Geschichten

Heulen im Haleakala-Krater: Meine Wan­de­rung auf Maui

11. Juni 2015
Wandern auf Maui: Wanderung im Haleakala, Maui, Hawaii Sonnenuntergang überm Vulkan

Zuletzt aktua­li­siert am 31. Juli 2020 um 17:06

Unter­wegs im Haleakala-Krater, mit den fal­schen Schuhen und der fal­schen Ein­stel­lung: Eine Tour durch den Vulkan auf Maui brachte mich an meine Grenzen. Dem Wan­dern habe ich danach erst mal abge­schworen. Für den Rest des Jahr­zehnts. Dazu: Tipps und Infos für deine Haleakala-Wan­de­rung.


 

Wenn ich schlapp­mache, müssen sie mich mit dem Hub­schrauber hier raus­holen. Ret­tung aus der Luft. Zahlt das die Han­se­Merkur? Ich grinse in mich hinein – Gal­gen­humor! – und ver­dränge den Gedanken, ohne ihn mit den anderen zu teilen.

Die Wan­de­rung im Haleakala-Krater auf Maui beginnt

Meine Reise nach Maui ist ein biss­chen anders, als ich sie mir vor­ge­stellt habe: Statt den Groß­teil meiner Zeit unter Palmen zu liegen, reiße ich auf Hawaiis zweit­größter Insel mein Hiking-Pensum für ein ganzes Jahr­zehnt ab. Mit Sarah, Daniel und Martin aus dem Hostel bin ich zu einer Wan­de­rung im Haleakala auf­ge­bro­chen – dem Vulkan, der drei Viertel der Fläche Mauis ein­nimmt. Bis zum Gipfel auf einer Höhe von 3000 Metern sind wir mit dem Miet­wagen gefahren, von hier oben aus beginnt die Tour. Sieben Stunden soll das Ganze dauern. Sieben. Stunden.

Der Sli­ding Sands Trail macht seinem Namen alle Ehre

Ich muss mich zwingen, nicht andau­ernd auf die Uhr zu schauen. Noch stehen wir am Start­punkt des Pfades, der auf den Grund des Kra­ters führt – 600 Höhen­meter runter ins Tal. Ein Weg­weiser verrät uns seinen Namen: „Sli­ding Sands Trail“. Drei Augen­paare richten sich erst auf das Schild und dann auf die fünf Jahre alten Adidas-Snea­kers an meinen Füßen. „Was denn“, sage ich, „die haben bis jetzt auf jeder Reise aus­ge­reicht!“ Rich­tige Trek­king­schuhe, so was habe ich nicht. Brauche ich auch nicht im Haleakala-Krater, denke ich trotzig.

Sliding Sands Trail zum Haleakala-Krater, Maui Hawaii

Sli­ding Sands Trail“ auf 3000 Metern Höhe im Krater des Haleakala: Der Name ist Pro­gramm

Und zit­tere wenig später meinen kor­rekt beschuhten Hos­tel­freunden auf dem abschüs­sigen Sand­pfad hin­terher. Vor mir bewun­dert Sarah die weite Hügel­land­schaft. Ich stelle wäh­rend­dessen fest, dass sich das letzte biss­chen Profil meiner Turn­schuhe irgendwo zwischen Rom und Vancouver ver­ab­schiedet hat. Mein Blick klebt am Boden, vor­sichtig setze ich meine Füße auf die win­zigen Steine. Und ver­krampfe mit jedem Schritt mehr. Ich schwitze, weil die Sonne vom Himmel brennt, aber kaum wan­dern wir durch die Wol­ken­decke hin­durch, lässt kühler Wind mich frös­teln.

Irgend­wann kann ich ihn nicht mehr igno­rieren: den Schmerz in meinem Bein. Ein alter Bekannter, immer mal wieder klopft er an, um mich an die ange­bo­rene Gelenk­fehl­stel­lung zu erin­nern, die vor Jahren auf­wändig zumin­dest auf einer Seite ope­riert und seither von mir kon­se­quent ver­drängt worden ist. Bis zu 17 Zen­ti­meter messen meine Narben an Ober­schenkel und Hüfte, die für immer ihre Geschichte erzählen. Der Schmerz kommt selten und bleibt nie lange, aber aus­ge­rechnet hier, aus­ge­rechnet jetzt, beim Wan­dern auf Maui, lässt er sich ein­fach nicht zum Teufel jagen.

 Wan­dern im Schwarz-Weiß-Film

Immerhin geht es nicht mehr ganz so steil bergab. Ich sehe mich um. Aus dem hellen Sand ist rot­braunes Geröll geworden. Am Hori­zont ragen dunkle Berge in die Höhe. Vor ihnen wabern Wol­ken­fetzen wie Nebel, manchmal kann man ihre Sil­hou­etten nur erahnen. Wäre ich hier allein, ich würde mir in die Hosen machen.

Mein Blick fällt auf die sil­bernen, kugel­för­migen Gewächse am Weges­rand, sie leuchten wie nach­ko­lo­riert im Schwarz-Weiß-Film. Sil­vers­word heißt die Pflanze, Daniel hat uns schon im Auto von ihr erzählt. Sie wächst nir­gendwo sonst auf der Welt, nur hier, im Haleakala-Krater. Sil­berne Här­chen auf ihren Blät­tern schützen sie vor Licht und Kälte. So kann sie fünfzig Jahre alt werden. Und blühen, ein ein­ziges Mal, ganz am Ende ihres Lebens. Dann wird sie bis zu zwei Meter groß. Dann wachsen ihre lila Blüten mitten hinein in die Welt­un­ter­gangs­ku­lisse – dem eisigen Wind zum Trotz. Und allen anderen Wid­rig­keiten. Die haben sie nur noch schöner gemacht.

Silversword, Silberschwert. Die Pflanze wächst nur im Haleakala-Krater auf Maui

Sil­vers­word wächst aus­schließ­lich im Haleakala-Krater auf Maui

verblühte Silversword Haleakala-Krater

Bei unserem Besuch hatten die Sil­ber­schwerter ihre Blühte schon hinter sich

Ich zurre meinen Schal fest und balle meine Hände in den Ärmeln meines Pullis zu Fäusten. Es ist kalt, als wir den Grund des Kra­ters errei­chen. „Male­risch!“, sage ich. Sarah lacht. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glauben, wir stehen auf dem Mond. Lava­ge­steins­bro­cken auf grau-braunem Grund, sonst ist hier nichts. Den Pfad kann ich nicht mehr erkennen. Ich ver­traue Martin und Daniel, die sich alle viertel Stunde über eine Karte beugen. Jedes Mal bin ich froh über die kurze Pause.

Lavagestein im Becken des Haleakala-Krater

Der Grund im Haleakala-Krater gleicht einer Mond­land­schaft

So kann ich Kraft sam­meln für den Auf­stieg. Zum Son­nen­un­ter­gang wollen wir wieder oben sein. „Wie lange meinst du, brauchen wir noch?“, frage ich Martin nach den ersten paar Metern bergauf. „Andert­halb Stunden?“ schätzt er. Ich schlucke.

Als andert­halb Stunden um und wir noch lange nicht oben sind, komme ich auf meinem Tief­punkt an. Ich kann nicht mehr. Ich friere. Das Ste­chen in meinem Bein zwingt mich, alle paar Meter stehen zu bleiben. Die Abstände zwischen uns werden immer größer. Daniel kann ich schon lange nicht mehr sehen, Sarah wird in der Ferne immer kleiner. Martin läuft etwa dreißig Meter vor mir, er wartet, bis ich auf seiner Höhe bin.

Heulen im Haleakala

Ich schicke ihn wieder vor. Er soll mei­net­wegen nicht den Son­nen­un­ter­gang ver­passen. Er soll vor allem meine Tränen nicht sehen. Jede Sekunde könnte ich los­heulen, vor Schmerz, vor Erschöp­fung, vor Wut. Wut auf mich selbst, weil sich alles in mir sträubt und ich dem nichts, gar nichts, ent­ge­gen­zu­setzen weiß. An einem Gedanken halte ich mich schließ­lich fest: Ich habe keine andere Wahl, als weiter einen Fuß vor den anderen zu setzen. Egal, wie lange das hier noch dauert: Meine Beine tragen mich ans Ziel.

Die Sonne ver­schwindet fünf Minuten nach meiner Ankunft am Gipfel. Orange-rot leuchten die Wolken, über denen wir stehen. Der Schmerz, die Kälte, die Erschöp­fung, in diesem Augen­blick sind sie ver­gessen. „Don’t worry about a thing cos every little thing is gonna be alright“, singt Bob Marley im Auto auf der Rück­fahrt. Recht hat er. Aber wan­dern geh ich so schnell sicher nicht wieder.

Sonnenuntergang über dem Vulkan auf Maui

Geschafft! Gerade pünkt­lich zum berühmten Haleakala Sunset kommen wir oben an

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Halaekala auf Maui: Infos zum Vulkan und Natio­nal­park

Wie in der Geschichte erwähnt, ist der Haleakala auf Maui riesig. Heißt kon­kret: Der Vulkan hat einen Höhe von 3055 Metern und erstreckt sich auf 49 Qua­drat­ki­lo­me­tern, der Krater allein hat einen Umfang von 34 Kilo­me­tern und zählt damit zu den größten der Erde. Es ist bisher unklar, wann der Haleakala zuletzt aus­ge­bro­chen ist. Lange nahm man an, zum letzten Mal sei er im Jahr 1790 aktiv gewesen, neuere Unter­su­chungen legen aber nahe, dass dies eher schon im Zeit­raum von Mitte des 15. bis Mitte des 17. Jahr­hun­derts der Fall war.

Seit 1961 ist der Haleakala – sein Name bedeutet übri­gens „Haus der Sonne“ – Teil eines eigen­stän­digen Natio­nal­parks. Zum Haleakala-Natio­nal­park zählt auch das Bio­lo­gie­re­servat Kīpa­hulu, das sich etwas abge­legen an der Küste im Süd­osten der Insel befindet. Das gemein­de­freie Gebiet ist auch nicht direkt vom Haleakala aus, son­dern nur über die Küs­ten­straße in etwa vier Stunden Fahrt zu errei­chen. Aus dieser Rich­tung führt die „Road to Hana“ nach Kīpa­hulu, die viel­leicht berühm­teste und spek­ta­ku­lärste Straße von ganz Hawaii. Auch in Kīpa­hulu gibt es Wan­der­wege, Was­ser­fälle und einen Zelt­platz. Spe­ziell zu Kīpa­hulu gibt es hier Infor­ma­tionen.

Wandern-auf-Maui

Maui ist ein Wan­der­pa­ra­dies

Zurück zum Haleakala: Auf dem Gipfel des Vul­kans stehen aller­hand Tele­skope und andere Gerät­schaften. Wegen der klaren und tro­ckenen Luft, die hier herrscht, eignet sich der Standort beson­ders gut für astro­no­mi­sche Mes­sungen. Berühmt ist der Vulkan auch wegen der bereits in der obigen Geschichte erwähnten ende­mi­schen Pflanze namens Sil­vers­word. Sie gehört zur Gat­tung der Son­nen­blumen und ihr Fort­be­stehen ist heute leider stark gefährdet. Die Park­wächter tun alles, um die ein­zig­ar­tige Pflanze zu schützen. Wichtig ist auch, dass Wan­derer sich der Pflanze nur vor­sichtig nähern und auf­passen, wo sie hin­treten.

Anfahrt, Tickets etc.: Tipps für die Wan­de­rung im Haleakala-Krater

  • Zum Haleakala mit dem Auto: Der Haleakala ist super ange­bunden, über eine gut aus­ge­baute Straße gelangt man zu seinem Gipfel. Die meisten Tourist:innen fahren, wie wir, mit einem Miet­wagen oder im Rahmen einer gebuchten Tour zum Gipfel hinauf und beginnen dort ihre Wan­de­rung auf einem der ver­schie­denen Wan­der­wege hinab ins Kra­ter­be­cken. Der berühm­teste ist sicher­lich der „Sli­ding Sands Trail“, der am Park­platz des Visitor Cen­ters beginnt.  Auf den Wan­der­wegen gelangt man zu den drei schlichten Unter­künften im Haleakala-Krater. Die drei „Wil­der­ness Cabins“ heißen Holua, Kapaloa und Paliku und sind schnell aus­ge­bucht. Eine früh­zei­tige Reser­ve­rie­rung ist daher ratsam. Es gibt dar­über hinaus zwei Zelt­plätze im Haleakala-Natio­nal­park, von denen einer, der „Hosmer Grove Camp­ground“, sich auf 2134 Metern Höhe im Vulkan befindet.
    Haleakala Gipfel Maui

    Da lache ich noch: Am Vor­mittag am Gipfel des Haleakala. Die Straße hinauf ist gut zu erkennen

  • Beson­ders schön soll der Son­nen­auf­gang am Gipfel sein. Viele machen es aber auch wie wir und finden sich nach der Wan­de­rung zum Son­nen­un­ter­gang am Haleakala-Gipfel auf Maui ein.
  • Heute muss man seine Wan­de­rung zum Haleakala Son­nen­auf­gang vorher online reser­vieren. Mehr Infos zu Reser­vie­rung und Tickets hat Anita travelita.ch. Ihren Bei­trag rund ums Wan­dern auf Maui und die Insel an sich lege ich euch wegen der unfassbar schönen Fotos ohnehin ans Herz.
  • Erfah­renen Wander-Fans muss ich die fol­genden Hin­weise sicher­lich nicht geben, aber: Wappnet euch für krasse Tem­pe­ra­tur­wechsel auf dem Weg in den Haleakala-Krater. Wäh­rend der sie­ben­stün­digen (gut, in unserem Fall sie­ben­stündig) Wan­de­rung steht man mal in der sen­genden Sonne und im nächsten Moment im eis­kalten Wind oder Sprüh­regen. Wichtig sind Son­nen­schutz und Kopf­be­de­ckung, wet­ter­feste, warme Klei­dung und natür­lich ver­nünf­tiges Schuh­werk.
  • Falls du nicht so der Wander-Fan bist und dich nach meiner Geschichte fragst, wie schwer und anstren­gend der Haleakala-Hike ist, bedenke: Ich bin nicht unbe­dingt der Maß­stab. Wie sicher­lich aus dem Text her­vor­geht, habe ich es zum Einen nie so sehr mit Wan­dern gehabt und leide zum anderen unter einem Gelenk­pro­blem, näm­lich einer schweren Hüft­dys­plasie. Die ist mitt­ler­weile zwar auf beiden Seiten erfolg­reich ope­rativ behoben und schränkt mich im Alltag nicht ein, bei starker Belas­tung merke ich sie aber schon. Zur Ori­en­tie­rung emp­fehle ich dir fol­genden Bei­trag auf travelpins.at: Blog­gerin Cori berichtet dort von ihrer Haleakala-Wan­de­rung und schreibt ein­gangs, der Weg sei weder spek­ta­kulär, noch son­der­lich her­aus­for­dernd. Sie ist aller­dings auch Phy­sio­the­ra­peutin und kommt aus der Stei­er­mark, ist also Wan­dern in einiger Höhe gewöhnt. Viel­leicht liegt die Wahr­heit für die Mehr­heit der Besucher:innen irgendwo zwischen ihrem und meinem Erleben.

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6 Comments
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Tina P.
13. Juni 2015 6:53

Schöner Text,so ehr­lich u.nicht geschminkt!Ich liebe es,wie Du schreibst.Deine treu­este Leserin…

18. Juni 2015 8:42

Hallo Susanne, erst einmal freuen wir uns, dass Du es auch ohne einen Hub­schrau­ber­ein­satz gesund und munter vom Vulkan geschafft hast :-) Gern wollen wir Deine — nicht ganz ernst gemeinte — Frage “Zahlt das die Han­se­Merkur?” beant­worten: In der Tat hätten wir Dich bei einem not­wen­digen sta­tio­nären Auf­ent­halt in einem Kran­ken­haus per Hub­schrauber gerettet — wenn Du denn bei uns mit einer Jah­res­aus­lands­kran­ken­ver­si­che­rung ver­si­chert bist. Aber zum Glück haben ja eigent­lich “nur” Deine Schuh­sohlen ambu­lante Ver­sor­gung benö­tigt. Wir freuen uns jeden­falls, dass Du sogar noch am anderen Ende der Welt und in luf­tigen Höhen an uns denkst. Wir wün­schen… Read more »

Lilly
3. April 2016 18:26

Hi Susanne,
vor einer Stunde habe ich durch Zufall deinen Blog ent­deckt und komme gar nicht mehr davon weg. Du hast nicht nur außer­ge­wöhn­liche Reisen hinter dir, son­dern auch einen tollen Schreib­stil! Ich bin zum Bei­spiel begeis­tert von dieser Story, denn wer macht schon solche Erfah­rungen? Toll, dass du es letzt­end­lich trotz deiner Erschöp­fung und Schmerzen geschafft hast!
Werde ab jetzt mal öfter hier vor­bei­schauen :-)
Liebe Grüße,
Lilly