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Nepals unge­klärte Tragödie: Das Mas­saker im Königs­haus

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Der König von Nepal lebte im Narayanhiti Palace

Zuletzt aktua­li­siert am 15. November 2019 um 3:30

Am 1. Juni 2001 soll Kron­prinz Dipendra einen Mas­sen­mord verübt haben, bei dem zehn Mit­glieder der nepa­le­si­schen Königs­fa­milie starben. Der Vor­fall stürzte Nepal in eine Krise und läu­tete das Ende der Mon­ar­chie in dem Himalaya-Staat ein. Bis heute sind die Umstände der Tat weit­ge­hend unklar. Besuch im Nara­y­an­hiti Palace, dem Ort des Gesche­hens.

  Das Mas­saker im Königs­pa­last und seine Folgen

Die offi­zi­elle Ver­sion geht so: Am Abend des 1. Juni 2001 kamen etwa zwanzig Ange­hö­rige der nepa­le­si­schen Königs­fa­milie und ein paar Freunde zu einem Dinner im Nara­y­an­hiti Palace in Kathmandu zusammen. Kron­prinz Dipendra, damals 29 Jahre alt, soll sich betrunken und so daneben benommen haben, dass man ihn fort­schickte. Meh­rere Ver­wandte beglei­teten ihn in seine Woh­nung im oberen Stock­werk des Gebäudes. Eine halbe Stunde später erschien der Kron­prinz aber­mals auf der Bild­fläche – in Kampf­uni­form und schwer bewaffnet. Kalt­blütig soll er um sich geschossen und gezielt seinen Vater, König Birendra, seine Schwester, Prin­zessin Shruti, seinen Bruder, Prinz Nirajan, seine Mutter, Königin Aishwarya, und vier wei­tere Ange­hö­rige getötet haben.

Acht Menschen starben direkt bei dem Mord­an­schlag. Einige Stunden später erlag auch Prinz Dhi­rendra, ein Bruder des Königs, seinen Ver­let­zungen. Und: Dipendra hatte die Waffe am Ende mut­maß­lich gegen sich selbst gerichtet. Er wurde schwer ver­letzt im Garten auf­ge­funden und starb drei Tage später, am 4. Juni 2001.

Auch ein Tat­motiv gab es: Der Thron­folger, so heißt es, wollte eine Frau hei­raten, die aus einer riva­li­sie­renden Familie stammte. Damit waren seine Eltern nicht ein­ver­standen. Sie drohten ihm damit, dass er nie­mals König werden wird, sollte er sein Vor­haben umsetzen.

Soweit die offi­zi­elle Ver­sion. Nur dass sie hier in Nepal nie­mand zu glauben scheint.

Nepals König wurde gott­gleich ver­ehrt

Bis heute stellt ein Groß­teil der Bevöl­ke­rung Tat­her­gang und Täter in Frage. Die Hin­ter­gründe des Vor­falls wurden nie hin­rei­chend auf­ge­klärt, diverse Unge­reimt­heiten nie aus der Welt geschafft. Das Mas­saker und seine Folgen haben das Ver­trauen der Nepa­lesen in das Königs­haus zer­stört. Viele sind über­zeugt, dass die Tragödie letzt­lich das end­gül­tige Ende der Mon­ar­chie im Jahr 2008 her­bei­führte.

Ein paar Kennt­nisse sind wichtig, um die Zweifel der Menschen zu ver­stehen: König Birendra war ein aus­ge­spro­chen beliebter Mon­arch. Auch Kron­prinz Dipendra kam gut an, er galt als freund­li­cher Gen­tleman. Trau­ma­tisch war der Königs­mord für die Bevöl­ke­rung auch des­halb, weil der König in Nepal als Inkar­na­tion des Gottes Vishnu ver­ehrt wurde.

Der neue König war äußerst unbe­liebt

Da die Thron­folge es so vorsah, ernannte der Staatsrat einen Tag nach dem Mas­saker Dipendra zum neuen König – obwohl er im Koma lag und noch dazu drin­gend tat­ver­dächtig war. Zum Regenten wurde Prinz Gya­nendra erklärt, der Bruder des toten Königs. Dieser hatte sich zur Tat­zeit in Pokhara, Nepals zweit­größter Stadt, auf­ge­halten und war im Gegen­satz zu Birendra äußerst unpo­pulär. Als Gya­nendra nach Dipen­dras Tod auch noch den Thron bestieg, kam es zu hef­tigen Pro­testen auf den Straßen von Kathmandu. Inner­halb von vier Tagen hatte Nepal drei Könige – und am Ende einen, den nie­mand akzep­tierte. Mit Gya­nen­dras Krö­nung avan­cierte außerdem sein Sohn, Prinz Paras, zum nächsten Thron­folger. Prinz Paras war noch weniger beliebt als sein Vater und schon mehr­fach in Dro­gen­de­likte und töd­liche Auto­un­fälle ver­wi­ckelt gewesen.

Narayanhiti Palace: Der ehemalige Palast ist abgezäunt

Statt Dipendra – nie­mand konnte sich vor­stellen, dass er seine Familie wirk­lich kalt­blütig umge­bracht hat – ver­mu­teten viele Nepa­lesen Gya­nendra hinter dem Mas­saker. Sie fanden es höchst ver­dächtig, dass die Mit­glieder seiner eigenen Familie alle über­lebt hatten oder sich gar nicht erst zum all­wö­chent­li­chen Fami­li­en­treffen im Nara­y­an­hiti Palace ein­ge­funden hatten. Ebenso hart­nä­ckig halten sich Gerüchte, die USA oder Indien hätten ihre Finger bei dem Anschlag mit im Spiel gehabt.

 Königs­mord mit Unge­reimt­heiten

Bevor ich nach Kathmandu zog, hatte ich von dem Mas­sen­mord im nepa­le­si­schen Königs­haus zwar gehört, mich aber nie näher mit ihm beschäf­tigt. Dann stieß ich auf „Forget Kathmandu“, ein Buch über die bewegte Geschichte Nepals und das Ringen des kleinen Landes um Demo­kratie.

Buch Forget Kathmandu

Autorin Man­jushree Thapa, die sich damals in Kathmandu auf­hielt, erzählt darin, wie die nepa­le­si­sche Bevöl­ke­rung die Stunden und Tage nach dem Mas­saker erlebte. Denk­würdig sind vor allem fol­gende Fakten:

  • In der Nacht zum 2. Juni 2001 machte die Nach­richt die Runde. Am nächsten Morgen gab es jedoch kei­nerlei inlän­di­sche Bericht­erstat­tung. Zei­tungen erschienen nicht, pri­vate Radio­sta­tionen gingen nicht auf Sen­dung, staat­liche Radio­sender spielten nur Trau­er­musik. Der TV-Sender Nepal Tele­vi­sion zeigte Bilder vom Pas­hu­pati-Tempel, der hei­ligsten Stätte für Hindus in Kathmandu. Wer konnte, infor­mierte sich bei BBC, CNN und anderen aus­län­di­schen Kanälen. Die Über­tra­gung wurde jedoch abge­bro­chen, sobald erwähnt wurde, dass die nepa­le­si­sche Bevöl­ke­rung die Täter­schaft des Kron­prinzen anzwei­felte. Ver­wandte und Freunde hielten ein­ander per Telefon auf dem Lau­fenden.
  • Das Staats­be­gräbnis der Königs­fa­milie, also die Kre­ma­tion nach Hindu-Tra­di­tion am Pas­hu­pati-Tempel, wurde nur 18 Stunden nach dem Mas­saker vor­ge­nommen – ohne dass man die Lei­chen obdu­ziert hatte.
  • Nach seinem Tod wurde Dipendra mit der­selben Eile am Ufer des Bag­mati-Flusses ver­brannt. Auch seinen Leichnam hatte man nicht genauer unter­su­chen lassen.
  • Die Krö­nung des neuen Königs Gya­nendra wurde im Geheimen vor­be­reitet und die Öffent­lich­keit erst eine Stunde vor der Zere­monie dar­über infor­miert.
  • Es gab meh­rere Ange­bote aus dem Aus­land, den Fall von Experten foren­sisch prüfen zu lassen. Die nepa­le­si­sche Regie­rung lehnte alle ab.
  • Der neue König hatte in seiner ersten Ansprache als Regent zunächst behauptet, es habe sich um einen Unfall gehan­delt, eine auto­ma­ti­sche Waffe sei ver­se­hent­lich von allein los­ge­gangen.
  • Nach seiner Krö­nung beauf­tragte Gya­nendra in Absprache mit dem dama­ligen Pre­mier­mi­nister ein drei­köp­figes Komitee zur Unter­su­chung des Mas­sen­mordes, das binnen drei Tagen Bericht erstatten sollte. Ein Mit­glied des Komi­tees sprang noch vor Beginn ab. Übrig blieben der Par­la­ments­spre­cher und der Oberste Richter des Obersten Gerichts­hofs.
  • Poli­tiker wandten sich bald an die Öffent­lich­keit mit der For­de­rung, sich hinter den neuen König zu stellen. Es gab Fest­nahmen von Per­sonen, die ver­meint­lich gegen die natio­nale Sicher­heit agierten – unter anderem Stra­ßen­händler, die Fotos von Birendra und Dipendra ver­kauften.
  • Eine Woche nach dem Mas­saker mel­dete sich der erste Augen­zeuge in einer Pres­se­kon­fe­renz zu Wort. Der Militär-Arzt Dr. Rajiv Raj Shahi, Schwie­ger­sohn des getö­teten Dhi­rendra, erklärte mit­hilfe einer Zeich­nung des Tat­orts an einer Tafel die Gescheh­nisse, reagierte aber unwirsch auf die Nach­fragen der anwe­senden Journalist:innen.
  • Zwei Wochen nach dem Mas­sen­mord trug das vom König beauf­tragte Unter­su­chungs­ko­mitee seine Ergeb­nisse vor. Dem­nach war Dipendra sturz­be­trunken, als man ihn in seine Gemä­cher brachte. Er habe wenig später am Boden gelegen, unfähig, sich sein Hemd aus­zu­ziehen. Später habe eine Ange­stellte gehört, wie er sich übergab. Weiter hieß es in ihrem Bericht, Dipendra habe eine Schuss­wunde in der linken Schläfe gehabt. Außerdem habe er am Tat­abend tele­fo­nisch Joints bestellt, die mit einer nicht näher benannten schwarzen Sub­stanz gefüllt gewesen seien. Die Joints seien zum Palast gelie­fert worden, Prinz Paras, der Sohn von Gya­nendra, habe sie ent­ge­gen­ge­nommen und sie dem Kron­prinzen gebracht.
  • Die Räume, in denen das Mas­saker sich ereig­nete, wurde einige Monate nach den Gescheh­nissen auf Anwei­sung des neuen Königs leer­ge­räumt und nie­der­ge­rissen, angeb­lich weil ihr Anblick die Köni­gin­mutter Rana so schmerzte.

Der offi­zi­elle Unter­su­chungs­be­richt warf mehr Fragen auf, als er beant­wor­tete. Wie konnte der Prinz gezielt auf Per­sonen schießen, wenn er völlig betrunken war? Wie konnte er in diesem Zustand seine Kampf­montur anlegen, wie sich allein die Schuhe zubinden? Warum wurde nicht mit­tels Blut­un­ter­su­chung geklärt, ob er wäh­rend der Tat unter Dro­gen­ein­fluss stand? Warum wurde Prinz Paras nie gefragt, ob er tat­säch­lich Joints zum Kron­prinzen gebracht hatte? Und warum hatte Dipendra eine Schuss­wunde an der linken Schläfe, wenn er doch Rechts­händer war?

Die nepa­le­si­sche Bevöler­kung schwankte. War das Mas­saker ein per­fider Putsch und Gya­nendra der Draht­zieher? Hatte der unge­liebte neue König wirk­lich skru­pellos Ange­hö­rige töten lassen und die Über­le­benden derart mani­pu­lieren können? Als macht­geil galt der jün­gere Bruder Biren­dras in jedem Fall. Bezeich­nend, dass er seinen Namen nach seiner Krö­nung um den Titel „Dev“ („Gott“) erwei­terte und sich keine vier Jahre später zum allei­nigen Herr­scher erklärte.

Oder hatte tat­säch­lich Dipendra gemordet? War der Öffent­lich­keit schlichtweg ent­gangen, dass der Kron­prinz mas­sive psy­chi­sche Pro­bleme hatte? Immerhin soll er ein Waf­fen­narr gewesen sein und seine Schwester Shruti bei einer Aus­ein­an­der­set­zung geschlagen haben. Er soll sich ferner genau ver­ge­wis­sert haben, wer dem Frei­tags­dinner bei­wohnen wird. Für diese Vor­fälle und für seine Täter­schaft bei dem Mas­saker gibt es Zeugen. Zwei Augen­zeugen glauben außerdem, Dipendra habe seine Trun­ken­heit nur gespielt.

 Ein Besuch im Nara­y­an­hiti Palace Museum

Den Ort des Gesche­hens, den Nara­y­an­hiti Palace, kann man besich­tigen. 2009, ein Jahr nach der end­gül­tigen Abschaf­fung der Mon­ar­chie in Nepal, wurde der ehe­ma­lige Königs­pa­last am Ende der Pracht­straße Durbar Marg als „Nara­y­an­hiti Palace Museum“ eröffnet. Vor einigen Wochen habe ich ihn mir ange­sehen.

Eintrittskarten für das Narayanhiti Palace Museum, wo früher der König von Nepal lebte

Nepa­le­si­sche Gäste zahlen 100 Rupien, aus­län­di­sche Besucher:innen 500 Rupien

Foto­gra­fieren ist auf dem gesamten Gelände ver­boten. Man muss seine Tasche samt Kamera und Telefon abgeben, bevor man den mit einem Metall­gitter umzäunten Bereich betreten kann.

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Nara­y­an­hiti Palace, Kathmandu

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Der Palast mit seinem auf­fäl­ligen Turm und den lachs­far­benen Außen­wänden wurde 1969 ein­ge­weiht. Wer ihn betritt, hat das Gefühl, die Ein­rich­tung ist seit seiner Fer­tig­stel­lung nicht ver­än­dert worden. An den Wänden hängen Gemälde der frü­heren Mon­ar­chen und Fotos des Königs­paars mit anderen Staats­ober­häup­tern.

Narayanhiti-Palace Kathmandu

Von 52 Räumen sind 19 zugäng­lich, unter ihnen die Gäs­te­zimmer für den aus­län­di­schen Staats­be­such, ver­schie­dene Tee- und Ess­zimmer, Emp­fangs­räume, der Thron­saal, das Büro des Königs und das Schlaf­zimmer des Königs­paares. Die Zimmer prägt eine Mischung aus vik­to­ria­ni­schem Stil und 70-er-Jahre-Retro-Chic. Wäh­rend sich über den ein oder anderen Ein­rich­tungs­ge­gen­stand streiten lässt, finden die meisten Besucher:innen die aus­ge­stopfte Tiere, die überall liegen, stehen und hängen – Tiger, Nas­hörner, ein Kro­kodil – ver­mut­lich genau so geschmacklos wie ich.

Nepal: Eingangshalle im ehemaliger Königspalast

Ein­gangs­halle im ehe­ma­ligen Königs­pa­last, vom Museums-Flyer abfo­to­gra­fiert. Links und rechts von der Treppe hintem im Raum stehen zwei aus­ge­stopfte Tiger

Wäh­rend der Runde durch die eher dunklen Gänge und Zimmer wun­derte ich mich, warum nir­gends auf das Mas­saker hin­ge­wiesen wird. Will man es hier ein­fach tot­schweigen? Erst später ver­stand ich: Die Tat ereig­nete sich in einem Neben­ge­bäude namens „Trib­huvan Sadan“. Wenn man das Haupt­ge­bäude nach dem Rund­gang ver­lässt, ist der genaue Tatort aus­ge­schil­dert.

Auch am Tatort fehlt es an Erklä­rungen

Am Trib­huvan Sadan kann man noch durch die Scheiben in den ehe­ma­ligen, längst leer­ge­räumten Bil­lard­saals schauen, in dem die ersten Schüsse fielen. Draußen mar­kieren Schilder die Stellen, an denen wei­tere Fami­li­en­an­ge­hö­rige starben. An einem Gebäude sind  Ein­schuss­lö­cher zu sehen, ein Schild weist auf sie hin. Eine detail­lierte Erläu­te­rung, was sich hier zuge­tragen hat, irgend­etwas, das die Tat und seine Folgen auch den­je­nigen Besu­chern erklärt, die sich vorher nicht intensiv mit der Geschichte Nepals beschäf­tigt haben, sucht man hier aller­dings ver­geb­lich.

Flyer vom Narayanhiti Palace Museum, dem ehemaligen Königspalast

Eine glaub­wür­dige, aus­führ­liche Auf­ar­bei­tung hat aber auch die nepa­le­si­sche Bevöl­ke­rung nie bekommen. Bis heute ist für viele nur eines gewiss: Dass unge­wiss ist, was in der Nacht vom 1. Juni 2001 wirk­lich im Nara­y­an­hiti Palace geschah. Die Autorin Man­jushree Thapa for­mu­liert es so: „Wir haben die Wahr­heit ver­loren, wir haben unsere Geschichte ver­loren. Uns bleibt nur, Anek­doten und Geschichten nach­zu­er­zählen und uns mit einem Mythos zu begnügen.“

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Hi, ich bin Susanne, Journalistin und Reisende. Ich liebe Geschichten vom Reisen und Auswandern (auch allein!) und lebe zurzeit in Kathmandu, Nepal. Mehr über mich erfährst Du hier.

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