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„Auf Hawaii kam ich mit mir ins Reine“

Autorin
Roadtrip auf Maui: Anneke vor ihrem Mietwagen

Ihre Ehe war zerbrochen, ihre Selbstständigkeit gescheitert. Anneke (37) hatte alles verloren, steckte tief in einer Lebenskrise. Eine sechsmonatige Reise durch Hawaii brachte die Wende. Anneke fasste neuen Lebensmut, fand neue Freunde – und endlich auch sich selbst.


2013 war mein Katastrophenjahr. Erst brach ich mir den Fuß. Dann musste ich meine Selbstständigkeit als Entspannungscoach aufgeben. Und schließlich trennte sich auch noch mein Mann von mir, nach acht Jahren Ehe. Mit kaum mehr als zwei Umzugskartons zog ich wenig später von unserer gemeinsamen Wohnung in Göttingen in eine Studenten-WG. Geblieben war mir nur ein Nebenjob in einem Fairtrade-Laden.

Eine harte Zeit, in der ich Ruhe und Halt in der Meditation suchte. Spiritualität war schon länger ein Teil von mir. Ein Jahr zuvor hatte ich beim Meditieren eine Art Vision gehabt: Eine Stimme hatte mir gesagt, dass ich nach Hawaii reisen sollte. Ganz klar und unmissverständlich. Hawaii! Der Inbegriff von Paradies. „Warum ausgerechnet Hawaii?“, wunderte ich mich damals.

Diese Eingebung fing wieder an, in mir zu arbeiten. Dabei wollte ich doch erst mal zu Hause wieder Boden unter die Füße kriegen. Vor allem beruflich. Das Problem war: Ich wusste einfach nicht, was ich wollte. Ich sag immer, über meinen Lebenslauf kann man mehrere Bücher schreiben  – nur zum Bewerben eignet er sich nicht. Ich hab schon alles und nichts gemacht. Eigentlich bin ich Sozialpädagogin. Nach dem Studium habe ich aber hauptsächlich in diversen Nebenjobs weitergearbeitet. Ich war Animateurin bei Ravensburger. Hilfskraft beim NDR. Und Verkäuferin. Alles Mögliche hab ich schon verkauft – von Klamotten über Bücher bis hin zu Lederpeitschen.

Zur selben Zeit fand ich heraus, dass eine Kindergartenfreundin meiner besten Freundin nach Honolulu ausgewandert war. Da war es wieder – Hawaii! Diesmal beschloss ich, auf meine innere Stimme zu hören. „Wann, wenn nicht jetzt?“, dachte ich. Also verschenkte oder verkaufte ich meinen Besitz und buchte einen Flug. Meine Familie und meine Freunde unterstützten mich, wo sie konnten. Sie wussten ja, dass es mir nicht gut ging, hatten miterlebt, wie meine ganze Welt zusammengebrochen war. Sie gönnten mir die Auszeit. Ich nahm per Skype Kontakt zu Lucie – so der Name der Freundin – auf und machte mich im März 2014 auf die Reise.

In Honolulu bereitete Lucie mir am Flughafen einen warmen Empfang. Lucie ist Musikerin. Damals spielte sie jeden Dienstag in einer Bar. Dort lernte ich ihre Freundin Janine kennen – ebenfalls eine ausgewanderte Deutsche –, die mich kurzerhand auf eine Wanderung mitnahm und mich später auch bei sich wohnen ließ. In der Zwischenzeit hatte ich mich aber in einem Zimmer am Stadtrand von Honolulu eingemietet. In diesem Haus, etwa zwei Wochen nach meiner Abreise aus Deutschland, war ich zum ersten Mal seit Langem wieder richtig glücklich. An den Moment kann ich mich genau erinnern: Ich saß in Rock und Top am Frühstückstisch, vor mir frische Mango und Papaya, eine leichte Brise wehte durchs Haus und im Hintergrund lief Musik von Jack Johnson. Ich war endlich einmal zur Ruhe gekommen und begann, neue Kraft zu schöpfen. Daran haben Lucie und Janine, die mir in kürzester Zeit die besten Freundinnen wurden, großen Anteil.

Bald war meine Abenteuerlust geweckt. Auf dem Plan stand ein Roadtrip auf Maui. Mit einem Mietwagen fuhr ich, oft allein, die ganze Insel ab. Ich fühlte mich stark und frei in diesen Wochen. Nachts schlief ich meist im Zelt unterm Sternenhimmel. Jeden Morgen entschied ich neu, was ich mir anschauen wollte. Wunderschön fand ich die Road to Hana, Hawaiis berühmteste Straße mit ihren unzähligen Dschungeln, Tälern, Wasserfällen und Palmenstränden links und rechts. Ich hatte die Kontrolle, ich sprühte vor Lebenslust, alles schien möglich.

Roadtrip auf Maui, Hawaii

Mit dem Mietwagen unterwegs auf Maui.

Bis zu dem Tag, als mein Fuß anfing, höllisch zu schmerzen. Eine der Schrauben, die mir im Jahr zuvor bei einer OP eingesetzt wurden, saß zu dicht am Gelenk und schob sich hinaus. In einer Klinik sagte man mir, sie müsse operativ entfernt werden. Aber wovon sollte ich das bezahlen? Die Schmerzen wurden unerträglich, niemand war bei mir, ich war verzweifelt. Einen Moment lang dachte ich ans Aufgeben. Aber kaum spielte ich meine Rückkehr nach Deutschland in Gedanken durch, schrie etwas in mir ganz laut „Nein!“ Abbrechen kam nicht infrage. Lieber ertrug ich die Schmerzen. Schlussendlich schossen meine Eltern das Geld für die OP in Honolulu vor, ich kämpfte anschließend mit meiner Versicherung um die Kostenübernahme. Auch Janine half, indem sie mich mich in ihrem kleinen Zimmerchen wohnen ließ.

Als es mir besser ging, stand die Weiterreise nach Kauai an, die nächste hawaiianische Insel. Im Gepäck hatte ich noch immer viele offene Fragen. Geklärt hatte ich bislang nur, was ich nicht mehr wollte: dauerhaft in Deutschland leben. Aber was wollte ich stattdessen?

Ich mietete mich in der süßen Kleinstadt Kapáa ein. Dort traf ich in einem kleinen Tee-Geschäft auf Airin. Unser Kennenlernen war magisch: Eigentlich war ich nur hineingegangen, um die Verkäuferin zu fragen, ob sie eine Heilerin empfehlen kann. Nach einer Wanderung tat mir nämlich das linke Knie weh. „Ja, hier haben wir eine“, sagte sie und deutete auf den roten Lockenkopf mit dem ansteckenden Lachen neben mir. Das Verrückte war, dass mir Airin schon vorher aufgefallen war. Sie hatte vor dem Geschäft im Wagen gesessen und war längst im Begriff, loszufahren. Später erzählte sie mir, dass sie einen unerklärlichen Impuls hatte, noch einmal in den Laden zurückzukommen. Wir sollten einander wohl einfach begegnen.

Mit Airin lernte ich eine weitere starke Frau auf meiner Reise kennen. Eine, die das Frausein zelebrierte und mich inspirierte, meine Weiblichkeit ebenfalls mehr zu leben. Noch dazu half sie mir nicht nur, die körperlichen Schmerzen loszuwerden. Wir wendeten uns auch meinen ungeklärten Fragen zu. Ich bin Reisende und sollte das auch bleiben, kam dabei heraus. Und: Auch in mir steckt eine Heilerin. Auch das habe ich immer schon geahnt – dank Airin wurde es mir noch einmal deutlich.

Auf Kauai war ich so im Frieden mit mir wie noch nie zuvor. Gespürt habe ich das vor allem bei einer Wanderung zum Kalalau Beach. Man kann diesen Ort nur mit dem Boot oder zu Fuß erreichen. Nach elf Meilen auf dem Kalalau Trail, einem der anstrengendsten in ganz Hawaii, war ich im Paradies. Ich fühlte mich der Natur vollkommen verbunden. Es gibt dort eine traumschöne, verlassene Strandbucht, einen Wasserfall und einen kleinen Fluss. In dem hab ich gebadet und zum ersten Mal in meinem Leben verstanden, was es heißt, mit sich im Reinen zu sein.

Kalalui Beach, Hawaii

Kalalui Beach, Kauai, Hawaii

Big Island, die letzte Station auf meiner Reise, stellte mich noch einmal auf die Probe. Da lief am Anfang alles schief. Die Hitze machte mich fertig, ich hatte Kopfweh, der Bus kam nicht. Noch dazu hatte ich mich mit meinen Eltern überworfen. „Kind, jetzt lass die Spinnereien und komm wieder nach Hause“, hatten sie am Telefon gesagt und mir ihre finanzielle Unterstützung entzogen. Für die letzten Wochen hatte ich kaum noch Geld übrig. Bei meiner Ankunft auf der Insel habe ich deshalb erst mal nur geheult. Bis ich mir sagte: Vertraue! Es wird sich eine Lösung finden!

Tatsächlich entdeckte ich sofort ein Bed and Breakfast, in dem ich gegen Kost und Logis arbeiten konnte. Leider entpuppte sich der vermeintliche Glücksfall als Schuss in den Ofen – die Chefin beutete mich schamlos aus, meine Hütte war voller Termiten. Hier konnte ich nicht bleiben. Und dann musste ich meine letzten 300 Dollar auch noch als Kaution hinterlegen. Erst später sah ich sie wieder. So stand ich eines schönen Tages – der Rückflug war noch ein paar Tage hin – mit einer Blume im Haar und meinen letzten drei Dollar in der Tasche am Straßenrand in der Hoffnung, eine Mitfahrgelegenheit zu finden. Wieder einmal war ich darauf angewiesen zu vertrauen. Und wieder einmal half mir das Schicksal aus der Patsche. Darvell, der ursprünglich aus Utah kam, nahm mich in seinem Auto mit. Als er meine Geschichte hörte, bestand er nicht nur darauf, mir einen Kaffee zu spendieren – er ließ mich auch eine Woche bei sich wohnen.

Ich bin froh, dass ich meine Reise nicht vorher abgebrochen habe. Sie hat mich so viel gelehrt. Den Wert von Freundschaft. Selbstliebe. Vertrauen in mich und die Welt. All diese Erfahrungen habe ich gebraucht. Am Ende fühlte ich mich gestärkt. Bereit, mich den Herausforderungen zu stellen, die zu Hause auf mich warteten: die anstrengende Scheidung, der Konflikt mit meinen Eltern, die erneute Jobsuche. Es war Zeit, Klarschiff zu machen.

Anneke am Kalalui Beach, Hawaii

Anneke am Kalalui Beach, Hawaii: Der Natur vollkommen verbunden – und bei allerbester Laune

Kurz nach meiner Rückkehr im September bekam ich eine Stelle als Reise-Betreuerin, auf die ich mich initiativ beworben hatte. Auf Mallorca war ich kürzlich schon im Einsatz, bald geht es nach Lesbos und dann nach Thailand. Der Job passt zu mir, ich bin schließlich Reisende. Eines Tages will ich mich auch als Heilerin verwirklichen. Vielleicht ja gemeinsam mit Airin in einer Praxis auf Hawaii – wer weiß.


Hast auch Du  eine Reise gemacht, die Dich verändert hat? Warst Du eine Weile im Ausland oder bist sogar ausgewandert? Erzähle mir Deine Geschichte! Schreib mir eine E-Mail an susanne (at) fluegge-blog (punkt) de oder nutze das Kontaktformular.


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Kommentare

2
  • Lucie Lynch

    Aloha , ein ganz schöner Artikel, der inspiriert und motiviert, eine Reise durch die Zeit mit
    Anneke im Paradies. DANKE für diesen erfrischenden Bericht mit Herz, Hand und Fuss,
    ich lese weiter!!!

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