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Von der Rück­kehr zum Lesen mit Jamie Zeppas „Mein Leben in Bhutan“

6. September 2021
Mein Leben in Bhutan von Jamie Zeppa

Zuletzt aktua­li­siert am 14. Sep­tember 2021 um 3:09

Kein Handy mehr im Schlaf­zimmer! Das ziehe ich jetzt durch – und das Lesen ist mir end­lich wieder zum all­abend­li­chen Ritual geworden. Ein Buch über das Leben in Bhutan hat es mir beson­ders angetan.


Ich bin eine von denen, die abends im Bett am Handy kein Ende finden, die einen Artikel nach dem anderen lesen, schnell noch ein You­Tube-Video sehen und dann noch eins, die bei Insta­gram und Twitter immer weiter und weiter und weiter scrollen.

Mein Vor­satz: End­lich wieder RICHTIG lesen!

Schon lange habe ich mir das abge­wöhnen wollen, zum einen, um besser in den Schlaf zu kommen, zum anderen, weil min­des­tens die Hälfte von dem, was ich da spät­abends zufällig auf dem Handy sehe, letzt­lich nicht sehr sehens­wert ist. Ich habe mich danach gesehnt, abends ein Buch auf­zu­schlagen und in eine Geschichte ein­zu­tau­chen, so richtig ein­zu­tau­chen, ohne dass irgend­etwas blinkt oder klin­gelt und meine Auf­merk­sam­keit binnen kür­zester wieder anders­wohin lenkt. Ich wollte lesen und die Zeit ver­gessen. Müde werden. Ein­schlafen. Als Kind habe ich auf diese Weise sta­pel­weise Bücher ver­schlungen. Als Erwach­sene behielt ich das viele Jahre so bei, aber in den letzten Jahren ging ich fast nur noch mit meinem Smart­phone ins Bett und immer sel­tener auch mit einem Buch. 

Es ist nicht so, dass ich das Lesen ganz auf­ge­geben hätte: Letztes Jahr habe ich mir zum Bei­spiel „Hippie“ von Paulo Coelho gekauft, in der Hoff­nung, dass es darin auch um das Kathmandu der 70-er Jahre geht, schließ­lich erzählt das Buch von einer Reise auf dem berühmten „Hippie Trail“. Aber ers­tens endet die Geschichte schon in Istanbul und über Nepal und seine Haupt­stadt, in der ich zur­zeit lebe, steht darin kein Wort. (Für die deutsch­spra­chige Taschen­buch-Aus­gabe hat man sich bei Dio­genes irre­füh­ren­der­weise trotzdem für den Unter­titel „Eine inspi­rie­rende Reise nach Kathmandu“ ent­schieden.) Zwei­tens ließ mich die Erzäh­lung leider auch ansonsten kalt. 

In der ver­nach­läs­sigten Biblio­thek der Sprach­schule, in der ich arbeite, fand ich ein paar Wochen später „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ von Chris­tiane F. und „Kleiner Mann, was nun?“ von Hans Fal­lada (der aus meiner Hei­mat­stadt Greifs­wald stammte). Beide Bücher hatte ich schon lange einmal lesen wollen und in beiden Fällen hat es sich gelohnt. Mit der „Onleihe-App“ stieß ich dieses Jahr auf David Wag­ners „Leben“ und beschloss, mir irgend­wann wei­tere Bücher von ihm zu besorgen. Auf dem Handy las ich außerdem Katja Oskamps wun­der­bares „Mar­zahn, mon amour“ und zuletzt Doris Dör­ries ebenso wun­der­bares „Leben, schreiben, atmen: Eine Ein­la­dung zum Schreiben“.

Die Onleihe-App möchte ich nicht mehr missen, aber das Lesen ist für mich ein­fach nicht das­selbe. Wenn ich am Handy lese oder wenn es ein­fach nur neben mir liegt, komme ich immer nur häpp­chen­weise voran. Ich muss öfter von vorn anfangen, bin unkon­zen­triert, bleibe nicht mehr so häufig wie früher an beson­ders schönen Text­stellen hängen und schaue mir spä­tes­tens nach zehn Minuten doch wieder irgend­etwas anderes auf dem Smart­phone an, und dafür muss noch nicht mal eine Push-Mel­dung ein­ge­gangen sein.

Ich beschloss, das Handy ein­fach nicht mehr mit ins Schlaf­zimmer zu nehmen. Und seitdem klappt es wieder besser mit dem Ein­tau­chen in eine Geschichte.

Mein Leben in Bhutan” von Jamie Zeppa: Uner­war­teter Glücksgriff

In der muf­figen Biblio­thek zog ich zwei wei­tere Bücher aus dem Regal und schlug zu Hause als erstes „Bhutan: Mein Leben in der Fes­tung der Götter“ von Jamie Zeppa auf. (Inzwi­schen erscheint die deut­sche Aus­gabe übri­gens mit einem anderem Titel: „Mein Leben in Bhutan: Als Frau im Land der Götter“. Der eng­li­sche Ori­gi­nal­titel bleibt aber der schönste: „Beyond the sky and the earth: A journey into Bhutan“.)

Auf dem Cover blickt eine Person mit Hut, Ruck­sack und Wan­der­stock in ein Tal hinab, das fast kom­plett von einer rie­sigen Wolke ver­deckt wird.

Abendlektüre von Jamie Zeppa
Jamie Zeppas Memoiren werden nach wie vor ver­legt. Sie erscheinen heute aber mit einem anderen Cover und mit dem Titel “Mein Leben in Bhutan: Als Frau im Land der Götter”

Ich stellte mir einen eher intel­lek­tu­ellen Bericht über den Bud­dhismus und über das Leben in einem Kloster in völ­liger Abge­schie­den­heit vor. Tat­säch­lich erwar­tete mich eine mit­rei­ßende und unter­halt­same Erzäh­lung einer Frau, die mit 24 Jahren in das bud­dhis­ti­sche König­reich Bhutan zog, um zu unterrichten.

Jamie Zeppa ist Kana­dierin, sie stu­diert in Toronto, als sie beschließt, über eine Frei­wil­li­gen­or­ga­ni­sa­tion eine Stelle als Gast­leh­rerin in Ost­bhutan anzu­nehmen. „Ich wollte mich in eine Erfah­rung stürzen, die eine Nummer zu groß für mich war, und wollte auf eine Art und Weise lernen, die mir etwas abver­langte“, erin­nert sie sich. Dieser Gedanke hat auch mich moti­viert, als ich meinem Freund, heute Ehe­mann, vor zwei­ein­halb Jahren ohne zu zögern in sein Hei­mat­land Nepal folgte, wobei mein Auf­ent­halt in Kathmandu aus vielen Gründen nicht im Geringsten mit Jamie Zeppas Leben in Bhutan ver­gleichbar ist. Sie landet im Distrikt Pema­gatsel, wohnt aus­ge­spro­chen abge­schieden in einer schä­bigen Unter­kunft, durch die nachts die Ratten flitzen. Es gibt keinen Strom und meist auch kein flie­ßendes Wasser. Von einem Telefon ganz zu schweigen.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass die Geschichte schon vor mehr als 30 Jahren spielt, 1989 um genau zu sein. Zehn Jahre später, 1999, erschien sie erst­mals als Buch. Bhutan hat sich seitdem stark ver­än­dert, das hatte ich beim Lesen auch immer im Hin­ter­kopf, und doch merkt man den Memoiren ihr Alter erstaun­lich selten an. Viele der Erkennt­nisse, die Jamie Zeppa wäh­rend ihrer ersten Jahre in dem bud­dhis­ti­schen König­reich im Himalaya gewinnt, sind heute noch genauso rele­vant, zumal die Autorin eine groß­ar­tige Erzäh­lerin ist und es ver­steht, Miss­stände, Unter­schiede und Absur­di­täten auf den Punkt zu bringen. 

Erst einmal sitzt Jamie Zeppa jeden­falls in Pema­gatsel fest– und kann nicht fassen, dass sie Toronto mit all seinen Annehm­lich­keiten hierfür zurück­ge­lassen hat. Es kostet Zeit, bis sie den Anblick der Berge im Früh­nebel lieben lernt, der sich ihr vor ihrer Haustür bietet. Und nach und nach wachsen ihr die Schüler und Schü­le­rinnen der Klasse 2c ans Herz, die sie ab jetzt unter erschwerten Bedin­gungen unter­richten soll. Es gibt weder einen Lehr­plan noch Bücher. Manche Kinder legen täg­lich viele Kilo­meter barfuß zurück, um über­haupt zur Schule zu gelangen. Einige stehen ständig unan­ge­kün­digt vor ihrer Tür, um ihr Gemüse vor­bei­zu­bringen. Sie fragen nach Fotos von ihrer Familie und ihrem “Dorf” und sind ver­wirrt, als sie sehen, was ihre junge Leh­rerin in einen Müll­sack gesteckt hat und ent­sorgen will. Leere Fla­schen, Ver­pa­ckungen und Plas­tik­tüten: Für die Kinder aus Klasse 2c sind diese Gegen­stände kei­nes­wegs Müll.

Bhutan ist eine andere Welt, aber kein “Shangri-La”

Alles ist wert­voller, weil es von allem weniger gibt“, erkennt Jamie. Die Küche in ihrer Unter­kunft ist und bleibt die häss­lichste, käl­teste, pri­mi­tivste Küche, die sie je gesehen hat, aber sie bietet ihr alles, was sie braucht. Von Monat zu Monat ver­misst sie ihre Heimat etwas weniger. Sie gewöhnt sich an ihr ein­fa­ches Leben in diesem fernen, kleinen Land, das noch bis in die 60-er Jahre voll­kommen von der Außen­welt abge­schnitten war. Sie erzählt ein­drück­lich davon, wie der Bud­dhismus das Leben der Menschen prägt, ohne die vor­herr­schende Armut zu verklären.

Bei einem Besuch in Kanada, ihrem ersten nach fast zwei Jahren, fühlt sie sich von dem Über­fluss, der ihr von allen Seiten ent­ge­gen­strömt, regel­recht erschlagen. Überall gibt es von allem viel zu viel, aber an Bewusst­sein fehlt es. Alle bestehen darauf, mit dem eigenen Auto zu fahren. Jamie, die es längst gewöhnt ist, sich auf Last­wagen, in vollen, klapp­rigen Gefährten oder zu Fuß fort­zu­be­wegen, stößt das sauer auf. Freunde und Familie wollen ihre Kritik aber nicht hören. „Jeder von ihnen wünscht sich eine sau­be­rere, ein­fa­chere, siche­rere, gesün­dere Welt, aber keiner will etwas auf­geben. Keiner will mit dem Bus fahren.“ 

Später wird Jamie Zeppa an ein Col­lege in der Nähe von Tashi­gang ver­setzt und unter­richtet junge Erwach­sene. In dieser Zeit erlebt sie, wie die Flücht­lings­krise in Bhutan ihren Anfang nimmt: Im Süden des Landes leben die “Lhot­shampa”, die seit dem Ende des 19. Jahr­hun­derts aus Nepal nach Bhutan ein­ge­wan­dert sind, weil das König­reich auf zusätz­liche Arbeits­kräfte ange­wiesen war. Die nepa­le­si­schen Bhu­taner blieben weit­ge­hend unter sich und hielten an ihrer Sprache und Kultur fest– sehr zum wach­senden Ärger der Regie­rung, die in den 1980-er Jahren damit begann, die Bewohner im Süden zur kul­tu­rellen Assi­mi­lie­rung zu zwingen. Geduldet wurden fortan nur noch Nepa­lesen, die vor 1958 ein­ge­wan­dert waren. Und wäh­rend die Welt Bhutan als “das letzte Shangri-La”, das “glück­lichste Land der Welt” kennen lernte, ver­loren unzäh­lige Bhu­taner ihren Pass und wurden aus ihrer Heimat ver­trieben. Hun­dert­tau­sende hat man schließ­lich nach Nepal abge­schoben oder in andere Staaten umge­sie­delt. Jamie Zeppa erlebt hautnah mit, wie der Kon­flikt sich zuspitzt und immer mehr Stu­die­rende aus dem Süden dem Col­lege fern­bleiben. Auch dieser Teil ihrer Geschichte ist bis heute rele­vant. Auf der ganzen Welt wie­der­holt er sich immer und immer wieder.

Wäh­rend ihrer Zeit am She­rubtse Col­lege ent­scheidet sich auch die Zukunft der Kana­dierin: Sie wird das König­reich im Himalaya so schnell nicht wieder ver­lassen. Die Erzäh­lung neigt sich der­weil ihrem Ende zu und wie nach jeder guten Geschichte bin ich ein wenig traurig, als ich die letzte Seite umschlage.

Bücher, die ich als nächstes lese
Hier liegen schon die nächsten zwei

Auf meinem Nacht­tisch liegt der andere Schinken, den ich aus der Biblio­thek mit­ge­nommen habe: die 835 Seiten dicke Auto­bio­grafie von Nelson Man­dela. Danach kommt „To kill a mocking­bird“ von Harper Lee dran, das ich kürz­lich im neuen Ableger vom “Pil­grims Book House” , Kathmandus berühm­tester Buch­hand­lung, erstanden habe. In dem neu gebauten Buch­laden in Jhamsikhel habe ich nach langer Zeit mal wieder gemerkt, wie gern ich Zeit in Buch­läden ver­bringe, ich hätte noch stun­den­lang wei­ter­stö­bern können. “To kill a mocking­bird” jeden­falls ist auch so ein Buch, das ich immer schon mal lesen wollte. Und heute habe ich erfahren, dass Sven Regener einen Roman namens “Glit­ter­schnitter” geschrieben hat, der in ein paar Tagen erscheint. „Neue Vahr Süd“ ist eines meiner Lieb­lings­bü­cher, auch die Nach­folger mochte ich und so werde ich sicher auch „Glit­ter­schnitter“ lesen. 

Über­haupt werde ich wieder viel mehr lesen, so viel ist mal klar. Und wer einen Buch­tipp für mich hat, schreibe ihn mir bitte in die Kom­men­tare. Ich freue mich!

***


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2 Comments
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Karin
8. September 2021 9:22

Danke für die Buch­tipps!! Ich war in den 90er Jahren (also weit vor Internet, Mobiltel und eBooks) in Asien unter­wegs und bin IMMER in die Second­Hand Buch­läden gegangen, um neuen Lese­stoff zu finden. Für mich war Somerset Maugham DIE Ent­de­ckung in dieser Zeit; lese ich auch heute noch gerne.