Inspiration

Sehn­sucht nach Meer: Warum die Küste glück­lich macht

22. Mai 2020
Sehnsucht nach Meer: Ostseewellen in Zinnowitz

Zuletzt aktua­li­siert am 31. Juli 2020 um 16:13

Bitte nicht falsch ver­stehen: Ich lebe gern in Kathmandu! Doch Strand und Wellen, Salz­ge­ruch und fri­sche Brise – all das fehlt mir gerade sehr. Mit der Sehn­sucht nach Meer bin ich nicht allein. Zwei von drei Deut­schen zieht es im Urlaub an die Küste. Und wenn er auch nicht gegen Meerweh hilft: Hier kommt ein Erklä­rungs­ver­such, warum die See uns so glück­lich macht.


Die Sehn­sucht nach Meer hat einen Namen: „Meerweh“

Hätte kein Virus namens SARS-CoV‑2 die Welt lahm­ge­legt, hätte ich vor einer Woche im Flug­zeug nach Deutsch­land gesessen. Mehr als ein Jahr ist ver­gangen, seit ich die Zelte in Ham­burg abge­bro­chen habe und nach Kathmandu gezogen bin. Es wäre mein erster Hei­mat­be­such gewesen. Ich hatte mich irr­sinnig darauf gefreut. Nach Greifs­wald wollte ich, meine Geburts­stadt in Meck­len­burg-Vor­pom­mern, in der meine Familie lebt. Mit einer Freundin wäre ich für ein paar Tage nach Rostock gefahren, die Stadt, in der wir zusammen stu­diert haben. Danach hätte ich Freunde in Flens­burg, in Olden­burg und in Ham­burg besucht.

Und ich wäre am Meer gewesen. So oft, wie es in drei Wochen Urlaub mög­lich ist, wäre ich ans Meer gefahren. Hätte aufs Wasser geschaut. Das Gesicht in den Wind gehalten. Die Zehen im Sand ver­graben. Schon vor Wochen hatte ich mir das in den Kopf gesetzt, bewusster als je zuvor. Denn der Strand, die fri­sche Brise, der Blick auf das ewige Blau – all das fehlt mir wie noch nie.

Meerweh“ wird die Sehn­sucht nach Meer oft genannt. Mein Meerweh ist zum Glück noch erträg­lich und ich werde zur­zeit auch mit anderen spek­ta­ku­lären Anbli­cken ent­schä­digt: Wäh­rend des Lock­downs können wir von der Ter­rasse unserer Woh­nung süd­lich von Kathmandu öfter den Himalaya sehen. Weiße Gipfel, die sich sonst höchst selten zeigen, thronen hinter den grünen Hügeln, die das Kathmandutal umranden. Mitte Mai war erst­mals seit Jahr­zehnten sogar der 200 Kilo­meter ent­fernte Mount Everest von der Haupt­stadt zu erkennen.

Die Sog­wir­kung des Meeres

Doch so schön ich das Berg­pan­orama auch finde: Es macht mit mir nicht annä­hernd das, was der Blick auf die offene See mit mir macht. Das wurde mir kürz­lich aus­ge­rechnet zu Hause auf dem Sofa klar – dank Net­flix. „Doc Martin“ heißt die Serie, die mein Freund und ich im nepa­le­si­schen Angebot des Strea­ming-Dienstes fanden und wegen ihrer anfäng­li­chen Rosa­mun­de­pil­che­rig­keit fast nach zwei Folgen abge­bro­chen hätten. Sie spielt in dem fik­tiven Dorf Port­wenn an Eng­lands Süd­küste, in Corn­wall, um genau zu sein. Das Meer, an dessen Ufer Port­wenn liegt, ist ebenso Star der Serie wie ihre Haupt­cha­rak­tere.

Wir lernten „Doc Martin“ lieben. Und fortan löste jeder Kame­ra­schwenk über die Klippen auf den Ozean, jeder von Gischt umspülte Felsen und jede sachte in die Bucht hin­ein­rol­lende Welle bei mir ein leichtes Ziehen in der Herz­ge­gend aus. Oder anders: den sehn­li­chen Wunsch, genau jetzt an Corn­walls Küste zu stehen.

West Pier in Brighton, England

Zwar nicht Corn­wall, aber auch an Eng­lands Süd­küste: Die Autorin vor dem West Pier in Brighton

Sogar Fotos schaffen das. Nehmen wir das fol­gende: ein Strand­auf­gang auf der Insel Usedom. Keine her­aus­ra­gende Auf­nahme, ich meine, sie ist sogar ein klein wenig unscharf. Und trotzdem: Genau wie das Wasser Steine vom Ufer ins Meer hin­ein­zieht, wäh­rend sich weiter draußen eine neue Woge auf­türmt, zieht dieses Foto mich mitten hinein in diesen Ort.

Foto vom Strandaufgang weckt Sehnsucht nach Meer

Sehn­sucht nach Meer! Strand­auf­gang in Zin­no­witz auf Usedom

Ich kann das Rau­schen der Wellen hören. Mein Herz klopft schneller, wenn ich mir vor­stelle, barfuß auf den Holz­planken in Rich­tung Strand zu laufen. Ich halte den Atem an, wenn die Sträu­cher links und rechts den Blick auf die Ostsee ganz frei­geben, lasse den Blick schweifen, setze die Füße in den warmen Sand und … Ich könnte noch eine Weile wei­ter­ma­chen. Keine andere Land­schaft übt einen sol­chen Sog auf mich aus.

Stu­dien rund um die See: Urlaub am Meer ent­spannt unge­mein

Mit meinem Meerweh, so viel ist klar, bin ich nicht allein. Zwei von drei Deut­schen fahren einer Umfrage zufolge im Urlaub an die See. Sie ist der immer­wäh­rende Sehn­suchtsort der Massen, nicht nur für Menschen, die, wie ich, den Groß­teil ihres Lebens in Städten am Wasser gelebt haben.

Strand im West End Vancouver Kanada

2014 / 2015, wäh­rend meines „Work and Travel“-Jahres, wohnte ich nahe dem Second Beach im Stadt­teil West End in Vancouver, Kanada. Unzäh­lige Male bin ich am Wasser in Rich­tung Stanley Park (weiter hinten im Bild) ent­lang­spa­ziert

Second Beach in Vancouver, Kanada

Blick hinaus auf den Pazifik am Second Beach in Vancouver, Kanada

Das „Reiz­klima“ tut gut

Warum das so ist? Dazu gibt es aller­hand Erklä­rungs­an­ge­bote und fast nie fehlt der Hin­weis auf die gesund­heits­för­dernde Wir­kung des Meeres. Allen voran soll die Luft Wunder wirken: Am Meer atmen wir mari­times Aerosol ein, ein Gemisch, das Salz­was­ser­tröpf­chen ent­hält, die in den Rachen­raum und bis in die Lun­gen­bläs­chen vor­dringen. Das mil­dert Atem­wegs­be­schwerden und hilft Menschen mit All­er­gien und Asthma. Zusammen mit der Tem­pe­ratur, der UV-Strah­lung, der Luft­feuch­tig­keit und dem Wind macht das Aerosol das „Reiz­klima“ an der See aus – so nennen Medi­ziner das beson­dere Zusam­men­spiel von Wit­te­rungs­fak­toren, das unseren Körper zugleich for­dert und schont. Es stärkt die Abwehr, lin­dert Haut­krank­heiten und ent­lastet unseren Kreis­lauf.

Strand in Warnemünde, Rostock

In Rostock habe ich stu­diert – und bin so oft wie mög­lich an den Ost­see­strand in War­ne­münde gefahren

Das Meer spricht alle Sinne an – und will doch nichts von uns

Fast immer wird auch ein Lob­lied auf die ent­span­nende Wir­kung des Meeres gesungen. Einer Studie aus Eng­land zufolge sind Menschen nach einem Aus­flug an die Küste ruhiger und erfrischter als nach einem Spa­zier­gang durch einen Park oder einem Besuch auf dem Land. Das Meer spricht alle Sinne an. Weit und weiter erstreckt es sich, ohne Begren­zung, bis zum Hori­zont – ein Anblick, der uns das Gefühl von Frei­heit schenkt. Auch die Farben des Was­sers spielen eine Rolle: Laut Psy­cho­logen wirken die blauen, grünen und tür­kis­far­benen Licht­wellen beru­hi­gend.

Türkisfarbenes Meer in Thailand

Tür­kiser als hier in der thai­län­di­schen Anda­ma­nensee geht es kaum. For­scher wissen: Die Farben des Meeres haben eine beru­hi­gende Wir­kung auf uns

Dann wären da noch all die anderen Sin­nes­ein­drücke: der Wind auf der Haut, der Salz­ge­ruch in der Nase, der Fri­sche­kick, wenn die letzten Aus­läufer einer Welle am Ufer erst­mals über unsere Füße rollen. Über­haupt, unsere Füße: Meist ste­cken sie draußen in Socken und Schuhen. Nicht so am Strand: Da können wir dem Gefühl nach­spüren, die das Ein­sinken der nackten Fersen in den Sand und das Abrollen auf win­zigen Stein­chen bei jedem Schritt hin­ter­lassen. Selten fühlen wir uns so mit der Natur ver­bunden.

Strand in Tarifa, Spanien

In Tarifa, Spa­nien, gleicht der Strand an vielen Stellen einer Wüste

Vor allem aber sind es die Geräu­sche des Meeres, die uns selig machen. Und das obwohl es so laut tösen kann wie ein vor­bei­fah­render LKW. Warum es uns trotzdem ent­spannt? Weil die Fre­quenz, mit der die Wellen bre­chen und an die Küste rollen, dem Atem­rhythmus eines ruhenden Menschen ent­spricht. Das wirkt sogar schmerz­stil­lend. Viele Zahn­ärzte und ‑ärz­tinnen zeigen des­halb wäh­rend der Behand­lung mit dem Bohrer gern Videos vom Meer.

Löst Sehnsucht nach Meer aus: Strand in Mexiko

Löst auch Sehn­sucht nach Meer aus, diese Foto von einem Strand nahe dem Sur­fer­städt­chen Sayu­lita in Mexiko

Warum mehr Menschen Sehn­sucht nach der Küste als nach dem Gebirge haben, auch dazu ist schon aller­hand geforscht worden. Am besten gefällt mir die Erklä­rung der Jour­na­listin Eva Tenzer, die ein Buch dar­über geschrieben hat, warum der Ozean uns glück­lich macht. Die See, meint sie, will nichts von uns. Berge müsse man bezwingen. Das Meer hin­gegen könne man auch ganz passiv genießen.

Was tun gegen die Sehn­sucht nach Meer?

Wenn man „Sehn­sucht nach Meer“ googlet, stößt man auf unzäh­lige Sprüche, die das kol­lek­tive Ver­missen in Worte fassen. Man findet aller­hand Post­kar­ten­ka­lender und Auf­stell­büch­lein für Meerweh-Geplagte, die mit eben­diesen Sprü­chen ver­sehen sind. Ver­mieter von Feri­en­woh­nungen im Ost­seebad Zin­no­witz haben ihre Web­site so genannt und locken Menschen mit Sehn­sucht am Meer zu einem Urlaub auf die „Son­nen­insel Usedom“. Man stößt auch auf eine Doku-Serie namens „Ver­rückt nach Meer“, von der ich noch nie gehört habe, obwohl sie offenbar schon seit zehn Jahren in der ARD läuft. Leider ist sie nicht das Rich­tige für mich, denn darin geht es haupt­säch­lich um das Leben an Bord eines Kreuz­fahrt­schiffes.

Das ein­zige Such­ergebnis, das ein biss­chen Abhilfe schafft, ist ein Pod­cast zum Thema vom NDR. Er richtet sich an alle, die wegen der Corona-Krise in den ver­gangen Wochen nicht an den Strand fahren konnten. „Die Sehn­sucht ist groß nach Strand und Meer, nach Wind, Weite und Wellen. Des­halb bringen wir das Meer heute zu Ihnen“, sagt die Spre­cherin und beginnt dann mit einer kleinen Medi­ta­tion. Ich lasse mich ein auf den kurzen ima­gi­nären Strand­spa­zier­gang. Im Anschluss ver­weist sie auf die ARD-Media­thek: Dort gebe es mehr als 700 Bei­träge, die sich im wei­testen Sinne mit dem Meer befassen.

Strand in Koh Phi Phi Thailand

Dieser Traum­strand gehört zur thai­län­di­schen Insel­gruppe Koh Phi Phi

Ich folge ihrem Tipp, öffne an meinem Laptop die Web­seite der Media­thek und gebe „Meer“ in die Such­zeile ein. An einigen Bei­trägen bleibe ich hängen, zum Bei­spiel an einer Doku über die Nord­see­insel Föhr. Darin fahren Menschen zwischen grünen Felden und tief­blauem Meer auf schnur­ge­raden, scheinbar unend­li­chen Wegen Fahrrad. Kaum fünf­zehn Minuten habe ich gesehen, schon öffne ich einen wei­teren Tab und recher­chiere: Wie  schnell kommt man eigent­lich von Ham­burg nach Föhr?  (Ant­wort: In vier Stunden und zehn Minuten). Danach sehe ich einen Film über Däne­mark mit Küs­ten­bil­dern von Skagen bis Flens­burg. Halb sind sie schon beschlos­sene Sache, die Urlaubs­ziele nach meiner Rück­kehr aus Kathmandu.

Strand in Heringsdorf im Winter

Auch im Winter wun­der­schön: der Strand von Herings­dorf auf der Insel Usedom

Und dann ent­decke ich einen Bei­trag über den Greifs­walder Bodden, die Ost­see­bucht, an der ich groß geworden bin.  Und nicht erst jetzt, beim Anblick von Booten in hei­mi­schen Häfen und Küsten, an denen Dünen­gras im Wind weht, ist es wieder da: das leichte Ziehen in der Herz­ge­gend, die Sehn­sucht nach dem Meer.


Sehn­sucht nach Meer? Lese­tipps für Meerweh-Geplagte

Die See ist tra­di­tio­nell Thema in unzäh­ligen Büchern und Filmen. Wer sich  fragt, was die Fas­zi­na­tion des Meeres aus­macht, findet Ant­worten in den fol­genden zwei Büchern: „Ein­fach schweben: Wie das Meer den Menschen glück­lich macht“ von Eva Tenzer und „Mee­res­rau­schen: Vom Glück am Wasser zu sein“, das  meh­rere Autoren und Autorinnen ver­fasst haben. Eva Tenzers Buch stammt schon aus dem Jahr 2007 und ist womög­lich nur noch gebraucht ver­fügbar. Hier kann man ein Inter­view mit der Wis­sen­schafts­jour­na­listen zum Thema Mee­res­glück hören. An dem zweite Buch hat unter anderem Elke Weiler mit­ge­wirkt. Sie schreibt seit fast zehn Jahren auf meerblog.de über das Leben an der Küste und ihre Wahl­heimat Nord­fries­land.

Boot am Strand von Heringsdorf

Ein Boot am Strand von Herings­dorf

Apropos Blogs: Das Deut­sche His­to­ri­sche Museum hat 2018 eine Blog­pa­rade mit dem Titel „Europa und das Meer – Was bedeutet mir das Meer?“ ins Leben gerufen. Wer auf dieser Seite weiter her­un­ter­scrollt, findet alle zum Thema ent­stan­denen Bei­träge.

Wer noch mehr Ostsee-Tipps braucht, wird bei family4travel.de fündig: Blog­gerin Lena Marie ist als Mit-Autorin eines Ostsee-Rei­se­füh­rers die ganze Küste auf- und abge­reist. Hier schreibt sie, wo die deut­sche Ostsee am schönsten ist.

Und wer sich jetzt zurück­lehnen und sich ans Wasser träumen möchte, dem hilft viel­leicht dieses You­tube-Video mit Mee­res­rau­schen am Pal­men­strand.

***


Dir hat dieser Bei­trag gefallen? Ich freue mich, wenn Du ihn teilst! Wenn Du über neue Bei­träge infor­miert werden möch­test, folg mir gern per RSS oder melde Dich für ein Abo per E‑Mail hier auf der Seite an.


Kaf­fee­kasse

Tasse im HotelSeit 2015 stecke ich Herz­blut in diese Seite, die wer­be­frei ist – und bleiben soll. Wenn Dir meine Bei­träge gefallen und Du mich beim Betrieb des Blogs unter­stützen möch­test, würde ich mich riesig über einen vir­tu­ellen Kaffee freuen. Ein­fach hier kli­cken, dann kommst Du zu Paypal. Dan­ke­schön!

5 Comments
Inline Feedbacks
View all comments
Katja
22. Mai 2020 11:31

Vielen lieben Dank für diesen wun­der­schönen Artikel über das Meer. Ich teile Deine Sehn­sucht zum Meer und bin sehr froh nun end­lich auch wieder ganz dicht am Meer zu wohnen. Ich hoffe, dass ich es Dir bald zeigen darf…

Christian Wiemann
23. Mai 2020 9:56

Ja leider hat Nepal kein Anschluss am Meer,aber dafür ist es ja ein wun­der­schönes Land. Es gibt viele Sehenswürdigkeiten,ich glaube das ent­schä­digt so man­ches. Ich wün­sche ihnen noch viele schöne Tage in Nepal. Mfg Chris­tian Wie­mann

25. Mai 2020 21:13

Das hast du aber schön geschrieben. Es ist nicht nur das Meer; es zieht die Menschen, aus wel­chem Grund auch immer, an bei­nahe jedes Gewässer, wo sie dann joggen, spa­zieren oder ihre Decken aus­legen und vor sich hin ent­spannen. Es ist noch nicht einmal das im-Wasser-sein, ein­fach nur der Blick auf Gewässer beru­higt unge­mein. Und das Meer ist da natür­lich nochmal eine ganz andere Haus­nummer, die Kir­sche auf dem Eis sozu­sagen. Am besten fühle ich mich an der Nordsee, warum auch immer. Es sind nicht mal die tro­pi­schen Strände und Buchten, son­dern dieses raue und wilde. Mein Partner kommt aus… Read more »