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Eine Stadt namens Rostock

Autorin
Tipps für Rostock

Zuletzt aktua­li­siert am 26. Sep­tember 2019 um 6:41

… ihr beschei­dener Ruf und ich: Sieben Jahre lang habe ich in Rostock gelebt und die Han­se­stadt an der Ostsee danach regel­mäßig besucht. Und hat sie auch noch so viele Skep­tiker: Für mich ist und bleibt sie ein Her­zensort. Eine kleine Hom­mage – und ein paar tolle Tipps für Rostock.


Ein son­niger Nach­mittag im Spät­sommer 2002: Gerade hatte ich mich zum Win­ter­se­mester an der Uni­ver­sität Rostock ein­ge­schrieben, Haupt­fach: Ger­ma­nistik, Neben­fach: Anglistik/Amerikanistik, nun saß ich auf einer der breiten Bänke, die den Platz vor dem Uni-Haupt­ge­bäude säumen, und schaute mich um. Die Stadt war voll, Pas­santen schlen­derten die Krö­pe­liner Straße ent­lang, in der sich bunte Gie­bel­häuser anein­an­der­schmiegen, zu meiner Rechten spru­delte ein Brunnen, irgendwo spielte jemand Akkor­deon. Da ergriff mich eine leise Ahnung: In Rostock zu stu­dieren, ist die rich­tige Ent­schei­dung.

Und dabei war ich noch nicht mal am Meer.

Tipps für Rostock Ostseestrand

Bald lernte ich: Die Krö­pe­liner Straße – „Kröpi“ genannt – ist hier die Haupt­ein­kaufs­straße, der „Brunnen der Lebens­freude“ wegen seiner nackten Bron­ze­fi­guren besser als „Por­no­brunnen“ bekannt und die Akkor­de­on­klänge stammten von Spiel­man­nopa, dem hut­ze­ligen Stra­ßen­mu­siker mit den lieben Augen, den jeder in Rostock kannte und der im Sommer 2018 mit stolzen 98 Jahren ver­starb. Bis ins hohe Alter hatte er tag­täg­lich in der Innen­stadt und in War­ne­münde auf seiner Teu­fels­geige und auf seinem Akkor­deon gespielt.

Was es heißt, in Rostock zu stu­dieren

Und meine Ahnung? Wurde Gewiss­heit. Rostock ist ein Ort, dessen Vor­züge ich sofort zu schätzen wusste, nicht erst nach mona­te­langem Ein­ge­wöhnen, nicht erst im Rück­blick, als ich längst wieder weg­ge­zogen war, wie es zum Bei­spiel bei meiner Hei­mat­stadt Greifs­wald der Fall gewesen war. Meck­len­burg-Vor­pom­merns ein­zige Groß­stadt hat mir das Ankommen leicht gemacht wie kaum eine andere.

Dort zu leben und zu stu­dieren, das hieß, in der Innen­stadt Möwen schreien zu hören. Immer wieder den Anblick der Giebel am Neuen Markt und anderswo im Zen­trum zu bewun­dern. Fast überall zu Fuß hin­laufen zu können, auch nachts, von Club zu Club, denn es gab viele ver­dammt gute Clubs in dieser Stadt mit ihren kaum mehr als 200.000 Ein­woh­nern.

Tipps für Rostock: Kröpeliner-Tor-Vorstadt (KTV)

Es hieß, regel­mäßig in der Süd­stadt-Mensa zu ver­sa­cken, die im bun­des­weiten „Mensa des Jahres“-Ranking fast immer – und völlig zurecht! – ganz vorn mit dabei war. Es hieß auch, im Sommer mit der Aus­sicht auf Kräne und Schiffe am Stadt­hafen zu pick­ni­cken und jeden Winkel der KTV zu kennen – der Krö­pe­liner-Tor-Vor­stadt, das Viertel, in dessen pas­tell­far­benen Miets­häu­sern die meisten Stu­die­renden wohnen, in dessen Straßen sich die meisten Cafés, Kneipen und krea­tive Läden befinden.

Tipp für Rostock: Gleich an die Ostsee, die hier vor der Haustür liegt

In Rostock zu leben, das hieß zu guter Letzt, die Ostsee direkt vor der Haustür zu haben – nicht bloß einen Bodden, nicht bloß eine Bucht, nein, das weite, das offene Meer erstreckt sich vor einem im Stadt­teil War­ne­münde. Und das wie­derum hieß, unzäh­lige Nach­mit­tage mit Freunden am Wasser zu ver­bringen, Beach­vol­ley­ball zu spielen, an den Feu­er­stellen im Strand­sand zu grillen und anzu­baden bis spä­tes­tens Ende Mai.

Rostock: Hafeneinfahrt in Warnemünde

Ach, dieses Meer! Keine zwanzig Minuten braucht die S‑Bahn von der KTV nach War­ne­münde, keine wei­tere Vier­tel­stunde läuft man vom Bahnhof zum Strand. Der ist mit bis zu ein­hun­dert Metern der brei­teste der ganzen Ost­see­küste und kann es auf­nehmen mit den Traum­stränden am Mit­tel­meer. Der Sand ist so hell und fein wie Strand­sand nur sein kann, und vorne, nahe den Leucht­türmen, stehen im Sommer die edlen, weißen Möbel einer Beach-Bar im Sand. Fast immer kreisen dort am Himmel ein paar Dra­chen. Zuge­geben, in den Ferien ist jeder noch so kleiner Fleck hier belegt, aber wem das zu viel ist, der kann zum Bei­spiel am Wasser ent­lang in Rich­tung Westen fahren – dahin, wo der Wald beginnt, wo die Küste steil und der Strand schmal und steinig wird. Da ist es noch immer schön ruhig.

Tipps für Rostock Warnemünde Strand

Und doch genießt Rostock, diese fan­tas­ti­sche Stadt am Meer, bis heute kein allzu hohes Ansehen. Kra­walle von Fuß­ball­fans haben damit zu tun, vor allem aber die ras­sis­ti­schen Anschläge im Stadt­teil Lich­ten­hagen im Jahr 1992, die bun­des­weit Schlag­zeilen machten. Sie haben der Han­se­stadt nach­haltig geschadet.

Die Han­se­stadt Rostock und ihr Ruf:  zwi­schen grau und braun

Im Sommer 2017 erschien eine Merian-Aus­gabe über Rostock mit einem Inter­view mit Mar­teria.

Der Rapper ist in der Han­se­stadt auf­ge­wachsen und hat seinem Hei­matort vor ein paar Jahren einen Song gewidmet. „Ich fand immer merk­würdig, was für einen schlechten Ruf die Stadt hatte“, sagt er in dem Inter­view. Seit Lich­ten­hagen gelte sie als „Ossi-Stadt, Neubau-Platten und so“, viele hätten danach ein Pro­blem gehabt zu sagen: „Ich bin aus Rostock.“

Ähn­lich ging es mir sogar noch 2009, als ich für meinen ersten Job nach Ham­burg zog. Erzählte ich, wo ich stu­diert hatte, waren die Reak­tionen meist ver­halten – und ich sofort im Recht­fer­ti­gungs­modus. „Es ist dort nicht so schlimm, wie du denkst“, hörte ich mich öfter sagen, „Rostock ist eigent­lich sehr schön!“

Das ist es bis heute, ganz unei­gent­lich. Das habe ich bisher noch bei jedem Besuch gedacht.

Gut, viel­leicht glaubt man es nicht gleich, wenn man den Ros­to­cker Haupt­bahnhof auf der Süd­seite ver­lässt und von Plat­ten­bauten begrüßt wird. Und, ja, auch das stimmt: Auf der S‑Bahn-Fahrt nach War­ne­münde ziehen über weite Stre­cken nichts als Hoch­haus­reihen vor­über. Aber das ist eben längst nicht alles. Das Leben in Rostock macht so viel mehr aus und bis heute tut es mir in der Seele weh, dass manche die Stadt an der Ostsee noch immer für grau und grimmig halten, trotz all ihrer Farben, all ihrer welt­of­fenen Menschen.

Rostock Hauptbahnhof, Suedstadt

Albrecht-Kossel-Platz am Haupt­bahnhof Rostock (Süd­seite)

Bei meinem letzten Besuch fuhr ich nach War­ne­münde und schlen­derte vorm „Hotel Neptun“ am Strand­auf­gang 11 hin­unter zum Meer. Vorm „Supreme­surf“, der Surf­schule mit Beach-Bar, saß eine Möwe auf einem der Holz­ti­sche und schrie, neben ihr sta­pelten sich Surf­bretter im Sand und aus der Strandbar drang eine Cover-Ver­sion von „Time after Time“ an mein Ohr. „If you’re lost you can look and you will find me, time after time“, sang eine warme Män­ner­stimme, und der Refrain ging mir den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf.

Tipps für Rostock, auf der Mole von Warnemünde

Viel­leicht des­halb, weil er ein­fach so gut passt zu meinem Rostock-Gefühl. Weil ich mich wohl­fühle in der Han­se­stadt, ein ums andere Mal.

***


 Zu guter Letzt: Meine Tipps für Rostock

  • Tört­chen­lokal Wal­den­berger – Hier halten beein­dru­ckend pralle Tört­chen, was sie optisch ver­spre­chen. Besu­cher nehmen sie sich ein­fach selbst aus der Vitrine am Ein­gang des lie­be­voll ein­ge­rich­teten Cafés. Dem Inhaber, Timm mit Namen, kann man in der offenen kleinen Küche beim Kre­ieren seiner süßen Sünden zuschauen.
  • Veis – Veganes Eis­café in der KTV mit aus­ge­fal­lenen Sorten wie „Ton­kabohne“. Wichtig: Ihr müsst Euer Eis unbe­dingt mit einer Por­tion Sahne bestellen, die Sahne ist der abso­lute Knaller hier im Veis!
  • Heu­mond – Das Heu­mond ist nicht weit vom Uni-Haupt­ge­bäude ent­fernt. Es ist urig und gemüt­lich, es gibt Bücher­re­gale und Ker­zen­schein – und mit der Aus­wahl auf der Karte werden Vege­ta­rier und Veganer glück­lich.
  • Pesto-Peter – An einem ehe­ma­ligen klas­si­schen Kiosk im Rosen­garten gibt es, wenn es nicht zu kalt draußen ist, Burger (auch vege­ta­ri­sche), Curry-Wurst mit Spe­zi­al­soßen und natür­lich: Nudeln mit ein­zig­ar­tigen, haus­ge­machten Pesti.
  • Peter-Weiss-Haus – Ein Kul­tur­zen­trum im Herzen der KTV (gemeint ist das bei Stu­die­renden beliebte Viertel Krö­pe­liner-Tor-Vor­stadt), in dem Kon­zerte, Partys Lesungen und Work­shops statt­finden. Im Sommer trifft man sich im großen dazu­ge­hö­rigen Bier­garten.
  • Lite­ra­tur­haus Rostock – Man staunt, was dieses Haus so alles auf die Beine stellt und wie viele nam­hafte Autoren und Autorinnen es regel­mäßig zu Lesungen und anderen Ver­an­stal­tungen an die Ost­see­küste holt!
  • Mau-Club – Der trad­ti­ons­reiche Club mit viel Platz steht direkt am Stadt­hafen und lockt mit Kon­zerten, Lesungen und Partys. (Lieb­lings­er­in­ne­rungen: ein aus­ver­kauftes Kon­zert von „The Wai­lers“ und ein Kon­zert von Des­mond Dekker. (Gerade nach­ge­schaut: Das war im Jahr 2004. Und jetzt fühle ich mich alt.)
  • Andere Buch­hand­lung – Lie­be­voll und per­sön­lich: Hier schreiben alle Mit­ar­beiter regel­mäßig ihre Emp­feh­lungen auf kleine Zettel und legen sie zu ihren Favo­riten auf die Stapel oder in die Regale.
  • Buch­hand­lung Krakow Nachf. – Der Charme alter Buch­hand­lungen ist in dem kleinen Laden am Kir­chen­platz in War­ne­münde noch spürbar. Er hat viel Stamm­kund­schaft aus der Umge­bung. Geht mal rein und sagt Hallo, ich habe dort als Stu­dentin eine Weile gear­beitet.
  • Coaast – In dem Schall­plat­ten­café in War­ne­münde gibt es eine große Aus­wahl vor allem an Rock-Musik auf Vinyl. Und  ’nen Kaffee bekommt man hier tat­säch­lich auch.
  • Café Pan­orama im Neptun-Hotel – Vom 19. Stock­werk des berühmten Neptun-Hotels kann man ganz War­ne­münde über­bli­cken. Und: Die Torten sind ein Traum! Öffnet um 13 Uhr, am Wochen­ende bildet sich vor dem Ein­gang gern schon vorher eine Schlange.
  • Li.Wu. – An zwei Spiel­stätten bringt das „Licht­spiel­theater Wun­der­voll“ Filme aus Europa und dem Rest der Welt auf die Lein­wand, die im Main­stream-Kino nie laufen würden.
  • FISH-Fes­tival – Hat nix mit Fisch zu tun. Der Name steht für „Film­fes­tival im Stadt­hafen“. Jedes Jahr im Früh­ling stellen Nach­wuchs-Fil­me­ma­cher aus Deutsch­land und einem jähr­lich wech­selnden Part­ner­land aus dem Ost­see­raum hier in Rostock ihre Werke vor.
  • Supreme Surf – Man kann in Rostock War­ne­münde tat­säch­lich auch Wind­surfen und Wel­len­reiten lernen! Kurse und Aus­rüs­tung zum Aus­leihen gibt es bei Supreme Surf, die, wie im Text oben erwähnt, eine Beach-Bar am Strand­auf­gang 11 betreiben. Und woher kommt der nötige Wel­len­gang in der Ostsee, die ja nun mal ein Bin­nen­meer ist? Ganz ein­fach: Dafür sorgen die Fähr­schiffe, die täg­lich aus Däne­mark in den Ros­to­cker Hafen ein­laufen. Pro Schiff kommen für etwa eine halbe Stunde Wellen zustande, die zwi­schen 50 und 150 cm hoch sind.

Warst Du schon mal in Rostock? Wenn ja, wie hat es Dir gefallen? Hast Du viel­leicht noch wei­tere Tipps für Rostock? Hin­ter­lass mir gern einen Kom­mentar.


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Morten

Hey Susanne,
zwei Jahre nach dir, habe ich mich in Rostock eben­falls in Ger­ma­nistik ein­ge­schrieben. Auch ich habe mich stark in die Stadt am Meer ver­liebt. Rostock ist eine Klasse für sich. Sym­pa­thisch han­sea­tisch! Vielen Dank für den Artikel ?

Ich mag Rostock auch sehr, wir haben zwar in Wismar gewohnt(übrigens auch ein wun­der­schöne Stadt) aber sind auch gerne in Rostock gewesen, ob imTier­park oder auch der Weih­nachts­markt immer Pflicht­pro­gramm gewesen.

Lg aus Nor­wegen
Ina

http://www.mitkindimrucksack.de

Ich war schon mal in War­ne­münde und fand es wun­derbar. Hast Du noch etwas mehr Tipps für Rostock? Da bin ich bald, werde aber wohl nur 3 freie Zeit haben…

Rostock nicht zu mögen ist doch unmög­lich. ;-) Eine schöne Stadt am Meer, nicht zu groß und nicht zu klein. Oder sehe ich das nur so ver­klärt, weil es meine Hei­mat­stadt ist, an der noch immer mein Herz hängt. Ich bin so gerne dort, oft an den glei­chen Orten, davon bekomme ich nie genug.
Mein Onkel hat übri­gens Ger­ma­nistik-Vor­le­sungen an der Uni gehalten, aber das war, glaube ich, vor Deiner Zeit. Liebe Grüße, Ines

Jeabey

Danke für diese herr­liche Geschichte. Rostock ist meine Heimat, auch wenn ich seit langem woan­ders lebe.

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Hi, ich bin Susanne, Journalistin und Reisende. Ich liebe Geschichten vom Reisen und Auswandern (auch allein!) und lebe zurzeit in Kathmandu, Nepal. Mehr über mich erfährst Du hier.

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