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Vara­nasi in Indien: Wo die Worte fehlen

Autorin
Varanasi am Ganges, Indien: Auf dem Boot vorm Manikarnika Ghat

Zuletzt aktua­li­siert am 30. November 2019 um 16:07

Es gibt Orte, die einen sprachlos machen. Vara­nasi in Indien ist so einer. Am Manikar­nika Ghat, einer der Treppen zum Ufer des Ganges, werden täg­lich bis zu 200 Lei­chen öffent­lich ver­brannt. (Auf Ein­la­dung*)


Vara­nasi Indien: Chaos auf den Straßen der hei­ligen Stadt

Ver­dammt“, schießt mir als erstes durch den Kopf, „jetzt habe ich die Kamera gerade wieder ein­ge­packt!“ Macht nichts, denn der Anblick, der sich mir am Stra­ßen­rand zur Linken bietet, brennt sich direkt auf meiner Netz­haut ein.

Wild­schweine. Mitten in der Stadt. Drei an der Zahl. Mit ihren glän­zenden Schnauzen wühlen sie in einem rie­sigen Haufen Müll nach Fressen. Vögel landen auf ihren Rücken und picken in ihrem zer­zausten Fell. Eine Plas­tik­fla­sche rollt von ihrer Müll­insel auf die Fahr­bahn bis fast vor die Klauen einer abge­ma­gerten Kuh.

Hier im Zen­trum von Vara­nasi, der hei­ligsten Stadt der Hin­du­isten, offen­bart er sich mir: der Wahn­sinn einer Groß­stadt in Indien, wie ich ihn mir immer vor­ge­stellt habe. Nur dass Vara­nasi von allem noch mehr ist: noch lauter, noch voller, noch dre­ckiger.

Varanasi Indien: Laut, voll, chaotisch ist die Stadt am Ganges

Lukas, der Jour­na­list aus Prag, der neben mir im Tuk-Tuk sitzt, lächelt. Wir haben nicht viel gespro­chen, seit wir ein­ge­stiegen sind. Er ist voll in seinem Ele­ment: emp­fäng­lich für jedes Bild, jedes Geräusch, jeden Geruch. Genau wie ich hat er sich vor dieser Reise durch Indien am meisten auf den Stopp in Vara­nasi gefreut. Genau wie ich ist er gespannt auf den Ort, zu dem wir unter­wegs sind: das Manikar­nika Ghat, eine von mehr als 80 Treppen, die hin­unter zum Ufer des Ganges führen. Die­je­nige, an der tag­täg­lich bis zu 200 Lei­chen nach Hindu-Tra­di­tion ver­brannt und ihre sterb­li­chen Über­reste dem hei­ligen Fluss über­geben werden.

Wir stehen im Stau. Männer rufen durch­ein­ander, ständig hupt jemand. Mehr als einmal zucke ich zusammen und blicke in Lukas’ grin­sendes Gesicht. Unser Fahrer ist genervt. Noch aggres­siver als zuvor spuckt er rotes Betel­nuss-Spei­chel-Gemisch auf das Fleck­chen Erde zwi­schen unserem Gefährt und dem Karren neben uns.

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Tuk-Tuk fahren in Vara­nasi, Indien

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Ich sehe mich um: Vier Erwach­sene mit drei Kin­dern in einem Tuk-Tuk. Ein Karren rand­voll mit Bananen. Ein zweiter, auf dem sich Pakete turm­hoch sta­peln. Drei junge Männer auf einem Roller. Alle drei starren mich an. Genau wie die beiden Mäd­chen auf der Rik­scha schräg vor uns. Ich winke Ihnen kur­zer­hand zu. Sie winken, zu meiner Über­ra­schung, über­schwäng­lich zurück.

Manikar­nika Ghat: DER Ort der Lei­chen­ver­bren­nungen in Indien

Fast andert­halb Stunden brauchen wir für die Zehn-Kilo­meter-Strecke durch den Stadt­kern von Vara­nasi. Wir bezahlen die ver­ein­barten zwei­hun­dert Rupien und warten auf unsere Begleiter: Lisa und Jan, beide aus Deutsch­land, sind uns in einem zweiten Tuk-Tuk gefolgt. Ihre Gesichter spre­chen Bände von der Fahrt. Lisa steigt aus und zupft das rosa­far­bene Tuch zurecht, das sie sich um ihren Kopf geschlungen hat. Ich tue es ihr gleich, bevor Lukas uns von der lär­menden Haupt­straße in die Gassen gegen­über lotst.

Wir laufen unter einem Tor mit einem rie­sigen Toten­kopf hin­durch. Mit jedem Schritt wird die Luft dicker, die Fas­saden in der Ferne wirken ver­blasst wie auf einem alten Foto. Zum Glück stinkt es nicht nach Ver­we­senem. Davor hatte ich Angst.

Lisa und ich halten uns unsere Tücher vor Mund und Nase und stehen wenig später zwi­schen den Unmengen an Feu­er­holz am Manikar­nika Ghat. Am Weges­rand türmen sich die Scheite.

Feuerholz am Manikarnika Ghat, wo öffentlich Leichen verbrannt werden

Wir folgen Lukas durch das Holz­la­by­rinth, vorbei an klei­neren und grö­ßeren Tem­peln, vorbei an Ziegen und Kühen, die selbst hier wie selbst­ver­ständ­lich zur Kulisse gehören.

Varanasi, Indiens heilige Stadt: Kuh und Qualm am Manikarnika Ghat

Der Weg führt uns auf eine Platt­form. „No photo here“, sagt jemand von der Seite. Ich blicke hinab. Fünf Meter unter uns brennt die Leiche eines Mannes. Mit den Füßen in Rich­tung Fluss liegt er auf einem Schei­ter­haufen. Seine Schien­beine und sein Kopf sehen wäch­sern aus, in der Kör­per­mitte lodern die Flammen. Ich warte auf Schre­cken. Auf Ent­setzen. Auf Ekel. Irgend­etwas. Ich spüre: nichts.

Vara­nasi Indien: Baden im Mas­sen­grab

An der Treppe nebenan baden Ange­hö­rige im Fluss. Eine alte Frau im Sari steht bis zur Brust in der trüben Brühe und wäscht ihr Gesicht. Aus dem Augen­winkel sehe ich Rauch­säulen auf­steigen. Ich lasse beides auf mich wirken und finde immer noch kein pas­sendes Gefühl. Noch nicht einmal pas­sende Worte.

Eine Hinduistin badet im Ganges

Erst als wir zwanzig Minuten später in einem Boot an den Ghats vor­über­gleiten, fällt mir eines ein: unwirk­lich. Unwirk­lich, wie das Feuer der Schei­ter­haufen vor den ver­fal­lenen Gebäuden fla­ckert und ein paar Meter weiter Männer baden und ihre Haare waschen.

Varanasi Indien: Hindus baden im Ganges

Häufig treiben Was­ser­lei­chen auf dem Ganges

Auf dem Fluss kommt das Gefühl zurück: leicht flauer Magen, Krib­beln auf der Haut. Die Worte unseres Boots­füh­rers Kamal tun ihr Übriges. „You know, some­time also floa­ting body here“, sagt er mit seiner hellen Stimme und dem typisch indi­schen Akzent in die Stille hinein und zeigt mit der fla­chen Hand aufs Wasser. Ob wir wissen, warum manchmal Lei­chen an der Ober­fläche treiben? Er sieht uns erwar­tungs­voll an. Jan stützt die Ell­bogen auf die Knie und legt sein Gesicht in seine Hände. Kamal lässt sich nicht beirren. Einige Körper – die von Schwan­geren, Hei­ligen und Kin­dern zum Bei­spiel – würden nicht ver­brannt, son­dern nur mit einem Stein beschwert. Und manchmal reiße das Seil eben. Kamal grinst. Das Ruder knarzt, als er es wieder in das gelb­braune Wasser taucht.

Varanasi, Manikarnika Ghat

Mit zwei Dingen bin ich für den Rest der Fahrt beschäf­tigt: Hoffen, dass uns keine auf­ge­blähte Leiche ent­ge­gen­kommt. Und: Auf das Boden­brett achten, auf dem mein Fuß steht. Das sieht aus, als könnte es jeder­zeit hoch­klappen und Wasser durch­lassen. Wasser, das ich noch nicht einmal mit meinem kleinen Zeh berühren möchte. Kamal hin­gegen trinkt es täg­lich, wie er beim Aus­steigen erzählt. „Zwei, drei Liter, Ma’am. Das Wasser kommt aus dem Himmel, darum bin ich so gesund.“

Auf dem Rückweg zur Haupt­straße muss ich nicht mehr nach Worten suchen. „Scheiße!“ rufe ich in einer der schmalen Gassen von Vara­nasi. Ich bin in Kuh­scheiße getreten. Bringt Glück, rede ich mir ein.

Am Manikar­nika-Ghat in Vara­nasi, Indien

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***


 Vara­nasi Indien: Wie ver­schmutzt ist der Ganges?

Indiens hei­liger Fluss ist enorm ver­dreckt und ver­seucht, sagen zum Bei­spiel Experten der Umwelt­or­ga­ni­sa­tion „Centre for Sci­ence and Envi­ron­ment“: Nach ihren Mes­sungen tum­meln sich im Ganges auf der Höhe der Hindu-Pil­ger­stadt Vara­nasi 2500 Koli­bak­te­rien in 100 Mil­li­liter Wasser. Der Grenz­wert für Bade­qua­lität werde damit in der nord­in­di­schen Stadt um ein Viel­fa­ches über­schritten.

Gläu­bige Hindus baden trotzdem im „hei­ligen Fluss“, den sie „Mother Ganga“ nennen und wie eine Göttin anbeten. Ein Bad im Ganges ist für sie das höchste der Gefühle, sie glauben, sein Wasser wasche sie von allen Sünden rein. Und nicht nur das: Anwohner und Gläu­bige waschen ihre Wäsche mit der trüben Brühe, sie ver­wenden sie zum Kochen und trinken sie sogar – und das nicht selten in rauen Mengen wie der Boots­führer in der obigen Geschichte. Das hält ihn gesund, ist er über­zeugt.

Medi­ziner sind sicher: Indiens hei­liger Fluss macht krank

Medi­ziner sind da anderer Auf­fas­sung. Im Ganges schwimmen nicht nur mas­sen­haft Fäkal­bak­te­rien, son­dern auch Schwer­me­talle und Gift­stoffe. Mehr als eine Mil­li­arde Liter gif­tige Abwässer werden von der Indus­trie, unter anderem von Agrar­be­trieben und Leder­fa­briken, tag­täg­lich in den Ganges geleitet. Hinzu kommen Haus­halts­ab­wässer, die in Erman­ge­lung an Kanal­sys­temen und Auf­be­rei­tungs­an­lagen jeg­li­cher Art weit­ge­hend unge­klärt in dem mehr als 2600 Kilo­meter langen Flusses landen. Man muss sich dazu auch die Grö­ßen­ord­nung klar machen: In der Nähe des Ganges leben etwa 600 Mil­lionen Menschen. Allein Kal­kutta – nur eine von etwa 100 Klein- und Groß­städten an seinen Ufern – zählt 14 Mil­lionen Ein­wohner. Ein wei­teres Pro­blem sind die rund 18 Mil­lionen Jau­che­gruben und zehn Mil­lionen Plumps­klos in Fluss­nähe.

Und dann wären da noch die Lei­chen­ver­bren­nungen, von denen auch die Geschichte oben erzählt. Bis zu 200 Lei­chen werden täg­lich in Vara­nasi ver­brannt, laut Tages­spiegel sind es dort etwa 33.000 pro Jahr. Leider gebe es unse­riöse Betreiber von Ver­bren­nungs­stätten, die die mensch­li­chen Körper nur halb­ver­brannt in den Ganges schmeißen, auch Tier­ka­daver würden häufig ein­fach heim­lich in den Fluss ver­frach­tetet. So erhöhe sich die Zahl der Koli­bak­te­rien weiter.

Längst zählt der Ganges zu den sechs dre­ckigsten Flüssen der Welt und schon seit Jahren beklagen Ärzte die hohen Krebs­er­kran­kungs-Raten in der Region, allen voran die Viel­zahl von Gal­len­blasen- und Pro­sta­ta­krebs­fällen.

Die immense Ver­schmut­zung hat wei­tere Folgen, zumal auch Neben­flüsse des Ganges betroffen sind. Je stärker ein Gewässer belastet ist, umso mehr Sauer­stoff benö­tige es, schreibt sueddeutsche.de. Vor allem rund um die großen Indus­trie­stand­orte gebe es daher kaum noch Leben im hei­ligen Fluss. Fische zum Bei­spiel brauchen zum Über­leben min­des­tens vier Mil­li­gramm Sauer­stoff je Liter, unter­halb von Delhi ent­halte das Fluss­wasser jedoch weniger als zwei Mil­li­gramm Sauer­stoff je Liter.

Rei­ni­gungs­plan für den Ganges in Vara­nasi: geschei­tert

Der Ganges ist eine Gefahr für die Natur und für den Menschen und schon seit den 80er Jahren gibt es zumin­dest theo­re­tisch Bemü­hungen, den hei­ligen Fluss sauber zu halten. Unwis­sen­heit, feh­lende Technik und Kor­rup­tion ließen die Vor­haben jedoch immer wieder schei­tern.

Zuletzt ver­sprach Indiens jüngst wie­der­ge­wählter Pre­mier­mi­nister Narendra Modi, sich um den Ganges zu küm­mern. Das Wahl­ver­spre­chen stammt aus dem Jahr 2014 und ein­ge­halten wurde es nicht. Ganz im Gegen­teil: Obwohl es einen Fünf­jah­res­plan gab, in den 3,2 Mil­li­arden US-Dollar flossen, ent­hält der Ganges laut einer Studie jetzt an vielen Stellen noch weniger Sauer­stoff und ist noch ver­schmutzter als 2013. Noch dazu konnten die Auf­sichts­be­hörde nach­weisen, dass die Gelder, die für die Rei­ni­gung des Ganges zur Ver­fü­gung gestellt wurden, in den ersten drei Jahren kaum aus­ge­schöpft wurden.


*Offen­le­gung: Ich wurde im Rahmen des „Inter­na­tional Bud­dhist Con­clave“ von „Incredible India“ nach Indien ein­ge­laden.


Sicher macht eine Stadt wie Vara­nasi Indien zu dem, was es ist: ein unglaub­lich auf­re­gendes Rei­se­land. Warst Du schon mal in Vara­nasi oder hast anderswo in Indien etwas erlebt, das Dich noch lange beschäf­tigt hat? Erzähl mir davon gern in den Kom­men­taren!


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Ja, “ver­stö­rend” trifft es wirk­lich. Oder haben nur wir Euro­päer ein Pro­blem damit, dass Leben und Tod zusam­men­ge­hören?

Britta

Hallo Susanne, ein toller Bericht! Und wirk­lich mit­rei­ßend geschrieben. Wie sind Deine Erfah­rungen als allein­rei­sende Frau in Indien? Ehr­lich gesagt: Inzwi­schen habe ich habe ich Bedenken — beson­ders wenn ich mit meiner 15-jäh­rigen Tochter fahren würde… Viele Grüße Britta

Ich glaube, ich darf nie­mals dahin­gehen. Ich würde im wört­li­chen Sinne ver­rückt werden. So ver­stö­rend. Danke aber für den span­nenden Bericht!

Oh man, was soll ich sagen! Ein wahn­sinnig toller Bericht! Vara­nasi steht schon so lange ganz oben auf meiner Rei­se­wunsch­liste — jetzt betrachte ich das Ganze mit noch mehr Respekt! Viel erin­nerte mich an meine Besuche in Pas­hu­pati in Kathmandu, nur ist Vara­nasi da offenbar noch einmal ganz anders!

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Hi, ich bin Susanne, Journalistin und Reisende. Ich liebe Geschichten vom Reisen und Auswandern) (auch allein!) und lebe zurzeit in Kathmandu, Nepal. Mehr über mich erfährst Du hier.

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