Nepal

Nagarkot: Die Berge und der Müll

19. November 2020
Bergblick in Nagarkot

Zuletzt aktualisiert am 9. Dezember 2021 um 16:15

Viele Reisende unternehmen von Kathmandu aus einen Ausflug nach Nagarkot. Hat man Glück und gutes Wetter, kann man von hier die Gipfel des Himalayas von Annapurna bis Everest erkennen. Der Blick in die Ferne ist überall in Nagarkot spektakulär, nur auf den Boden schaut man an vielen Stellen besser nicht. Ein Besuch. 


Nagarkot: Beliebtes Ausflugsziel in Nepal 

Nagarkot. Ich wollte schon so lange mal dorthin. Über den kleinen Ort am Rande des Kathmandutals hatte ich immer nur Gutes gelesen: Nagarkot liegt 32 Kilometer östlich der nepalesischen Hauptstadt und ist eines der beliebtesten Ausflugsziele im Kathmandutal. Von hier aus kann man einen großen Teil des Himalayas sehen – von der Annapurna bis zum Everestmassiv. Hotels werben mit dem Panoramablick, der sich Gästen von ihren Zimmern und Frühstücksterrassen aus bietet.

Mein erstes Jahr in Nepal zog ins Land und immer wenn ich Urlaub hatte, reiste ich erst einmal an weiter entfernt gelegene Orte – nach Pokhara, nach Lumbini, in den Chitwan Nationalpark. Mein zweites Jahr brach an und bald schon kam Corona, kamen zwei Lockdowns, der zweite reichte bis in den September hinein.

An einem Dienstag Anfang November, gerade läuft Dashain, das wichtigste Festival in Nepal, fällt mir auf, wie klar die Sicht auf die Berge von unserer Wohnung südlich von Kathmandu ist. Auch am Mittwoch und Donnerstag kann ich die weißen Gipfel in der Ferne so gut wie nur selten erkennen. Mein Freund und ich beschließen, am Samstag nach Nagarkot zu fahren. Laut Wetter-App gibt es jedoch am Wochenende Wolken, also machen wir uns lieber schon am Freitag auf den Weg.

Blick von unserer Terrasse südlich von Kathmandu
Blick von unserer Terrasse südlich von Kathmandu. An klaren Tagen können wir nicht nur Swayambhunath, den Affentempel, (links), sondern auch die Berge sehen

Ich schlage vor, zum Sonnenaufgang nach Nagarkot zu fahren – so machen es die meisten Tagesausflügler, sagt das Internet. Mein Vorschlag wird mit einer hochgezogenen Augenbraue quittiert und wenn ich ehrlich bin, habe ich selber keine Lust, mitten in der Nacht aufzustehen. Der Morgen bricht an und wir lassen uns Zeit. Die Berggipfel, die man von unserer Terrasse aus erkennen kann, zeichnen sich auch heute wieder viel versprechend vorm Horizont ab. Viertel nach zehn fahren wir los.

Der Weg nach Nagarkot führt über die Stadt Bhaktapur. Die Straße bleibt auch dann noch akzeptabel, wenn man die städtische Umgebung lange hinter sich gelassen hat. Es gibt zwar auch hier jede Menge Schlaglöcher, dennoch ist die Fahrbahn kein Vergleich zu den staubigen Buckelpisten an den Rändern der nepalesischen Hauptstadt, auf denen wir schon öfter unterwegs gewesen sind. In sanften Kurven geht es hinauf – Kathmandu liegt auf 1400 Metern, Nagarkot auf 2195 Metern Höhe – und mir fallen die oben spitz geformten Heuhaufen links und rechts am Straßenrand auf, die ich bis jetzt nur im Süden des Landes gesehen habe. Überall blüht es rot, lila, pink und vor allem: orange. Es ist die Zeit der Marigolds, Studentenblumen, die im Herbst in Nepal auf Ketten aufgefädelt Türrahmen und Vordächer schmücken.

Kathmandu nach Nagarkot: Blick von der Straße
Auf dem Weg nach Nagarkot. Das Wetter spielt mit

Wir fahren an Hirten und ihren Ziegen und an krähenden Hähnen vorbei. Wir sehen Frauen und Männer, die riesige Heuballen auf dem Rücken die Straße hinaufschleppen. Noch eine Kurve und plötzlich tauchen sie auf: weiße Bergspitzen im Sonnenlicht, gestochen scharf heben sie sich vom Blau des Himmels und dem Grün der Hügel ab. „Wow!“, rufe ich auf dem Motorrad, der Anblick haut mich wirklich um.

Sieht so aus, als hätten wir Glück mit dem Wetter: Auch als wir gegen halb 12 in Nagarkot ankommen, verstellt keine Wolke den Blick auf die Bergkette. Und keine brummender Motor, keine Hupe stört die Ruhe. So richtig still ist es in Nagarkot trotzdem nie: Zikaden sorgen mit ihrem Zirpen jederzeit und überall für Grundrauschen.

Bergblick in Nagarkot
12 Uhr in Nagarkot: Klare Sicht auf die Berggipfel des Himalayas

Wir fahren langsam und ziellos durch den dünn besiedelten Ort. Die Wege werden schmaler, der Wald dichter. Es riecht nach Tannenadeln und Harz, Sonnenstrahlen brechen durch die Zweige, Licht und Schatten wechseln sich ab. Kurz fühle ich mich in meine Kindheit zurückversetzt, auf Zeltplätze im Wald entlang der Ostseeküste. Wenn ich nicht wüsste, dass es nur ein paar Schritte von hier steil in die Tiefe geht, würde ich glauben, hinter den Bäumen liege der Strand.

Natur pur in Nagarkot
Querfeldein ginge auch – es gibt aber auch viele Wanderwege, die leider nicht ausgeschildert sind

Wir trinken einen Kaffee in einem kleinen, verlassenen Restaurant am Wegesrand. Ich kann es kaum erwarten, zum View Tower von Nagarkot zu gelangen, der etwas abseits vom Ortskern liegt. Wir sind nicht sicher, ob wir in der richtigen Richtung unterwegs sind, ausgeschildert ist hier nichts. Der schüchterne Kellner – außer uns der einzige Mensch weit und breit – kann helfen: Ja, wir seien richtig hier, wir müssten dieser Straße nur drei weitere Kilometer folgen.

View Tower: Müll und Mount Everest

Dass man dem View Tower nah ist, verraten die Verkaufsstände: Unter bunten Sonnenschirmen kann man Sel Roti, Getränke, Chips und Schokoriegel bekommen. Zum View Tower hinauf führt eine Treppe. Mit jeder Stufe freue ich mich ein bisschen mehr auf den überwältigenden Ausblick auf die Berge, der mich jede Sekunde erwartet.

Verkaufsstände am View Tower
Verkaufsstände am View Tower: Hier decken sich Gäste mit Chips und Getränken ein, die leeren Verpackungen lassen viele von ihnen später oben im Gras liegen 

Und dann sehe ich als allererstes Berge von Müll. Überall liegen Plastikflaschen und Chipstüten herum, der ganze Hang zum Aussichtsturm, einer schmalen Metallkonstruktion mit Sprossenleiter, ist von Müll bedeckt. In der Ferne reihen sich die majestätischen Gipfel aneinander, doch mein Blick klebt am Boden, an bunten Verpackungen und Plastik im Gras. Um die Bergkette noch besser zu sehen, könnte ich auf die Aussichtsplattform klettern, doch erstens ist es da oben ziemlich eng und voll, zweitens macht die Sprossenleiter keinen vertrauenswürdigen Eindruck und drittens befürchte ich, von da oben nicht nur mehr Berge, sondern auch noch mehr Müll zu sehen. So stehen wir neben dem View Tower von Nagarkot und schauen auf den Gebirgszug. Wir wissen nicht, welcher Berg welcher ist, denn es fehlt an einer Schautafel, die in Richtung der Gipfel zeigt, sodass man sieht, was man hier sieht. Auch ein Fernrohr wie es sie auf vielen Aussichtsplattformen gibt, eines, in das man ein paar Münzen steckt und das man schwenken kann, gibt’s hier leider nicht.

Müll am View Tower in Nagarkot
Berge so weit das Auge reicht. Müll auch.

Wir fahren wieder ein paar Meter hinab zu einem anderen Aussichtspunkt, an dem deutlich weniger Unrat in der Gegend liegt. An ein paar Baumstämmen hängen Müllkörbe aus Bast, fast alle quellen über und sind von Plastikflaschen an der Erde umgeben. Inzwischen ist es halb zwei und vor die Bergspitzen haben sich ein paar Wolken geschoben. So ist noch schwerer auszumachen, welcher der Gipfel dem Mount Everest gehört.

Windstille in Nagarkot
Es ist windstill in Nagarkot, die nepalesische Flagge hängt schlaff herab. Am Baum hängt ein Müllkorb, einer der wenigen, die nicht schon überquellen
Müll vorne, Mount Everest hinten
Vorne der Müll, irgendwo da hinten der Mount Everest

Wir könnten ein bisschen wandern gehen – es soll hier so schöne Wanderwege geben – doch wir wissen nicht so recht, wo die offiziellen Trails beginnen. Erwähnte ich schon, dass hier nichts ausgeschildert ist? Für eine längere Wanderung haben wir aber sowieso nicht genug Zeit mitgebracht.

Zementsäcke im Zentrum: In Nagarkot wird gebaut

Wir fahren ins Zentrum von Nagarkot. Der kleine Ortskern könnte verschlafen wirken, lägen nicht überall Steinhaufen, Zementsäcke, Holzpflöcke und andere Baumaterialen herum. In Nagarkot wird gebaut. Unschwer zu erraten, wovon hier mehr entstehen soll: Hotels. Und warum auch nicht: Nagarkot ist wunderschön und grün und ruhig, man kann wandern und auf die Berge blicken und sich von Kathmandu erholen. Bestimmt kennt das Hotelpersonal die Startpunkte der Wanderwege, bestimmt hat es auch andere gute Tipps parat, die spontanen Tagesbesucher:innen mangels Schildern und Wegweisern verborgen bleiben. Zweifelsohne kann man in Nagarkot eine tolle Zeit in der Natur verbringen. 

Zementsaecke in Nagarkot
Zementsäcke im Zentrum
Berg House Cafe and Hotel
Das Berg House Café an Nagarkots markantester Straßenecke

Und trotzdem stoßen mir die vielen halbfertigen Hotels ein wenig auf. Als wir im „Berg House Café“ auf unser Essen warten, muss ich an meine Reise nach Lumbini denken, Buddhas Geburtsort an der Grenze zu Indien. Auch da wird gebaut und gebaut, was grundsätzlich gut und notwendig ist. Aber keine hundert Meter vom Maya-Devi-Tempel entfernt, der Stelle, an der Siddhartha Gautama das Licht der Welt erblickt haben soll, watet man ebenfalls durch ein Meer von Plastikflaschen und Chipstüten. Mehr Gäste sollen nach Lumbini kommen, neue Hotels werden gebaut – während sich der Müll unweit der Pilgerstätte stapelt und das Dorf gegenüber verfällt. Wie in Lumbini ist es letztlich auch in Nagarkot. Es ist schön, wenn ein Ort sich weiterentwickelt. Es ist noch schöner, wenn auch das, was er schon hat, nicht in Vergessenheit gerät.

***


Weitere Infos

Wie kommt man hin und was kann man in Nagarkot unternehmen? Hier kommen noch ein paar Tipps:

Anfahrt von Kathmandu

Man kann von Kathmandu aus auch mit dem Local Bus nach Nagarkot fahren. Eine direkte Busverbindung gibt es nicht, das heißt, man muss zunächst von Kathmandu nach Bhaktapur fahren (Busse nach Bhaktapur fahren vom „Bhaktapur Bus Terminal“ hinter der Haltestelle „Ratna Park“ ab. Die Haltestelle liegt nahe dem Touriviertel Thamel.) In Bhaktapur muss man in die Buslinie nach Nagarkot umsteigen. So kann die Anreise aber insgesamt schnell länger als zwei Stunden dauern. Eine Alternative ist die Fahrt mit dem Taxi, die nicht mehr als 3000 Rupien kosten sollte (nur für die Hinfahrt und vorausgesetzt, der Fahrer muss vor Ort nicht warten.) Achtung: In Nagarkot gibt es keinen Taxistand, die Rückfahrt sollte man daher vorher z.B. über das Hotel, falls man eine Nacht dort bleibt, organisieren.

Unternehmungen: Wandern und Paragliding

Es gibt in Nagarkot einen „Buddha Peace Park Hiking Trail“, an dessen Ende eine große goldene Buddhastatue steht. Im „Buddha Peace Park“ kann man auch einen Baum pflanzen. Ich kenne leider den Startpunkt nicht, fragt die Locals! 

Man kann natürlich auch zu tagesfüllenden Wanderungen aufbrechen, beispielsweise gelangt man von Nagarkot in sechs bis neun Stunden in die kleine Stadt Dhulikhel, ein ebenso beliebtes Ausflugsziel nahe Kathmandu.

Auch Paragliding ist möglich in Nagarkot, mehr Infos gibt es hier. Fragt aber auch die Hotelbetreiber:innen, es gibt vermutlich noch andere Angebote.

Linktipp: Familie Losso von intothe-world.com war auch in Nagarkot und hat dort auch übernachtet (und Schilder gefunden!). Zu ihrem Beitrag geht es hier.



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Tasse im Hotel

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2 Comments
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25. November 2020 12:12

Ein wunderschöner Beitrag über Nagarkot. Da kann man Sehnsucht bekommen.Leider hatte ich nicht das Glück, die Gipfel zu sehen, als ich dort war. Dafür habe ich später eine wunderschöne Wanderung durch den lichten Fichtenwald gemacht. Auch Balthali ist einen Ausflug wert.