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Varanasi in Indien: Wo die Worte fehlen

20. November 2016
Varanasi am Ganges, Indien: Auf dem Boot vorm Manikarnika Ghat

Zuletzt aktualisiert am 9. Dezember 2021 um 16:39

Es gibt Orte, die einen sprachlos machen. Varanasi in Indien ist so einer. Manch einer sieht gar in Varanasi Indiens Alptraum am Ganges. Am Manikarnika Ghat, einer der Treppen zum Ufer des heiligen Flusses, werden täglich bis zu 200 Leichen öffentlich verbrannt. Ein Besuch. Dazu Infos über den völlig verdreckten Ganges, der vor allem in Städten wie Varanasi gefährlich für die Anwohner ist. (Auf Einladung*)


Varanasi Indien: Chaos auf den Straßen der heiligen Stadt

Verdammt“, schießt mir als erstes durch den Kopf, „jetzt habe ich die Kamera gerade wieder eingepackt!“ Macht nichts, denn der Anblick, der sich mir am Straßenrand zur Linken bietet, brennt sich direkt auf meiner Netzhaut ein.

Wildschweine. Mitten in der Stadt. Drei an der Zahl. Mit ihren glänzenden Schnauzen wühlen sie in einem riesigen Haufen Müll nach Fressen. Vögel landen auf ihren Rücken und picken in ihrem zerzausten Fell. Eine Plastikflasche rollt von ihrer Müllinsel auf die Fahrbahn bis fast vor die Klauen einer abgemagerten Kuh.

Hier im Zentrum von Varanasi, der heiligen Stadt der Hinduisten, offenbart er sich mir: der Wahnsinn einer Großstadt in Indien, wie ich ihn mir immer vorgestellt habe. Nur dass Varanasi, auch Benares genannt, von allem noch mehr ist: noch lauter, noch voller, noch dreckiger.

Varanasi Indien: Laut, voll, chaotisch ist die Stadt am Ganges

Lukas, der Journalist aus Prag, der neben mir im Tuk-Tuk sitzt, lächelt. Wir haben nicht viel gesprochen, seit wir eingestiegen sind. Er ist voll in seinem Element: empfänglich für jedes Bild, jedes Geräusch, jeden Geruch. Genau wie ich hat er sich vor dieser Reise durch Indien am meisten auf den Stopp in Varanasi gefreut. Genau wie ich ist er gespannt auf den Ort, zu dem wir unterwegs sind: das Manikarnika Ghat, eine von mehr als 80 Treppen, die hinunter zum Ufer des Ganges führen. Diejenige, an der tagtäglich bis zu 200 Leichen nach Hindu-Tradition verbrannt und ihre sterblichen Überreste dem heiligen Fluss übergeben werden.

Wir stehen im Stau. Männer rufen durcheinander, ständig hupt jemand. Mehr als einmal zucke ich zusammen und blicke in Lukas’ grinsendes Gesicht. Unser Fahrer ist genervt. Noch aggressiver als zuvor spuckt er rotes Betelnuss-Speichel-Gemisch auf das Fleckchen Erde zwischen unserem Gefährt und dem Karren neben uns.

Ich sehe mich um: Vier Erwachsene mit drei Kindern in einem Tuk-Tuk. Ein Karren randvoll mit Bananen. Ein zweiter, auf dem sich Pakete turmhoch stapeln. Drei junge Männer auf einem Roller. Alle drei starren mich an. Genau wie die beiden Mädchen auf der Rikscha schräg vor uns. Ich winke Ihnen kurzerhand zu. Sie winken, zu meiner Überraschung, überschwänglich zurück.

 Leichenverbrennung in Varanasi am Manikarnika Ghat

Fast anderthalb Stunden brauchen wir für die Zehn-Kilometer-Strecke durch den Stadtkern von Varanasi. Wir bezahlen die vereinbarten zweihundert Rupien und warten auf unsere Begleiter: Lisa und Jan, beide aus Deutschland, sind uns in einem zweiten Tuk-Tuk gefolgt. Ihre Gesichter sprechen Bände von der Fahrt. Lisa steigt aus und zupft das rosafarbene Tuch zurecht, das sie sich um ihren Kopf geschlungen hat. Ich tue es ihr gleich, bevor Lukas uns von der lärmenden Hauptstraße in die Gassen gegenüber lotst.

Wir laufen unter einem Tor mit einem riesigen Totenkopf hindurch. Mit jedem Schritt wird die Luft dicker, die Fassaden in der Ferne wirken verblasst wie auf einem alten Foto. Zum Glück stinkt es nicht nach Verwesenem. Davor hatte ich Angst.

Lisa und ich halten uns unsere Tücher vor Mund und Nase und stehen wenig später zwischen den Unmengen an Feuerholz am Manikarnika Ghat. Am Wegesrand türmen sich die Scheite.

Feuerholz am Manikarnika Ghat, wo öffentlich Leichen verbrannt werden

Wir folgen Lukas durch das Holzlabyrinth, vorbei an kleineren und größeren Tempeln, vorbei an Ziegen und Kühen, die selbst hier wie selbstverständlich zur Kulisse gehören.

Varanasi, Indiens heilige Stadt: Kuh und Qualm am Manikarnika Ghat

Der Weg führt uns auf eine Plattform. „No photo here“, sagt jemand von der Seite. Ich blicke hinab. Fünf Meter unter uns brennt die Leiche eines Mannes. Mit den Füßen in Richtung Fluss liegt er auf einem Scheiterhaufen. Seine Schienbeine und sein Kopf sehen wächsern aus, in der Körpermitte lodern die Flammen. Ich warte auf Schrecken. Auf Entsetzen. Auf Ekel. Irgendetwas. Ich spüre: nichts.

Varanasi Indien: Baden im Massengrab

An der Treppe nebenan baden Angehörige im Fluss. Eine alte Frau im Sari steht bis zur Brust in der trüben Brühe und wäscht ihr Gesicht. Aus dem Augenwinkel sehe ich Rauchsäulen aufsteigen. Ich lasse beides auf mich wirken und finde immer noch kein passendes Gefühl. Noch nicht einmal passende Worte.

Eine Hinduistin badet im Ganges

Erst als wir zwanzig Minuten später in einem Boot an den Ghats vorübergleiten, fällt mir eines ein: unwirklich. Unwirklich, wie das Feuer der Scheiterhaufen vor den verfallenen Gebäuden flackert und ein paar Meter weiter Männer baden und ihre Haare waschen.

Varanasi Indien: Hindus baden im Ganges

Häufig treiben Wasserleichen auf dem Ganges

Auf dem Fluss kommt das Gefühl zurück: leicht flauer Magen, Kribbeln auf der Haut. Die Worte unseres Bootsführers Kamal tun ihr Übriges. „You know, sometime also floating body here“, sagt er mit seiner hellen Stimme und dem typisch indischen Akzent in die Stille hinein und zeigt mit der flachen Hand aufs Wasser. Ob wir wissen, warum manchmal Leichen an der Oberfläche treiben? Er sieht uns erwartungsvoll an. Jan stützt die Ellbogen auf die Knie und legt sein Gesicht in seine Hände. Kamal lässt sich nicht beirren. Einige Körper – die von Schwangeren, Heiligen und Kindern zum Beispiel – würden nicht verbrannt, sondern nur mit einem Stein beschwert. Und manchmal reiße das Seil eben. Kamal grinst. Das Ruder knarzt, als er es wieder in das gelbbraune Wasser taucht.

Varanasi, Manikarnika Ghat

Mit zwei Dingen bin ich für den Rest der Fahrt beschäftigt: Hoffen, dass uns keine aufgeblähte Leiche entgegenkommt. Und: Auf das Bodenbrett achten, auf dem mein Fuß steht. Das sieht aus, als könnte es jederzeit hochklappen und Wasser durchlassen. Wasser, das ich noch nicht einmal mit meinem kleinen Zeh berühren möchte. Kamal hingegen trinkt es täglich, wie er beim Aussteigen erzählt. „Zwei, drei Liter, Ma’am. Das Wasser kommt aus dem Himmel, darum bin ich so gesund.“

Auf dem Rückweg zur Hauptstraße muss ich nicht mehr nach Worten suchen. „Scheiße!“ rufe ich in einer der schmalen Gassen von Varanasi. Ich bin in Kuhscheiße getreten. Bringt Glück, rede ich mir ein.

***


 Varanasi Indien: Wie verschmutzt ist der Ganges?

Indiens heiliger Fluss ist enorm verdreckt und verseucht, sagen zum Beispiel Experten der Umweltorganisation „Centre for Science and Environment“: Nach ihren Messungen tummeln sich im Ganges auf der Höhe der Hindu-Pilgerstadt Varanasi (auch Benares) 2500 Kolibakterien in 100 Milliliter Wasser. Der Grenzwert für Badequalität werde damit um ein Vielfaches überschritten.

Gläubige Hindus baden trotzdem im „heiligen Fluss“, den sie „Mother Ganga“ nennen und wie eine Göttin anbeten. Ein Bad im Ganges ist für sie das höchste der Gefühle, sie glauben, sein Wasser wasche sie von allen Sünden rein. Regelmäßig anstehende Ereignisse in Varanasi, vor allem Hindu-Feste, ziehen Gläubige immer wieder zu rituellen Waschungen an und in den Fluss. Und  nicht nur das: Anwohner waschen ihre Wäsche mit der trüben Brühe, sie verwenden sie zum Kochen und trinken sie sogar – und das nicht selten in rauen Mengen wie der Bootsführer in der obigen Geschichte. Das hält ihn gesund, ist er überzeugt.

Mediziner sicher: Der heilige Fluss ist in Varanasi gefährlich

Mediziner sind da anderer Auffassung. Im Ganges schwimmen nicht nur massenhaft Fäkalbakterien, sondern auch Schwermetalle und Giftstoffe. Mehr als eine Milliarde Liter giftige Abwässer werden von der Industrie, unter anderem von Agrarbetrieben und Lederfabriken, tagtäglich in den Ganges geleitet. Hinzu kommen Haushaltsabwässer, die in Ermangelung an Kanalsystemen und Aufbereitungsanlagen jeglicher Art weitgehend ungeklärt in dem mehr als 2600 Kilometer langen Flusses landen. Man muss sich dazu auch die Größenordnung klar machen: In der Nähe des Ganges leben etwa 600 Millionen Menschen. Allein Kalkutta – nur eine von etwa 100 Klein- und Großstädten an seinen Ufern – zählt 14 Millionen Einwohner. Ein weiteres Problem sind die rund 18 Millionen Jauchegruben und zehn Millionen Plumpsklos in Flussnähe.

Und dann wären da noch die Leichenverbrennungen, von denen auch die Geschichte oben erzählt. Leider gibt es unseriöse Betreiber von Verbrennungsstätten, die die menschlichen Körper nur halbverbrannt in den Ganges schmeißen, auch Tierkadaver würden häufig einfach heimlich in den Fluss verfrachtetet. So erhöhe sich die Zahl der Kolibakterien weiter, im Fluss zu baden oder das Wasser zu trinken ist gerade in einer Stadt wie Varanasi gefährlich. Längst zählt der Ganges zu den sechs dreckigsten Flüssen der Welt und schon seit Jahren beklagen Ärzte die hohen Krebserkrankungs-Raten in der Region, allen voran die Vielzahl von Gallenblasen- und Prostatakrebsfällen.

Die immense Verschmutzung hat weitere Folgen, zumal auch Nebenflüsse des Ganges betroffen sind. Je stärker ein Gewässer belastet ist, umso mehr Sauerstoff benötige es, schreibt sueddeutsche.de. Vor allem rund um die großen Industriestandorte gebe es daher kaum noch Leben im heiligen Fluss. Fische zum Beispiel brauchen zum Überleben mindestens vier Milligramm Sauerstoff je Liter, unterhalb von Delhi enthalte das Flusswasser jedoch weniger als zwei Milligramm Sauerstoff je Liter.

Reinigungsplan für den Ganges: gescheitert

Der Ganges ist eine Gefahr für die Natur und für den Menschen und schon seit den 80er Jahren gibt es zumindest theoretisch Bemühungen, den heiligen Fluss sauber zu halten. Unwissenheit, fehlende Technik und Korruption ließen die Vorhaben jedoch immer wieder scheitern.

Zuletzt versprach Indiens Premierminister Narendra Modi, sich um den Ganges zu kümmern. Das Wahlversprechen stammt aus dem Jahr 2014 und eingehalten wurde es nicht. Ganz im Gegenteil: Obwohl es einen Fünfjahresplan gab, in den 3,2 Milliarden US-Dollar flossen, enthält der Ganges laut einer Studie jetzt an vielen Stellen noch weniger Sauerstoff und ist noch verschmutzter als 2013. Noch dazu konnten die Aufsichtsbehörde nachweisen, dass die Gelder, die für die Reinigung des Ganges zur Verfügung gestellt wurden, in den ersten drei Jahren kaum ausgeschöpft wurden.


*Offenlegung: Ich wurde im Rahmen des „International Buddhist Conclave“ von „Incredible India“ nach Indien eingeladen.


Sicher macht eine Stadt wie Varanasi Indien zu dem, was es ist: ein unglaublich aufregendes Reiseland. Warst Du schon mal in Varanasi oder hast anderswo in Indien etwas erlebt, das Dich noch lange beschäftigt hat? Erzähl mir davon gern in den Kommentaren!


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8 Comments
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20. November 2016 18:43

Ja, “verstörend” trifft es wirklich. Oder haben nur wir Europäer ein Problem damit, dass Leben und Tod zusammengehören?

Britta
21. November 2016 12:33

Hallo Susanne, ein toller Bericht! Und wirklich mitreißend geschrieben. Wie sind Deine Erfahrungen als alleinreisende Frau in Indien? Ehrlich gesagt: Inzwischen habe ich habe ich Bedenken - besonders wenn ich mit meiner 15-jährigen Tochter fahren würde… Viele Grüße Britta

21. November 2016 21:08

Ich glaube, ich darf niemals dahingehen. Ich würde im wörtlichen Sinne verrückt werden. So verstörend. Danke aber für den spannenden Bericht!

5. Januar 2018 22:59

Oh man, was soll ich sagen! Ein wahnsinnig toller Bericht! Varanasi steht schon so lange ganz oben auf meiner Reisewunschliste - jetzt betrachte ich das Ganze mit noch mehr Respekt! Viel erinnerte mich an meine Besuche in Pashupati in Kathmandu, nur ist Varanasi da offenbar noch einmal ganz anders!