Nepal

Nagarkot: Die Berge und der Müll

19. November 2020
Bergblick in Nagarkot

Zuletzt aktua­li­siert am 23. November 2020 um 2:32

Viele Rei­sende unter­nehmen von Kathmandu aus einen Aus­flug nach Nagarkot. Hat man Glück und gutes Wetter, kann man von hier die Gipfel des Himalayas von Anna­purna bis Everest erkennen. Der Blick in die Ferne ist überall in Nagarkot spek­ta­kulär, nur auf den Boden schaut man an vielen Stellen besser nicht. Ein Besuch. 


Nagarkot: Beliebtes Aus­flugs­ziel in Nepal 

Nagarkot. Ich wollte schon so lange mal dorthin. Über den kleinen Ort am Rande des Kath­man­du­tals hatte ich immer nur Gutes gelesen: Nagarkot liegt 32 Kilo­meter öst­lich der nepa­le­si­schen Haupt­stadt und ist eines der belieb­testen Aus­flugs­ziele im Kathmandutal. Von hier aus kann man einen großen Teil des Himalayas sehen – von der Anna­purna bis zum Ever­est­massiv. Hotels werben mit dem Pan­ora­ma­blick, der sich Gästen von ihren Zim­mern und Früh­stücks­ter­rassen aus bietet.

Mein erstes Jahr in Nepal zog ins Land und immer wenn ich Urlaub hatte, reiste ich erst einmal an weiter ent­fernt gele­gene Orte – nach Pokhara, nach Lum­bini, in den Chitwan Natio­nal­park. Mein zweites Jahr brach an und bald schon kam Corona, kamen zwei Lock­downs, der zweite reichte bis in den Sep­tember hinein.

An einem Dienstag Anfang November, gerade läuft Dashain, das wich­tigste Fes­tival in Nepal, fällt mir auf, wie klar die Sicht auf die Berge von unserer Woh­nung süd­lich von Kathmandu ist. Auch am Mitt­woch und Don­nerstag kann ich die weißen Gipfel in der Ferne so gut wie nur selten erkennen. Mein Freund und ich beschließen, am Samstag nach Nagarkot zu fahren. Laut Wetter-App gibt es jedoch am Wochen­ende Wolken, also machen wir uns lieber schon am Freitag auf den Weg.

Blick von unserer Terrasse südlich von Kathmandu
Blick von unserer Ter­rasse süd­lich von Kathmandu. An klaren Tagen können wir nicht nur Swayambhunath, den Affen­tempel, (links), son­dern auch die Berge sehen

Ich schlage vor, zum Son­nen­auf­gang nach Nagarkot zu fahren – so machen es die meisten Tages­aus­flügler, sagt das Internet. Mein Vor­schlag wird mit einer hoch­ge­zo­genen Augen­braue quit­tiert und wenn ich ehr­lich bin, habe ich selber keine Lust, mitten in der Nacht auf­zu­stehen. Der Morgen bricht an und wir lassen uns Zeit. Die Berg­gipfel, die man von unserer Ter­rasse aus erkennen kann, zeichnen sich auch heute wieder viel ver­spre­chend vorm Hori­zont ab. Viertel nach zehn fahren wir los.

Der Weg nach Nagarkot führt über die Stadt Bhak­tapur. Die Straße bleibt auch dann noch akzep­tabel, wenn man die städ­ti­sche Umge­bung lange hinter sich gelassen hat. Es gibt zwar auch hier jede Menge Schlag­lö­cher, den­noch ist die Fahr­bahn kein Ver­gleich zu den stau­bigen Buckel­pisten an den Rän­dern der nepa­le­si­schen Haupt­stadt, auf denen wir schon öfter unter­wegs gewesen sind. In sanften Kurven geht es hinauf – Kathmandu liegt auf 1400 Metern, Nagarkot auf 2195 Metern Höhe – und mir fallen die oben spitz geformten Heu­haufen links und rechts am Stra­ßen­rand auf, die ich bis jetzt nur im Süden des Landes gesehen habe. Überall blüht es rot, lila, pink und vor allem: orange. Es ist die Zeit der Mari­golds, Stu­den­ten­blumen, die im Herbst in Nepal auf Ketten auf­ge­fä­delt Tür­rahmen und Vor­dä­cher schmücken.

Kathmandu nach Nagarkot: Blick von der Straße
Auf dem Weg nach Nagarkot. Das Wetter spielt mit

Wir fahren an Hirten und ihren Ziegen und an krä­henden Hähnen vorbei. Wir sehen Frauen und Männer, die rie­sige Heu­ballen auf dem Rücken die Straße hin­auf­schleppen. Noch eine Kurve und plötz­lich tau­chen sie auf: weiße Berg­spitzen im Son­nen­licht, gesto­chen scharf heben sie sich vom Blau des Him­mels und dem Grün der Hügel ab. „Wow!“, rufe ich auf dem Motorrad, der Anblick haut mich wirk­lich um.

Sieht so aus, als hätten wir Glück mit dem Wetter: Auch als wir gegen halb 12 in Nagarkot ankommen, ver­stellt keine Wolke den Blick auf die Berg­kette. Und keine brum­mender Motor, keine Hupe stört die Ruhe. So richtig still ist es in Nagarkot trotzdem nie: Zikaden sorgen mit ihrem Zirpen jeder­zeit und überall für Grundrauschen.

Bergblick in Nagarkot
12 Uhr in Nagarkot: Klare Sicht auf die Berg­gipfel des Himalayas

Wir fahren langsam und ziellos durch den dünn besie­delten Ort. Die Wege werden schmaler, der Wald dichter. Es riecht nach Tan­nen­a­deln und Harz, Son­nen­strahlen bre­chen durch die Zweige, Licht und Schatten wech­seln sich ab. Kurz fühle ich mich in meine Kind­heit zurück­ver­setzt, auf Zelt­plätze im Wald ent­lang der Ost­see­küste. Wenn ich nicht wüsste, dass es nur ein paar Schritte von hier steil in die Tiefe geht, würde ich glauben, hinter den Bäumen liege der Strand.

Natur pur in Nagarkot
Quer­feldein ginge auch – es gibt aber auch viele Wan­der­wege, die leider nicht aus­ge­schil­dert sind

Wir trinken einen Kaffee in einem kleinen, ver­las­senen Restau­rant am Weges­rand. Ich kann es kaum erwarten, zum View Tower von Nagarkot zu gelangen, der etwas abseits vom Orts­kern liegt. Wir sind nicht sicher, ob wir in der rich­tigen Rich­tung unter­wegs sind, aus­ge­schil­dert ist hier nichts. Der schüch­terne Kellner – außer uns der ein­zige Mensch weit und breit – kann helfen: Ja, wir seien richtig hier, wir müssten dieser Straße nur drei wei­tere Kilo­meter folgen.

View Tower: Müll und Mount Everest

Dass man dem View Tower nah ist, ver­raten die Ver­kaufs­stände: Unter bunten Son­nen­schirmen kann man Sel Roti, Getränke, Chips und Scho­ko­riegel bekommen. Zum View Tower hinauf führt eine Treppe. Mit jeder Stufe freue ich mich ein biss­chen mehr auf den über­wäl­ti­genden Aus­blick auf die Berge, der mich jede Sekunde erwartet.

Verkaufsstände am View Tower
Ver­kaufs­stände am View Tower: Hier decken sich Gäste mit Chips und Getränken ein, die leeren Ver­pa­ckungen lassen viele von ihnen später oben im Gras liegen 

Und dann sehe ich als aller­erstes Berge von Müll. Überall liegen Plas­tik­fla­schen und Chips­tüten herum, der ganze Hang zum Aus­sichts­turm, einer schmalen Metall­kon­struk­tion mit Spros­sen­leiter, ist von Müll bedeckt. In der Ferne reihen sich die majes­tä­ti­schen Gipfel anein­ander, doch mein Blick klebt am Boden, an bunten Ver­pa­ckungen und Plastik im Gras. Um die Berg­kette noch besser zu sehen, könnte ich auf die Aus­sichts­platt­form klet­tern, doch ers­tens ist es da oben ziem­lich eng und voll, zwei­tens macht die Spros­sen­leiter keinen ver­trau­ens­wür­digen Ein­druck und drit­tens befürchte ich, von da oben nicht nur mehr Berge, son­dern auch noch mehr Müll zu sehen. So stehen wir neben dem View Tower von Nagarkot und schauen auf den Gebirgszug. Wir wissen nicht, wel­cher Berg wel­cher ist, denn es fehlt an einer Schau­tafel, die in Rich­tung der Gipfel zeigt, sodass man sieht, was man hier sieht. Auch ein Fern­rohr wie es sie auf vielen Aus­sichts­platt­formen gibt, eines, in das man ein paar Münzen steckt und das man schwenken kann, gibt’s hier leider nicht.

Müll am View Tower in Nagarkot
Berge so weit das Auge reicht. Müll auch.

Wir fahren wieder ein paar Meter hinab zu einem anderen Aus­sichts­punkt, an dem deut­lich weniger Unrat in der Gegend liegt. An ein paar Baum­stämmen hängen Müll­körbe aus Bast, fast alle quellen über und sind von Plas­tik­fla­schen an der Erde umgeben. Inzwi­schen ist es halb zwei und vor die Berg­spitzen haben sich ein paar Wolken geschoben. So ist noch schwerer aus­zu­ma­chen, wel­cher der Gipfel dem Mount Everest gehört.

Windstille in Nagarkot
Es ist wind­still in Nagarkot, die nepa­le­si­sche Flagge hängt schlaff herab. Am Baum hängt ein Müll­korb, einer der wenigen, die nicht schon überquellen
Müll vorne, Mount Everest hinten
Vorne der Müll, irgendwo da hinten der Mount Everest

Wir könnten ein biss­chen wan­dern gehen – es soll hier so schöne Wan­der­wege geben – doch wir wissen nicht so recht, wo die offi­zi­ellen Trails beginnen. Erwähnte ich schon, dass hier nichts aus­ge­schil­dert ist? Für eine län­gere Wan­de­rung haben wir aber sowieso nicht genug Zeit mitgebracht.

Zement­säcke im Zen­trum: In Nagarkot wird gebaut

Wir fahren ins Zen­trum von Nagarkot. Der kleine Orts­kern könnte ver­schlafen wirken, lägen nicht überall Stein­haufen, Zement­säcke, Holz­pf­löcke und andere Bau­ma­te­rialen herum. In Nagarkot wird gebaut. Unschwer zu erraten, wovon hier mehr ent­stehen soll: Hotels. Und warum auch nicht: Nagarkot ist wun­der­schön und grün und ruhig, man kann wan­dern und auf die Berge bli­cken und sich von Kathmandu erholen. Bestimmt kennt das Hotel­per­sonal die Start­punkte der Wan­der­wege, bestimmt hat es auch andere gute Tipps parat, die spon­tanen Tagesbesucher:innen man­gels Schil­dern und Weg­wei­sern ver­borgen bleiben. Zwei­fels­ohne kann man in Nagarkot eine tolle Zeit in der Natur verbringen. 

Zementsaecke in Nagarkot
Zement­säcke im Zentrum
Berg House Cafe and Hotel
Das Berg House Café an Nagar­kots mar­kan­tester Straßenecke

Und trotzdem stoßen mir die vielen halb­fer­tigen Hotels ein wenig auf. Als wir im „Berg House Café“ auf unser Essen warten, muss ich an meine Reise nach Lum­bini denken, Buddhas Geburtsort an der Grenze zu Indien. Auch da wird gebaut und gebaut, was grund­sätz­lich gut und not­wendig ist. Aber keine hun­dert Meter vom Maya-Devi-Tempel ent­fernt, der Stelle, an der Sid­dhartha Gautama das Licht der Welt erblickt haben soll, watet man eben­falls durch ein Meer von Plas­tik­fla­schen und Chips­tüten. Mehr Gäste sollen nach Lum­bini kommen, neue Hotels werden gebaut – wäh­rend sich der Müll unweit der Pil­ger­stätte sta­pelt und das Dorf gegen­über ver­fällt. Wie in Lum­bini ist es letzt­lich auch in Nagarkot. Es ist schön, wenn ein Ort sich wei­ter­ent­wi­ckelt. Es ist noch schöner, wenn auch das, was er schon hat, nicht in Ver­ges­sen­heit gerät.

***


Wei­tere Infos

Wie kommt man hin und was kann man in Nagarkot unter­nehmen? Hier kommen noch ein paar Tipps:

Anfahrt von Kathmandu

Man kann von Kathmandu aus auch mit dem Local Bus nach Nagarkot fahren. Eine direkte Bus­ver­bin­dung gibt es nicht, das heißt, man muss zunächst von Kathmandu nach Bhak­tapur fahren (Busse nach Bhak­tapur fahren vom „Bhak­tapur Bus Ter­minal“ hinter der Hal­te­stelle „Ratna Park“ ab. Die Hal­te­stelle liegt nahe dem Tou­riviertel Thamel.) In Bhak­tapur muss man in die Bus­linie nach Nagarkot umsteigen. So kann die Anreise aber ins­ge­samt schnell länger als zwei Stunden dauern. Eine Alter­na­tive ist die Fahrt mit dem Taxi, die nicht mehr als 3000 Rupien kosten sollte (nur für die Hin­fahrt und vor­aus­ge­setzt, der Fahrer muss vor Ort nicht warten.) Ach­tung: In Nagarkot gibt es keinen Taxi­stand, die Rück­fahrt sollte man daher vorher z.B. über das Hotel, falls man eine Nacht dort bleibt, organisieren.

Unter­neh­mungen: Wan­dern und Paragliding

Es gibt in Nagarkot einen „Buddha Peace Park Hiking Trail“, an dessen Ende eine große gol­dene Bud­dha­statue steht. Im „Buddha Peace Park“ kann man auch einen Baum pflanzen. Ich kenne leider den Start­punkt nicht, fragt die Locals! 

Man kann natür­lich auch zu tages­fül­lenden Wan­de­rungen auf­bre­chen, bei­spiels­weise gelangt man von Nagarkot in sechs bis neun Stunden in die kleine Stadt Dhu­likhel, ein ebenso beliebtes Aus­flugs­ziel nahe Kathmandu.

Auch Para­gli­ding ist mög­lich in Nagarkot, mehr Infos gibt es hier. Fragt aber auch die Hotelbetreiber:innen, es gibt ver­mut­lich noch andere Angebote.


Nagarkot: Das Video

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Mein Leben in Nepal: Aus­flug nach Nagarkot
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2 Comments
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25. November 2020 12:12

Ein wun­der­schöner Bei­trag über Nagarkot. Da kann man Sehn­sucht bekommen.Leider hatte ich nicht das Glück, die Gipfel zu sehen, als ich dort war. Dafür habe ich später eine wun­der­schöne Wan­de­rung durch den lichten Fich­ten­wald gemacht. Auch Balthali ist einen Aus­flug wert.