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Zit­tern im Vulkan

Autorin
Wandern auf Maui: Wanderung im Haleakala, Maui, Hawaii Sonnenuntergang überm Vulkan

Wan­dern auf Maui mit den fal­schen Schuhen und der fal­schen Ein­stel­lung: Eine Krater-Tour im Vulkan Halea­kalā brachte mich an meine Grenzen. Dem Wan­dern habe ich danach erst mal abge­schworen. Für den Rest des Jahr­zehnts.


Wenn ich schlapp­mache, müssen sie mich mit dem Hub­schrauber hier raus­holen. Ret­tung aus der Luft. Zahlt das die Han­se­Merkur? Ich grinse in mich hinein – Gal­gen­humor! – und ver­dränge den Gedanken, ohne ihn mit den anderen zu teilen.

Meine Reise nach Maui ist ein biss­chen anders, als ich sie mir vor­ge­stellt habe: Statt den Groß­teil meiner Zeit unter Palmen zu liegen, reiße ich auf Hawaiis zweit­größter Insel mein Hiking-Pensum für ein ganzes Jahr­zehnt ab. Mit Sarah, Daniel und Martin aus dem Hostel bin ich zu einer Wan­de­rung im Haleakalā auf­ge­bro­chen – dem Vulkan, der drei Viertel der Fläche Mauis ein­nimmt. Bis zum Gipfel auf 3000 Metern sind wir mit dem Miet­wagen gefahren, von hier oben aus beginnt die Tour. Sieben Stunden soll das Ganze dauern. Sieben. Stunden.

Wan­dern auf Maui: Gute Schuhe? Brauch ich nicht!

Ich muss mich zwingen, nicht andau­ernd auf die Uhr zu schauen. Noch stehen wir am Start­punkt des Pfades, der auf den Grund des Kra­ters führt – 600 Höhen­meter runter ins Tal. Ein Weg­weiser verrät uns seinen Namen: „Sli­ding Sands Trail“. Drei Augen­paare richten sich erst auf das Schild und dann auf die fünf Jahre alten Adidas-Snea­kers an meinen Füßen. „Was denn“, sage ich, „die haben bis jetzt auf jeder Reise aus­ge­reicht!“ Rich­tige Trek­king­schuhe, so was habe ich nicht. Brauche ich auch nicht zum Wan­dern auf Maui, denke ich trotzig.

Sliding Sands Trail, Haleakala, Maui Hawaii

Und zit­tere wenig später meinen kor­rekt beschuhten Hos­tel­freunden auf dem abschüs­sigen Sand­pfad hin­terher. Vor mir bewun­dert Sarah die weite Hügel­land­schaft. Ich stelle wäh­rend­dessen fest, dass sich das letzte biss­chen Profil meiner Turn­schuhe irgendwo zwi­schen Rom und Van­couver ver­ab­schiedet hat. Mein Blick klebt am Boden, vor­sichtig setze ich meine Füße auf die win­zigen Steine. Und ver­krampfe mit jedem Schritt mehr. Ich schwitze, weil die Sonne vom Himmel brennt, aber kaum wan­dern wir durch die Wol­ken­decke hin­durch, lässt kühler Wind mich frös­teln.

Irgend­wann kann ich ihn nicht mehr igno­rieren: den Schmerz in meinem Bein. Ein alter Bekannter, immer mal wieder klopft er an, um mich an die
ange­bo­rene Gelenk­fehl­stel­lung zu erin­nern, die vor Jahren auf­wändig ope­riert und seither von mir kon­se­quent ver­drängt worden ist. 17 Zen­ti­meter misst die Narbe an meinem Ober­schenkel, die für immer ihre Geschichte erzählt. Der Schmerz kommt selten und bleibt nie lange, aber aus­ge­rechnet hier, aus­ge­rechnet jetzt, beim Wan­dern auf Maui, lässt er sich nicht zum Teufel jagen.

Tour durch den Vulkan: Wie in einem Schwarz-Weiß-Film

Immerhin geht es nicht mehr ganz so steil bergab. Ich sehe mich um. Aus dem hellen Sand ist rot­braunes Geröll geworden. Am Hori­zont ragen dunkle Berge in die Höhe. Vor ihnen wabern Wol­ken­fetzen wie Nebel, manchmal kann man ihre Sil­hou­etten nur erahnen. Wäre ich hier allein, ich würde mir in die Hosen machen.

Mein Blick fällt auf die sil­bernen, kugel­för­migen Gewächse am Weges­rand, sie leuchten wie nach­ko­lo­riert im Schwarz-Weiß-Film. Sil­vers­word heißt die Pflanze, Daniel hat uns schon im Auto von ihr erzählt. Sie wächst nir­gendwo sonst auf der Welt, nur hier, im Krater des Halea­kalā. Sil­berne Här­chen auf ihren Blät­tern schützen sie vor Licht und Kälte. So kann sie fünfzig Jahre alt werden. Und blühen, ein ein­ziges Mal, ganz am Ende ihres Lebens. Dann wird sie bis zu zwei Meter groß. Dann wachsen ihre lila Blüten mitten hinein in die Welt­un­ter­gangs­ku­lisse – dem eisigen Wind zum Trotz. Und allen anderen Wid­rig­keiten. Die haben sie nur noch schöner gemacht.

Silversword, Silberschwert. Die Pflanze ist endemisch, sie wächst nur im Krater des Haleakala auf Maui, Hawaii

Ich zurre meinen Schal fest und balle meine Hände in den Ärmeln meines Pullis zu Fäusten. Es ist kalt, als wir den Grund des Kra­ters errei­chen. „Male­risch!“, sage ich. Sarah lacht. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glauben, wir stehen auf dem Mond. Lava­ge­steins­bro­cken auf grau-braunem Grund, sonst ist hier nichts. Den Pfad kann ich nicht mehr erkennen. Ich ver­traue Martin und Daniel, die sich alle viertel Stunde über eine Karte beugen. Jedes Mal bin ich froh über die kurze Pause.

Lavagestein am Grund des Kraters Haleakala, Maui, Hawaii

So kann ich Kraft sam­meln für den Auf­stieg. Zum Son­nen­un­ter­gang wollen wir wieder oben sein. „Wie lange meinst Du, brauchen wir noch?“, frage ich Martin nach den ersten paar Metern bergauf. „Andert­halb Stunden?“ schätzt er. Ich schlucke.

Als andert­halb Stunden um und wir noch lange nicht oben sind, komme ich auf meinem Tief­punkt an. Ich kann nicht mehr. Ich friere. Das Ste­chen in meinem Bein zwingt mich, alle paar Meter stehen zu bleiben. Die Abstände zwi­schen uns werden immer größer. Daniel kann ich schon lange nicht mehr sehen, Sarah wird in der Ferne immer kleiner. Martin läuft etwa dreißig Meter vor mir, er wartet, bis ich auf seiner Höhe bin.

Heulen im Halea­kalā

Ich schicke ihn wieder vor. Er soll mei­net­wegen nicht den Son­nen­un­ter­gang ver­passen. Er soll vor allem meine Tränen nicht sehen. Jede Sekunde könnte ich los­heulen, vor Schmerz, vor Erschöp­fung, vor Wut. Wut auf mich selbst, weil sich alles in mir sträubt und ich dem nichts, gar nichts, ent­ge­gen­zu­setzen weiß. An einem Gedanken halte ich mich schließ­lich fest: Ich habe keine andere Wahl, als weiter einen Fuß vor den anderen zu setzen. Egal, wie lange das hier noch dauert: Meine Beine tragen mich ans Ziel.

Die Sonne ver­schwindet fünf Minuten nach meiner Ankunft am Gipfel. Orange-rot leuchten die Wolken, über denen wir stehen. Der Schmerz, die Kälte, die Erschöp­fung, in diesem Augen­blick sind sie ver­gessen. „Don’t worry about a thing cos every little thing is gonna be alright“, singt Bob Marley im Auto auf der Rück­fahrt. Recht hat er. Aber wan­dern geh ich so schnell sicher nicht wieder.

Sonnenuntergang Vulkan Haleakala Maui Hawaii

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Tina P.

Schöner Text,so ehr­lich u.nicht geschminkt!Ich liebe es,wie Du schreibst.Deine treu­este Leserin…

Hallo Susanne, erst einmal freuen wir uns, dass Du es auch ohne einen Hub­schrau­ber­ein­satz gesund und munter vom Vulkan geschafft hast :-) Gern wollen wir Deine — nicht ganz ernst gemeinte — Frage “Zahlt das die Han­se­Merkur?” beant­worten: In der Tat hätten wir Dich bei einem not­wen­digen sta­tio­nären Auf­ent­halt in einem Kran­ken­haus per Hub­schrauber gerettet — wenn Du denn bei uns mit einer Jah­res­aus­lands­kran­ken­ver­si­che­rung ver­si­chert bist. Aber zum Glück haben ja eigent­lich “nur” Deine Schuh­sohlen ambu­lante Ver­sor­gung benö­tigt. Wir freuen uns jeden­falls, dass Du sogar noch am anderen Ende der Welt und in luf­tigen Höhen an uns denkst. Wir wün­schen… Read more »

[…] Das Ent­schei­dende aber: Es gab eine rie­sige Gemein­schafts­küche und einen Innenhof mit Sitz­be­reich im Schatten. Hat nicht jedes Hostel zu bieten. Leute kennen zu lernen, war hier leicht wie sonst nir­gends. Beim Früh­stück sprach ich mich mit anderen Bewoh­nern über dre­ckige Klos, nächt­li­chen Lärm und Bier-Dieb­stähle aus dem Gemein­schafts­kühl­schrank (Wir ver­mu­teten das Per­sonal dahinter), danach erkun­deten wir zusammen die Insel. […]

Lilly

Hi Susanne,
vor einer Stunde habe ich durch Zufall deinen Blog ent­deckt und komme gar nicht mehr davon weg. Du hast nicht nur außer­ge­wöhn­liche Reisen hinter dir, son­dern auch einen tollen Schreib­stil! Ich bin zum Bei­spiel begeis­tert von dieser Story, denn wer macht schon solche Erfah­rungen? Toll, dass du es letzt­end­lich trotz deiner Erschöp­fung und Schmerzen geschafft hast!
Werde ab jetzt mal öfter hier vor­bei­schauen :-)
Liebe Grüße,
Lilly

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Hi, ich bin Susanne, Journalistin und Reisende. Ich liebe Geschichten vom Reisen und Auswandern (auch allein!). Mehr über mich erfährst Du hier. (Foto: © André Schade)

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