Nepal total

Von Kathmandu nach Pokhara mit dem Bus: Lek­tionen in Geduld

7. März 2018
Bus nach Bandipur

Zuletzt aktua­li­siert am 20. Februar 2020 um 11:14

Wann fahren wir ab? Wann geht es end­lich weiter? Wäh­rend meiner Nepal-Reise muss ich mich ziem­lich oft gedulden, vor allem im Bus von Kathmandu nach Pokhara und zurück. Doch am Ende steht die Frage: Ver­lieren wir wirk­lich immer Zeit, wäh­rend wir warten? Eine Geschichte. Dazu: Aktu­elle Tipps rund ums Bus­fahren in Nepal, von Abfahrtsort bis Ticket.


Bus­fahren in Nepal: Eine Geschichte

All­mäh­lich wird’s hier drinnen uner­träg­lich. Ishan und ich haben uns auf das Podest ganz vorn neben dem Fahrer gequetscht, ich kann mich kaum rühren, die Hose klebt, das T‑Shirt auch, immerhin: Wir sitzen.

Die Mit­tags­sonne knallt auf Dumre, diesen kleinen Ort mitten in Nepal, in dem wir vor gut einer halben Stunde in den Bus nach Ban­dipur umge­stiegen sind. Ban­dipur, das ist die Dorf­schön­heit in den Bergen, die aus­sieht, als sei die Zeit stehen geblieben. Die Sied­lung prägen gut erhal­tene Häuser im Newari-Bau­stil und Fas­saden, an denen Blüten in rot und lila ranken.

  • Reise nach Nepal: Bandipur

Acht Kilo­meter trennen uns noch von unserem Ziel. Wer weiß, wie viele Stunden von der Wei­ter­fahrt. Uns gegen­über sitzt eine Frau mit ihrem Kind, beiden steht der Schweiß auf der Stirn. Sie naschen zerlau­fene Scho­ko­riegel, die Mutter wirft das Papier aus dem Fenster. Ich schaue ihm auf dem Asphalt hin­terher.

Hi!“

Plötz­lich sitzt da auch ein Junge und sieht mich mit wachen Augen an.

What’s your name?“
„My name ist Susanne.“
„It’s a good name! Where are you from?“
„I’m from Ger­many.“
„It’s a good country! Bye!“

Der Junge, er ist viel­leicht zehn Jahre alt, drän­gelt sich an seinen Platz zurück, dann rum­pelt der Bus end­lich los. Ich bin gerührt. Ishan muss lachen. In der kom­menden Woche beginnen viele unserer Sätze mit „It’s a good …“.

Am Tag darauf sitzen wir auf der Ter­rasse eines Restau­rants in Pokhara, Nepals zweit­größter Stadt. Wir wollen Dal Bhat essen, das Natio­nal­ge­richt aus Reis mit Linsen, Curry und Gemüse, das mir noch lange nicht über ist.

Dal Bhat in Pokhara

Kaum haben wir bestellt, nehmen zwei Sadhus Kurs auf unseren Tisch. Sie tragen Bärte und Tur­bane, einer hält einen Klin­gel­beutel, der andere stützt sich auf einen Wan­der­stock. Minu­ten­lang reden sie auf Ishan ein, in einer wilden Mischung aus Hindi und Nepali, wie er mir später erzählt. Dass er ein gütiger, groß­zü­giger Mensch ist, machen sie meinem nepa­le­si­schen Freund wort­reich klar. Und wenden sich plötz­lich auf Eng­lisch an mich: „You’re a lucky man“, sagt der Sadhu mit dem Stock und schaut ernst. Der andere nickt.

Gut. Abge­sehen davon, dass ich kein Mann bin, weiß ich, was die beiden letzt­lich wollen: Geld. Doch sofort macht sich auch Dank­bar­keit in mir breit. Dank­bar­keit für diesen skur­rilen Moment, der mich mit Ishan ver­bindet, und den ich erlebe, wäh­rend ich eigent­lich auf etwas anderes warte.

Auf meiner Reise nach Nepal wird es mir noch öfter so gehen. Man wartet eben häufig. Man wartet vor allem im Stra­ßen­ver­kehr, im Stau auf den stau­bigen Straßen der Haupt­stadt und beim Ver­such, über Land von einem Ort zum anderen zu gelangen.

Wie weit ist es bis ins nächste Dorf?“
„Nicht weit. Bis zum Abend bist du da.“

Das steht, voll­kommen uniro­nisch, in dem Nepali-Wör­ter­buch, das ich mir im „Pil­grims Book House“, Kathmandus berühmter Buch­hand­lung, gekauft habe. Wer einmal mit dem Bus von Kathmandu nach Pokhara gefahren ist, wun­dert sich dar­über nicht: 200 Kilo­meter beträgt die Ent­fer­nung. Sieben Stunden, mit Essens­pausen, die Fahr­zeit.

Wenn man gut durch­kommt. Auf der Rück­fahrt brauchen wir neun Stunden für die Strecke. Die ein­zige Straße, die die beiden Orte ver­bindet, ist holprig und schmal und umso voller, je näher wir Kathmandu kommen. Schließ­lich können nicht mehr beide Spuren gleich­zeitig in Bewe­gung sein, eine Seite muss immer warten.

Busfahrt von Kathmandu nach Pokhara Landschaft

Wer mit dem Bus von Kathmandu nach Pokhara und zurück fährt, wird mit diesen Aus­sichten belohnt

Ishan ist neben mir ein­ge­schlafen. Ich beob­achte die Menschen auf den Rol­lern, in den LKWs und Autos auf der Gegen­spur, als unser Bus sich träge in die Haupt­stadt schiebt. Sie halten die Füße aus dem Fenster, sie lesen, sie tele­fo­nieren, sie starren Löcher in die Luft, sie dis­ku­tieren.

Mir fallen die Worte ein, die ich kürz­lich über das Warten gelesen habe: Wir ver­lieren dabei keine Zeit, wir gewinnen welche. Der reinste Hohn für alle, die hier tag­täg­lich fest­hängen. Und doch: Oft genug lohnt ein anderer Blick­winkel. Warten kann Raum schenken für Unvor­her­ge­se­henes und Begeg­nungen, für Gedanken und Gespräche. Warten kann Inne­halten sein. Durch­atmen. Neu­sor­tieren. Das gilt im Kleinen wie im Großen: Wer auf die Liebe wartet, auf einen anderen Menschen, gewinnt wert­volle Zeit mit sich selbst. Ich kenne mich da aus, ich habe selber viel gewartet, oft genug ver­geb­lich. Nicht dieses Mal, denke ich, und nehme Ishans Hand. Die Sadhus – und ging es ihnen auch nur um ihre Spende – hatten recht.

Kathmandu: Gebetsmühle am Boudhanath Stupa

Zwei Monate später und weit weg von Nepal beginnt meine nächste Lek­tion in Geduld.

In das Dach der Rönt­gen­ab­tei­lung im Kli­nikum Dort­mund ist eine Scheibe ein­ge­fasst. Unab­lässig ziehen Wolken dar­über hinweg. Man hat mich von Sta­tion B 43 im Kran­ken­bett hierher geschoben. Es ist frisch auf den Fluren, ich habe mir die Bett­decke bis unters Kinn gezogen. Eine lange geplante Ope­ra­tion hat mich hierher geführt, ich habe sie vor einigen Tagen hinter mich gebracht. Sie werden prüfen, ob die Schrauben in meinem Körper richtig sitzen. Ob die Kno­chen, die sie zusam­men­halten, ver­heilen. Einige Male zieht das kleine Stück­chen Himmel über mir zu und klart gleich wieder auf, bis jemand meinen Namen ruft.

In Pokhara sind wir jeden Morgen auf die Dach­ter­rasse unseres Hotels gestiegen, um den Himalaya zu sehen. Nur selten gaben die Wolken den Blick auf den Macha­puchare frei. Irgend­wann, habe ich mir damals gewünscht, möchte ich die Berge aus der Nähe sehen. Ein Stück an Ishans Seite durch diese Land­schaft wan­dern.

Viel Zeit wird bis dahin ver­gehen: Sechs Wochen lang darf ich nicht sitzen, viele Monate werde ich an Krü­cken laufen. Wann ich Ishan wie­der­sehe? Das weiß ich im Augen­blick nicht.

Manchmal ist Warten Ver­werfen. Und manchmal ist es Ver­ge­wis­sern.

***


 Von Kathmandu nach Pokhara mit dem Bus: Alle Infos

Inzwi­schen bin ich häu­figer in Nepal Bus gefahren, mehr­fach von Kathmandu nach Pokhara, aber auch zum Chitwan Natio­nal­park und nach Lum­bini, Buddhas Geburtsort.

Warum du den Tou­rist Bus nehmen soll­test

Alle tou­ris­ti­schen Kno­ten­punkte sind von Kathmandu aus auch mit dem Flug­zeug erreichbar. Ein Flug von Kathmandu nach Pokhara dauert nur eine halbe Stunde und ist der Erfah­rung meines Freundes nach (ich selbst bin die Strecke nie geflogen) im Ver­gleich zur stun­den­langen Bus­fahrt natür­lich unkom­pli­ziert und ange­nehm. Trotzdem emp­fehle ich den Bus – zum einen der Umwelt zuliebe, zum anderen bekommt man nur vom Bus­fenster aus Nepals fan­tas­ti­sche Land­schaften zu sehen: Grüne Hügel, an denen sich ein Fluss ent­lang­schlän­gelt, hier und da ein Was­ser­fall und die Gipfel des Himalayas dahinter. Das ent­schä­digt für die lang­wie­rige, holp­rige Fahrt.

Am meisten emp­fiehlt sich ein Tou­rist Bus, den auch viele Ein­hei­mi­sche den „local buses“ vor­ziehen. „Local buses“ sind meist klein, über­füllt, unbe­quem und dazu auch noch unsi­cher. Und wer noch Aus­flüge in klei­nere Ort­schaften plant, etwa von Pokhara nach Marpha oder nach Ban­dipur, wird die local buses ohnehin noch zur Genüge erleben: Da es kaum direkte Ver­bin­dungen gibt, muss man näm­lich gleich meh­rere „local buses“ nehmen.  Auf dem Foto ganz oben siehst du übri­gens den „local bus“, mit dem wir von Dumre nach Ban­dipur fuhren.

Mit dem Auto oder Taxi von Kathmandu nach Pokhara – geht das?

Ja, schon. Wobei: Mit einem rich­tigen Taxi von Kathmandu nach Pokhara zu fahren, ist keine so gute Idee. Die Autos sind meist ältere Maruti Suzukis oder Hyun­dais, die klein und unbe­quem sind und sich daher höchs­tens für den sto­ckenden Stadt­ver­kehr eignen. Man kann jedoch ein gutes Fahr­zeug samt Fahrer mieten, der einen vom Hotel abholt und direkt an der Unter­kunft am Zielort absetzt. Meinen Eltern zuliebe, die mich in Nepal besucht haben, habe ich einmal so einen Transfer für 200 Dollar (ca. 180 Euro) von Kathmandu nach Sau­raha in Chitwan gebucht. Fazit: Einmal und nie wieder. Zwar sitzt man bequemer und ist wesent­lich schneller am Ziel, aber noch nie hatte ich auf einer Reise so viel Angst wie auf dem Bei­fah­rer­sitz dieses Fahr­zeugs. Das lag nicht an unserem Fahrer, der zwar für meinen Geschmack schnell, aber den­noch weit­sichtig fuhr, es lag vor allem an der irr­sin­nigen Fahr­weise vieler anderer Ver­kehrs­teil­nehmer auf dieser schmalen, kur­vigen Straße. Mit Vor­liebe springen sie von Lücke zu Lücke und scheren in letzter Sekunde ein und aus. Spar dir das Geld und den Stress.

 Wo gibt es Tickets?

Frag mal in deinem Hotel nach, das Per­sonal hilft in der Regel gern mit dem Ticket für den Bus. Meiner Erfah­rung nach klappt das Buchen auf diesem Wege gut und die Fahr­karten sind auch nicht teurer als anderswo. Du kannst dein Bus­ti­cket auch online buchen (zum Bei­spiel hier) oder ein Rei­se­büro auf­su­chen.

 Wie teuer ist das Ticket?

Es gibt wie gesagt „Tou­rist Buses“ mit unter­schied­li­cher Aus­stat­tung (also zum Bei­spiel mit oder ohne Kli­ma­an­lage; mit oder ohne Toi­lette an Bord). Der güns­tigste Fahr­preis für die Strecke von Kathmandu nach Pokhara beträgt der­zeit 700 Rs, umge­rechnet etwa 5,60 Euro. Am teu­ersten ist die Fahrt mit einem Gre­en­line-Bus, hier kostet das Ticket umge­rechnet um die 20 Euro. Diese Busse haben eine sehr gute Kli­ma­an­lage und Internet an Bord. Außerdem ist das Essen an einer Rast­stätte auf der Strecke (an einer sol­chen halten alle Busse) schon im Fahr­preis inklu­diert. Aus meiner Sicht reicht aber ein „nor­maler“ Tou­rist Bus völlig aus. Von Kathmandu nach Chitwan habe ich beim letzten Mal übri­gens 900 Rs bezahlt, nach Lum­bini eben­falls 900 Rs, obwohl die Strecke länger ist.

Von Kathmandu nach Pokhara mit dem Bus

Von Kathmandu nach Pokhara im Tou­rist Bus: Auf geht’s

 Wann und wo fährt der Bus nach Pokhara ab?

Der Bus­bahnhof, von dem die Tou­ris­ten­busse abfahren (allein nach Pokhara sind es täg­lich rund 22!), wurde nach Sor­hak­hutte ver­legt. Der „Sor­hak­hutte tou­rist bus park“ liegt etwa zehn Geh­mi­nuten vom Tou­ris­ten­viertel Thamel ent­fernt. Alle Tou­ris­ten­busse fahren von dort um 7 Uhr ab, Rei­sende sollen sich aber schon gegen 6.30 Uhr dort ein­finden. Ich halte das auch für sinn­voll, selbst wenn sich schluss­end­lich die Abfahrt doch ver­zö­gert. In Sor­hak­hutte reihen sich unglaub­lich viele Busse anein­ander. Den rich­tigen zu finden, kostet unter Umständen viel Zeit.

Even­tuell sind auch andere Zustiege mög­lich: Der Bus nach Lum­bini bei­spiels­weise fährt am Gon­gabu Bus park ab und hält auch in Kalanki. Sollte eine andere Hal­te­stelle für dich besser sein, halte Rück­sprache mit dem Bus­un­ter­nehmen.

***


Etwas aus­führ­li­cher habe ich über das Bus­fahren in Nepal auch in meiner Kolumne für reisen Exclusiv geschrieben.


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Sehr schöner Artikel! Und eine gute Bot­schaft. Warten kann wirk­lich einen Wert haben. Jeden Morgen, wenn auf der U‑Bahn-Treppe die Leute wie eine auf­ge­scheuchte Gnu-Herde an mir vorbei hechten, weil sie die Anschluss­bahn oben ein­fahren hören, dann frag ich mich, was die treibt. Das Glücks­ge­fühl, den scheiß Bürotag 3 Min früher beginnen zu können? War­te­phobie? Über den Wert von Lang­sam­keit, Warten und sich lang­weilen wollte ich auch schonmal bloggen. Hab nru noch keinen halb­wegs rele­vanten AUf­hänger gefunden.

Oh, was für ein toller Artikel! Ich kann mich noch genau an eine Situa­tion auf der letzten Reise nach Nepal erin­nern, wo das mit meiner Geduld selbst nicht so ganz klappen wollte! Auf beiden Reisen vorher war es nie ein Pro­blem, aber jetzt wurde ich so unruhig, als wir mit dem Bus zurück aus Pokhara kamen und wieder einmal Ewig­keiten nach dem Highway an der Stadt­grenze zu Kathmandu im fiesen Staub gewartet haben. Da habe ich mich selbst noch einmal ganz anders ken­nen­ge­lernt! Im Nach­hinein muss ich auch immer an den Satz denken, den mit mein Nepali-Gast­bruder am Anfang immer… Read more »

WUn­der­schön geschrieben. Auch ich habe das Warten auf Reisen gelernt, in Kenia. Ich hatte dann lange grund­sätz­lich immer ein Buch dabei. Jetzt hab ich ein Kind…! :) Und ich freue mich manchmal sogar, wenn ich wieder irgendwo warten darf.