem Boot, keine zwei Meter voneinander entfernt. Schon aus Sicherheitsgründen bleibt man auch ansonsten so gut wie immer zusammen. Wir haben viel miteinander gesprochen in dieser Zeit. Über die Reise. Über das Leben.

Von Kanada nach Alaska verändert sich der Fluss

Nach zwölf Tagen erreichten wir Dawson. Und ungefähr mit der Grenzüberquerung eine Woche später verließen wir den idyllischsten Streckenabschnitt. Die Bedingungen in Alaska wurden nun nach und nach andere. Es wurde noch einsamer und der Fluss sah wegen der Sedimente aus den Zuflüssen nur noch trüb aus. Vor allem aber wurde das Wetter schlechter und die Strömung ließ nach. Das machte das stundenlange Paddeln viel anstrengender. Okay, es geht also auch anders, das wurde uns in dieser Phase der Reise endgültig klar.

Wir stärkten uns ausschließlich mit selbst zubereiteten Essen. Natürlich hätten wir auch teilweise auf Fertignahrung zurückgreifen können. Aber wir wussten beide, dass wir das nicht drei Monate lang aushalten würden. Deshalb hatten wir überdurchschnittlich große Mengen an Lebensmitteln dabei ­– Mehl, Reis, Nudeln, frische Zwiebel, Gemüse, Müsli, alles Mögliche – und kochten immer aufwändig. Das hat lange gedauert, aber so hatten wir jeden Abend etwas, worauf wir uns verlässlich freuen konnten.

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Rast am Abend: Mehr Fotos der Reise gibt es auf dem Blog der beiden

Je weiter der Juli ins Land zog, umso mehr wurden in Alaska die Mücken zum Problem. Unsere Moskitohüte konnten wir teilweise selbst auf dem Wasser keine Minute mehr ausziehen. Am Ufer liefen wir sichtbeschränkt wie zwei betrunkene Imker umher. Aber die noch größere Herausforderung war das immer wechselhafter werdende Wetter. Morgens paddelten wir bei zehn Grad los, dann wurde es mittags sehr heiß, dann prasselte plötzlich ein unnatürlich heftiger Regen herunter. Häufig mussten wir im Boot unsere Kleidung wechseln.

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Modischer Moskitohut: Unverzichtbar im Juli in Alaska

Der Fluss zeigte sich in diesen Tagen eher wie das Meer – und änderte sein Gesicht in kürzester Zeit. Manchmal blies uns der Wind so stark entgegen, nachdem wir eine Landzunge umfahren hatten, dass wir kaum noch vorankamen. Etwa anderthalb Wochen lang stürmte es tagsüber so stark, dass wir dazu übergingen, immer erst gegen 19 Uhr loszupaddeln. Das Gute in dieser Jahreszeit in Alaska: Es sind noch Mittsommernächte, die Sonne geht nicht unter. Eine faszinierende Erfahrung. Es war nachts um drei so hell, dass man draußen ein Buch hätte lesen können.

Paddeln im Yukon: anstrengende letzte Meter

Aber der anstrengendste Teil sollte erst noch kommen. Auf den letzten 1000 Kilometern ab Galena ließ die Strömung weiter nach, oft war es stürmisch und regnerisch. Da brauchten wir selbst für zehn Kilometer viel Kraft und hatten manchmal das Gefühl, kaum noch voranzukommen. Der härteste Tag aber war der letzte, 1,5 Meter waren die Wellen bestimmt hoch. Ein am Ende erfolgreicher Kampf über viele Stunden. Aber wir hatten uns zu Beginn gesagt, dass wir es bis zum Ende durchziehen wollen, wenn es irgendwie geht. Ohne uns selbst in ernste Gefahr zu bringen natürlich.

Als wir am 21. August, also sogar zwei Wochen früher als geplant, im Örtchen Emmonak an der Beringsee ankamen, waren wir erst einmal vor allem erschöpft und leer. Plötzlich waren wir tatsächlich da, nach drei Monaten Stille wieder in der Zivilisation. Letztlich war unser Ziel nicht das Ankommen gewesen, sondern auf dem Yukon unterwegs zu sein.

Erst jetzt, vier Monate nach unserer Expedition, wird mir so richtig klar, was wir da eigentlich gemacht haben. Mit die schönsten Tour-Momente waren dabei die Abende, an denen wir am Lagerfeuer in den Sonnenuntergang geguckt und dieses Glücksgefühl und unseren Abenteuergeist gespürt haben: Es ist gut gelaufen, wir haben etwas Besonderes erlebt.

Auf dem Yukon ist kein Tag wie der andere, ständig macht man neue Erfahrungen, erlebt Dinge, die man zu Hause niemals erleben würde. Immer dann, wenn wir glaubten, jetzt haben wir alles gesehen – eine Fuchsfamilie, den tollsten Regenbogen, die höchsten Wellen, kam etwas, das uns noch viel mehr in Staunen versetzt oder Respekt eingeflößt hat.

Diese Reise hat mir in einer neuen Intensität klargemacht, dass das, was ich zu Hause erlebe und vielleicht als Herausforderung empfinden könnte, eigentlich gar keine ist. Egal, was daheim passiert, das bisschen Schnee, die paar lächerlichen Regentropfen: Ich habe am Ende des Tages immer eine warme Dusche, Wechselsachen, Wärme. Hier gibt es immer ein Sicherheitsnetz. Wir leben unter Bedingungen, die man als paradiesisch bezeichnen muss. Wenn ich Wasser haben will, drehe ich den Hahn auf. Wenn ich warmes Wasser haben will, drehe ich den Warmwasserhahn auf. Hier muss ich nicht wie im Busch stundenlang Feuerholz sammeln, Wasser abkochen und filtern, so sehr wir das drei Monate lang auch genossen haben, als Abenteuer auf Zeit.

Diese Dinge sind mir jetzt bewusster. Ich fahre seitdem jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit. Egal bei welchem Wetter. Die Yukon-Tour fährt auch dabei im Kopf und im Herzen immer mit.

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Zu Philipps und Jan-Philipps Blog geht es hier.

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Kommentare

11
  • Barbara

    Bewundernswert, so viel Ausdauer bei solchen Herausforderungen ist schwer durchzuhalten… Am Yukon war ich noch nicht, aber ich erinnere mich an eine 2tägige Faltbootfahrt inmitten schwedischer Wildnis, als es auch plötzlich anfing zu regnen und kalt zu werden. Da war ich doch froh, dass die Zivilisation doch nur ein paar Stunden entfernt war… 😉

    Ja, Reisen verändert, vor allem lange Reisen und Extreme. Ich habe 1990-1991 15 Monate in China verbracht, zum Studium und Herumreisen, das war damals extrem anders als heute (Internet gab’s noch lange nicht, jedes Telefonat in die Heimat kostete 100,- DM, man war also weit weg). Falls Dich das interessiert, melde Dich.

    • Susanne

      Liebe Barbara, danke für Deinen Kommentar! Das klingt interessant, es ist nur schon so superlange her. ich überlege mal, ob das nicht auch interessant ist, gerade WEIL es damals, so war wie es damals war. Liebe Grüße erst einmal.

  • Monika und Petar

    Hut ab! So ein Abenteuer auf dem Yukon – dazu gehört schon Mut. Ich habe 17 Jahre lang im Yukon gearbeitet und bin oft am Fluss entlang gefahren. Dabei sind wir immer wieder einmal auf einige der Abenteurer gestoßen, die gerade auf dem Fluss unterwegs waren. Das ist Wildnis pur – auch wenn man unterwegs, zumindest im Süden, immer wieder mal die Möglichkeit hat, der Einsamkeit des Flusses zu entfliehen. Ich kann besonders gut nachvollziehen, dass Euch das Yukon verändert hat und Ihr das Leben in Europa jetzt anders einschätzt. Genauso habe ich das auch erlebt. Für mich war meine Zeit im Yukon ein Teil meines Lebens, den ich keinesfalls missen möchte, hat sie mir doch gezeigt, mit wie wenig man auskommen kann und trotzdem glücklich sein kann. Vielen Dank für diesen tollen Bericht.

  • Gudrun

    Wahnsinn! Das muss ein tolles Gefühl sein, es geschafft zu haben und am Ziel zu sein. So viele Erinnerungen und Erlebnisse, die einem niemanden wegnehmen kann. Ich persönlich wäre ja viel zu feig für ein solches Abenteuer, aber bei anderen lese ich es immer gerne. Dank für die schöne Geschichte!

  • Ruhrstyle

    Ich habe diesen Artikel verschlungen! Ein wundervolles Abenteuer und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass diese Erfahrung das Leben verändert. Auch wir kommen von unseren Reisen nie als dieselben zurück.

    viele Grüße
    Rebecca

    • Susanne

      Liebe Rebecca,
      sehr schön, darüber freue ich mich. Und: wie wahr, um genau diese Frage dreht sich ja im Grunde dieses ganze Blog hier. Viele Grüße zurück!

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