Geschichten

Heim­kehren nach einer langen Reise: Gnocchi Car­bo­nara

16. August 2015
Strand auf Koh Lanta

Zuletzt aktua­li­siert am 28. Mai 2020 um 4:19

Von einer langen Reise heim­kehren – und wei­ter­ma­chen wie bisher? Das ist oft gar nicht so leicht. Zurück in ihrer Heimat erleben viele Wel­ten­bummler einen regel­rechten Kul­tur­schock und eine Post-Reise-Depres­sion. Eine Geschichte über die Tücken der nahenden Rück­kehr und Gedanken, die das Ende der Welt­reise und das Nach-Hause-Kommen leichter machen.


Die Tücken der Rück­kehr: Eine Geschichte

Iiit’s a shiiiiiit!“ Ari­anna schüt­telt ener­gisch den Kopf. Wenn sie für eines kein Ver­ständnis hat, dann ist das, wenn jemand tra­di­tio­nelles Essen nicht wert­schätzt. Bis vor kurzem war sie Kell­nerin bei einem Nobe­l­ita­liener in Mel­bourne, da hat sie Tag für Tag zäh­ne­knir­schend die absurden Extra­wün­sche der Gäste ent­ge­gen­ge­nommen.

Beson­ders schlimm: Gnocchi statt Spa­ghetti. „Gnocchi Car­bo­nara, ich bitte dich! Das ist doch gräss­lich, da haftet doch die Soße gar nicht richtig dran. Wenn die Leute schon zum Ita­liener gehen, dann sollten sie auch wirk­lich ita­lie­nisch essen“, sagt die Frau mit dem dun­kel­braunen, kinn­langen Haar und der leicht rauen Stimme. Dann taucht sie im hüft­hohen Wasser ab und schwimmt ein Stück weiter hinaus.

Es ist 11 Uhr vor­mit­tags auf der thai­län­di­schen Insel Koh Lanta. Ari­anna, die 26-jäh­rige Ita­lie­nerin aus Rom, und ich baden in der Anda­ma­nensee. Wir stehen auf Zehen­spitzen am Long Beach im tür­kis­far­benen Wasser. Unsere Hand­tü­cher liegen im Schatten eines mit roten Lam­pions geschmückten Baumes auf Höhe des „Funky Fish“ – der Strandbar, in der wir heute wohl den dritten Tag in Folge ver­sa­cken werden. Vor­ges­tern haben Ari­anna und ich uns dort beim Früh­stück kennen gelernt und fest­ge­stellt, dass wir viel gemeinsam haben: Bis vor Kurzem waren wir mit einem Work-and-Travel-Visum im Aus­land, sie in Aus­tra­lien, ich in Kanada. Jetzt reisen wir beide von unserem letzten Ersparten ein paar Wochen um die Welt, bevor wir wieder nach Hause fliegen. Zurück ins Ver­traute, dem wir knapp ein Jahr zuvor ent­flohen sind.

 Heim­kehren von einer langen Reise – mit gemischten Gefühlen

Heute ist das Wasser fri­scher als sonst, zum ersten Mal, seit wir hier sind, haben wir ein biss­chen Strö­mung. Kleine Wellen spülen immer wieder über unsere Köpfe hinweg, wäh­rend wir reden. „In Rom war ich auch mal“, erzähle ich, „wun­der­schön! Als würde man durch eine Film­ku­lisse spa­zieren.“ Ari­anna streicht sich die nassen Haare aus dem Gesicht und zieht die Augen­brauen hoch. „Ja“, meint sie, „für Tou­risten ist Rom sicher schön. Da zu leben, ist etwas anderes. Kaum ein Römer kann es sich noch leisten, in der Innen­stadt zu wohnen. Die meisten leben außer­halb und stehen jeden Tag stun­den­lang im Stau. Auf den Straßen ist ständig Chaos und der öffent­liche Nah­ver­kehr ist eine Kata­strophe. Immer über­füllt.“ Dabei macht sie ein Gesicht, als stünde sie gerade im Gedränge eines vollen Römer Stadt­busses zur Rush Hour statt in der offenen Weite der Anda­ma­nensee.

In vier Wochen fliegt Ari­anna von Thai­land aus nach Hause. Dorthin, wo ihre Familie und Freunde sich auf ihre Rück­kehr freuen. Dorthin, wo ihr jetzt – nach der Reise – nicht nur die Busse viel zu eng erscheinen.

Wir kommen ver­än­dert nach Hause zurück

Sobald ich das Geld für ein Stu­den­ten­visum zusammen habe, gehe ich zurück nach Mel­bourne. Auch wenn es Mama das Herz bre­chen wird.“ Ari­anna betrachtet ihre Hände unter der Was­ser­ober­fläche. Ihr graut vor dem Gespräch, in dem sie ihrer Mutter von ihren Plänen erzählen wird. Schon damals sei ihr der Abschied schwer gefallen. Ihr Vater hat die Familie ver­lassen, als Ari­anna noch zur Schule ging, der Bruder ist mit seiner Familie nach Flo­renz gezogen. Das Geld, das ihre Mutter als Ver­käu­ferin ver­dient, reicht gerade eben, um in Ita­liens teurer Haupt­stadt zu über­leben – aber zum Sparen bleibt nichts.

Heim­kehren mit neue Träumen, neuen Plänen

Wenn ich in Rom bleibe, sieht mein Leben später genau so aus. Ich müsste Jahre arbeiten und extrem sparsam leben, um je wieder so eine Reise wie diese hier machen zu können“, sagt sie und beschreibt mit dem rechten Arm einen Halb­kreis, bevor sie ihn ins Wasser klat­schen lässt. „In Aus­tra­lien beträgt der Min­dest­lohn mehr als 17 Dollar pro Stunde, ich habe sogar 21 bekommen! Da ist so ein Trip nach ein paar Monaten wieder drin! Da kann ich Geld zur Seite legen, um mich später mal selbst­ständig zu machen mit einem eigenen Laden, in dem ich ita­lie­ni­sches Gebäck ver­kaufe. Das ist mein Traum“, sagt sie fast ent­schul­di­gend.

Wie lange wir wohl schon im Wasser sind? Wir sehen uns um. Von der Lie­ge­stelle, wo unsere Hand­tü­cher liegen, sind wir ziem­lich weit abge­trieben, zum „Funky Fish“ müssen wir am Ufer ein gutes Stück zurück­laufen. Im offenen Meer schwimmen, das ist auch wie eine lange Reise: Du gehst ins Wasser, lässt dich treiben. Und kommst kaum jemals genau da wieder raus, wo du hin­ein­ge­gangen bist.

Heimkehren von der Reise: Letzte Tage auf Koh Lanta

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Heim­kehren nach einer langen Reise: Ja, es ist hart

Ich kann jeden nur bestä­tigen, diesen Traum zu leben und doch muss ich darauf hin­weisen, dass das Sucht­po­ten­zial sehr groß ist und man unter Umständen nur schwer wieder zurück in ein nor­males Leben findet.

Das las ich neu­lich in einem Facebook-Post einer Lang­zeit­rei­senden und fand: Mit ihren Worten hat sie zwei­fels­ohne recht. Dass viele Heim­kehrer nur schwer in den Alltag zurück­finden, beweisen etliche andere Facebook-Posts, die mir regel­mäßig in ver­schie­denen Welt­reise-Gruppen begegnen. So schön es auch ist, lang­jäh­rige Freunde wieder um sich zu haben und Zeit mit der Familie ver­bringen zu können – Glücks­ge­fühle wollen sich bei den meisten ein­fach nicht ein­stellen, die kurz zuvor noch an einem Traum­strand auf Hawaii gelegen oder all­abend­lich in Süd­spa­nien den Son­nen­un­ter­gang beob­achtet haben, die in Nepal gewan­dert oder mit dem Scooter über eine Insel in Thai­land gecruist sind. Im Gegen­teil: Viele Heim­kehrer sind regel­recht ver­zwei­felt, nahezu depressiv. „Nach der Reise bin ich in ein tiefes Loch gefallen“, lese ich häufig, oder: „am liebsten würde ich sofort wieder abhauen.“

Sayulita Mexiko

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Je länger die Aus­zeit, umso schwerer der Wie­der­ein­stieg

Die Gründe für das Frem­deln mit der Heimat und dem Alltag liegen auf der Hand: Plötz­lich ist die gren­zen­lose Frei­heit weg, sich den Tag so zu gestalten, wie man will; plötz­lich fehlt es an neuen Ein­drü­cken, an Abwechs­lung und in vielen Fällen auch schlichtweg an Son­nen­licht und Wärme. Hat man auf Reisen das Gefühl, voller Energie zu sein und Berge ver­setzen zu können, fühlt man sich vom Alt­be­kannten in der Heimat, von der Rou­tine, ein­ge­engt, regel­recht erstickt. Beschwingt einen unter­wegs das tiefe Ver­trauen, für jedes Pro­blem eine Lösung zu finden, tut man sich zu Hause mit ein­fa­chen Erle­di­gungen schwer – und Not­wen­diges wie die Job­suche und das Schreiben von Bewer­bungen über­for­dert einen völlig.

Dabei scheint zu gelten: Je länger die Aus­zeit, umso schwerer der Wie­der­ein­stieg. Ein Stim­mungs­tief nach ein paar Wochen Ferien ist nichts Unge­wöhn­li­ches. Einer Umfrage zufolge kennt jede:r dritte Deut­sche das beklem­mende Gefühl nach der Heim­kehr aus dem Jah­res­ur­laub. Etwa drei Tage hält es an und selbst­ver­ständ­lich hat das Phä­nomen auch einen Namen: Post Holiday Syn­drom. Viele der Tipps, die Experten zur Lin­de­rung der Sym­ptome geben („Bas­teln Sie ein Foto­buch! Nehmen Sie ein Bild, einen Stein oder eine Muschel als Erin­ne­rung mit ins Büro!“) sind für Lang­zeit­rei­sende der blanke Hohn oder dürften ihnen zumin­dest maximal ein müdes Lächeln abringen. Ledig­lich einen Tipp finde ich hilf­reich auch für Menschen, die meh­rere Monate am Stück unter­wegs waren. Fol­genden: „Führen Sie gute Gewohn­heiten zu Hause fort!“ Heißt kon­kret: Wer wäh­rend seiner Welt­reise das Lesen für sich wie­der­ent­deckt hat, sollte es auch daheim in den Alltag inte­grieren. Wer Kochen gelernt und sich unter­wegs beson­ders gesund ernährt hat oder wer begonnen hat, Yoga zu machen, sollte das auch daheim bei­be­halten.

Strandspaziergang: Was geht nach der Rückkehr auch daheim?

So oft wie mög­lich raus, an den Strand. Ist das nicht auch in der Heimat mög­lich?

Und egal ob man nun zwei Wochen oder zwei Jahre weg war: Das Wieder-Ein­ge­wöhnen lässt sich nicht erzwingen,sondern es pas­siert mit der Zeit ganz ein­fach. Ganz genau so, wie es dieser Text wun­derbar beschreibt.

Tipps für Heim­kehrer gegen die Post-Reise-Depres­sion

Nichts­des­to­trotz habe ich hier drei Tipps ver­sam­melt, die das Heim­kehren nach einer langen Reise viel­leicht ein wenig ange­nehmer machen.

Tipp 1 – Sei gewiss: Du bist nicht allein!

Fast jeder in dieser Situa­tion hat Pro­bleme mit der Rück­kehr und sicher tut es gut, sich mit anderen dar­über aus­zu­tau­schen. In den Facebook-Gruppen für Welt­rei­sende kommen die Mit­glieder regel­mäßig auf das Thema „Kul­tur­schock Deutsch­land“ zu spre­chen, hier fin­dest du sicher Ansprechpartner:innen und ein offenes Ohr. Außerdem möchte ich dir drin­gend zwei Bei­träge emp­fehlen. Der erste ist auf matsch-und-piste.de erschienen. Ein­fühlsam und reflek­tiert beschreibt die Autorin die letzten Wochen ihrer Reise und die ersten, schwie­rigen Wochen zurück in Ham­burg. Sie beschreibt, wie sie und ihr Partner von Stadt­men­schen zu Land­eiern wurden und auch, wie sich nach der Reise ihr Freun­des­kreis ver­än­dert hat.

Den zweiten lesens­werten Bei­trag fin­dest du auf soultravelista.de. Die Blog­gerin hat acht Welt­rei­sende gefragt, wie sie sich in den ersten Monaten nach ihrer Reise fühlten (Spoiler: nicht gut) und wie sie schluss­end­lich wieder Boden unter die Füße bekamen. Für einige war dafür aber auch ein beruf­li­cher Neu­start oder ein Umzug not­wenig.

Tipp 2 – Sei dankbar für das, was du erlebt hast

Wir, die wir einmal oder sogar mehr­mals im Leben mona­te­lang um die Welt reisen können, müssen uns klar machen, wie unfassbar pri­vi­le­giert wir sind. Reisen und Nichtstun sind Luxus, den nur ein Bruch­teil der Welt­be­völ­ke­rung sich über­haupt leisten kann. Das soll nicht heißen, dass Heim­keh­rern Trau­rig­keit oder Rat­lo­sig­keit nicht zustehen. Das Bewusst­ma­chen unserer Pri­vi­le­gien kann aber dabei helfen, dankbar zu sein, dass wir so etwas über­haupt einmal erleben durften, anstatt lange nie­der­ge­schlagen zu sein, dass es vorbei ist.

Natur auf Madeira

Das Reisen will uns eines lehren: Das Schönste bleibt stets heim­zu­kehren.“ Solche Sprüche am Ende einer Reise stimmen für viele ein­fach nicht

Tipp 3 – Mach dir einen Plan für „danach“

Klar, man will die Vor­freude beim Planen der Reise und jeden ein­zelnen Rei­setag genießen – der Gedanke an die Zeit danach wirkt da nur stö­rend. Es wäre aber sinn­voll, sich auch schon am Anfang oder spä­tes­tens unter­wegs zu über­legen, wie der Alltag hin­terher eigent­lich aus­sehen soll. Mein Tipp: Frag dich sehr ehr­lich, was du dir vor­stellen kannst und was nicht, schreib Ideen auf und denke bewusst ab und zu dar­über nach. So viel Zeit und Ruhe, um zu ergründen, was du wirk­lich willst, hast du nach dem Heim­kehren von der Reise wahr­schein­lich nicht mehr.

Heimkehren von einer langen Reise: Wie geht es weiter

Heim­kehren von einer langen Reise. Wie geht es danach weiter?

Hier und da kannst du auch schon mal ein paar Mög­lich­keiten recher­chieren. Natür­lich sollst du dir nicht die Aus­zeit mit Zukunfts­sorgen ver­derben. Aber dich damit aus­ein­an­der­zu­setzen, kann dich ein biss­chen vor der voll­kom­menen Rat­lo­sig­keit bewahren, die viele Heim­keh­rende ereilt. Manchmal ent­stehen auf der Reise auch Träume und Lebens­vor­stel­lungen, zu denen die Heimat nicht mehr passt, sodass man am Ende nicht dau­er­haft zurück­kehrt – ganz so, wie es auch Ari­anna in der obigen Geschichte erlebt.

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Heim­kehren von einer langen Reise: Hast du auch schon eine Post-Reise-Depres­sion erlebt und bist erst einmal  in ein Loch gefallen? Wie bist du dort wieder her­aus­ge­kommen? Erzähl mir davon gern in den Kom­men­taren!


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10 Comments
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Egon
16. August 2015 13:57

Immer wieder eine große Freude Deine kleinen Geschichten zu lesen !

16. August 2015 20:36

“Du springst ins kalte Wasser. Du lässt dich treiben. Und kommst kaum jemals genau da wieder raus, wo du hin­ein­ge­gangen bist.” Wow, das hast du echt schön geschrieben, und es ist auch so wahr. Bin seit 2 Monaten wieder zurück in der Heimat und hab manchmal rich­tige Ein­sam­keits­schübe. Um mich da wieder raus­zu­be­kommen muss ich raus in die Natur oder fahre mit dem Fahrrad durch Ham­burg, bin quasi Tou­rist in der eigenen Stadt, das hilft unge­mein. Am schlimmsten finde ich, dass man sich selbst sehr ver­än­dert hat, aber alles andere scheint fast unver­än­dert zu sein. Wann geht es denn bei… Read more »

16. August 2015 20:44
Reply to  Jen

Ich lese gerade in deiner “über mich” Rubrik das du Jour­na­listin bist und schon lange an dem Schreiben dran bist. Sehr gut ;-)

Renate
17. August 2015 21:16
Reply to  Susanne

Liebe Susanne, danke für den schönen Bericht. Ich war ca 7 Jahre am Long beach direkt neben dem Funky Fish, im Some­where else auf Urlaub ‑zuletzt 12 Wochen — und habe die kleinen Wellen fast direkt gefühlt. Nächstes Jahr werde ich wohl wieder mal hin­fliegen und hoffe sehr, dass noch alles “beim Alten” ist! Aber allein das Foto mit Ko pipi im Hin­ter­grund ein­fach herr­lich! Nur weil ich hier in Deutsch­land meine ganze Familie habe bleibe ich hier !!!

Liane
17. August 2015 6:13

Wieder einmal schaffst du es, uns mit ins Wasser zu nehmen und die Wellen zu spüren. Man kann sich so richtig vor­stellen, wie ihr zwei den Moment und die Sonne über euch genießt. Als deut­scher Lang­zeit­rei­sender macht man sich ja schon den einen oder anderen Gedanken, wie es sein wird, wenn man zurück in die Heimat geht. Wenn ein neuer Job her muss und man finan­ziell wieder ganz von vorne beginnt. Aber als Ita­liener ist es sicher­lich nochmal eine andere Geschichte. ich glaube, ich kann Ari­anna gut ver­stehen. Arbeiten in Aus­tra­lien ist ein­fach zu ver­lo­ckend — wenn auch nicht so… Read more »